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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Kummer 70 Einzelnummer ia Pf, Sonntags 15 Pf.

Mittwoch, 24. März 1926

Einzelnummer 10 Pf Sonntags 15 Ps.

16. Jahrgang

Wir müssen hinein.

Ohne Völkerbund nichts, mit Bülkerüund alles. Von Staatssekretär Frhr. v. Rheinbaben, M.d.R.

Ein heut in der Oefsentlichkeit voreilig ge­äußerter Wunsch betrifft die Forderung nach Zurückziehung des deutschen Eintrittsgesuches. Ihr kann und darf nicht entsprochen werden Warum nicht? Weil das deutsche Interesse darin besteht, sich von den künftigen Entscheidungen europäischer ij^'fttik nicht ausschalten zu lassen. Auch übersehen die Völkerbundscinde, daß, toemi die Politik der anderen Mächte sich immer deut­licher in den Konferenzen und Versammlungen in Genf auswirkt, doch für die praktische Verfol­gung unserer eigenen Ziele immer notwendiger eine deutsche Gegenwirkung ist. Ein zweites kommt hinzu: Die bisherige Völkerbundpolitik hat die innereuropäischen Gruppenbildung und Bündnispolitik in keiner Weise verhindert. Und tatsächlich ist mit Ausnahme gewisser Sym­pathien in den kleinen nordischen Staaten und vielleicht, vorsichtig zurückgehalten, auch in ei­nigen anderen kleineren Ländern, Deutschland auch heute noch völlig isoliert. Das grundsätzliche Heraushalten aus dem Getriebe der Völker­bundsmächte würde, also ganz abgesehen von schweren Schädigungen auf wirt­schaftlichem Gebiet Deutschland nicht nur nicht vorwärts bringen, sondern zur dauernden po­litischen Obnmacht und zur Bündnisunmöglich­keit verurteilen So führen also alle einigerma­ßen schlichten Ueberlcgungen dazu,dieBereitschaft zum Eintritt in den Völkerbund trotz des jetzi­gen Mißerfolges aufrecht zu erhalten.

Freilich wir haben in Genf etwas dazu ge­lernt. Die nächste Fahrt, ob im Herbst oder zu irgend einem anderen und späteren Zeitpunkt darf nur dann angetreten weichen,wenn Deutsch­land vorher mit allen nur möglichen Garantien sich auf diplomatischem und Verhandlungswege die Gewißheit darüber verschafft hat. daß eine Wiederholung des beschämenden Jntriguen- fpiels und Kuhhandels ausgeschlossen bleibt. Dies alles sind außerordentlich nüchterne und rcalpolitische Dinge. Ich halte nun dafür, daß zwar Deutschland an der soeben eingesetzten Kommission des Völkerbundes zwecks Verbes­serung seiner inneren Organisation teilnehmen soll, daß anderseits aber die allergrößte Reserve und Zurückhaltung am Platze ist. Die wei- tere deutsche Außenpolitik darf unter keinen Umständen in erster Linie aus den deutschen Eintritt in den Völkerbund aufgebaut sein, son­dern mnß unbeirrt unter Zurückstellung von für den Augenblick weniger wichtigen Probleme-.t eine erträgliche Danerregelung an den Ost- und Westgrenzen zu erstreben suchen. Für den We­sten ergibt sich demgemäß die schon vorher auf­gestellte Forderung nach Fortsetzung der Lo­carnopolitik mit dem Ziele, sie einmal vom Völ- kerbundseintrritt unabhängig zu machen und zweitens, ihre Auswirkung in einer möglichst baldigen völligen Befreiung der besetzten Rest- gcbiete einschließlich des Saargebietes anzu­streben.

Für den Osten liegen die Dinge noch schwieri­ger, weil wir hier noch nickt einmal im Anfang eines ernsthaften Versuchs zu einem deutsch- polnischen Ausgleiche sichen. Ich bin des­halb der Meinung, daß diese Lage für Deutsch­land gerade hinsichtlich der von Frankreich ge­wünschten polnischen künftigen Zukunftsbestre­bungen im Völkerbundsrat so unverträglich ge- worden ist, daß das Auftollen der deutsch-pol­nischen Frage die nächste und wichtigste Frage deutscher Außenpolitik überhaupt geworden ist. Eine etwaige künftige Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen im Völkerbund erscheint nur dann denkbar und möglich, wenn weittgstens in den Grundzügen sich hier positive Ansätze einer Wendung ;um Besseren nachweisen lassen. So zeichnet sich aus den beiden wichtigsten Ge­bieten die nächste Linie deutscher Außenpolitik deutlich üb und man erkennt ohne weiteres, daß mit dem törichten Geschrei vom ,A brücken von der Locarnopolitik" nicht nur nichts gebessert wird, sondern daß die deutsche Politik gerade von den Grundlagen der Locarnoverträge aus besonnene, feste und zielsichere Wetterführung gebraucht! Italiens Sonderpolitik ist im hohen Maße seit einigen MonMen gegen Deutschland gerichtet und stoßt ouck diesmal wieder gegen die jeweilig Schwächsten vor. Und das ist heute Oesterreich, dahinter das waffenlose Deutschland. Es wird großer Besonnenheit und Klugheit bedürfen, um auch diesen Anprall ge- gen das Deutschtum und letzten Endes gegen einen sich festigenden deutschen Staat anszufan- gen. Italien wünscht keine Stärkung Deutsch­lands in einem sich bessernden Verhältnis zu Franfteich und England und hat zweifellos den deutschen Eintritt in den Völkerbund sabottieren helfen Auch dieses möge jeder zur Kenntnis »ehmen, der irgendwie ernsthaft die heutige Sa­

ge Deutschlands und seine nächste Zukunft zu beurteilen unternimmt.

Ich jedenfalls zfthc die Folgerung daraus, daß Ablehnung und Zerstörung der durch die bisherige Außenpolitik mühsam geschaffenen Grundlagen eine für Deutschland geradezu kata­strophale und von offenen Feinden und heimli­chen Gegnern herbeigewünschte politische Ent­wicklung herbeiführcn müßte. Daß selbstver­ständlich auch die von Amerika her durch den Tawesplan geschaffenen finanziellen Verbin­dungen unterbrochen würden und wirtschaftlich und finanziell erneut dunkelste Zeiten herauf­kommen müßten, falls in dem allgemeinen euro­päischen Wirrwarr auch noch Deutschland an den Grundlagen der Locarnopolitik rütteln würde, lst eine Selbstverständlichkeit. Darum ziehen wir folgende Genfer Bilanz: Nicht Deutschland, wohl aber der Völkerbund und seine Organi­sation haben sich heillos blamiert. Deutschland bleibt grundsätzlich bereit, in einer seiner Größe und Würde entsprechenden Stellung im Völker­bunde mitzuarbeiten, falls ihm später wirklich die Voraussetzungen dafiir durch die anderen ge­schaffen werden. Unabhängig davon muß die deutsche Politik in möglichst nüchterner und gro­ße Worte und Redensarten vermeidender Art die eigentlichen und wichtigsten deutschen Ziele int Westen und Osten weiter fördern Auf wirt­schaftlichem Gebiete ist die eingeleitete Sanie- rungsarbeit und die gleichberechtigter Versleck- tung Deutschlands in die Weltwirtschaft energisch fortzusetzen. Der größte Fehler wäre die wei­tere außenpolitische Arbeit etwa direft vom Ein­tritt in den Völkerbund abhängig zu machen. So schwer auch die Aufgabe erscheinen mag: Es muß immer wieder aufs Neue versucht wer­den, die gesammelte Stoßkraft unseres Volkes in der Richtung ganz bestimmter außenpoliti­scher Ziele zu einen und zusammcnzufassen. Möglicherweise kommen wir so eher und wür­diger nach Genf, als in der bisherigen Art!

Chamberlain YoW gestellt.

Weil er gegen den Volkswillen handelte.

(Eigener Drahtbertcht.)

London, 23. März.

Es ist vereinbart worden, daß die heutige Unterhausdebatte über Genf von Lloyd Ge­orge eingeleitet werden wird, auf den wahr­scheinlich Macdonald folgen wirb, während Chamberlain sofort oder später darauf antwortet. EL ist jedoch noch ungewiß, ob ir­gend eine der beiden Oppositionsparteien eine Herabsetzung des Beamten-Voranschlages (b. h. ein Mißtrauensvotums beantragen wirb, um eine Abstimmung zu erreichen. Ein Blatt betont, daß die heutige Parole für die RegierungAlle Mann auf Deck" lauten werde. Chamberlain dürfe nicht erstaunt sein, wenn sich die Aufmerksamkeit heute eher aus seine persönliche Führung der Angelegenheiten, als auf die Politik d.r Regierung konzenttie ren werde. In einem Leitartikel heißt es: Wenn Chamberlain einen Mißerfolg hatte, so hatte er ihn Nicht, weil er die RegierungSPoli- tik ausführte, sondern «eil er sie nicht ausführte. Er hat sich tatsächlich znm Werk­zeug nicht der britischen, sondern der fran­zösischen Politik gemach' und hat der Regierung sowie dem Lande einen schlechten Dienst geleistet.

Kanada rückt von England ab.

Ottava, 23. März. (Funkdienst.) Eine im kanadischen Unterhaus eingebrachte Entschlie­ßung besagt, Kanada müsse es ablehnen, irgend welche Verantwortlichkeit für die Komplikatio­nen zu übernehmen, die aus der Polittk Groß­britanniens entständen. Kanada könne seine auswärtigen Angelegenheiten selbständig behandeln und müsse die Beziehungen zu Ame­rika in großem Umfange fördern.

3m Fegefeuer des Leids.

Ein glühender FreihettSapPell am Rhein.

(Stgeuer Drahtbertcht.)

Crefelb, 23. März.

Beim Empfang des Reichspräsidenten in der Stadthalle (f. 2. S.) hielt Arbeitsminister Brauns folgende Ansprache: Verheißungs­voll leuchtet die Frühlingssonne über den ersten Besuch beS Herrn Reichspräsidenten in den be­freiten Teilen des Rheinlandes, die Sonne bet Freiheit, das Morgenleucht.n einet besseren Zu­kunft nach vier harten KriegSjahten, sieben Iah. ren feindlicher Besetzung. Besonders schwer be­troffen wurde von diesem Leiden die Stadt Cre­felb. Der sogenannten Repatafionssrage wegen entbrannte ein neuerKrieg", der Ruhr- kampf, ein Krieg, wie ihn die Wett bisher noch nicht gesehen, der passive Widerstand eines

entwaffneten Volkes gegen rechtswidrige Ge­walt. Das war alles. Deutschland mußte diesen für den weiteren Verlauf der Geschichte so ent- scheidendeu Kamps allein ausfechten. Die Rheinländer und Westfalen standen dabei im Vorderttesfen. Aber bas ganze deutsche Volk, von der Maas bis zu der Memel, kämpfte mit. Das Jahr 12-23 führte die besetzten Gebiete, führ­te das ganze deutfche Volk, Reich und Regierung an den Rand der Verzweiflung, alS selbst bei dem Abbruch des Kampfes der Gegner keine Friedensbereitfchast zeigte, die Ruhrbesetzung forlführte und mit den Mieum- verträgen Deutfchland weiter bedrückte. Soviel Leid mußte Deutfchlanb tragen, um neue Wege der Weltpolitik auch nur anzubahnen. Was hat die deutfchen Stämme an Rhein und Ruhr

enger mit dem gesamten Deutschland zusammengeschlossen, als die Ergebnisse der letz­ten Jahre? So wird ein neues Deutsch­land aus dem Kampfe des letzten Jahrzehn­tes hervorgehen, das in seinem Volkstum durch diese Feuerproben enger miteinander verbun­den sein wird, als durch die wirtschaftlichen Er­rungenschaften der vorausgegangenen Jahr­zehnte. Wenn dazu noch e. ne innere seeli - sche Läuterung hinzutritt, die uns enthalt­sam und sparsam, fleißig und enträchtig macht; dann wird der Kreuzwcg der letzten Jahre ein Weg zu neuen Erfolgen fein. Die Regierungen des Reiches und der Länder sind sich bewußt, daß die Not des werktätigen deutschen Volkes noch nicht überwunden ist. Wir werden auch die­ses Leid überwinden, wenn wir nur an uns selber glauben und Alles und Jedes in uns fibertoiitbcn. Für bi.- noch besetzten Gebiete verlangen wir mit Nachbrnck die gleiche Be­freiung uitb Wiebergeburt. Eine politi­sche Tat mag die Befreiung der ersten Rh in» landszone fein: im Lichte der gegnerischen Mili­tär gewalt gesehen und gewürdigt, ist sie nur Stückwerk. Darum klingt unser Jubel vom heutigen Tage aus in den Ruf nach völliger Be­freiung der noch besetzten Rheinlande: Das ganze Deutschland muß^es sein, geeint und frei!

Der chsprüssdent wieder in Berlin.

Berlin, 23. März. (Privattelegramm.) Der Herr Reichspräsident ist heute morgen 8,18 Uhr wieder in BeÄin einactroffen. Er wurde bei seinem Kölner Besuch zum Ehrenbürger der Universität Kölln ernannt.

Luther nicht gefährdet.

Heute Billigung im Reichstag?

(Eigen« Drahtw-lvung.)

Berlin, 23. März.

Im Reichstag werden heute zunächst Breit- scheid (Soz.) und dann Graf Reventlow (Völk.) sprechen. Die sozialdemokratische Frak­tion wird heute über die Zustimmung zur Billigungsformel der Regierungs­parteien beschließen. Daß es heute schon zu einer Abstimmung kommen wird, wird allgemein angenommen. Ob zunächst über die eingegangenen Mißtrauensanträge ober über die Billigungsformel der Regierungsparteien abgestimmt wird, steht bis zur Stunde noch nicht fest, auch nicht, ob der Kanzler heute in die Debatte eingreifen wirb. Schon gestern abend war das negative Schicksal der Mißtrau- ensanträge und die Annahme des B i l l i - gungsvorfchlages der Regierungspar­teien durch eine grotze^Mehrheit offenbar.

«Sin verkappte« Mißtrauensvotum

Berlin, 23. März. (Durch Fmtksvrnch.) Da die Regierungsparteien zur außenpolitischen De­batte kein direktes Bettrauensvotnm eingebrach: haben, sonder« sich auf einen formulierte« Bil­ligkeitsantrag einigten, haben nun die Völkischen selbst ein natürlich nicht ernst gemeintes Vertrauensvotum eingebracht Wie aus Kreisen der Regierungsparteien verlautet, wird dieser Antrag voraussichüich durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt werden.

Zwischen den Sleuerklippen.

Luther wirbt um die Patteistiunne».

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 23. März.

Der Reichskanzler besprach gestern mit den Ministern und Vertretern der Sozialdemofta- ten bas Steuerprogramm. Eine Einigung konnte, wie die Blätter melden, nicht erzielt werden. Die Sozialdemokraten sollen nicht die Absicht haben rein technisch Schwierigkeiten zu bereiten. Die Deutschnationalen sollen keine Neigung zeigen, das Hin und Her der Steuer- polittk des Reichsfinanzministers mttzumachen.

Genf ein Erfolg?

Stresemann rechnet mit feinen Gegnern ab/'- Der Reichstag lauscht. Respekt vor Deutsch­land. Was bet Krieg lehrt. Räumt bas Rheinland! Ein scharfer Zwischenfall mit v. Graefe. Wir können nickt anbers.

Seine große Verteidigungs- und Rechtfer­tigungsrebe im Reichstag über die gescheiterte Genfer Konferenz (deren Anfang für Die gestern nicht unterrichtete Leserschaft auf einer Innen­seite abgedruckt ist) schloß gestern Außenminister Dr. Stresemann mit folgenden Worten: Aus der Heimat sind mehr als ein Dutzend Mal Depeschen an die deutsche Delegation gekommen, die uns sagten, wir sollten ab reisen. Wir hätten jedoch durch unsere Abreise denjenigen neue Möglichkeiten gegeben, die eine neue Schuld bei Deutschland suchen wollten. (Lebhaftes sehr wahr! links und in der Mitte; unwahr rechts). Gerade dieser Kamps hat doch gezeigt, daß es sich hier um eine Stellung Deutschlands im Völkerbunde handelt, die auf der anderen Seite jedenfalls als eine

sehr große Stärkung bet Position Deutschlands

angesehen wird. Wir sind moralisch und sach­lich vom deutschen Standpunke aus nicht ge­schwächt aus der Konferenz hervorgegangen (Beifall). Die Art, in der man im Völkerbun-, über Deutschland sprach, bedeutet eine mora­lische Genugtuung für uns angesichts der Att und Weise, wia man 1919 glaubte, über Deutschland sprechen zu dürfen. Um diese An­erkennung haben wir jahrelang gekämpft. Man sprach aber immer vom schlechten Willen Deutschlands. Daß all diese Momente mit einem Abbruch von unserer Seite beantwor­tet werden könnten, wäre die größte Tor- heit gewesen. (Beifall in der Mitte). Ich er­kläre, es ist nicht unser Wunsch oder Wille, daß es zur Aenderung unserer Haltung gegenüber dem Völkerbund kommt. Unser Wunsch und Wille geht aus ein g l e i ch b e re ch t i g t e S Mitwirken im Rahmen des Völkerbundes zur Wahrung der deutschen Interessen in die­sem Bunde. (Beifall.) Man mutz hervor­heben, daß der Ausdruck Siegerstaaten jetzt viel weniger aebraucht wird, als je. Die Völker haben erkannt, daß aus dem Weltkrieg niemand glücklich hervorgegangen ist und daß es gilt, die gemeinsamen Interessen gemeinsam zu wahren. Mit dieser Auffassung ist logisch eine andauernde weitere Besetzung der zweiten und dritten Zone nicht zu vereinbare«.

Hier liegt das große Ziel, das wir zu verfolgen haben. Auch da ist eine Aenderung des Denkens auf der anderen Seite vor sich ge­gangen. Briand hat auf Anfrage in der Kam­mer erklärt, daß ich Recht habe, wenn ich den Artikel 431 des Versailler Vertrages dahin aus- lege, daß, wenn Deutschland seine internationa­len Verpflichtungen erfüllt hat, eine Verkür­zung der Besatzungsfristen eintreten muß. Es ist noch nicht lange her, daß wir ganz andere Wotte aus der französischen Kammer gehört haben. Abg. v. Graefe (Völk.): Das sind ja nur Worte. Dr. Stresemann: Wenn es nur Worte wären, dann wäre Köln noch heute besetzt und nicht geräumt. (Beifall links.) Abg. v. Graefe: Daraus hatten wir längst ein Recht. Dr. Stresemann: Sie beziehen sich sonst, Herr v. Graefe, auf die Macht; nur wenn es Ihnen in den Kram paßt, auf das Recht. (Sehr gut links.) Abg. von Graefe ruft: Sie machen Taschenspielerkunst-- stücke. Dr. Stresemann schlägt erregt auf den Tifch und ruft gegen den Abg. v. Graefe: Ich weife diese Unverschämtheit zurück. (Von der Linken kommen drohende Rufe gegen den Abg. v. Graefe). Präsident 8 o e b e ruft den Abg. p. Graefe zur Ordnung und erklärt, auch die Antwort des Ministers habe nicht der parlamentarischen Ordnung entfprochen. Mini­ster Dr. Strefemann fährt fort. Seit 1919 ist bte deutsche Außenpolitik nur darauf gerichtet, die Bedrückungen Deutschlands zu vermindern, von unerträglichen zu erträglicheren Verhält­nissen zu kommen. In dieser Beziehung hat uns Locarno und hat uns auch Genf einen gro­ßen Fortschritt gebracht.

Eine andere deutsche Außenpolitik ist bei der Lage Deutscklands nach dem verlore­nen Kriege garnicht möglich.

In sachlicher Würdigung des Geschehenen wer­den wir fortfahrcn. an einer Verminderung der deutschen Bedrückung zu arbeiten. Tie Regie­rung hofft, daß sie bei dieser Politik die große Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich haben wird. (Lebhafter Beifall, Händeklatschen in der Mitte. Reichskanzler Dr. Luther beglück­wünscht Dr. Strekemann).

* * * Durch die Brille der Bartei.

Graf Westarps Kampfansage.

Rach Außenminister Dr. Sttescmann spricht zuerst Abg. Graf Westarp (Dntl.), nachdem