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Donnerstag. 18 März 1926.

Kasseler Neueste Nachrichten

16. Jahrgang. Nr. 68.

erheblich von der Aussage des Abg. Meyer ab­weiche. Der Zeuge K l a P p r o t h habe sich sehr verschlossen gezeigt und eine Erklärung über die kriminalistischen Falle abgelehnt. lieber die Zusammenhänge der Fememorde und des Küstriner Putsches sei das Bild noch zu unvoll­ständig. Der Aussage des Schulz, daß sein Truppenteil beim Kapp-Putsch verfassungstreu K"leben sei, müsse widersprochen werden. Tar- ich habe die wenig zuverlässige Haltung Buchruckers Bluwergießen verschuldet. Schulz habe bei der Schwarzen Reichswehr eine weit über seinen Rang hinausgehende Stellung ge­habt. Eine Beteiligung an dem Küstriner Putsch konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Bezüglich des Arbeitgeber-Darlebns von fünf­tausend Mark versucht der Berichterstatter zu beweisen, daß Abg. Behrens bei Unterzeich­nung der Quittung, die ausdrücklich den Zen- trakverband der Landarbeiter als Darlehnsneh­mer bezeichnete, gewußt haben müsse, daß Aba. Meyer das Geld für Schulz haben wollte. Behrens habe seine Aussage über die Verwen­dung des Geldes dreimal geändert. Die begründete Ansicht sei, da-ß von Zeugen das Geld für Malettke (Versorgungsstelle) und nicht für Meyer (zur Verwendung für Sckulz) geben wollte. Das Verhalten der Abgg. Behrens unv Meyer in der Darlebns-Angeleaenheit bezeich­net der Berichterstatter als mindestens grob- fahrläsfig. Das Verhalten der Darlehns- geber in der Arbeitgeber-Vereinigunq müsse an­dererseits den Verdacht Wecken, als wollte man durch das Da-lehn b!e Gewerkschaft in die Hand bekommen. Abg. D a l l m e r (Dntl.) bestritt die Werturteile des Berichterstatters.

Damaskus verloren?

Eine Warnung der Drusen an die Europäer. London, 17. März.

Ein Blatt berichtet aus Beirut, der National­rat der syrischen Aufständischen forderte alle Europäer in Damaskus auf, die Stadt sofort zu verlassen, da die Aufständischen beabsichtigten, Damaskus zu zerstSreu, um die Fran­zosen vollständig zu vertreiben.

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Der Schrecken von Xeluan.

Tanger, 17. März. (Reuter.) Vorgestern abend beschossen die Geschütze der Rifkabvlen wieder Tetuan aus größerer Nähe als bisher.

Wo lebt man am billigsten?

Deutschland an 6. Stelle. Amerika am teuersten.

Auf Grund von Berechnungen wird bestätigt, daß man jetzt am billigsten in Frank­reich lebt, wo die Kosten der gesamten Lebens­haltung in Gold nur 93,74 Prozent derer vor dem Kriege betragen. Es ist das einzige Land, wo man jetzt eigentlich weniger als vor dem Kriege auszugeben braucht. Es folgt Polen mit 118,20 Prozent von einst, Italien mit 119,28 Prozent, Luxemburg 124,19, die Tschechoslowakei 127,53, Spanien 134,54, Deutschland 136,75, Finnland 147,84, die Niederlande 148,78, Schweden 161,82, Norwegen 163,94, die Schweiz 165,00, England 172,78, Indien 175,94. Am teuersten sind die Ver­einigten Staaten mit 178,00 Proz. Dr. Adams.

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Versichert die Ar Veits ofen Vesser!

Die Gewerkschaftsverbände for­dern in einer Eingabe die sofortige Beratung, Verabschiedung und Durchführung des Ge­setzes über bte Arbeitslosenversiche­rung. BiS zum JnSrafttreten des Gesetzes müsse eine gültige Regelung mit gleich­zeitiger Vereinfachung des gesamten Verfah­rens durchgeführt werden. Erforderlich sei die Einfuhning von Unterstützungssätzen, die nach Lohnklassen gestaffelt sind. Gleichzeitig müßten die Bestimmungen über Kriegsfolge und Bedürftigkeit aus der Verordnung über Erwerbslosenfürsorge ausgemerzt werden. Die

Einführung der Siafsetunterstützung würde am 1. Mai zu erfolgen haben.

Zehn Stunden für Stsenvnvner?

London, 17. März. In der internationalen Konferenz für Arbeitszeit wurde gestern Ar­tikel 2 der Washingtoner Konvention, der sich auf die Ausdehnung des Arbeitstages bezieht, durchgesprochen. Eine Unterkommission berät, ob die Eisenbahner achtundvierzig oder sechsund- sechzig Stunden Arbeit leisten müssen. Frank­reich befürwortet die erstere Lösung.

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Ne ne kknietstktzuna für Kurzarbeiter.

Wie amtlich verlaiitet, darf seit dem 1. Mär; dieses Jahres Erwerbslosen-Unterstützung nnr nech Erwerbslosen bewilligt werden, deren Ar­beitsverhältnis völlig gelöst ist und ihnen die Arbeitspapiere auSgehändigt find. Das hindert nicht, daß sie bei Besserung der wirtschaftlichen Lage be- vorzuot wiedere'ngestellt und den Genuß der Vergünstigungen erhalten können, die durch längere Zuoehörigkeit zum Betriebe erworben werden (Urlaub, Pensionseinrichtung usw.)

£rtfma um an Sstlna.

Freie Schiffahrt bis Tientsin oder ...?

London, 17. März.

Reuter meldet au5 Peking: Die in Peking überreichte Note der Bertragsmächte besagt: Wenn bis Donnerstag, den 18. März, mittags, keine befriedigenden Zusicherungeir wegen der erwähnten Forderungen eingegangen seien, würden die Marinebehörden der fremden Mächte die Maßnahmen ergreifen, die sie für nö­tig erachten, um alle Hindernisse für freie und sichere Schiffahrt auf dem Kanal zwi­schen Tientsin und dem Meere zu beseitigen.

als übertrieben. Lian könne nicht anerkennen, daß die steuerlichen und sozialen Lasten den Bergbau erdrücken. Weiter wurde die Preis­festsetzung der Kohle bemängelt; der Händlerpreis weise gegenüber dem Erzeuger- pres eine zu hohe Spanne auf. Annahme san­den Anträge für Vorbeugungsmaßnahmen zur Verhütung von Unfällen, auf die allgemeine Einführung eines Schlagwetter-Anzeigers so­wie auf Frachtermäßigungen.

A s TRateolti verschwand.

Der Mörder Dumini schildert sein Ende.

Chieti, 17. März.

Im Mateottiprozetz s/rgte her Hauptange- ftagte Dumini gestern: In Paris habe er 1923 eine Organisation itutteuischer Sozialisten mit Verbindungen in Italien entdeckt, der die Mörder der beiden Faschisten angehört hätten, die sich noch immer auf freiem Fuße befänden Mnteotti selbst wurde mit einem Automobil entführt und weit von Rom gebracht in der Ab­sicht, Auskünfte über seine Handlung von ihm zu erlangen. MEotti ftdrb während der Fahrt infolge eines Bluthustens. Ans Furcht vor möglichen Folgen begruben meine Kameraden und ich die Leiche und verbrannten die Kleider.

Aus volttttund Wirtschaft.

Oberbürgermeister Scheidemann und der Staatsanwalt. Der preußische Innenminister gibt bekannt, daß zu einem Disziplinarverfahren gegen Oberbürgermeister Scheidemann we­gen angeblicher falscher Angaben im Magdeburger Rothardt-Prozetz kein Anlaß besteht. Die Staatsanwaltschaft hat die lieber» zeugung gewonnen, daß die der Aussage Schei­demanns widersprechenden Angaben des Zeu­gen Affeldt nicht zutreffen.

Franzosenplage und kein Ende. Zu Ostern wird eine französische Mittelschule von Bonn nach Landau verlegt. In der Südpfal; haben

darüber zu erteilen, ob etwa die Vererbung krankhafter Anlagen auf die Nachkommenschaft zu befürchten, oder ob die Eheschließung unbe« beitklich oder ob sie für eine gewisse Zeit, etwa bis zum Abschluß eines Heilverfahrens, aufzu­schieben sei.

Ein neuer Orientkönig. In Kairo wird bekannt, daß die englische, französische und Sow- fel-Regierung Ibn Saud als König der Hed- fchas und Sultan von Nejd anerkannt haben.

Deutscher Dank an Sven Hedin. Der große schwedische Forscher Dr. Sven Hedin wurde gestern auf dem Kieler Bahnhof von der Bevöl­kerung stürmisch begrüßt und durch den Ober­bürgermeister im Rathaus emvfangen. Auch im Weltwirtschaftsinstitut wurde der hohe Gast gefeiert.

Auch von Frankreich kann man lernen ... Das französische Moseldepartement hat beschlos­sen, für Kriegsbeschädigte eine Anleihe von hundert Millionen Franken aufzulegen.

Kabinettssturz in Prag? Der Zustand deS tschechischen Ministerpräsidenten Schwehla hat sich so verschlimmert, daß er eine mehrmo­natliche Reise nach dem Süden anzutreten be­absichtigt. Es verlautet, daß das Kabinett Schwehla demissionieren und eine Beamten­regierung folgen werde.

Brot für Arbeitslofe. Die nach den großen Ueberfchwemmungen zur Ausführung kommen­den Deichbauhen sollen aus Mitteln der produttiven Erwerbslosenfürsorge gefordert werden.

Eine zervlatzte Million. Der tschechische Verteidigungsminister gibt bekannt, daß der durch die Erplosionskatastrophe in Prag verur­sachte Schaden etwas über ein» Million außer den bereits ausgezahlten Vorschüssen von hun­derttausend Kronen ausmachen werde.

Neues ous Kassel.

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Werden d'-e Kanonen sprechen?

London, 17. März. (Privattelegramm.) Auf Anfrage Macdonalds wegen des Ultimatums an China erklärte Baldwin: Man wolle eine M- twn nur in Verbindung mit den anderen Ver- «ragsmächten unternehmen. Waffengewalt soll nur als letztes Mittel zum Schutze der Sicherheit der Ausländer angewendet werden.

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Sie rütteln an den Toren.

London, 17. März. (Eigene Drahtmeldung.) Das Ultimatum der Mächte fordert Schlei­fung der Forts zwischen Takn und Tientsin, Wegräumung der Minen, die Entfernung aller Kriegsschiffe unb Einstellung jeder Intervention (Kontrollbesuche) gegen die aus­ländische Schiffahrt in den dortigen Gewässern

Kurz vor XorrSfHIuß.

Wie ist das Volksbegehren bisher verlaufen?

Berlin, 17. März.

In Berlin sind bis jetzt 1277461 Stim­men für das Volksbegehren abgegeben worden. In Hannover betrug die Zahl der Ein­tragungen gestern abend 119 936. In Kö­nigsberg haben sich 39 600 Personen einge­tragen. In Köln haben die Eintragungen die Zahl von hunderttausend überschritten. In Kiel betrug die Grsamizisfer am Sonntag abend 37238. In Chemnitz hat sich die Ge- ämtzahl auf 104000 erhöht.

3u teure Kohlen. Mehr Sruvensscherheit.

Fm Landtagsausschuß wurden sozialdemo­kratische Beschwerden der Bergarbeiter vorge- bracht und die Aufsichtsbeamten mit ihrem An­treibersystem für die vielen Unglücksfälle der- antwortlich gemacht. Es wurde auch die Tätig- kett des Gruben-Sicherheitsamts kritisiert und nach den Ursachen der letzten Unglücke in über» chlesien gefragt. Die Zentrumsvertreter bezeich­neten die Klagen der Bergbau-Unt-rnehmer

wieder viele Gemeinden durch außerordentlich starke Einquartierungen zu leiden. Dörfer, die etwa fünfhundert Einwohner haben, erhielten tausend Mann Einquartie­rung und eine größere Anzahl Pferde.

Vorsicht bei Neubauten. Laut Ministererlaß müssen in größeren Städten Neubaugerüste und mit ihnen in Verbindung stehende Gerüstleihe von der Bordkante der Bürgersteige mindestens achtzig Zentimeter entfernt fein. Der Bürger­steig muß evtl, auf Kosten des FahrdammeS entsprechend verbreitert werden.

Wird Fehrenbach die Krise überstehen? Der Rekhskanzler a. D. Fehrenbach gibt z. Zt. zu ernsten Besorgnissen keinen Anlaß. Die Nahrungsaufnahme ist gering. Der Kranke ist bei klarem Bewußtsein und in der Sage, sich mit seinen Angehörigen zu unterhalten.

Faule Steuerzahler. Statt der vorgesehenen 1,8 Milliarden Franken Steuerertrag, die bis 3. April in Frankreich eingehen sollten, sind bisher nur 275 Millionen einbezahlt worden. Der Minister droht mit Zwangseintreibung.

Auf Flügeln um die Welt Zwei dänische Heeresflugzettge landeten auf dem Tempelhofer Flughafen. Sie hatten die Strecke Kopenha- gen Berlin in rund 2ßl Stunden zurück­gelegt und somit eine Reisegeschwindigkeit von zweihundert Kilometer in der Stun- d e innegehalten. Sie wollen über Konstantino­pel nach Indien, China mit dem Ziele Tokio liegen.

Kaiser Karls Bruder im Hehlerprozeß. Im Prozeß der Exkaiserin Zita gegen zwei Pari­er Juweliere, die von ihr der Hehlerei be- chuldigt werden, wurde gestern der Erzherzog Max von Oesterreich der Bruder des verstorbe­nen Kaiser Karl, als Zeuge vernommen.

Dürfen wir heiraten? Ein ministerieller Runderlaß ersucht, allen größeren Gemeinden und Landkreisen die Errichtung von ärzllichen Eheberatungsstellen zu empfehlen, die dazu dienen sollen, auf Wunsch ärztlichen Rat

(Staat und Wirtschaft.

Kundgebung des Deutschen Handlungsgehilfe« Verbandes.

Die Ortsgruppe Kassel des Dentschnationa- len Handlungsgehtl'en-Verbandes veranstaltete gestern abend in den Bürgersälen eine stark be­suchte Versammlung. Der erste Vertrauens« mann der Ortsgruppe Kassel, Geschäftsführer ff neuer, begrüßte Vertreter der Industrie und Handelskammer. Dann erörterte Verbandsvor­sitzender Bechlv-Berlin das Thema:Wirt- ckastsktise und die Kaufmannsgehilfen". Da­nach ist es Binsenwahrheit geworden: Die Grundlage alles Elends unserer Zeit ist der Versailler Vertrag, der in erster Linie die Ar­beitnehmer trifft. Das Sprichwort:Den Letz­ten beißen die Hunde", ist grausame Wahrheit geworden. Das deutsche Volk muß heute mit dem auSkcmmcn. was es selbst produziert. Machlos ist es dem Import der ganzen Welt ausgesetzt. Was uns fehlt, ist

eine neue Staatsidce, die den wirtschastlichn Belangen des deutschen Volkes wieder Rechnung trägt. Die Hauvttch' gäbe, hier Führer zu fein, haben die Arbeit­geber überhaupt nicht erfaßt, wie denn Deutsch­land heute leider einen Mangel an wahren Führern hat. Wohl haben sich Organisationen gebildet, die nicht auf rein wirtschaftlichem Ge­biet arbeiten, sondern als Gesinnungsorganisa­tionen auf rein geistigem Gebiet einen Auf­schwung unseres Vaterlandes erstreben. Es ist aber die Frage, ob sie sich durchsetzen. Auch der Deutschnationale Hmidlungsgehilfen-Ver- benb ist heute zu diesen Organisationen zu rechnen, er ist ein Faktor, mit dem gerechnet wer­den muß. Bezeichnend, hierfür sind Die statistischen Zahlen. Die Zahl der Handelssirmen hat sich um 265 Prozent vermehrt. Dia Aktiengesellschaf­ten betrugen im Jahre 1913: 10244, heute: 35 451. In Berlin gab es 1913: 31000 Handels- firmen, 1925 betrug die Zahl 61 OOO. Die Groß­schlächtereien Berlins sind von 238 auf 1400 ge*

Kind und Kunst.

Die Kunsterziehung in der Schule.

Eine neue Ausstellung im Kunstverein.

Gestern wurde in den Räumen des Kunstver- einS eine Ausstellung unter dem TitelFörde­rung der künstlerisch Begabten in der Schule* von Geheimrat Borbein, dem Vizepräsidenten des Provinzialschulkollegiums, in Anwesenheit Von Vertretern der Zeichenlehrerschaft aus allen Teilen des Reiches eröffnet Die Ausstellung zeigt eine Uebersicht über das. was in Kasseler Schulen von Kindern aller Altersstufen im Zei­chenunterricht geschaffen wurde. Ihre besondere Bedeutung gewinnt die Veranstaltung dadurch, daß zum erstenmal das Schaffen von künstlerisch Begabten unter den Schulkindern gezeigt wird, die sich freiwillig in der Arbeitsgemeinschaft für Zeichen- und Kunstbettachtung (Lyzeum mit Studienanstalt) und im .Offenen Zeichensaal" (Gemeinschaft begabter Schüler aus Kasseler Bürgerschulen) zusammengeschlossen haben. Der Schöpfer dieser Arbeitsgemeinschaften, Prof. Michel, gleichzeitig der Fachberater für den Zeichenunterricht in Hessen-Nassau und Westfa­len, hielt bei der Eröffnung der Ausstellung eilte Ansprache, in der er auf die W chtigkeit der Kunst rziehung der Jugend und ihre kultu­relle Bedeutung hinwies. Er betrachtet die er­weiterte, freiere Kunsterziehung in der Schule als Auftakt einer kulturreicheren Zeit und sieht in der notwendigen' Förderung diesr Ideen eine Hebung der nationalen Kultur.

Was in den letzten zwei Jahren in den ge­nannten Arbeitsgemeinfchaften erreicht wurde, ist deshalb geradezu verblüffend, weil wir weder in Kassel noch anderswo jemals so großzügige Auswirkungen des Formtriebes der Jugend gesehen haben Allein die Ausmaße der Bilder, an die sich z. B. zehn- bis vierzehnjährige Mäd­chen beranqewagt haben, würde ich kaum dem ei­genen Willen der Kinder zuschreiben, wenn ich nicht selbst den Zeichenunterricht verfolat hätte Vorbildlich in der vorsichtigen, auf die Eigenart jedes Kindes eingehmden Lehrart m ß ich vor allem die erste Helferin Prof. Michels nennen,

nämlich dessen Gattin, die Zeichenlehrerin am Lyzeum mit Studienanstalt, Frau Else M i - ch e l - 8 a n d a u. Es ist ein köstliches Erlebnis, Mädchen aller Altersstufen an den mannigfaltig­sten Motiven arbeiten zu sehen. Eindrücke, die die Kinder auf der Straße, in Museen, im Kino, aus Büchern empfangen haben, werden ans dem Gedächtnis ober nach flotten Skizzen gestaltet. Die Lehrerin lenkt durch unauffällige Fragen oen Geschmack der Schüler, macht hier auf die Härte einer Farbe, dort auf den Eigenwillen ei­ner Linie aufmerksam, läßt im übrigen der for­menden, färb-nben Hand freien Weg. So ent­stehen je nach Veranlagung, aber besonders deut­lich durch Geschlecht unb Herkunft geschieben, Silber von einer Frische, einer Unmittelbar­keit, die man bei älteren Malern oft sehr ver­mißt. Die ffinber aus einfachen Kreisen, beson- vers Knaben, bevorzugen bie Darstellung leben- biger Vorgänge, Kriegsbilber, Reiter, Schiffe, Solbaten, Märchenillustrationen. Das Kinb zeigt sich als ein hungriger Vorstellungshascher, cs jagt noch Erlebnissen. Wenn Kinb-r vor­handene Objekte nachzeichnen, oder nach Skiz­zen gestalten, so zeigt sich vor allem, wenn sie aus reichem Umkreis kommen, eine erstaunliche dekorative Fähigkeit. Das Auge d-s Kindes, das zu Hause schöne Bilder, schone Möbel unb Kleiber sieht überträgt unwillkürlich Farbe unb Form bes Gesehenen auf seine eigenen Zeich­nungen. Wir sehen als Ergebnis bei zi-lvoll weiterentwickelten ffunftbegabitng biefer Kinder Silber von soll vlakathaft-r Wirkung, ene Fä­higkeit zu stilisieren, welche bem Streben bes Kindes nach ein-m abgekürzten Schema der Dinge entspricht, das aus großen, durchs "ebeud-n Linien beft-bt und einem vereinfachen­den (also auch stilisierenden) Auffaflungsvor- wnz entspringt.

Der Gesamteindruck der Ausstellung ist der denkbar beste. Bedenkt man die kurze Zeit, in der bie neue Kunsterziehung wirksam ist, und bas vorli-aenbe Ergebnis, so muß man daraus den Sckluß ziehen, daß hier ein zielsicheres Züchtbares Stiftern cm Werke ist. bas die Be­hörden mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen sollten. Da die Ausstellung

durch die am Sonntag beginnende Fennel-Ge- dächtnisausstellung bedauerlicherweise schon am Samstag allzu früh enden muß. bitten wir alle Freunde einer ersthaften Erziehungs­arbeit, alle Kunstinteressenten, die wenigen Tage zu benutzen, die vor allem psychologisch hochin­teressant- Ausstellung zu besuchen.

Mit den Zielen der neuen Kunsterziehung wird sich Prof. Michel in den nächsten Tagen an dieser Stelle befassen. G. M. Vonau

Russische Schauspielkunst.

Unser Düsseldorfer Theatermitarbeiter schreibt uns: Es war zunächst eine kleine Umstellung nötig: Man hatte Ausdruckskunst erwartet, und was die Stauislawki-Truppe bot, war ausge­sprochenes Darstellungstheater, Realistik allerdings In nahezu vollendeter Form. Ge­spielt wurde ein älteres Lustspiel von Ostrowsky »Armut ist keine Sünde", dessen Fabel recht ab­genützt ist. (Ein junger Mann liebt die Toch­ter seines Brotherrn, bie einen reichen Lebe­mann Heiraten soll. Durch einen abenteuern­den Onkel wird alles aber zum guten Ende unb allgemeiner Versöhnung geführt.) Aber bas Stück gab den Russen Gelegenheit, bie ganze selbstverständliche Natürlichkeit spielen zu las­sen die eine wundervolle Eigentümlichkeit der slawischen Rasse ist. Gellen und Mimik ent­sprangen immer dem Temperament und über- '.engten. Das Jneinanderfvielen der einzelnen Darsteller in den Gesellschaftsszenen, wurde von einem Rhythmus der Bewegung getragen, Hes­se Unwillkürlick>'eit unb Anmut bewunberns- toert war. Eine Gelöstheit auch in bet Art zu sprechen unb zu singen. Man brauchte nicht russisch zu können. Man verstand biefe Sprache, wie man Musik versteht, rein 'immungsgemäß, und es war beglückend zu hören, wie diese ssangsckönen Laute sich mühelos in jede feinste Nuance hineinschmiegten und sie deutlich mach­ten. F. M. Arnold.

Don ö?r $raurlQ?e?t

Traurigkeit ist druckender als Trauern. Leid vermaa aus der Betrachtung seines großen Gegenstandes Trost zu schöpfen, Weh aber büßt

die Seele in eine um so peinigendere Mißstim­mung, als sie sich deren Grundes nicht bemächtt- gen, ja feiner sich rft kaum besinnen kann.

Warum enthalten manche geradezu zur Fröh­lichkeit geschaffene Melodien, namentlich gewisse spieluhrenartig perlende altmodische Tanzstücke eine unsägliche Traurigkeit? Wohl weil bie Seele, ber sie entstammen, ba sie sich, wenn auch in gemessenen Tonen, aussvrach, unwillkürlich ihren Grunb aufwühlte. Und bie Seele beS schöpferischen Menschen ist in ihren Tiefen von unerschöpflichem Weh erfüllt.

Die Stimme, bie unmittelbar aus ber Seele aussteigt, führt selbst im Jubel etwas von ihrem Dunkel empor, unb bas gibt ihr ben geheimnis­vollen Klang, b r ihre mit nichts vergleichbare Schönheit ausmacht, ber aber auch weh tut, wie es kein noch so schmerzeubes Wort vermag. Es ist das ewige Weh ber Kreatur, das sie im Unbewußten alle eint Richard Schaukai.

Blinde Hessen«.

Schaue ich ber Eichen Pracht In die Stifte ragen, Denke ich an Hessens Macht Aus entschwunb'neu Tagen. Wetterhart, ber Eicke gleich, War der Hessen Stärke, Und von Fleiß unb Kunstsinn reich Zeugen ihre Werke.

War bereinft ein Krieg entbrannt. In so manchem Lande, Ward ber Hesscnmut erkannt, Der ben Feinb berannte.

Riemanb wirb fein Sehen lang Einen Strauß vergessen. Und ben mutgen Tateubrang Dieserblinden Hessen". Blindlings" fckluaen sie braus los, W'nn es gab zu siegen, Und ber Fe'nb blbb hoffnungslos Aus der Wahlstatt liegen. Blühe du, mein Hessenstamm, Weiter in dem Reiche, Wie auf hohem Bergeskamm.

Hessens stolze Eichel

Gustav Wentzell-Kassel.