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Sonnabend, 13. März 1926
Nummer 61. Einzelnummer 10 Ps, Sonntags 15 Pf.
Einzelnummer !V Pf„ Sonntags IS Pf. 16. ZahkgSAß
Kompromiß oder Katastrophe?
Die schwerste Stunde Mr den Völkerbund bricht heute an.
Wir haben Leit.
Wilder vom Genfer Jahrmarktsrummel. (Von unserem Sonderberichterstatter.)
Genf, 12. März.
Das freundliche Gens wird immer schöner. Die Wollen haben sich hinter den Mont Blanc zurückgezogen, der Himmel zeigt eine blaue Seide, die sich spiegelt in dem großen See und eine Lust weht jetzt, so frühlingvurchpulst — man könnte Feder und Notizbuch in die Ecke weisen und hinaufeilen aus die Berge, die so pittoresk und romantisch aus das sonnendurchglänzte Städtchen hinabschauen. Aber, die Situation im diplomatischen Kamps wird immer kritischer. Jede Minute zeigt ein anderes Gesicht. Und man muß in der Nähe der Geschehnisse bleiben, sonst könnte unter Umständen der traurige Fall eintreten, bei der RüÄehr von einem schönen Ausflug ein leeres Nest vorzufinden. Man muß es sagen: der Schwede.UndLn hat eine gute Portion Energie und Temperament. Anscheinend hat er auch Nerven. So mußte es kommen, daß er gestern mit einem recht kräftigen Donnerwetter in das leidige Jntriguenspiel hinein- wetterte und die Leidenschaften bis zur Siedehitze aufwirbelte. Bravo, Herr Undsn, Sie sind ein wackerer Mann. Wir haben zwar keine Ursache. uns in den Streit einzumischen, aber wir verstehen Ihre Emvörung.
Das scharfe Vorgehen deS schwedischen Delegierten hat ein Gutes gebracht. Deutschland ist im Augenblick vollkommen aus dem Hader der Genfer Differenzen herausgetreten. Es handelt sich jetzt nicht mehr um die deutsche Forderung nm die Erfüllung des deutschen Rechtes. Nur noch um eine interne Angelegen- heil des Völkerbundes. Lassen wir die Herren den Streit ruhig unter sich selbst ausfechten. Wir haben Zett und wissen, was wir wollen. Brasilien hat gedroht, sein Veto gegen einen deutschen Ratssitz abzugeben. Auch diese Drohung wird uns nicht schrecken. Denn es ist ein öffentliches Geheimnis, daß diese brasilianische Ankündigung nicht auS eigener Jniative erfolgt ist. Daß hinter der brasilianischen Delegation eine andere Großmacht steht, die eS für gut hält, selbst mit Jn- triguen und Pressionen nicht in den Vordergrund zu treten. Aber schließlich, wir kennen ja Herrn Mussolini Und wissen, daß seine Lungenkraft stärker ist. alS sein Wille und fein tatsächlicher Können. Der Wirrwarr in Genf ist zur Zett wirklich nicht schön. Aber eS ist für uns Deutsche ein angenehmes Gefühl, zu wissen, daß wlr nicht die Ursache davon sind. Die Kris; mag sich wtlaufen. Wir haben Zeit zu warten.
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Natürlich werden die Völkerbundsväter Briand-Chamberlain das äußerste versuchen, um das zarte Knäblein Locarno nid* durch den rohen Zugriff Spaniens und Brasiliens strangulieren zu lassen. An einen Abbruch glaubt man z. Zt. in Gens selbst wohl bei den Deutschen noch nicht, obwohl Luther bei den endloseü^Werhandlungen vor und hinter den Kulissen deS öfteren ostentativ die goldene Taschenuhr gezogen und auch die letzte Möglichkeit angedeutet hat. Hat man überhaupt bei dem ganzen Kuhhandel nicht das Recht, von Erpressung zu sprechen, oder wann sonst immer liegen die Merkmale der Erpressung vor?
Daß Brasilien es wagt, in dieser Weise den völkerversöhnenden Gedanken, der der Begründung des Völkerbundes zugrunde liegt, zu diskreditieren, ist eines der traurigsten Symptome unserer Zeit. Aber wie die Dinge auch liegen mögen, in jedem Falle hat das Ansehen des Völkerbundes durch daS Vorgehen Spaniens und Brasiliens aufs schwerste gelitten, und die Herren Chamberlain und Briand werden ave Hände voll zu tun haben, um die Scharte, die diesem Instrument des Friedens zugefügt worden ist, wieder auszuwetzen. Das aber wird nur geschehen können, wenn man endlich mit eisernem Besen diesen Augiasstall der Intrigen und Komplotte ausräumt und Deutschland auf schnellstem Wege Genugtuung gibt. Die diplomatische Niederlage unserer Gegner, insbesondere Frankreich, ist nicht mehr zu retten, es sei denn^ daß man das Prestige ..iner einzelnen Mackt über dasjenige der europäischen Gesamtheit stellt. *r»
Älvfnodwe erst nächste Woche.
London, 12. März. Ein Genfer Korrespondent hält es für nahezu sicher, daß die Völker- bundsversammlung ihre Mission am Sonnabend nicht beenden werde und daß Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund
nicht vor nächster Woche erfolgen könne. Schwedens Vertreter erklärt, das Erlebnis am letzten Nachmittag sei das unwürdigste, das er jemals gehabt habe. Chamberlain habe gestern mitgeteilt, er sei durch seine Instruktionen gezwungen, gegen Spanien zu stimmen, wenn Spanien ein entscheidendes Hindernis für die Zulassung Deutschlands bilden sollte.
Eln Ende mit Schrecken?
Notsignale aus Genf. Brasilien soll entscheiden.
(Eigene Drahtmelbuug.)
London, 12. März.
Die Reutertelegramme aus Genf lauten seit gestern abend pessimistisch und sprechen davon, daß das ausgetauchte Hindernis bisher un- überwindlich erscheine. In einer Mitternachtsmeldung heißt es, Chamberlains einziges Ziel sei, die
die Katastrophe zu verhindern, die den Völkerbund und Europa bedrohe. Der heutigen Sitzung sieht man mit großer Besorgnis entgegen. Man befürchtet, daß der Eintritt Deutschlands unter Umständen erfolgen werde, die eine Versöhnung unmöglich machten. Die Genfer Korrespondenten der gesamten Morgenpr sie sehen die einzige Hoffnung in einer gestern abgesandten Depesche des brasilianischen Vertreters, der bei seiner Regierung imsragt, ob er Deutschlands Eintritt zustimmen oder sich wenigstens der Stimmabgabe enthalten könne. Auf diese Anfrage werde heute die Entscheidung erwartet.
Auch eine Logik.
Die Locarnomächte beraten seit 11 Uhr.
(Eigene Drahtmeldung.)
Gens, 12. März.
Heute vormittag begaben sich die deutschen Delegierten gegen 10 Uhr zu Briand in dessen Hotel, wo sie etwa eine Stunde verblieben. Danach begannen um 11 Uhr die Besprechungen der Locarnostaaten mit Chamberlain, die um 1,20 Uhr noch andauerten. Tatsächlich ist die Situation heute noch genau so ungeklärt, wie am ersten Tage der Konferenz. Briand hatte heute nach der Besprechung mit der deutschen Delegation geäußert, daß es sich hier ja nkchr um einen der Ratssitze, sondern um eine ganze europäische oder sogar Weltpolitkk handele. Man müsse die Frage — so meinte er — von einem viel höheren Gesichtspunkt als von dem der Erlangung oder Nichterlangung eines ständigen oder nichtständigen Ratssitzes betrachten. (Worauf ihm zu erwidern wäre, daß Deutschland sich ja gerade gegen die» Unterfangen sträubt, in der großen Weltpolitik in demselben Augenblick ausgeschaltet zu werden, wo. eS in den Völkerbund eintritt. D. Red.).
$eute Großkampf in Genf. Um Sein oder Nichtsein des Völkerbundes.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 12. März.
Wie der Havasvertretcr aus Genf berichtet, hat Briand nach Schluß der Sitzung des Bölker- bundsrates erklärt, was das Problem schwierig mache, sei. daß es sich nicht mehr um deutsch- alliierte Verhandlungen drehe, sondern daß von nun ab der Völkerbundsrat selbst sich mit der Lösung der Frage befassen müsse. Getern seien gewisse Mißverständnisse zwi- cheu Frankreich und Deutschland beseitigt worden. Heute ständen prinzipielle Fragen auf dem Spiele. Tas Statutdes Völker- bundSrateS selbst und die Frage der Wahlmandate. Die Locarnomächte dürsten nicht vergessen, daß für die Inkraftsetzung dieser Abkommen der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund notwendig fei, und daß diese Notwendigkeit mit den berechtigten Bedürfnissen der anderen im Rate vertretenen Mächte in Einklang gebracht werden müsse. ES sei noch nicht möglich, eine geeignete Lösung zu sehen.
(Sin düstres Finale.
Rechtsanwalt Hau entleibt sich selbst.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 12. März
Im Tivoli bei Rom hat sich am 6. Februar ein unbekannter etwa sünfundvierzigjähriger
Mann erschossen. Die römische Polizei schickte die Fingerabdrücke des Toten an alle Sicherheitsbehörden. In Wien wurde festgestellt, daß der Selbstmörder der frühere Rechtsanwalt Dr. Karl Hau ist, der vor etwa zwanzig Jahren unter der Beschuldigung, seine Schwiegermutter in Baden-Baden er- fchossenzu habe», zu längerer Z u ch t h a « S- strafe verurteilt worden war. Dr. Hau war vor kurzem begnadigt worden und ist bald darauf spurlos verschwunden.
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<8r ist es also doch!
Berlin, 12. März. (Privattelegramm.) Die für die Identität des Toten in Tivoli mit Bem Rechtsanwalt Karl Hau maßgebenden Fingerabdrücke find laut Pressenotiz vom Berli- »er Erlennungsdienst der Wiener Polizei feineren zugesandt worden. Es besteht gar kein Zweifel darüber, daß es sich um den Selbstmörder Karl Hau handelt. Die Karls- nther Staatsanwaltschaft, die hinter Karl Hau einen Steckbrief erlassen hatte, wird sich von der Jdentttät nochmals überzeugen.
Gr kam, er sah, er... siegte?
Briand will sic alle einwickeln.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 12. März.
Ein fiui’.ji ; ■/ r kc-rrvs,--.-'«dc:tt meldet, Sri-- ands „Vormarschplan" sei wie folgt: 1. Er werde versuchen, die Deutschen dazu zu bringen, sich ohne Verzug zu verpflichten, die Entscheidung des Völkerbundsrates anzunehmen; 2- er wolle den schwedischen Außenminister überreden, fein Veto zurückzuziehen; 3. er wolle einen Druck auf die spanischen und brasilianischen Vertteter ausüben, um sie zur Zurücknahme ihrer Drohungen zu bewegen; 4. er werde Graf Skrzynski davon zu überzeugen versuchen, daß Polen nicht mehr als einen zeitweilig en Sitz im Völkerbundsrate zurzeit^erhalten könne.
Wie man um Schweden scharwenzelt.
London, 12. März. (Eigener Drahtbericht.) Einem Genfer Korrespondenten zufolge erfaßten gestern abend die Vertreter Belgiens, Frankreichs und der Tschechoslowakei den schwedischen Außenminister U n d e n um die Zusage, daß er »egen eine Vermehrung der Ratssitze im September keinen Widerspruch erheben werde.
Kompromiß oder Abbruch!
Frankreich hört daS Gras wachse«.
(Eigene D'ahtmeldnng.)
Paris, 12. März.
Wie aus Gens berichtet wird, erwägt man z. Zt. eine Klausel, durch die bestimmt wird, sür welche Fälle die Einstimmigkeit und sür welche Fälle eine Zweidrittelmehrheit im Völkerbundsrat erforderlich sei. Sonst sind jedoch noch keine Fortschritte erzielt worden. Ein Sonderberichterstatter hält folgenden Lösungsversuch für wahrscheinlich: Deutschland soll sich formell der Bölkerbunderweiternng anschließen. Danach werden Schweden, Brasilien und Spanien aufgefordert werden, Über ein Kompromiß zu verhandeln. Dann würden die Locarnosignatar- mächte sich über die Zuteilung eines vorübergehenden Mandats an Polen verständigen. Ein anderer Sonderberichterstatter kündigt schon an, daß Spanien geneigt fei, feine Ansprüche bis zum Herbst zu uertogen. Der Vertreter Brasiliens habe um größere Handlungsfreiheit bei feiner Regierung nachgesucht.
Treibminen gegen Berlin.
Polen mit Brasilien im Bunde. Spanien neutral?
(Eigener Drahiberlchi)
©elfter, die ich rief.
Stürmische Verfaffungsdebatten im Reichstag. 3entruw gegen ®erfafiangStefotm. — Das Bekenntnis der Demokraten. — Das Umstrittene Wahlalter. — Beamte als Republikaner. — Külz zieht »»« Leder. — Auszug der Deutfchuationa- lrn. — Mitztrancusvatum.
Berlin, 12. März.
Beim Jnnenministerhaushalt betont Abg. Dr. Schreiber (Ztr.): Das 19. Jahrhundert hat sich zu stark auf die privilegierten Oberschichten gestützt. Das Proletariat ist als gleichberechtigtes lebendiges Glied der Na- tton nicht zn entbehren. Die Aussöhnung mit ihm mutz mehr Herzens- als Verstandessache sein. (Beifall.) Die deutsche Nation muß sozial eingestellt sein, oder sie wird minderwertig unter den anderen Nationen dastehen. Der Begriff der Nation darf nicht an den Staatsgrenzen Halt machen, Unter Ablehnung aller irredentistischer Gewaltpolitik muß sie geistig das Auslandsdeutschtum für die deutsche Kultnrgemeinschast erobern. Sie darf auch nicht die Verbindung mit der Kultur der übrigen Stationen vernachlässigen. Der Gedenktag des großen Görres erinnert uns auch daran, daß die innere natürliche Verbundenheit zwischen Staat und Kirche nicht ohne Schaden für den nationalen Gedanken zerrissen werden kann. Die Eigentümlichkeit der deutsch, st Kultur verbfeter eS «:<ss. Btzft dungswesen die EinerleifchSr« etaiüAtif ten. Wahre Einheit ist daS lebensvolle Zusammenwirken charaktervoller Eigenheiten. (Beifall im Zentrum.) Das muß auch für die staatliche Organisatton Deutschlands gelten.
Wir lehnen z. Zt. jede Aenderung der Verfassung ab, dir irgendwie einen Eingriff in die wesentlichen Grundzüge der Weimarer Verfassung bedeutet. (Beifall im Zentrum und links.) Das gilt auch Jür die Anträge auf Stärkung der Gewalt ,e8 Reichspräsidenten. Warum sind solche Anträge nicht bei Lebzeiten des ersten Reichspräsidenten 'gestellt worden? (Sehr gut im Zentrum und links.) Abg. Dr. Goetz (Dem.): Wer heute eine Aenderung der Reichsfarben verlangt, der bedroht unser Volk mit neuen Erschütterungen. Tatsächlich hat es noch heute derjenige Beamte am schwersten, der sich offen als Republikaner und Demokrat bekennt. Tie Beamten müssen sich endlich bewußt in den neuen republikanischen Staat einfügen. Gesinnungslumperei muß man den Beamten vorwerfen, die in der Republik hohe Aemter bekleiden, aber dennoch ihre monarchistische Gesinnung betätigen. (Sehr wahr links.) Gegen solche Gesinnungslumperei muß energisch vorgegangen werden. Den Beamten muß klar gemacht werden, daß auch der neue Staat nicht mit sich spielen läßt von seinen Beamten. (Beifall links.) Wir müssen den nationalen Minderheiten innerhalb des Deutschen Reiches ihr volles Recht gewähren, weil wir auch für die deutschen Minderheiten im Auslande volles Recht verlangen. Abg. Leicht (B. Vp.): Wir halten an der föderalisttschen Grundlage des Reiches fest. Die eigene Staatlickkett der Länder ist dazu die Voraussetzung. Die Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenwirken der Länder mit dem Reich ist eine klare Abgrenzung der beiderseitigen Aufgaben, verbunden mit einem entsprechenden Finanzausgleich. In Kulturfragen liegen die Hauptaufgaben bei den Ländern nicht beim Reich. Wir unterschätzen nicht die schädlichen Wirkungen des Alkoholmißbrauchs, besonders aus die Jugend. Die Trok- kenlegung scheint uns aber wegen ihrer bösen Nebenwirkungen nicht das richtige Besserungs- mittel zu sein. (Beifall.) Beim Wahlrecht ist eine Heraufsetzuna des Wahlalters nötig.
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Monarchisten unv Repubttfaner.
Abgeordneter Kube gegen Innenminister Kölz.
Abg. Kube (Völk.): Man kann nicht verlangen, daß die Beamten, die srüher monarchistisch fühlten, jetzt für die Republik begeistert sein sollen. Die völkischen und konservativen Kreise haben sich vor dem Umsturz immer vom Byzantinismus ferngehalten und haben auch an der Person des letzten Kaisers oft genug Kritik geübt. Sie haben nicht fo geschmacklose byzantinische Wendunaen aebraucht, wie sie z B. eine Kaiser-Geburtstagsrede des jetzigen Innenministers Dr. Külz enthält. In der Reaienma sitzen doch a- besprochene Monarchisten, beispielsweise der Minister Stingl. Ter
Pans, 12. März.
Der Havasvertreter in Gens berichtet, daß im VölkerbundSrat der Italiener Seialoja auf Geheiß Mussolinis zugunsten eines Sitzes an Polen eine ähnliche Sprache geführt habe wie der brasilianische Delegierte. Der Vertreter S p a n i e n s soll gegen Deutschland keine Drohung ausgesprochen haben. Span'-" '-i aber entschlossen, nu8 dem Völkerbund ante», falls es später keinen ständigen Sitz cn;a.«c.
R-i-ftspräfident v. H i ' nburg hat niemals I eine monarchistische Gesinnmig verleugnet.