Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Mittwoch, 10. Februar 1926
Nummer 34. ElNizelnummer IN Pf> Sonntags 15 Pf.
Einzelnummer 1V Pf, Sonntags 15 Pf. 16. JahkgaUK
Zwei große Prüfungen in Genf.
Der brennende Berg.
Mussolini will über den Brenner marschieren...
Mussolinis Wutausbruch hat in Deutschland den Widerhall gefunden, den er verdient. Es gibt kein deutsches Blatt, gleichgültig, welcher politischer Richtung, das nicht mit äußerster Entrüstung die lächerlichen Behauptungen des italienischen Diktators zurückweist. Nur die deutsche Regierung schweigt noch. Sie will abwaiAen. bis der amtliche Wortlaut der Rede in Berlin vorliegt Sie hofft noch, daß die Worte, die Mussolini gesprochen hat, nicht so scharf klingen, wie die Pressemeldungen es verzeichnet haben. Hoffentlich findet dann der Außenminister eine würdige Antwort aus die Rüpeleien Mussolinis. Was hat Herr Mussolini gesagt? Die italienische Fahne will er, wenn er es für nötig hält, üderdenBrenner hin- n a u s in deutsches Gebiet hineintragen. Das ist eine sehr billige Kampfansage, denn wir sind darck dem Versailler Vertrage ein machtloses, zerstückeltes Land u. können den wilden Kriegstanz nur belächeln. Mussolini spricht von dem krastvollen Italien. Und weiß nicht, wie groß der Hohn ist, den er damit feinem eigenen Lande zufügt. Wir und die Welt werden es trotz des Mussokinischen Kraftmeiertums nie vergessen, daß der Weltkrieg dem italienischen Heer nicht allzu viel Gelegenheit gab, Siege und große Wafsenersolge für sich zu verzeichnen. Der besiegte kleine „Sieger" hat fetzt gut reden. Mächtige Bundesgenossen sorgten für die Kraft, die fetzt das 'takienische Banner auf dem Brenner- gipsel wehen läßt. Allein diese Kraft sorgte auch dafür, daß Herr Mussolini von der gesicherten Kammertribüne herunter die Sprache eines Sieger-Despoten führen darf.
Er spricht von der Kraft, ohne daß er sie kennt und er spricht von der deutschen Kultur, von der deutschen Dichtkunst, ohne daß er von ihr auch die geringste Ahnung hat. Die deutsche Sprache ist ihm etwas gänzlich unbekanntes. Ader das gibt ihm die Mö-lichkeit, über die Mittelmäßigkeit deutscher Poesie zu sprecht». Dante ist ihm köstliches Gut, W a lter von der Vogelweide ein kümmerli- cheS Poetlein, den man mit dem großen Italiener nicht in einem Atemzug nennen dürfe. Wir in Deutschland haben wirklich gar kein» Ursache, ällzu freundlich über italienische Politik zu denken Wer niemals ist es jemals einem von uns «ingefallen die Bedeutung Dantes als des größten italienischen Dichters an, uzweiseln Wer schließlich für unS besteht wirklich kein An- laß. sich mit Herrn Mussolini über historische Entdeckungen und Kuliurprobleme berumzustre,- ten. Die gesamte gebildete Welt wird auch ohne unsere Verwahrung sich darüber schlüssig werden, waS sie von solchen lächerlichen Narrenpossen zu halten bat. Nun wird Außenminister Stresemann beute den Tiraden Mussolinis daS deutsche Rechtsgcsühl entgegensetzen. Und wenn man auch wünscht, daß diese Antwort in der Sprache milde sei, und alles zu vermeiden habe, was die tatsächlich jetzt bestehende Sv innung zuspitzen könnte, so sollte dem klob-n Keil Mussolinis ein gleich Heber Keil entgegengesetzt werden, wenn wir auch nicht verpflichtet sind, mit Unverschämtheiten zu antwor- len, wenn andere Mächte, oder vielmehr deren Bertreter glauben, sich solche leisten zu können Aber wir sind machtlos, da« beißt, wir haben kein geeign teS wirksames Mittel, eine solch Hetzsprache mundtot zu machen. Nur das un- leugbare Rocht bcftter wir Und dieses Recht in daS richtige Sicht ,u fetzen daS mußte daS ei- ftigste Bestreben des deutschen Ministers sem der unsere Klinge zu führen bat.
Auch in Dölkerbundkreisen hat, wie wir aus diplomatischer Quelle erfahren, die Rede Mussolinis starkes Befremden erregt. Man sieht^ in seinen Drohungen die aanz u. gar unnötige 2to- rung der auf die Herstellung des allgemeinen und endgültigen Friedens in Europa gerichteten Bestrebungen des Bundes. So erblickt di. gesamte Wiener Sonntagsprefle in der Rede Mussolinis eine Drohung gegen Oesterreich wenn sie schreibt: .Die Rede des italienischer Ministtrpräsidenten bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine Kriegsdrohung und wir sind der Meinung, daß sie sehr wohl zum Gegenstand eines Schrittes beim Völkerbund gemacht werden könnte ES handelt sich unzwei- felbaft um einen Fall. der die Besorgnis vo> einem Konflikt erwecken muß A"ch die Kommentars der engiifchen Presse bestätigen im wesentlichen diese Auffassung Ein Blatt stellt fest, daß Mussolini «euer an die imlienisch-österre'- chische Grenze gelegt ba'-e und rüst den Völker bund dagegen in die Schranken. Sogar die Iran zö fische RegierungSvresse bez-ichuei ie Rede Mussolinis als eine .kriegerische Kundgebung', während allerdings die nat onalilti- scheu Blätter in einen Beifallssturm ausbrechen
Mussolini selbst bat in seiner Rede festgestelli.
daß er bestrebt sei, Südtirol mit allen gesetzlichen Mitteln zwangsweise zu ltaltenisie- ren, das heißt, es seiner deutschen Kultur zu berauben. Gerade Italien müßte daraus bedacht sein, eine so rigorose Maßnahme zu vermeiden, da vorauszusehen war, wie sie aus das betreffende Voll wirken mußte. Mussolini hat früher einmal gesagt, daß die italienisch-deutsche Spannung das Ergebnis von Mißverständnissen gewesen sei, eine Aeußerung, der wir deutscherseits nur zustimmen können. Die Reichsregierung hat jedenfalls die freundschaftlichen Beziehungen zu Italien stets als ein wichtiges Glied seiner Außenpolitck betrachtet, und ist gewillt, alles zu tun, was geeignet ist, diese Mtß- Verständnisse zu beseitigen. An der Loslösung Südtirols aus dem italienischen Staaisverband denkt in Deutschland kein vernünftiger Mensch. Ein solches Bestreben besteht in Deutschland nicht. Das starke Interesse der deutschen Oes- fentlichkeit an dem Schicksal Südtirols entspringt ausschließlich kulturellen Motiven, die in dem Gefühl der StammeSverwandtschaft und Blutverbundenheit mit den Tirolern wurzelt.
Wir find bereit.
Unsere Bisitewkarte beim Bölkerbundsekretär. (Eigene Drahimeldung.)
Berlin, 9. Februar.
Wie mehrere Blätter melden, ist daS Gesuch Deutschlands um Aufnahme in den BSlkerbund noch gestern ahend an den deutschen Generalkonsul in Genf abgegangen, der die Note heute dem Generalsekretär deS Völkerbundes überreichen wird. Der Wortlaut der interessanten Note dürfte morgen früh veröffentlicht werden.
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Auf Her» und Nieren.
Genf, 9. Februar. (Eigene Drahtm-ldung.) Wie die Schweizerische Depeschen - Agentur vernimmt, wird das deutsche Gesuch um Aufnahme in den Völkerbund morgen mittag durch den deutschen Generalkonsul in Genf zugestellt werden. Der VSlkerbundsrot ist für Freitag zu einer außerordentlichen Tagung einberufen, um die Einberufung einer Bölkerbundstagung zu beschließen, welche den deutschen ZulassungS- antrag zu genehmigen u. damit zusammenhängenden Fragen zn beraten hat. Diese Bersamm- luna wird für den 1 ü. M ä r z vörgensehen.
Ohne Sitz im Döckeebund?
Polen macht in letzter Stunde Schwierigkeiten (Eigener Drahtberuvt.)
. London, 9. Februar.
Ein diplomatischer Berichterstatter schreibt: ES herrsche eine nervöse Stimmung darüber, daß die Zuweisung eines ständigen Sitzes im Völkerbundsrat an Deutschland setzt gewisse Schwierigkeiten Hervorrufen könne. Die Loear- nomächte seien verpflichtet zu Gunsten der Zulassung zu stimmen. Auch Spanien habe zu- gesagt. Der Berichterstatter spricht von Intrigen, die m gewissen alliierten Kreisen ermutigt würden. Ein Vertreter sei soweit gegangen, anzu- tieuten, daß (er, falls seinem Lande nicht gleich- zeitig mit Deutschland ein ständiger RatSsstz zugewiesen werde, vielleicht seine Zustimmung zur Zuweisung eines solchen
SitzeS an Deutschland verweigern müßte, wodurch leicht Deutschlands Eintrftt in den Völkerbund verzögert werden könne. Tie britische Regierung hatte zu wählen zwischen den Aufschub der deutschen Zulassung und zwischen der Erteilung ständiger Sitze an zwei oder drei Mächte, die keinen begründeten Anspruch darauf hätten. Der französische Botschafter h-tbr gestern in Foreiqn Office Vorgesprächen. Ein Blatt bewerft, Polen wolle eine Belohnung für seine Opfer und für seinen guten Willen bezüglich des Locarnopaktes erhalten. Da Polen ferner viele strittige Fragen mit Deutschland zu regeln habe, sei es unrecht, wenn es nicht auf dem Gleichen Fuße mit dieser Ration stehe.
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Seht red-n toir mit
Deutschland als Gewissen der Weft
Zum Eintritt Dertschlands in den Völkerbund wird von maßgebender Stelle bemerkt: Damit wird der Vertrag von Locarno gültig und Deutschland erhält einen Rotssitz, ohne den eine Lösung der Saar- Kolonial- und Danziger Frage nicht denkbtn ist. Auch hat Deutschland die Pflicht, sich an der Gestaltung des Schicksals der Minderheiten nach seiner Kraft aktiv zu beteiligen. Deutschland muß in seiner bedrängten Lage in erster Linie niich- fern die Frage prüfen ob ihm sein Eintritt konkrete Vorteile bietet Diese Frage
kann nicht mehr verneint werden. Selbst- verständlich kann niemand erwarten, daß der Eintritt in den Völkerbund einen plötzlichen Umschwung der Dinge herbeiführen könnte. Deutschlands Stimme aber wird von entscheidender Bedeutung sein, da nach der Satzung des Völkerbundes der Völkerbundsrat im allgemeinen e i n st i m m i g zu beschließen hat. Im Völ- kerbund kann ferner die Nachprüfung u n a n - wendbar gewordener Verträge und solcher internationaler Verhältnisse veranlaßt werden, deren Aufrechterhaltung den Weltfrieden gefährdet. Auch für die allgemeine Ab- r ü st u n g, die eines der wichtigsten Ziele des Völkerbundes ist, kann Deutschland als Mitglied von nun ab nachdrücklich eintreten.
Hoch klingt das Lied...
Ganz Newyork bewundert deutschen Heldemmit.
(Durch Funkspruch.)
Nehwork, 9. Februar.
Kapftän Graalss, elf Mann von der Mannschaft der „Westphalia" und die gerettete Be- satzung des holländischen DamPserS wurden gestern in der Stadthalle empfangen und von einer großen Menschenmenge begrüßt. Der Bürgervorsitzende ©rotier Whalen wies auf den an den Dag gelegten deutschen Helden- m ut hin. Bürgermeister Walker ergriff dann die Hand des Kapitäns Graalfs und sagte: Die Stadt Newyork ist von Hochachtung erfüllt angesichts des Dienstes, den Sie nicht nur Ihrem eigenen Laude und dem Lande der geretteten Mannschaft, sondern auch der gesamten Menschheit erwiesen haben. Wir gratulieren Ihnen und Ihren Leuten dazu, daß Sie die
traditionellen Charafterzüge der Deutschen bewährt haben. Es ist ein glückliches Ereignis für alle, daß der Bürgermeister und die Bevölkerung Newyorks dem Kapitän, die Mannschaft und das deutsche Schiff mit so echter Aufrichtigkeit und Bewunderung bewillkommnen können." Darauf dankte Kavitän Graalss schlicht und bescheiden: „Ich bin froh, daß wir imstande gewesen sind, diese armen Burschen zu retten." Die Bezugnahme des Bürgermeisters Walker aus die traditionellen Charafterzüge der Deutschen rief bei den Anwesenden Bewegung hervor
Melange will man säumen?
Coolidge drängt auf Abrüstung.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 9. Februir.
Ein Blatt meldet aus Washington, es komme wiederum eine zunehmende Ungeduld und Verstimmung Eoolidges wegen der Unaufrichtigkeit gewisser europäischer Staatsmänner in Fragen der Abrüstungskonferenz zum Ausdruck. Es heiße, Präsident Coolidge sei entschlossen, eine Konferenz in Washington zu erzwingen, wenn er nicht die schleunige Zusicherung erhalte, daß die Ration alsbald in ehrlicher Absicht zusammenkommen wollen. Es werde gesagt, daß Coolidge finanziellen Druck als Waffe benutzen werde. Wahr sei, daß Coolidge eine Konferenz in Washington wünsche und der Teilnahme an einer Konferenz in Eurova nur mit starkem Widerstreben zustimmen werde.
Dee bedrohte WeMrieve.
England tröstet und ... warnt. lEigene Dradtmelvung >
London, 9 Februar.
Zu dem deutschen Widerhall der Mussolini- rede schreibt ein diplomatischer Berichterstatter, an sehr hoher Stelle sei ihm versichert worden, daß in diesem unglückseligen Streit zwei versöhnliche Faktoren zu entvecken seien: England habe eS abgelehnt, im Zusammenhang mit der Brennergrenze irgendwelche Garantien in Locarno zu geben. Mussolinis Drohung sollte Frankreich Den überzeugenden Beweis von Deuffchlands wirksamer Entwaffnung geben. Wie berechtigt auch einige Bemerkungen Dr. HeldS fein mögen, feine Unvorsichtigkeit t)abt die Aeußerung Mussolinis hervorgerusen. Ein Satz in Mussolinis Rede rufe Aufmerksamkeit hervor, nämlich der, daß Die italienische Trikolore Über Den Brenner hinaus tiorgetraqen werden kennte Solch eine Drohung würde Die Stellungnahme des Völkerbundes erfordern, denn sie entspreche weder Dem Geiste, noch den Bestimmungen Der Bölker- bundSsatzung oder Dem von Locarno Ein Blatt bcDauert, daß Mussolini zum natürlichen Sammelpunkt aller reaktionären Kräfte geworden sei. die die Well in den Abgrund alter Feindschaft und Eifersüchteleien zurückzuziehen versuchten. In London nehme man den letzten Ausspruch Mussolinis weniger ernst als in Paris.
9er 3ar und. Lenin.
Volksbildung einst und jetzt.
Der 3er als Lehrer. — Verbotene Lektüre. Das Laub der A»atohab-trn. — Der beiliam« Schulzwang. — Im Schalle» Lenins. — Politik als Rccheneremvet. — Ei« gottloses Geschlecht.
Vor der Revolution war die Zahl der Analphabeten in Rußland erschreckend groß. Die zaristisch«! Regierung hatte einerseits alles Interesse daran, daß von ihr geknebelte Volk so unkultiviert wie nur möglich zu halten, anderer- l'Eits waren die Verlehrsverhältnisse und die für europäische Begriffe ungeheuren Entfernungen ein bedeutendes Hindernis für die Verbreitung der Volksschulen. Im Osten und Norden Rußlands lagen die Dörfer ost mehrere hundert Kilometer von einander entfernt, wie sollten da die Kinder eine Schule, dir schon aus Ersparnisgründen nur in einigen wenigen größeren Dörfern eingerichtet wurden, besuchen? ES versteht sich von selbst, daß die Schulen in den Dörfern sowie in den Städten der strengen zaristischen Zensur unterlagen. Die Kinder wurden im orthodoxen Glauben an Gott und den Popen, im übrigen nur zur Treue gegen den von Gott gesandten Zaren erzogen. Dabei war man weit davon entfernt, den Schülern auch nur die primittefsten Kenntnisse aus dem Bereich der allgemeinen Bildung beizubringen. Sogar im Lesen und Schreiben waren die Schüler der damaligen Volksschulen höchst mangelhaft ausgebildet, so daß es schon viel war. wenn sie mit Ach und Krach ihren Namen kritzeln konnten. Dafür wütete die Zensur nicht nur in der untersten Volksschule, sondern steckte ihre Nase auch in die Lehrpläne..-?- Gymnasien und sogar in das Programm der Vorlesungen der Unitier« sitätsprosessoren So konnte zum Beispiel ein Professor der Volkswirtschaft die sozialistischen Lehren von Karl Marr und Lasalle nur mit sehr vorsichtigen Worten erwähnen. Und mancher brave Polizeiinspektor hielt es für seine Pflicht, einem Professor zu verbieten, auch nur den Namen des „gottlosen Sozialisten" zu nennen. So kam eS häufig vor. daß die bedeutendsten russischen Gelehrten auf dem Gebiet der Sozial, und Rechtswissenschaften ihre Lehrstühle nach ausländischen Universitäten verlegen mußten. In den Gymnasien wurde Die russische Geschichte in merkwürdigster Weise verstümmelt. So durfte zum Beispiel
nie ein Zarenmord erwähnt
werden. Die Herren offiziellen Geschichtsschreiber mußten oft die kühnsten Eiertänze aufführen, um zum Beispiel die Ermordung der Zaren Peter UI. und Paul I. zu vertuschen. Nachdem der Zarenthron gestürzt war, entstand die wohlbe- rcchtigte Hoffnung, daß nun der Volksbildung die denkbar höchste Aufmerksamkeit geschenkt werde» würde. Heute muß man die Tatsache anerkennen. daß die Sowsetregierung diese Aufgabe seh- ernst auffaßte und mit den energischsten Mitteln an die Eröffnung von neuen Schulen in ollen Bezirken Rußlands schritt. Aus dem Lande wurden sogenannte „Stationen für die Liquidierung des Analphabetentums" eingerichtet. Die Zahl der Analphabeten ist schon jetzt gegen die Vorkriegszeit stark zursickgegangen. Die Sowietregierung hofft überdies, den allgemeinen Schulzwang im Laufe von ungefähr zehn Jahren voll durchzusübren, und verspricht, daß es in zehn Jadren in Rußland keinen einzigen Analphabeten mehr geben wird Das alles ist lobens- w?rt und stellt im Vergleich mit der Zarenzeit einen nicht zu unterschätzenden Fottschrttt dar. Leider wied-rholt die Sowjetregieruna aber viele Fehler de? gestürzten Zarensystews, vor allem in dem sie eine noch strengere Zmftir. natürlich tm kommunistischen Sinn, einaefübrt bat Bemerkenswert ist im übriqen daß das Prinzip der Erziehung sonst von Grund auf ein ganz anderes geworden ist, als eS frfi6«r war. Der Begriff .Autorität- besteht in Rußland nicht mehr. Dem Kinde wird nichts verboten sondern alles erlaubt Es soll seinen Instinkten ruhig folgen. Der Kult Lenins durchzieh» wie ein roter Foden 'edes Schulfach So werden zum Beisviel im Rechnen mit Vorlieb- Erempel von der An des lolaend-n heiqebrgchr- °enin ist da-m und dann geboren und v-nn und dann aestorb-n. wie lange bat er gelebt? Die Rechenerempel sind überhaupt ein Ding für sich. Sie sind alle im Sinn
kommunistisch-revolutionärer Propaganda verfaßt Da heißt es zum Beispiel: .Ein Pope erhält für etn-n Gottesdienst zwei Rubel. Wenn von tauseno Leuten, die eine Messe bestellen, jeder Dieses Geld für die arbeits'osen Kommunisten Europas opfern würde, wie viel K-mmunt- ften könnten dann eine Unterstützung bekommen, falls jeder fünfzehn Rubel erhielte?" Over: „Ein Schieber hat so und so viel Waren für drei Rubel pro Kilo gekauft und verkauft sie den Bauen! für fünf Rubel pro Kilo Wie viel wird dieser