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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

£ie Kaneui »ieueften Stachrichien crittietnen wvcbrniUld fetbsmat nacbmtuaae. Der »bgnnementepretB beträgi für hen Monai 2. Mk. bei freier «ufteUunn >nS 0auS, in der 0>efd)äft8fteUe abaeboli Durch die Poft ctonatli* 2.00 Stf. ausichlieftiich tiukiellungsoebftbr Verlas und Redaktion Schlachiboiftratze 2b/8(i. fVernfpretber 961 und 062. Rür unnerlanoi eingefonbte Veirrüae kann die Re- rakkion eine Berantworfuna ober (Seroübr in keinem stalle (tbernebmen. Rück» des VezuaSaelde» ober Wnfprücbe weaen etrooiaer nicht ordnunasmSftiaer VieferUno *# ettRaefchlofien. Voftschestkonto strankturt a. Main Nummer 8380

Hessische Abendzeitung

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SUltIlttnCr 8. Einzelnummer 10 Ps Sonnlags 15 Pf.

Freitag, 8. Januar 1926

Einzelnummer 10 Pf Sonntags 1L Pf. 16. JaHkgaitg

Regierung der Mitte oder Große Koalition?

Llebertpannte Saiten

Deutsche als Opfer des FasziSmuS.

Bon Dr. Paul Rohrbach.

Mussolinis ursprüngliches Ziel war die Zu­rückgewinnung der italienischen Arbeiterschaft für den .nationalen", d. h. den Kriegsgedanken. Hierum hat er sich ein sicheres Verdienst erwor­ben, wenn auch das Meiste nicht durch ihn, son­dern durch das Nachlasse« der kriegerischen Kraft der Mittelmächte seit dem Sommer 1918 geschah. Die eigentliche LMung des Faszismus war erst die Niederwerflmg deS beginnenden kommunistisch-bolschewistischen Terrors im Herbst 1920. Nach diesem Sieg entfaltete sich die Idee des Faszismus zu dem Programm der Be- seitigung des national unfruchtbaren parlamen­tarischen Partei- und Clianenwesens und de- Verwandlung des ganzen Volkes in eine einzige geschlossene .Partei der nationalen Grütze Ita­liens". Und nach dem berühmten »Mars« aus Rom" war Mussolini kaktisch Diktator und stand nun vor der Aufgabe, im Besitze der Macht mit einer wirklichen Regeneration Italiens zu beginnen. ~ ,

lieber dieser Aufgabe aber ist es zur Krise des Faszismus gekommen, und es hat nicht den Anschein, als ob eine befriedigende Lösung er­folgen wird. Die Faszisten, die zuerst eine ent» schlosserte, von einer großen Idee leidenschaftlich bewegte Minderheit waren, und dann, glänzend geführt, durch eine der Sozialdemokratie klug nachgeahmte Organisation in den Besitz der Staatsmacht gelangten, sind heute eine Riesen­partei, die ihre Reihen durch höchst gewaltsame Zwangs- und Druckmittel immer weiter füllt, jede Opposition, auch die anständige und aesinnungstreue, niederknüppelt, ihre Anhänger auch dort deckt, wo sie Mord und Tot­schlag üben, und zu ihren Gunsten über alle ein­träglichen Aemter und Stellen als selbstverständ­liche Beute verfügt! Damit ist dem Faszismus der gefährliche Stempel der Brutalität und der Korruption ausgeprägt, obwohl er am Ansang ohne Zweifel eine Bewegung von starker geisti­ger Kraft war, die ihre Anhänger mit einer leidenschaftlichen inneren Hingabe erfüllte. Die­sen Charakter konnte er aber nur so lange be­wahren, wie er ein deutliches ideales Kampfziel vor sich sah. Aeußerlich ist dies Ziel, die Be­herrschung des Staates, erreicht, aber nun fragt sich, was weiter geschehen soll. Im Grunde müßte man die große moralische Reformarbeit beginnen, von der auf der Höhe der Begeisterung so viel die Rede war. Statt dessen aber erschei­nen neue äußere Kampfziele, und zwar sehr unklare und sehr gefährliche.

Mussolini hat neulich in der Kammer daS .^Jahrhundert der italienischen Machtentfaltung" verkündet. Es ist aber nicht recht zu sehen, wo- hin sich diese Entfaltung richten soll. Wollte sie auf die Ballanhalbinsel Vorstoßen, so Würde das die Gefahr eines europäischen Brandes bedeu­ten. Die Türkei ist Manns genug, Eroberungs­versuchen ein blutiges Halt zu gebieten. Tunis könnte ein zweites Italien jenseits deS Meeres werden aber dazu hätten die Italiener im Weltkrieg die Seite der Mittelmächte und nicht die der Entente wählen müssen. Auch Corsika, Sa und Savoyen gehören zu Frankreich.

en die Faszisten Krieg mit den Franzosen? Schwerlich, auch wenn sie mit noch so großem Getöse nach Mussolinis letzter Rede in Mailand Rach Paris!" riefen. Als das einzige Objekt für faszistifche Gewaltpolitik ist Tirol übrig geblieben. Die Leiden der unglücklichen Süd­tiroler deutschen Volks rufen zum Himmel. Kin­der werden durch ihre Lehrer gezwungen, ihre Eltern, unwissenderweise, zu bespitzeln. Man will sie nötigen, Haß- und Schandlieder gegen Oesterreich und gegen ihr Deutschtum zu singen. Polizei bricht ins HauS, wo die Mutter ihre Kleinen Deutsch lesen lehrt und konfisziert Fi- beln und Schiefertafeln. Deutsch-Tiroler Krie­gergräber werden geschändet, Grabdenkmäler zerschlagen, eine surchtbare Tyrannei im Gericht, in der Verwaltung, in Schule und Kir­che, eine völlige Knebelung und Ausrot­tung der deutschen Presse, des deutschen Buchs, des deutschen Siebes legt sich bleiern auf die Be­völkerung. Es ist, als ob das Bedürfnis des gesamten Faszismus, in einer Orgie von Ge- walt zu schwelgt», sich aus daS kleine wehrlose voll stürzt, um in ihm die Wonne des Wür­gens zu costen.

Dieser Geist des Faszismus bedeutet die Li­quidation des Empfindens für wirkliche natio­nale Ehre und Kultur. Für nationale Ehre: Italien hatte durch den Mund seiner verant­wortlichen Staatsmänner und seines Königs Achtung vor dem Südtiroler Deutschtum feier- lich gelobt. Für Kultur: Zerstörungsarbeit am geistigen Gut eines tapferen und treuen Volls- stammes ist immer barbarisch. Die faszisti­

schen Zeitungen erklären offen, nicht nur Süd­tirol, sondern auch Nordtirol muß italienisch werden. Das Tiroler Volk aber hält aus. Als eine Lehrerin in einer italienischen Zwangs­schule einem Jungen zur Strafe für Deutsch­sprechen eine italienische Fahne hinhielt und ihn vergeblich zwingen wollte, sie zu küssen, rief die helle Stimme der kleinen Schwester: Tu'S Grün weg dann wird er sie schon busserln! (Rot-weiß sind die Tiroler Farben). Auch die saszistischen Bäume werden nicht in den Himmel wachsen.

Wer die Wahl hat...

Regierung der Mitte oder große Koalition?

(Eigene D»ahtmeldung.)

Berlin, 7. Januar.

Infolge der heutigen Rückkehr des Reichs- kanSers Dr. Luther, kommen die Blätter auf die Regierungsbildung zurück. Stresemanns Par­teiblatt schreibt: Nachdem die Mission Dr. Kochs gescheitert ist und in der Zwischenzeit die da­malige Haltung der Sozialdemokratie sich eher noch verschärft hat, wird man annehmen können, daß der Auftrag zur Regierungsbildung Dr. Luther erteilt wird, der nur noch den Versuch machen kann, die Mittelparteien zu einer Regie­rungskoalition zusammenzuschweißen. Im Ge­gensatz zu dieser Auffassung hält das Zentrums­organ die große Koalition noch nicht für erledigt und weist die Sozialdemokratie daraus hin, daß diese die Wahl habe, zwisckten staats und patteipolitischer Taktik, zwischen Einfluß und Einflutzlosigkeit. Jedenfalls werde das Zentrum erneut verlangen, daß die große Koa­lition geschaffen werde, wenn diese nicht zustan- dekommen sollte, so sei Unmöglich, daß das Zen­trum eine Regierung unterstützt, die auf den gu­ten Willen und die Duldung der Deutschnafto- nalen angewiesen ist, und eine Minderheitsre­gierung der Mitte könne nur eine Regierung unter deutschnationalem Einfluß bedeuten.

Stresemann... und Wilson.

Ein abgelehnter Ehrenpreis.

(Prtvat-Telegramm.)

auch in den Kleinhandelspreisen für die breiten Massen der Verbraucher zum Ausdruck komme.

Alle Welt soll es hören.

Die Presse als Sprachrohr Südtirols.

(Eigener Drahtbericht.)

Jnsbruck, 7. Januar.

Der italienische Generalkonsul in JnSbruck legte beim Tiroler Landeshauptmann Be­schwerde gegen den feindseligen Ton der Nord­tiroler Presse gegenüber Jiauen ein. Die Preffe- tiettretcr Nordtirols legten Verwahrung gegen die italienische Beschwerde ein, wiesen einmütig auf die nationale Bedrückung der Deutsch« Südtirols hin und erklärten eS alS ihre Pflich die Gewalttaten in Südtirol überall h'r zu verbreiten. Auch die Postangestellten Nord tirols drohen mit Repressalien gegen Italien

Lernt von den Deutschen!

Roch ein Vorschlag zur Frankenrettung.

(Eigene Drahtmelduna.f

Paris, 7. Januar.

In einem Presseartikel wird als Mittel zur Stabilisierung des Franken vorgeschlagen, in Frankreich den Reunstundentag einzufüh­ren. Wenn die französischen Arbeiter diesen Vorschlag annähmen, würden sie nur dem Bei­spiel der deutschen Arbeiter folgen, die sogar zwei Stun»en Ueberarbeit für den Wiederaufbau des Vaterlandes leisteten.

AuchTschangtsolin dankt ab?

ST-.eiüi als Retter der Demokratie.

(Durch Funksprvch.t

Tokio, 7. Januar.

Rach amtlich noch nickt bestätigten Blätter­meldungen ans Mulden bereitet sich der Mili­tärgouverneur der Mandschurei Tschangtsolin zum Rücktritt vor. Man glaubt zu wissen, daß Wupeifu in einem Rundschreiben alle Militär­gouverneure aufgesordert hat, Verfassung und Demokratie zu unterstützen und auf eine Mili- tärhcrrschast zu verzichten.

Berlin, 7. Januar.

Ein Blatt meldet aus NewNork, daß die Ver­walter der Wilson-Stiftung beschlossen haben, den siir eine Kultur-Tat ausgesetzten Preis für das Jahr 1925 nicht zu verteilen. Ursprünglich sollten Chamberlain, Briand und Stresemann sich in den Preis für den Loearnopakt teilen. Dr. Stresemann habe jedoch die Annahme des Wilsonpreises abgelehnt. Ein ähnlicher Be­scheid wie Dr. Stresemann dürste auch von den übrigen Preisträgern erteilt fein.

FünffaGeErwerbölosenMe. Was bei Notstandsarbeiten gewahrt werden soll.

(Pri Vat-Telearamm.i

Berlin, 7. Januar.

Zu der Nachricht über Besprechungen im Reichsarbeitsministerium mit Vertretern der Länder über Erwerbslofenfragen weiß eine Ber­liner Korrespondenz zu melden, daß der ReichS- arbeitsmlnister in einem Runderlaß an die Län­der angekündigt habe, bei Notstandsarbeiten in Zukunft pro Kopf der Erwerbslosen daS Fünf­fache deS in der Gemeinde geltenden Satzes der Erwerbskosenunterstützung zu bewilligen. Die Reichszuschüsse würden weiter alS Darlehn ge­währt werden mit 5 Prozent Zinsen und rück­zahlbar nach zehn Jahren. (Siehe auch 2. Seite.)

*

Dao Handwerk in der Preisabbaufront

Berlin, 7. Januar. (Eigene Drahtmeldung.) Der Handwerkerverband hat zu einer Bollver- sammlung zum nächsten Dienstag nach Berlin zur Stellungnahme gegenüber der PreiSsen- kungsaktion de» Reichsregierung und dem betm Reichswirtschaftsrat liegenden Gesetzentwurf zur Förderung deS Preisabbaus eingeloben.

*

Dir Mirtschaftslawrnr rollt

Berlin, 7. Januar. (Privattekegramm.) Laut Statistik wurden im Dezember 1660 neue Konkurse ohne die abgelehnten Anträge auf Konkurseröffnung und 1388 Geschäfts aus- ichten bekanntgegeben. Die entsprechenden Zah­len für den Vormonat sind 1344 bejto. 967.

*

Mrd Schweinefleisch billiger i

Berlin, 7. Januar. (Privatelegramm.) Am gestrigen Berliner Schwel ne markt fiel der PreiS von einem Pfund Lebendgewicht für die erste Klasse von 100 auf 85 Pfg. Man rechnet damit daß der Preis für Schweine in nächster Zeit weiter fallen werde und daß dies

Alks oder nichts.

Wie die Türkei mit England unterhandeln will.

(Eigener Drahtbertcht.)

London, 7. Januar.

Ein Blatt meldet auS Angora: Der ehemalige Außenminister und fetzige Parlaments Mäsi- dent Schükri Kaja Bey, erNSrte in einer Unter­redung, die türlifche Regierung fei bereit, über Mofful zu verhandeln. Ein Berkaus ober eine Verpfändung des Mossulgebletes gegen Ge­währung einer Anleihe komme nicht in Betracht Die Regelung müsse sich vielmehr auf territoriale Zugeständnisse Großbritanniens gründen. Klei­nere Berichtigungen seien nicht annehmbar.

v ein abgekartetes Spiel

London, 7. Januar. (Durch Funkspruch.) Berichten auS der Türkei zufolge sind die Tür­ken davon überzeugt, daß bei der Zusammen­kunft zwischen Chamberlain und Jouvenel in London ein endgültiges Abkommen zwischen den beiden Mächten übe den nahen Osten ein­schließlich Mossul ztrstandegekommen ist.

($fn zweiter Mussolini.

Pangalos beteuert feine Friedenspolitik.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 7. Januar.

General PangaloS erklärte in einer Botschaft die wichtigsten Ursachen seines Beschlusses sei die Notwendigkeit, einen Schlag gegen die ernste kommunistische Propaganda zu führen. Die griechische Außenpolitik werde unverändert blei­ben. Er denke nickst an die Aenderung der Hal- tunfl oder der Verpflichtungen Griechenlands alS Mitglied des Völkerbundes. Die Regierung verlasse sich nicht nur auf die Armee, sondern auf das Vertrauen der großen Mehrheit deS Volkes Sein Ziel fei eine Rückkehr zum gesunden par- lamentarischen Leben mittels freier Wahlen.

Der eiserne Besen.

Athen, 7. Januar. (Funktelegramm.) Die ertfie Sparmaßnahme von General Pangalow bestand in der Abschaffung deS Ministeriums für dir soziale Fürsorge und deS nationalen Ministertums, fptote in der Entlassung über­flüssiger Zivilbeamter. In Zukunft wird von allen Ausländern eine E i n rei festeu er von ein bis zwei Pfund Sterling erhoben werden Ferner beabsichtigt General Pangalow, die Mönchsorden aufzuheben. Alle Mönch? unter ftznfzig Jahren sollen in das bürgerliche Leben zurückkehren, neue nicht mehr zugelassen werden. Später fallen die Klöster dem Staat zu.

Das eifern? Werd.

Verdrängung deS HauStierS durch die Technik. Die Technik, die beute schon Millionen non Hammerlchiägea durch eijerne Maschiueusäutze in Bruchteile» von Sekunden ersetzt, bat auch die Arbeit unseres edelsten Haustiers in ftei» sendem Matze an sich aerisien. Unser Mit­arbeiter schreibt darüber ». a. daS Folgende:

Die pferdelose Straßeneisenbahn, der pferde- lofe OmnibuS, die pferdelose Equipage und der pferdelose Lastwagen sind seit drei Jahrzehnten zu einer absoluten Selbstverständlichkeit gewor-- den. In den letzten Jahren ist die Technik noch einen Schritt weiter gegangen und erfand den Traktor, daS eiserne Pferd, daS Pferd, daS nur dann feinen Hafer in diesem Falle Ben­zin zu sich nimmt, wenn es tatsächlich arbei­tet, und das in dem Augenblick so gut wie gar nichts kostet, wenn eS in dem Stall steht, der in seinem Falle Garage heißt. In Berlin gehört das eiserne Pferd zwar noch zu den Sonder­barkeiten und in Hamburg oder Breslau und Leipzig ebenfalls. In den Großstädten des We­stens, des besetzten Gebietes» dagegen hüpfen die eisernen Pferde beinahe massenhaftwie Flöhe" über das Straßenpflaster. Und die Zelt ist nicht mehr fern, wo man sich in Berlin am Potsdamer Platz nicht nur den Verkehrsturm mit demOberkieker" zeigen wird, sondern mit erstauntem Auge auch einem Wagen folgen wird, dernoch" von Pferden über den Platz gezogen wird.

Der deutsche Mensch steht diesem unaufhalt­samen Zivilisationsprozeß mit offenbarer Trauer zu. Spricht man heute mit einem hannoverschen Bauern über Pferde­zucht, dann wird der sonst wortkarge Mann so gesprächig, daß sein Redestrom überhaupt nicht zu hemmen ist. Aus der bewegten Stimme die- ser Bauern spricht dann nicht nur die Sorge um die Lähmung seiner Einkommensmöglichkei- ten, sondern auch eine gewisse Bestürzung über die Unerbittlichkeit der Kulturent­wicklung, die ihm seinen größten Stolz, sein Pferd, zu rauben droht. Gerade bei den Nie­dersachsen war daS Pferd ein Teil veS religiö­sen Kultes, und die roten Ziegelhäuser mit den wettergrauen Strohdächern, den grünen oder blauen HauS» und Scheunentoren unter den hohen Eicken tragen ja noch heute oben an dem Giebel die sich kreuzenden hölzernen Pferde­köpfe. Einmal werden sie gewiß nur noch ge­schichtliche Bedeutung haben. Aber heute steht das Pferd noch in jedem Bauernhause, und auf den Weidegründen Ostpreußens und Mecklen­burgs steht man Immer noch die Pferdemütter mit den ihnen nachhoppelnden Fohlen. Die Ueberwindung des Pferdes kann ja doch nur in sehr langsamen Schritten erfolgen, wenn auch in den großen Städten Deutschlands das Pferd sehr bald aussterben wird. Die alten braven Droschkenkutscher lassen den Kopf hän­gen. Sie wissen, daß ihre Zeit vorbei ift Alle die besorgten alten Damen, die stch noch immer nicht zum Auto entschließen können, weil es so rasch geht und sie doch fo viel Zeit haben, sterben auS, und die Liebespaare, die ebenfalls viel Zeit haben und sich durch Parks uno Stadtwälder spazieren fahren lassen, stnd auch fast restlos in die Autos abgewandert. Hamburg hat sogar den letzten Droschkenkutscher bereits alsknltur- widrig" undverkehrshindernd" verabschiedet, und dieses Beispiel wird in anderen verkehrs­bewegten Städten sehr bald nachgeahmt werden.

Aus dem flachen Lande vollzieht sich die Ueberwindung des Pferdes aber be- reits viel langfamer. und in den zivilisatorisch weniger fortgeschrittenen Ländern Europas und der anderen Erdteile steht das Pferd in feiner Unentbehrlichkeit sogar noch turmhoch über den neuesten Fortschritten der Technik. In diesen Ländernin erster Linie Rußland und die Balkan sta ate n und Welter die Länder des nahen OstenS beneidet man Deutschland um fein hochkultivierter Pferd und ist gern geneigt, massenhaft Arbeitspferde, aber auch Zuchtmate­rial aufzunehmen, um den mit der steigenden Kultur hier steigenden Pferdebedarf zu decken. Vor einiger Zeit hatte ich eine Unterhaltung mit dem Leiter der landwirtschaftlichen Konzes­sion Krupps in Rußland Über die Verwendung von Maschinen und Tieren in der russischen Landwirtschaft. Mir wur- de dabei unter anderem erzählt, daß die Ma­schine in Rußland dem Pferd durchaus nicht im­mer überlegen ist, ja daß man zum Pferdeerfatz durch Ochsen und Stiere greifen mußte, und endlich sogar, daß stch als das zuverlässigste Pferd" dort das Kamel erwiesen hat. Rutz- land fordert dann nicht auch nur Traktoren in größtem Stil an, sondern entsendet seine Aus- käufer auch In daS Ausland zum Erwerb von zahlreichen gut gezüchteten Pferden. Hier ist das neue Absatzgebiet, das Deutschland