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Kasseler Neueste Nachrichten
Sechzehnter Jahrgang.
1. Beilage
Freitag, 1. Januar i92„.
Aus aller Weit
ÄrouenvueN auf Storfüo.
In bei Hauptstrabe von Bastiae (Korsika) spielte sich ein aufsehenerregender Vorfall ab, der selbst für korsikanische Verhältnisse außergewöhnlich ist. Zwei Frauen, die mir Revolvern bewaffnet waren, schossen am hellichten Tage auseinander, die eine davon wurde tödlich verletzt. Die Vorgeschichte dieses Frauenduells ist folgende: Eine Frau namens Bertonciny war mit ihren vier Kindern von ihrem Gatten verlassen worden. Dieser lebte mit einer gewissen Giova- nctti zusammen. Die Giovanetii belästigte wiederholt die Gattin ihres Geliebten und bedrohte sie, wenn sie sich an ihren Mann wandte, um von ihm für sich und ihre Kinder Geld zu erhalten. Tie Streitigkeiten der beiden Frauen waren wiederholt in Tätlichkeiten ausgeartet, und als einmal die Giovanetii die Bertonciny mit einem Revolver bedrohte, schaffte sich diese gleichfalls eine Schießwasfe an. Run trafen die beiden Frauen tn der Hauptstraße aufeinander. Sie beschimpften sich, und als die Giovanetii ihre Waffe hervorzog. schoß die Bertonciny sogleich auf ihre Rivalin Die Giovanetti gab gleichfalls einen schütz ab, der jedoch fehl ging. Tie Kugel drang in das Erdgeschoß eines Hauses ein und hätte beinahe großes Unheil angerichtet. Man brachte die Giovanetti zur Polizei, wo sie nach wenigen Minuten starb.
Eine großzügige Entschädigung.
In einem Büro des französischen Ministeriums für die befreiten Gebiete ist ein Großindustrieller aus dem Norden Frankreichs wegen versuchter Beamtenbestechung verhaftet worden. Der Betreffende hatte zu hohe Kriegsfchaocn- ansprüche angemeldet und fürchtete scheinbar, daß er deswegen vom Staate gerichtlich verfolgt werden würde. Er erschien daher im Ministerium und erklärte zu einem hohen Beamten: „Ich wünsche eine schnelle Revision meiner Kriegsschadenansprüche, die bereits von aaji auf sechs Millionen Francs herabgesetzt worden sind. Sie werden mich schon verstehen Ich biete Ihnen 50 000 Francs an und überrcieche Ihnen hiermit schon im voraus 1000 Franks." In diesem Augenblick öffneten sich die beiden Türen eines Wandschrankes unb heraus traten zwei Kriminalbeamte, die den verblüfften Industriellen kurzerhand verhafteten.
V
<srüfin Boihmer als Filmdiva.
Die Gräfin Bothmer ist durch die Prozeßaufregungen derart mürbe geworden, daß sie nicht mehr imstande tft, den Scheidungskampf in ihrer eigenen Wohnung weiterzuführen. Sie hat sich daher entschlofien, gegen die einstweilige Verfügung des Grafen, die ihr das Betreten der bisherigen ehelichen Wohnung in Potsdam verbietet, ihren Einspruch zuriickzuziehen. Frau von Bothmer ist darum zu tun, so schnell wie möglich die Scheidung herbeizuführen. Dabei klagt sie allerdings gegen ihren Mann auf Herausgabe der ihr zustehenden Möbel Der Graf zahlt augenblicklich eine Unterhaltssumme von nur 100 Mark monatlich Die Gräfin hat daher den Filmantrag einer großen Filmgesellschaft annehmen müssen.
* Mit der Heugabel erstochen. Unter den Arbeitern eines Gutes bei Gutenfeld in Ostpreußen entstand ein Streit, bei dem ein Arbeiter so schwer verletzt wurde, daß er bewußtlos zusammenbrach Ein anderer Arbeiter, der ihm zu Hilfe eilte, wurde durch einen Stich mit der Heugabel getötet.
* Wunderbare Rettung. Bei Flisserau im oberen Jnn'al ging em Felssturz moder und zertrümmerte das Dach einer Wohnbaracke Tie Bewohner blieben wunderbarerweise unverletzt.
* Haarmanns Helfer vor den Geschworenen. Die Sckwurgerichtsverhandliing in Hannover gegen den Kaufmann Hans Grans, dn Helfershelfer des Hingerichteten Maskenmörders Fritz Haarmann, ist auf den 12. Januar festgesetzt.
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Das Jahr stirbt von
Hans cSäsgen.
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Das Jahr stirbt wie ein alter Mann, Der weise lächelt dann und wann. Der unsre Hände leise greift. Indes sein Blick ins weite schweift. Sein Mund die milden Worte spricht: „Nun, freunde, klagt und weinet nicht. Ich habe Freud' und Leid empfunden. Sah lichte und auch dunkle Stunden, Sah Menschen kommen und vergehn Und glaubte an ein Wiedersehn. Nun kommt das neue, junge Iahr Mit Hellen Augen, licht und klar, Ihr werdet freudig es empfangen. Seht Rosen nur auf seinen Wangen. Doch werden wenig Monde schwinden, Go werdet grübelnd Ihr empfinden: Es ist die gleiche, alte weise. Es ist die gleiche, bunte Reise Mit Sonnenschein und Regenguß, Und eines Tages kommt der Schluß: Lin altes Iahr zum Schlummer geht, Lin neues Iahr licht aufersteht."
Das Iahr ist nur ein Bild des Lebens. Dec weise grübelt nicht vergebens. Nimmt Regen, Sonne wie das Land Als ein Geschenk aus Gottes Hand Als milde, gnadenvolle Gaben, Für die wir still ;u danken haben.
Vothanblungsvorsitzender ist Landzerichtsbirek- tor Di. Böclelmann, ber auch ben Prozeß gegen Haarmann selbst leitete. Auch bie Anklage wirb von demselben Staatsanwalt, Tr. Wagenschic- fer, vertreten, -er bereits gegen Haarmann am- ,
tierte. Als Verteidiger ist Rechtsanwalt Dr.. Teich bestellt. Die Verhanblung wirb etwa Brei bis j
vier Tage dauern.
* Eine ÄinbertragBbic. Bei einem Arzt in Travemünde wurde ein 12jähriger Knabe eingeliefert, ber starte Würgemale am Hals hatte ,
und bald barauf starb. Nach längerem Leugnen gab bie Mutter des Kindes zu, baß sich ber Junge erhängt habe, weil sie nicht mit ihm ins
Kino gehen wollte.
* Kleinkrieg an der Grenze. In Villnös (SubtiicI) hatten unbekannte Täter in ber Kanzlei des dort stationierten italienischen Mi- |
litärs bie Fenster eingeworfen. Die Italiener nahmen aufs Geratewohl zwölf Einwohner fest und behielten sie acht Tage in Hast. Einer ber Festaenonunenen wurde von ben italienischen Soldaten so mißhandelt, daß er ein Auge unb vorübergehend das Gehör verlor.
* Neue Opfer ber Kältewelle in Amerika. Tie Kälte in Amerika hält an. Die Zahl ber Todesopfer ist auf 50 gestiegen. Hunderte von Personen wurden Krankenhäusern eingeliefert.
* Sturmfahrt des „Albert Ballin". Infolge eines surchtbaren Stunncs ist der Hapagdampfer ..Albert Ballin" mit 24ftünbiger Verspätung in Newyork eino.troffen. Der Kavitän mußte 26 Stunden auf her Kommandobrücke stehen. Bei seiner Ankunft war ber Dampfer an seinen Außenwänben völlig vereist.
* Ein verzweifelter Räuber. In der Wohnung eines Beamten in Berlin überfiel ein junger Mann bie Frau bes Beamten, riß sie zu Boden unb würgte sie. Die Frau setzte sich kräftig zur Wehr und schrie laut um Hilfe Nun eilten .^a"<?bcwobner biin" bie in bie Wohnung eindrangen unb die Frau befreiten. Dem iugendlic! en Räuber gelang es zu entfliehen. Als er sah, baß ein Entkommen unmöglich fei, rannte er in ein Haus unb schoß sich eine Kugel in ben Kopf. ,
* Skandal in der russischen fiirtf’» Der Bischof Leonty aus Nischnij-Nowgorob kRußland) wurde vom Moskauer Sowjet-Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war beimlich verheiratet und hatte f:ine Frau, als die Ehe bekannt wurde, vergiftet, um nicht in feiner Stellung gefährdet zu fein.
• Piraten an ber Arbeit. Der von Schanghai nach Tientsin bestimmte Tamvfer „Tung- chcw", ber chinesisch n Dampfschiffahrtsgesell- schaft gehörig, würbe von Piraten gekapert.
• Maskierte Mörder in einem Schlosse. Auf dem Schlosse N klu in Schlesien, bas bem Fürsten Donnersmarck gehört, erschossen zwei maskierte Räuber den Schloßwächter unb entkamen, ohne eine Spur zu hinterlassen.
* Glückliche Erben In Nenstabt a. d. Haardt versantmelten sich kürzlich etwa 50 Angehörige ber Kreise, bie an ber hollänbischen Erbschaft des Abmirals Metzger von Weibnon (Baron v. Wendenent inteteffteri sind. Die Erbschaft soll sieben Millionen betrogen. Die Oeffentlich- keit hatte zu dieser Versammlung keinen Zutritt.
* Ter Berlobungsring im Herzen. Ein Mäbriger Privatbeamter aus Westpreußen machte seinem Leben auf eine wohl bisher kaum bagetoefene Art ein Ende. Seine Braut hatte ihm ben Verlobungsring mit einem Absagebrief zurückgeschickt. Aus Schmerz darüber beschloß er zu sterben. Er lud in eine alte Pistole großen Kalibers außer ber Kugel auch ben goldenen Berlobungsring Dann schoß er sich in bie Brust unb starb mit bem Verlobungsring in seinem Herzen auf ber Stelle.
* Ei» frommer Scknvindel. Der frühere Bankier unb Inhaber eines Verkehrsbüros in Wien. Georg Schieber, wurde aus Ersuchen der Münchener Staatsanwaltschaft verhaftet. Er hatte vielen armen Leuten Geld unter dem Vorwand abgeschwindelt, daß er mit ihnen im Sommer eine gemeinsame Pilgerfahrt nach Rom veranstalten wolle.
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32> Roman von Hans Schutze.
Erst als an bet Kreuzung ber Speyerer Straße ein Autoführer kaum noch im letzten Augenblick seinen Wage» vor ihm zur Seite reißen tonnte, kehrte langsam das Bewußtsein ber Wirklichkeit zurück.
Dann saß er in bem Vorgarten eines Loses unb ließ sich ein paar Zeitungen geben.
Der Abend sank langfam tn rie blaue Werte des Bayerischen Platzes, und das Licht ber fei’ denüversptunten Glühlampen begann einen stillen Kamps mit der wunderbaren Halbbäntme- tung des scheidenden Tages.
Zwei Tiscke von »hm entfernt hatte em junges Puar Platz genommen
.Irgendein J,ng j„ beut Gesicht ber Dante gemahnte ihn auf einmal an Marion be l'Lrme.
Marion.'
In dem Wirbel ber Ereignisse des letzten Tages hate er ja ganz vergessen, bei Landge« richtsrat Korn nach dem Stande des Prozesses vorzusprechen, vielleicht war es aber heute abend noch möglich, wenigstens der alten Marinki Habhast -u werden und von ihr Näheres über das Schicksal ihrer jungen Herrin in Erfahrung zu bringen
Die Wohnung Marions befand sich der vor- gentdlen Stunde entsprechend bereits tn verschärftem Belagerungszustand, und es bedurfte cr't mehrfachen Klingelns unb Klopfens und längerer diplomatischer Verhandlungen, ehe sich Marinko zur Aufhebung ber Türfperre entschließen konnte
Dann aber staub Dr. Hardt in dem bleu» seidenen Salon unb klopfte ber alten Tschechin freundlich auf die Schulter.
Marinka, die bereits wieder die große Triü
ncuschleuse gezogen hatte, stchr fickt mit ber Schürze über bie Augen.
„Gott sei Tank." sagte sie schluchzend, „daß ber Herr Doktor heute noch einmal heranfgekommen ist. Ich bin ja nachmittag in Moabit gewesen. Fräulein Marion liegt noch auf der Ktankemib- teilung Sie iah zum Erbarmen aus, wie 'ne Le'che. Sie bat ja noch keinen Bissen gegessen, feil man sie bort eingesperrt hat!"
Dr Hardt atmete erleichtert auf.
„Wissen Sie vielleicht, Marinka, ob Ihr Fräulein sioon wieder einmal vom Herrn Unter» suckmngsrichter vernommen ifttr"
Die Alte schüttelte ben Kops
.Rein, Herr Doktor, das ist vorläufig ganz unmöglich. Wie mir auch die Schwester sagte. FränleinMarion bekommt ja immer gleich die Krampte, toenn sie nur bas Wort Gericht hört Unb dazu noch das neueste Unglück!" stammelte sie. abermals in Tränen ausbrechenb
»Ein neues Unlgück? WaS meinen Sie denn bamt, Marnka?"
„Fräulkin hatte mich beim Abschied gebeten, bie Schmucksacven. bie sie in ihrem Nachttischchen liegen gelassen bäte, in bem Geheimschtank des Schlaszimers gut 31t verschließen Als ich mich bann zu Hanse forort baritber hermachen wollte, war das Nachtttschchcn leer unb auch ber Schrank vollständig ausgeräumt Ter ganze Schmuck ist weg. Sill' die Brillanten unb Perlen, bie ihr der Amerikaner in ber letzten Zeit geschenkt hat! Unb bas hat niemand anders getan als die falsche Person, die Hedwig'" schloß sie mit zornbe- benber Stimme. »Nur sie unb ich wußten, wo Fräulein Marion ben Schrankschlüssel verwahrte!"
Dr. Hardt riß sich mit einem jähen Ruck in die Höhe.
Eine blendende Helle flutete ans einmal durch sein Bewußtsein.
Mit beiden Händen packte er die Alte krampfhaft bei den Schultern.
»Nehmen Sie ein Tuch ober einen Mantel
um, Marianka, unb kommen Sie mit mir zur Polizei. Der Diebstahl muß sofort gemelbet Hierbei!'
»Gott sei Dank'"
Jetzt endlich war ber Bann gebrochen unb die Handhabe gesunden, wie er sich ber beiden Verbrecher versichern kannte.
Tas Schicksal hatte ihm selbst noch einmal ben Weg gewiesen
Nun mochte ber letzte Akt des Dramas beginnen !--
XVIII.
Endlos brandete bie See gegen ben Ring des Strandes, und ber Sturm brüllte wie ein entfesseltes Raubtier über ber ungeheuren Wasser- wüste.
Ein mißfarbenes Gewölk hing in dicken Ne- belschwaden an bem niedrigen Htmmel.
Wie ein in Schutt zerfallenes Gebirge dehnte sich die grauweiße Kette ber Dünen in ben reg« nerifdicn Abend hinaus unb fdimmcrte in geb ftrbaftcr Grelle, wenn bie faufenben Lichthiebe des Leuchtfeuers von ©elbenfanbe über Land unb Meer dahinfegten--
In dem Hinterstübchen ber kleinen Schifferkneipe zum „Blanken Stüber" an ber Hafenmoke be Ftscherbörfchens Alt-Warin saß Dr. Hardt mit einem untersetzten Herrn von getva[tigern Sckmlterbau und entschlossenem Kesichtsausbruck bei einem bambfenben Glase Grog.
Der Regen peitschte zuweilen wie Kleinge- w-chrseuer auf ben Blechbeschlag der Fensterbretter unb der Wmb rumorte gewaltig in bem uralten pechschwarzen Ofen.
Dafür aber war es in bem kajütenhaft-engen Raunte um to anheimelnder unb gemütlicher.
Rmasnm auf dem Paneel ber getäfelten Wände stand unb lag allerlei bunter Krimskram, ein vertrocknetes, kleines Krokodil, eine japant- sche Ichauspielermaske, wtinderlich geformte Muscheln ans bet Südsee unb was Matrosen
sonst tnch von ihren Reisen heimzubrmgen pflegen.
Dr. Hardt war tags zuvor in Begleitung des Kriminalkommissars Schneider in einem Segelboote von Warnemünde nach Mt-Warin ber» übergekommen und hatte mit ihm im Oberstock des „Blanken Stüter“ Wohnung genommen, der während ber Sommermonate an Feriengaste des aufstehenden, kleinen Badeortes vr- mietet wurde.
Der Film „Der Mann ber sich verkauft" läuft ab 1. Januar tn den ..Chassalla-Lichtspie- len“. Unsere Leser seien auf diese Veranstaltung ganz besonders aufmerksam gemacht.
(Fortsetzung folgt.)
Angewandte Zitate.
Aus der Vergangenheit für die Gegenwart.
Von
Gustav WentzelL
Kasseler Schwimmbad: »Genieße, was dir Gott besckicden. entbehre gern, toa8 du nicht hast!" (Gellert).
Die Fußgänger der Drahtbrücke: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten." i Goethe).
Im Strudel des Verkehrs: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr." (Goethe).
Beleuchtung auf bem oberen Müncheberg: „Weil auf mir, du dunkles Auge, übe deine ganze Macht, ernste, milde, träumerische unergründlich süße Nacht." (Lenau).
Fehlende Bedürfnishäuschen: „Man ist im einsamsten Lande nicht so einsam, als in einer großen Stadt." (Bismarck.)
VerkehrSwünsche der Bewohner des Münchebergs: „Der Worte find «enu» gewechselt, laßt mich auch endlich Taten lehn. (Goethe).