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Freitag 1. Januar 1986.

Vorstehl. Nicht ohne Schauder greift des Men- scheu Hand in des Geschicks geheimnisvolle Urne

Run ist aus der Nacht der Morgen geworden. Tas neue Jahr hält feinen Einzug. Was mögen die vielen L>'nte wohl beten, die sich jetzt wieder zur Neujahrsandacht in der altehrtvürdigenKirche versammeln* Ich meine, das eine: »Herr gib m'r Kraft, zu tragen, was Du mir auferlegt! Und laß mich am Leben nicht verzagen!"

Fest das Herz!

Ta;u aber tut not daß wir an der Jahres­wende nicht nur unsere Geschäfts- und Wirt- schastsb'ick'er. sondern das Bucv unseres Lebens einet gewissenhaften Prüfung unterziehen. Und wenn wir finden, daß die Rechnung nicht stimmt? Tann müff.-n wir den Etat anders emftellen, müssen endlich einmal nachsichtslos die Konse- cnenTen aus den heute herrschenden Verhältnis­sen ziehen, unsere Lebensweise ihnen anzupaffen suchen

Und da wird sich etwas ganz wunderbares ergeben: Laß die Losung für das neue Jahr nicht, wie sonst, vorwärts, sondern diesmal Rück­wärts heißen muß Wir müssen unsere An­sprüche zurückschrauben, unsere Forderungen an das Leben und an den Genuß verringern. Es muß in einer so bitterschweren Zeit wie dieser als unvornehm, takt- und aesc>:Macklos gelten, große Gesellschaften, üppige Feste zu geben. Die Frauen und Mädchen müssen lernen, sich anders anzuzichen, der Jugend muß. nicht durch leere und nie nützende Worte, sondern durch Beispiel und Leben gelehrt werden, daß Reinheit des Herzens eines Jünglings schönste Z'.er, Keusch­heit im Gebähten wie in der Kleidung eines deutsche'! Mädchens höchster Schmuck ist. Kurz wollen wir in diesen unendlich schweren Zeiten bestehn!, so müssen wir zurück zu der Einfachheit und Ansprircklosttzkeit, zu der Zittenreinheit und Gottesfurcht unserer Väter.

Wollen wir das und tun wir es dann ge­trost und hoch den Kops! Mag kommen, was da will! Es muß uns doch gelingen' Es kann sein, schreibt Schleiermacher 1806:daß unserem Volke noch größere Temüttgrmgen bevorstehen, we..u nur statt dieser äußeren Macht eine innere fick zeiaf wenn nur Eintracht und Friede immer mehr die Oberhand getoinnen: wenn wir nur standhaft fortfahren, zu zeigen, daß es unter uns etwas Heiliges gibt; daß wir noch immer das männliche Volk sind, dessen schönster Beruf es ist. die Freiheit des Geistes und die Rechte des Gewissens zu beschützen." Fest das Hetz, das Gewissen rein, hoch den Kopf das sei die deutsche Losung für vas kommende Jahr! a-

Sm Seist der Cwttacht.

Stresemanns Ncujahrswimsche für die Parteien. Berlin, 31. Dezember.

In einem Neujahrsgrntz Tr. Stresemanns an die Deutsche Volkspartci heißt es: Möge das Bild politischer Zusammenarbeit in der Deut­schen Volkspartei im Geiste gegenseitiger Dul­dung ein Vorbild für das ganze deutsche Volk fein. Wir werden das Ziel des inneren Wie­deraufbaues um so sicherer erreichen, je eher und je mehr die positiven Kräfte in politischer Frei­heit und vollständig im Sinne wahrer Volksge­meinschaft zusammenwirken und jenes deutsche E r z ü b e l bekämpfen, das immer wieder von neuem zur Verfemung des politisch Andersden­kenden und zur Zerklüftung des Volkes fuhrt.

Aus weite Sicht.

Rußland nistet sich auch in Persien ein.

London, 31. Dezember.

Aus Teheran wird gemeldet: Die hiesige russische Gesandtschaft ist in eine Botschaft umgewandelt worden. Ans die persische Regie­rung wird von Rußland ein starker Druck aus­geübt zur Ratifizierung eines Abkommens, das die Errichtung einer russischen Kolonie au der pcrsiskhen Küste des Kaspischen Meeres bezweckt.

England als Mahner.

Wenn der Völkerbundsekreiär nach Berlin kommt London, 31. Dezember.

Der bevorstehende Besuch des Generalsekre­tärs des'kerbuiids Sir Erik Drumont

Staffele« Steeeffe Nachrichten

in Berlin wird von den Blättern als ein wei­terer und entscheidender Schritt in den Ver­handlungen über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund angesehen. Die kommenden politischen Ereignisse verlangten ein Kabinett das mit voller Autorität handeln könne, ^arum fei es *u benrüste-- dost di-- Sottaldemn (roten anfangen, ihre bisherige Haltung einer Revision zu unterziehen.

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Den Parteien ins Stammbuch

cmmburg. tri. Dezemb-r.

Tie Notwendigkeit einer schleunigen Been­digung der jetzigen Kabinettskrise aus Gründen der wirtschaftlichen Selb sterb alt ung wird in der hamburgischen Oefientlichkeit mit verstärkter Kraft vertreten.Es könne", schreibt ein Blatt in der Tat kein Wort der Kritik zu hart und itr bitter ocqeni-sier d»r Ti-ttocho teil' daß die unfruchtbare Aera Neuhaus in der Zeit aller- lchwerster Wirtschaftsnöte durch eine Periode des wirtschaftspolitischen Nihilismus abgelöst worden sei, in der mangels einer verantwort­lichen Regierung die dringendsten wirtschafts­politischen Aufgaben unerledigt blieben.

(Sine Schlaft on der Großen Mauer Tschangtsolin im Siegesrausch.

Tokio, 31. Dezember.

Zwischen den Streitkräften Tschangtsolins uud Fcngyuhsiangs ist es au der Stelle, wo die große Mauer an der Meeresküste endet, zu einem Kampf gekommen. Marschall Tschangtsolin ist in der Mandschurei Sieger und schickt jetzt Ver­stärkungen nach dem eigentlichen China.

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(Sin Genera, als Opfer.

London, 31. Dezember. Nach Meldungen aus Peking ist der General Hsu-Siu-Tscheng, einer der Haupt-Unterführer des Chefs der chi­nesischen Regierung, ermordet worden.

Zwanzig Millionen mehr für Löhne.

Dir Reichsbahn sinnt aus neue Einnahmen.

Berlin, 31. Dezember.

In einer Erklärung der Reichsbahnverwal­tung heißt cs: Nach Ansicht der Reichsbahn wer­den sich die Mehrlasten nach dem Schieds­spruch aus zwanzig Millionen, wenn nicht noch mehr, belaufen. Man wird Mittel und Wege finden müssen, um diese Mehrbelastung auf irgend eine Weise auszugleichen. Laut Vorwärts wird der Eisenbahnerverband in der 1. Januarwoche zum Spruch Stellung nehmen.

Sie welchen der Llebermachl. Friedensluft in Syrien.

Paris, 31. Dezember.

Wie aus Kairo gemeldet wird, sollen die Friedensverhandlungen zwischen dem Oberkom- miffar de Jouvenel und dem Führer der Trusen gut voranschreiten. Inzwischen seien viertausend Franzosei! in B e i r u t als Berstär- kuntz eingetroffen, wettere ItzOssV, würden folgen.

Dor einem schlechten Baujahr.

Noch schlimmer als im vergangenen Jahre.

In einem Vortrag führte der Wohlfahrts­minister aus, daß im Jahre 1925 gegen siebzig- laufend Wohnungen mit öffentlichen Mitteln hergestellt wurden, außer den Privatbauten. Man hat nun errechnet, daß normalerweise in den nächsten sieben Jahren im Reiche insge­samt ettoa 1,6 Millionen neue Wohnungen errichtet werden müßten oder, auf das Jahr umgerechnet, rund 225 000 Wohnungen im Reich, also in Preußen etwa 150 000. Im Landtag wurden von 1925 ab jährlich mindestens hun­derttausend Neuwohnungen aus öffentlichen Mittteln gefordert. Demgegenüber würde schon das Baujahr 1925 einen Fehlbetrag aufweisen. Die Aussichten für 1926 werden sich noch schlech­ter gestalten, falls die Hanszinssteuer auf eine andere Grundlage gestellt werden sollte. Wird die Riete vom J. April ab auf hundert Prozent der Friedensmiete erhöht, dann soll eine Steuer

in Höhe von vierzig Prozent der Friedensmiete erhoben werden, wovon 16 Prozent für bte Aus­gaben auf dem Gebiet des Wohnungswesens zur Verfügung gestellt werden sollen. Der letztere Betrag bleibt also hinter dem zurück, was 1925 zur Verfügung stand. Außerdem sol­len noch Beihilfen zur Wiederinstandsetzung von Althäusern mit etwa siebzig Millionen einge­setzt werden. Im nächsten Jahre dürste also ein neuer Ausfall an Wohnungen entstehen, wodurch die Zahl der Wohnungslosen aber­mals um etwa hunderttausend vermehrt wird. Ferner dürften etwa dreißig Prozent Bau­arbeiter beschäftigungslos werden und die Zwangswirtschaft auf unabsehbare Zett bestehen bleiben.

Brtand will den Krieg.

«bd et Krims Friedensboten abgewiesen.

Paris, 31. Dezember.

In der Kammer erklärte gestern Briand: Abd cl Krims. Unterhändler Cunnings besitze keine Vollmacht und habe eilten Augenblick ge­wählt, in dem gerade die Fäden der zur Er­hebung des ganzen Islams bestimmten Propa­ganda^ aufgcdeckt seien. Die Regierung ziehe es vor, mit den Stämmen unmittelbar zu verhan­deln, deren Mehrzahl sich übrigens bereits un­terworfen hat. Auch sei die Regierung nicht der Meinung, daß Gunning für den Abschluß dcS Friedens irgendwie nützlich fein könne. Abg. Renaudel (Soz.) betonte, daß man mit Abd el Krim verhandeln müsse. Die französische Po­litik in Marokko erscheine ihm nicht klug. Des­halb würden seine Parteifreunde die Kredite für Marokko nicht bewilligen. Kriegsministcr Pain- leve gab liiertirf die franri'fischen Nerlnste vom 29. Juli bis Ende Notcmber mit 76 Toten an und erklärte, Frankreich wolle keinen Frieden, der im Lause eines Jahres Krieg unter gefähr­licheren Bedingungen nach sich ziehen würde.

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Kampf vis auf« Messer.

Paris, 31. Dezember. (Eigener Drahtbericht.) Die Kammer hat gestern bis in den späten Nach­mittag getagt und schließlich die Kredite für Marokko mit Stimmenmehrheit bewilligt.

Aus Volttik unv Wirrschaft.

Kein Selbstmord des Entthronten. Zu den Gerüchten, der frühere Schah von Persien habe in Marienbad Selbstmord verübt, wird amtlich ans Prag mitgeteilt, daß sich der frühere Schah überhaupt nicht in Marienbad aufgehalte» habe.

Englands Rache in Aegypten. Gegen den Unterrichtsminister im ehemaligen Kabinett Zaglul, und den früheren Unterstaatssekretär wurde in Kairodas Verfahren wegen Betei­ligung an der Ermordung des Sirdar der ägyptischen Armee, Sir Lee Stack, er­öffnet.

Glücksspiele doppelt strafbar. Laut Ministe- rialerlaß sind mich verboten^ Glücksspiele, ohne Rücksicht auf die ihnen innewohnende Sitten­widrigkeit. steuerpflichtig, sodaß auch eine Be­strafung wegen Steuerhinterziehung eintreten tonn.

Dänemark fliegt nach Tokio. Zwei dänische Fokkermaschmen sollen im März 1926 eine Expe­dition nach Tokio und zurück unternehmen. Der Flua soll über Deutschland, Rumänien, die Tür­kei, Indien nach Japan gehen.

Die Völkischen ohne Parteiblatt. DerVöl­kische Kurier" in München stellt mit dem heu­tigen Tage sein Erscheinen bis auf weiteres ein.

Die Fememörder nach Berlin überführt. Die Hauptbeteiligten an den Fememorden sind aus dem Landsberger Gefängsiis nach Berlin über« führt worden.

Noch ein Locarnoritter. Der Generalsekretär im Pariser Auswärtigen Amt, Philippe Ber- thelot, ist wegen feiner Verdienste um das Zustandekommen des Locarnopaktes zum Groß­offizier der Ehrenlegion ernannt worden.

Der Kommunist im Ministerium. Halbamt­lich wird mitgeteUt, daß der Leiter des Archivs des griechischen Außenministeriums, Stamphan,

16, Jahrgang. Nr. L

wegen der Verdachter kommunistischer Umtrieb« verhaftet worden ist.

Ein neuer M rokkostrateqe. Der Oberkom- mandierende der französischen Marokkotruppe« General Raulin ist durch General Beichuf ersetzt worden.

Neues aus Kassel.

Deutsche Derkeheweebung.

Führer durch Landschaft und Wirtschaft.

Die Reichszentrale für Deutsche Verkehr»- Werbung, in deren Leitung jetzt unser früherer Verkehrsdezernent wirkt, Stadtrat Weber, hat auch für 1926 als besonders erprobtes Werbe­mittel für landschaftliche Schönheiten, Kultur- schätze und Wirtschaftskräfte unseres Vaterlan­des den .Deutschen Kalender" und den .Deutschen Werkk alend er" herausge- geben.

Zwei künstlerisch wirksame Schöpfungen stnd's. Der .Deutsche Kalender" laßt täglich erkennen, wie reich das deutsche Vaterland an Schönheiten ist. Auch unsere engere Heimat ist würdig vertreten... Kassel mit den vorn Her­kules gekrönten Kaskaden und einem Blick m den spiegelnden Prunksaal des Residenzschlosses am Friedrichsplatz, dann das Keudellsche Schloß Wolfsbrunnen bei Eschwege, die träumende Rhön mit ihren typischen Basaltkegeln, letzt das. Olympia des Segelfluges und schließlich eine friedliche Abendstimmung an der Weser.

Der .Werkkalender" aber öffnet das Auge für die Großwerke deutscher Technik, deutschen Verkehrs von der Lokomotive bis zum modern­sten Flugzeug. Ein prachtvolles Bild gewährt den Blick in einen Luxuseisenbahnwagen, den Wegmann u. Co. in Kassel gebaut baben. Und weiter die Spielzeugindustrie, die Börse, Werkstudenten und die führenden Persönlichkei­ten der deutschen Wirtschaft. Diese Kalender haben ganz hesonderen Wert.

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Kasseler Auslandspropaganda.

Von derselben Reichszentrale für deutsche Verkehrswerbung ist eine handliche Werbeschrift herausgegeben, die auf die Bedürfnisse Ame­rikas und Englands zugeschnitten ist und wert in der Welt herilmkommt. Sie ist ins Englische übersetzt. Das Gebiet rings um Kassel von der Weser bis zur Rbön, von der Lahn bis zur Werra wurde ersaßt. Möge das Werlchen sei­nen Beruf erfüllen und die Welt auch in unsere Schönheiten einführen!

Die geflügelte Feder.

Vor einem Stolze-Schrey-Jnbiläum.

In diesen Tagen beginnt wieder die Orts- berentigung Kasseler Stenograpbenvereine nach Stolze-'Schrey mit ihren vierteljährlichen An­fängerkursen. Im Kalenderjahr 1925 wurden weit über 500 Kurzschriftjünger dem System Stolze-Schrey in Kassel zugeführt. Durch die regelmäßig gut besuchten UebungSabcnbe des Vereins Stolzeana im Wilhelmsgymnasium, in der Luisenschyle, in den Bürgerschulen <9=20 sowie 21-22 und des Vereins in Rothenditmold wurde erreicht, daß die betreffenden Vereine bei dem dies 'hrigen Wettschreiben im Verband wie auch im Bund und Bezirk mit an enter Stelle standen und schöne Preise errangen. Auch bei den Handelskammerprüfungen in Kassel haben Stolze-Schreyaner von Kassel und Um­gegend hohe Leistungen vollbracht. Vom 5.-7. Juni 1926 wird der Mittel-Westdeutsche Steno- zraphenbund hier in Kassel seine Tagung mit dem vierzigjährigen Jubiläum des Bundes verbinden, der seinen Sitz in Kassel hat.

Spohrkonserva'or'um.

Musikalische Festveranstaltirug.

Das SPobrkonservatoriilM bat über die Fest­tage "ine Reihe von musikalischen Festveran­staltungen vorgesehen, die sehr großen Anklang finken und für die Besucher Weihestunden sind. Dieses gift l'esoud'rs für die Weihnachtsfeier im blauen Saal der Stadthalle, die neben dem Weihnachtsoratorium von H. F. Müller, das in

ftunft in Kassel.

Was brachte uns das vergangene Jahr?

I.

Das abgelaufene Jahr war für Kassel sowohl auf kommunalem, wirtschaftlichem und mnst- lerischem Gebiet ein Jahr des Mißvergnügens. Der Kalender der künstlerischen und kulturellen Taten, auf den es hier ankommt, zeigt nur wenig Ereignisse, die einen Markstein in der Geschichte unserer Stadt bedeuten könnten. Wie ans kommunalem Gebiet Überall nur Ansätze und Vorbereitungen, deren Endziel immer wie­der hinausgeschoben wird.

Das bemerkenswerteste Ereignis ist der neue Versuch einer Kammerspielbühne, den Direktor Scheunnanu mit der Eröffnung des Kleinen Theaters im Hause der Handelskamnier un­ternahm. Das neue Theater hat sich in den neun Monaten seines Bestehens trotz der un­günstigen Wirtschaftslage sehr günftig entwickelt. Die Miesmacher, die damals behaupteten, die neue Bühne erlebe Weihnachten nicht, find langst verstummt und suchen ihre Reibungsfläche jetzt am aroßeri Theater, bat1 durch die Berufung des Wissenschaftlers Paul Setter und die damit einsekende Reform des ganzen Theater­apparats augenblicklich an den notwendig sich emstellenden Revolutionstrankheiteu darnieder- liegt: Der neue Geist verlangt neue Mittel, die der Staat nur ungern bewilligt und vor deren Bereitstellung die Stadt sich energisch verwahrt obgleich aus unterem Theater nie ein bedeuten­des Kunstinstitut werden kann, wenn es nicht eines Tages aus der Berliner Verwaltung in die Regie der Stadt Kassel übergeht. Mau ist erstaunt, daß die wenigen Neuinszenierungen dieser Spielzeit bereits ein Loch in die Finm- sen des Tbeaters gerissen haben. Wie notwen­dig jedoch eine Auffrischung des Knlissenapparats ist, zeiate die aanz und gar unmögliche Neuem- ftubierüng des ..Verschwenders", die uns den B-grifstiefste Provinz" erschlagend illustrierte Was die Reform kostet, dafür nur ein Beispiel:

Der für den neuen Ruudhorizont notwendige Beleuchtungsapparat wird über 100 000 Mark kosten. Eine gute Neuinszenierung vAftchlingt den vierten Teil dieser Summe. Da ein neues Stück selten außerhalb der Abonnementsvörstel- tungen ein volles Haus bekommt, kann man sich die Schwierigkeiten vorstellen, die sich der Moder­nisierung unseres »Heaters entgegenstellen. Da­bei spielt es kaum eine Rolle, ob Paul Bekier, der Theoretiker, oder ein Theaterfachmann die elften Schritte dazu unternimmt. Denn das eine muß dem neuen Intendanten zugestanden werden: Energie und zielvolle Arbeit. Daß Herr Bokker manchmal allzu gradlinig auf fein Ziel losgeht und durch Maflenentlayungen viel Mißstimmung und Unlust erzeugt, soll hier nicht kritifiert werden, da Der Erfolg dieser Gewaltkur erst abzuwarten ist. Das Rezept der Beson­nenen: Mau müsse mit den vorhandenen Mit­teln zeigen, daß maif etwas vom Handwerk ver­stehe, ist zu allgemein. Zudem ist bekannt, daß man mit einer Auffrischung der künstlerischen Kräfte reichlich lange gewartet hat. Hoffen wir daß das nächste Jahr uns, besonders im Schau­spiel, eine Wandlung zum Besseren bringt.

Bevor wir auf andere Kunstgebiete über­gehen, sei chronikbaft ausgezeichnet, was unsere Theater Beachtenswertes brachten: Das Staats­theater beschloß seine vorige Spielzeit mit zwei sehr guten Aufführungen von Mussorgskvs Oper ..Boris Godounow" und Shaws dramati­scher ChronikDie heilige Johanna". Die neue Spielzeit brachte ein Gastspiel Pirandellos, eine gelungene Uraufführung von Dietzenfchmitds .Augustin", ferner die begeistert aufgenommenen Kammeropern, GlucksAnnide", Pfitzners Armen Heinrich" und WerfelsTroerinnen". Das Kleine Theater brachte Sutton Vmes Uebersabrt", ShawsCandida", zwei gute Hanvtmanninfzenierungen, den Urfauft, Wede- fisa . fvrbneift" und ein Kavßler-Gostspiel.

Auf literarischem Gebiet herrscht durch den für eine Großstadt unverständlichen Mangel an einer literarischen Gesellschaft ein be­schämender Tiefstand. Während wissenschaftliche

$ot träge durch die dafür interessierten Vereine und Gesellschaften lKurhessische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft ein festes Publikum ha­ben, scheitern literarische Veranstaltungen an der fehlenden Triebfeder einer Korporation, die die breite Masse für diese Form der Kunst interniert Erfolg hatten bisher in Kassel nur Humoristen 'Salzer, Plaut, Baltzer) und Brettlkünstler tJosma Selim). Der einzige Dichter von Ruf, der in Kassel aus eigenen Werken vorlas, Franz Werfel, hatte kaum hundert Zuhörer im Staats­theater. Vortragskünstler werden nicht einmal dann beachtet, wenn sie aus Kassel stam­men: Hans Dohme ist dafür bereites Beispiel. Meist flüchteten sich solche Künstler in den klei­nen Kunstsalon Messing, wo Hans Schlenck an­erkennenswerte literarische Arbeit leistete. Hof­fentlich bringt mich auf diesem Gebiet die nicht mehr allzuferne Gründung ein«» literarischen Ge­sellschaft eine Wendung.

Die Musikpslege in Kassel hat verhältnis­mäßig aut abgeschnitten, wenn auch hier man­ches bedeutende Konzert der Geldnot und man­gelndem Interesse zum Opfer fielen Man hört an allen Enden, Kassel biete nichts Gutes, ver­gißt dabei aber zum Beispiel, daß die vorzüg­lichen Sonntag-Morgenkonzerte im Staatstheo ter eingeben mußten, weil fick kein Mensch darum ffimmerte. Furtwängler und sein wun­dervolles Orchester war nur durch gigantische Kraftanstrengungen der Konzertdirektton Rein hold nach Kassel zu holen; während die Don- Kosaken Massenbesuch hatten. Weitere Einzel­heiten der Konzertsaison seien einem Rückblick am Ende des Konzertwinters Vorbehalten.

Das Gebiet der bildenden Künste soll ir einem besondere!! Artikel behandelt werden. Hier haben wir als vielverheißenden Ausblick die großeAusstellung Staffel 1928" G. M. Vonav

2lusftellu-g ves Kunflveeeins

Pläne für das Jahr 1926.

Die erste Ausstellung 1926 in den Räumen des Kasseler Kunftoereins wird am Reujahrs­

lage eröffnet. Von Paula Modersohn- Becker, deren leider zu» früh abgeschlossenes Lebenswerk in den führenden stunftcentren des Reiches und des Auslandes durch Ausstellun­gen gewürdigt wurde, wird eine Reihe von Ge­mälden und Handzeichnungen erstmalig in Kas­sel gezeigt. Zugleich stellt Hilde Schroder eine Anzahl der seit ihrem Weggang von Kas­sel entstandenen plastischen Arbeiten aus. Die Ausstellung schließt am 22. Januar.

Es folgen für die nächsten Monate an Aus­stellungenDas Aquarell in der Kunst der Ge­genwart" und eineSonderausstellung Der Ber­liner Sezession"; ferner war es dem Kunstver- ein möglich. Professor Georg Kolbe- Berlin für eine umfangreiche Ausstellung feiner Plastik in Kassel zu gewinnen. Für den Herbst sind die Verhandlungen für eine geplante Corinth- Ehrung abgeschlossen; es wird eine große Zahl von Gemälden ans allen Schaffens-Perioden des verstorbenen Meisters gezeigt und außerdem ein Ueberblick über sein graphisches Werk ge­geben werden.

** Der fröhlickft Weinberg. Karl Zuck- mayers mit dem Kleistpreis ausgezeichnetes LustspielDer fröhliche Weinberg" hatte bei sei­ner Berliner Uraufführung einen starken Er­folg. In der Tat: dieses Schauspiel derb-fröh­liche! Weinseligkeit steigt zu Kops wie herber, ansgekühlter Pfälzer. Tas Lebensgefuhl eines Menschenschlages, Klima und Sonne einer be­gnadeten Landschaft sind für Die Bühne gewon­nen. Zuckrnayer hat den rheinischen Menschen theaterfähig gemacht, wie Hauptmann den Schlesier. Er hat die Sehnsucht einer lebens- nnd theaterhungrigen Generation, wieder Fleisch zu werden und wie Fleisch zu reden. Seine Menschen stehen mit beiden Füßen auf dem festgegründeten Boden ihrer rheinischen Mundart, in den Ställen grunzen die Schweine und ein veritabler Misthaufen überdufte! ver­liebte Nächte. Das sind starke, urtümliche Laute obwohl diese Stärke zuweilen auch in Kraft- mdertum ansartet. Dr, Sahl.