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Nr. 151

Donnerstag, den 30. Juni 1904

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Postzeilungöliste No. 3269.

Redaktion und Expeditton: Gießen, Seltersweg 83, ^ernsprechanschlust Nr. 363.

13. Jahrgang

Neueste Nachrichten

(Gießener Gagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für OSertzessm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Der äürtkhaftswert unserer Kolonien.

Don sachkundiger Seite wird uns geschrieben: Unter dem Protektorat des Fürsten Karl von Urach und unter dem Vorsitz des Präsidenten der Stuttgarter Handelskammer Wideumann wurde soeben ein Verein zur Errichtung einer deutschen Ansiedlerschule in Hohenheim zur Vorbildung für deutsche Kolonisten gegründet. Wieder ein Zeichen, daß von der im Reichstag behaupteten „kolonialen Verdrossenheit" im deutschen Volke im Grunde nicht geredet werden kann. Ein­zelne Mißerfolge mögen zu hochgespannten Erwartungen einen starken Stoß versetzt haben, das ist nicht zu leugnen Wie aber bereits in der letzten Denkschrift der Reichsregie- mng über die wirtschaftliche Entwickelung unserer Kolonien mtgeterlt wurde, sind die Aussichten für eine gewinnbrin- gettbe Kulturtätigkeit außerordentlich verbessert worden. Arn besten stehen sie in her Südsee, wo das günstige Klima und der ziemlich gutartige Charakter der eingeborenen, ziemlich auf 13 Millionen bezifferten Bevölkerung sich angenehm fühlbar macht. Diese Besitzungen sind bekanntlich auch für unseren Verkehr nach Ostasien von höchster Wichtigkeit. Wa^ nun die Produktion der Südsee anbelangt, so beschränkt fin sich im wesentlichen auf die landwirtschaftliche Tätigkeit und zwar auf die Gewinnung von Palmöl. Die Anpflanzung - Uyn Baumwolle hat sich hier weniger bewährt als in unseren afrikanischen Besitzungen.

Im allgemeinen kann man folgende Merkmale für unsere Monien auseinander halten: Togo eignet sich am besi^., für die Anpflanzung von Baurnwolle, die in den letzten Jah­ren um das Zehnfache gestiegen ist. Auf dem Markte in ^Liverpool wurde die Togobaumwolle als der beste Ersatz für eoyptische Baumwolle erklärt. Die Produktion beschränkt sich ja allerdings erst auf 2000 Zentner; aber sie wird durch den inzwischen von dem Reichstag genehmigten Bau der Legobahn ganz erheblich gefördert werden. Ostafrika ist besser für die Anpflanzung von Guttapercha qualifiziert, die ja durch unsere elektrische Industrie zu einem sehr begehrten Artikel geworden ist. Deutsch-Südwestafrika ist das klas­sische Gebiet der Viehzucht und daher sehr geeignet zur An­siedlung von Farmern. Im Norden dieses Gebiets hat Dr. Rohrbach, der im Auftrag der Regierung dieses Schutz­gebiet bereist hat, einen sehr guten Humus für Bodenkulturen und die günstigsten Bedingungen für den Ta­bakbau und für die Kleinviehzucht festgestellt. Kamerun aber scheint das Gebiet für industrielle Ausnützung zu sein. Nachdem man dort früher bereits Mineralienfunde gemacht hat, ist neuerdings durch den Gouverneur von Puttkamer 'in der Hauptversammlung der westafrikanischen Pflanzungs- ' Gesellschaft Viktoria zu Berlin die Mitteilung gemacht worden, daß, wenn auch vor zu großem Optimismus gewarnt werden müsse, keine ungünstigen Aussichten für den Abbau von Pe­troleumquellen vorhanden sind. Die Gesellschaft hat vierzig Schürfscheine erworben und auch bereits Petroleumfunde ge­macht. Das gefundene Produkt ist von der Bergakademie untersucht worden und der Befund ergab 35 Prozent Roh- petroleum, 55 Prozent Schmieröle, 5 Prozent Benzin, der Nest ist Teer, Asphalt und Pech. Das Kamerunprodukt soll }em rumänischen Oel am ähnlichsten sein. Die Transport- derhältnisie sind ebenfalls so günstig, daß die von dem Prinzen von Löwenstein in Aussicht genommene und mit Hochdruck betriebene Gründung eine Kamerunbergbauaktiengesellschaft wohl kaum großen Schwierigkeiten begegnen wird.

I Alles in allem zeigt sich also, daß der in früheren Jahren rnb auch jüngst im Reichstag noch zur Schau getragene Pessi­mismus über die wirtschaftliche Bedeutung unserer Kolonien doch nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Die jetzigen Wirren, so beklagenswert sie wegen der ungeheueren Opfer an Gut und Blut find, werden wenigstens den einen Vorteil haben, daß sie jiie Beseitigung der Fehler in der Verwaltung herbeiführen und vor allen Dingen auch bewirken, daß der Schwerpunkt unserer Kolonialpolitik nicht in der Verwaltungstätigkeit, sondern in der wirtschaftlichen Erschließung unserer Schutzs gebiete bestehen muß.

Der Derero-Hufstand.

In aller Ruhe wird von den zuständigen Stellmr die Entsendung der von General v. Trotha geforderten Der- stärkungen vorbereitet. Wie jetzt bekannt wird, gehen am 23. Juli und 20. August vier Kompagnien und zwei Batterien nach der Kolonie ab. Ihnen wird im Sep. tember noch ein weiterer größerer Transport folgen. Am 6. August wird eine Feldtelegraphenabteilung nach Swakop- mund in See gehen. Die ersten drei Transporte — am 23. Juli, 6. und 20. August — werden insgesamt eine Stärke von 59 Offizieren, 1299 Mann, 1790 Pferden und 43 Ge­schützen aufweisen; sie werden auf den Dampfern „Gertrud Woermann", „Montevideo" und „Silvia" eingeschifft. Im September folgt dann der Dampfer „Alexandra Woermann" mit dem erwähnten größeren Transport.

Aus der Kolonie selbst liegen zur Zeit nur spärliche Nach­richten vor. Zunächst eine Trauerbotschaft des Haupt- anartiers Okabandia. Leutnant Laas früher im 2. nieder-

schlesischen Jnfanteriereginunt Nr. 47, ist infolge eines Un­glückssalls am 18. Juni in Outjo verstorben. Ferner ist der Reiter Max Wunderlich, vom Transport Puder, am 25. Juni am Typhus gestorben. Unter dem Unglücksfall bei Outjo ist wohl die bisher nicht aufgeklärte Dynamitexplosimi zu verstehen, die nur kurz gemeldet wurde und über die alle näheren Nachrichten zur Zeit fehlen.

Ein weiteres Telegramm des Generals v. Trotha be­richtet über die

Bewegungen des deutschen Expeditionskorps.

Das vom 27. Juni datierte Telegramm aus Okahandja besagt:

Von Major v. Estorfs wurde Osombu-Karupuka (Oka- wapuka) am Omuramba, von V. b. Heyde Okosondusu ohne Kamps erreicht. Zwischen allen drei Abteilungen ist Funkenverbindung hergestellt. Zu Major v. Glasenapp, der im Vormarsch auf Otjire ist, geht die 9. Kompagnie und der Rest der Maschinengewehr-Abteilung Dürr morgen ab. Auf einem Patrouillenritt von Epukiro aus erreichte Ober- leutnant V. Winkler Otjensondu, halbwegs zwischen Owikokorero und Okosondusu, wo er angehalten und v. d. Heyde zugeteilt wurde. Vom Feinde und vom Vieh ist der West-, der Nord- und der Ost-Distrikt Gobabis bis zum Eisebfluß vollkommen frei. Epukiro, Gobabis, Nietsontein S. O. (Mier) diesseits noch besetzt.

Dadurch, daß Major v. Estorfs nach Osombu-.Karupuka vorgedrungen ist und daß gleichzeitig Major v. Glasenapp von Süden her näher an den Waterberg heranrückt, während v. b. Heyde und V. Winkler miteinander sich vereinigen konnten, ist der Ring, den die deutschen Truppen um den Waterberg gezogen haben, wieder ein gutes Stück enger ge- worden. Ein Entweichen größerer Hererotrupps aus dem Waterberggebiet scheint dadurch so gut wie ausgeschlossen.

Der Krieg in Ostasien.

'. Die Anzeichen mehren sich, daß eine Entscheidungsschlacht in der Nähe von Kaiping in allerkürzester Frist stattsinden

r ^ner Depesche aus Niutschwang wird jetzt als wahrscheinlicher Ort des bevorstehenden Kampfes Taschitschau, halbwegs zwischen Kaiping und Haitscheng, angegeben.

Kuropatkins Pläne.

^Die Depesche aus Niutschwang enthält über Kuropatkins Absichten ziemlich detaillierte Angaben.

General .Kuropatkin beabsichtigt, in der Nähe von Taschitschau eine große Schlacht anzubieten. Er hat dort fünf bis sechs Divisionen, zirka 100 000 Mann, zusammen­gezogen. Er soll selbst dort sein und persönlich das Kom­mando führen. Die japanischen Liautung- und die Taku- schan-Armee haben die Berührung miteinander hergestellt, und Kurokis Armee wird wahrscheinlich ebenfalls bald mit ihnen in Berührung sein. Man erwartet entscheidende Ereignisse in den nächsten Tagen. General Stackelberg steht ebenfalls mit seiner Brigade bei Taschitschau.

Wie es heißt, haben die Japaner die Päsie des Fenschut- iingebrrges, den Dalin-, den Motten- und den Fenschuilin-Paß bereits in ihre Gewalt bekommen und können nun ihre Heeres­wogen ungehindert in die Ebene von Kaiping ergießen. Allerdings dürfte ihnen dort die russische Kavallerie mehr Verlegenheiten bereiten, als bisher.

Weitere Kämpfe vor Port Arthur sollen nach Nachrichten aus Tschifu sowohl zur See als zu Lande stattfinden. Das bezügliche Telegramm lautet:

Auf einer Dschunke hier eingetroffene Chinesen berich­ten, ein großes Schiff, wahrscheinlich ein russisches, liege auf Felsen 10 Meilen südöstlich von Liauteschan. Nachdem die japanischen Kriegsschiffe sich am 24. Juni von Port Arthur zurückgezogen hätten, sei die russische Flotte wieder aus dem Hafen herausgekommen und sei kurze Zeit draußen geblieben. Bei Port Arthur werde zu Lande weiter ge­kämpft und von der See aus häufig Angriffe unter-, nommen.

Eine anderweitig nicht bestätigte nicht amtliche Nachricht besagt, die Japaner hätten am Sonntag drei Forts im süd­östlichen Teile der Verteidigungswerke von Port Arthur an­gegriffen und eingenommen.

Das baltische Geschwader,

auf das die Russen so große Hoffnungen setzen, soll nun wirklich in Aktion treten. Wenigstens behauptet man in Petersburg, daß die Kommandanten von Kronstadt und Lie­bau den Befehl erhalten hätten, die Schiffe des baltischen Geschwaders mit solchem Proviant zu versehen, daß diese bei sofortiger Order auslaufen können. Ein russischer Marine­offizier erklärte, daß ein Teil des baltischen Geschwaders be­reits aus Kronstadt abgegangen sei. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt noch nicht vor; es ist nur festgestellt, daß Ad­miral Avellane mehrere Kriegsschiffe eingehend inspizierte und daß Admiral Anquist, Unterbefehlshaber des Geschwa­ders, vor einigen Tagen vom Kaiserpaar in Audienz empfan­gen wurde. Und dabei wird es auch wohl bis zum Herbst voraussichtlich sein Bewenden haben.

Grcueltaten der Japaner.

Immer wieder wird von russischer Seite die Behauptung aufgestellt, daß die Japaner sich au die Genfer Konvention nicht kehren, sich an Aerzten und Krankenträgern vergreifen, und die Verwundeten mißhandeln und verstümmeln. Die, Russische Telegraphenagentur meldet aus Liautschang vom, 28. d. Mts. : General Kuropatkin hat einen Befehl an bic' Armee erlassen, die gefallenen oder gefangenen Japaner mit, der Achtung zu behandeln, wie sie einem tapferen Gegner zu- kommt, den gefallenen Soldaten die militärischen Ehren Zu erweisen und für die Verwundeten so zu sorgen, wie wenn es> sich um Russen handelte. Dieser Befehl sollte als Antwort dienen auf die ausgezeichnete Behandlung, welche die ver­wundeten Russen in den japanischen Hospitälern gefunden haben. Leider treffen in jüngster Zeit Berichte ein über rohe Behandlungen, Torturen nnb Verstümmelungen, denen ver­wundete Russen ausgesetzt wurden. Das ÄrmeeNatt teilt mit, am 21. ds. seien bei Saimedsi die verstümmelten Leichen, zweier Tirailleure aufgefunden worden. Das Blatt führt?' dann mehrere ähnliche Tatsachen an, nach denen selbst Qffi-, ziere unter der Behandlung zu leiden hatten und fügt hinzu, die Vertreter der Armee möchten glauben, daß die erwähnten Torturen von Chinesen, nicht von Japanern vorgenommen wurden; nun habe es sich aber herausgestellt, daß die japa­nischen Soldaten, die von ihren Vorgesetzten nicht daran ge­hindert werden, sich in keiner Weise von den alten barbarischen Völkerschaften Asiens unterscheiden. Ebenso wird Klage adrüber geführt, daß die Japaner noch immer Granaten be­nutzen, die bei ihrer Explosion giftige Gase ausströmen und die durch das internationale Uebereinkommen verboten sind.

Einem russischen Unteroffizier wurde für kühne Spionage

vom Oberbefehlshaber das Georgskreuz verliehen. Dem Unteroffizier Wolkoff, der der chinesischen Sprache mächtig / ist, gelang es, als Chinese verkleidet, nach Sanjutchen in br Lager der Japaner zu dringen, und es auszukundschafteiÄ^ Er erstattete dann seinem Befehlshaber Bericht, gelangte an einen von Japanern besetzten Ort und stieß auf eine japanische 13 Mann starke Patrouille, welche über die Stellungen der j russischen Streitkräfte Erkundigungen einzog. Man schöpfte alsdann Verdacht und Wolkoff wurde einem Verhör unter- waren; er erschoß dann mit seinem Revolver mehrere Mann und entkam auf einem japanischen Pferde.

Montenegrinische Freiwillige bei den Russen.

Aus Charbin telegraphiert man den russischen Blättern, daß dort eine montenegrinische Freiwilligen-Tscheta einge­troffen ist, welche 150 Mann zählt und von dem gewesenen montenegrinischen Kriegsminister Wchwoden M. J. Spadier. kommandiert wird. Die Tscheta wir^ aus der Kriegskasse besoldet. Ueberdies wurden dem Kommandanten für die Ausrüstung 100 Rubel per Kopf ausgezahlt. Der Barjaktar (Fahnenträger) ist ein Petrowitsch-Njegusch, ein Verwandter des regierenden Fürsten von Montenegro. Die Fahne, die er mitgebracht hat, ist eine alte Türkenfahne, welche in den .Kriegen Montenegros mit der Türkei erbeutet wurde. Die Tscheta wird dem Hauptquartier Kuropatkins zugeteilt wer- den und dort den Lagerdienst versehen.

Die Politik.

□ Der Name des deutsche» Kriegsschiffs, das nach Haiti in See gegangen ist, um für die dort deutschen Reichsbürgern widerfahrene Unbill Genugtuung zu erzwingen, wird jetzt bekannt gegeben. Es ist das Kanonenboot „Panther" vom amerikanischen Geschwader, das gegenwärtig in New­port News liegt. Die Franzosen schicken bekanntlich einen Kreuzer zu dem gleichen Zwecke nach Haiti. *

G Die Schaffung einer preußischen Landeskommission für Volkswohlfahrt fordert ein Antrag, den der freikonservative Abg. Graf Douglas, der aus dem Gebiete der Volkswohl- fahrt seit langen Jahren eine ungemeine Rührigkeit und er­folgreiche Tätigkeit entfaltet, im Abgeordnetenhause einge­braucht hat. Der Antrag ersucht die Regierung, die vom Abg. Grafen Douglas früher angeregte Landeskommission zur Bekämpfung des Alkoholismus zu einer solchen Volks­wohlfahrtskommission zu erweitern. Die Kommission soll als ein die Regierung in Fragen der Erhaltung und Hebung des körperlichen, geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Wohls beratendes Organ tätig sein.

G Die von der Freisinnigen Volkspartei im preußischen Abgeordnetenhause eingebrachte „Mirbach - Interpellation" dürfte ein Schlag ins Wasser bleiben. Die Regierung hat er- klärt, sie könne die Interpellation, die diesen Donnerstag aufs Tapet kommt, nicht sofort und frühestens am Freitag beant­worten. Wie nun aber inzwischen bekannt geworden ist, wird die Donnerstagsitzung die letzte des Abgeordnetenhauses vor der Vertagung sein. Diese wird formell bis zum 18. Oktober dauern, doch wird das Haus in Wirklichkeit erst Ende Oktober zusammentreten. Geht das Abgeordnetenhaus wirklich am Donnerstag in die Ferien, so fällt die Beantwortung der In­terpellation und auch ihre Besprechung bis zum Spätherbst unter den Tisch.