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Nr. 25. Erstes Blatt.

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Neueste Nachrichten

(chieße«er Bagevkatt) Nnaöyäugige Tageszeitung (chießener Zeitung)

für Oberheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung- Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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lPolitische Wochenschau.1

Das sozialpolitische Potpourri, das stets bei der Berâng des Etats des Reichsamts des Innern zum Vorschein kommt, hat am Donnerstag ein amüsantes Zwischenspiel erhalten. Der Abgeordnete Dr. Müller-Meiningen hatte bei der Auf­zählung der Kuriositäten, die sich in der Praxis des Ver­einsrechts ergeben haben, auch eines Falles in Hamburg gedacht, wo einer Dame die Abhaltung einer Versammlung untersagt worden war, die dann nachher in Altona, also aus preußischem Gebiet, anstandslos stattfinden durfte. Bundes­ratsbevollmächtigter Dr. Schäfer nahm in der Erwiderung Veranlassung, auf die während der lex Heinze-Beratung viel angegriffenen Sittenzustände in Hamburg zurückzu­kommen. Er gestand diesmal ein, was früher bestritten wurde, daß in Hamburg die Prostitution kaserniert ist. Da­durch sei, wie er mit einem Seitenblick auf Berlin bemerkte, für die anständigen Damen doch auch die Annehmlichkeit geschaffen, daß sie unbehelligt bei Tage und bei Nacht die Straßen passieren könnten. Ebenso sei es durch dies System gelungen, das Zuhälterwesen fast vollständig aus der Welt zu schaffen. Der betreffenden Dame aber scheint man in Hamburg überhaupt kein Gastrecht für öffentliche Versamm­lungen mehr gewähren zu wollen, weil ihr stehendes Thema die Sittenzustände dieser städtischen Republik sind, auf das sie auch unter dem unscheinbarsten Titel zurückzukommen weiß. So hat sie unter anderem sich als Thema eine Be­sprechung über „Unsere Vaterstadt" gewählt, und infolgedessen seien ganze Bürgerfamilien der Stadt mit ihren uner­wachsenen Töchtern erschienen. Die Art ihres Vortrags aber sei weit über das „sachliche Interesse" hinausgegangen, und ine jungen Mädchen hätten Dinge in einer Sprache erfahren, wie es ihnen wohl in ihrem ganzen Leben nicht mehr be­gegnen werde. Die Darstellung des Redners wurde wegen der drastischen Ausdrucksweise vielfach mit schallendem Ge­lächter ausgenommen, und auch für die Tribüne wirkte dieses Intermezzo wie eine komische Gratiseinlage in dem ernsten Programm der Reichstagsverhandlungen. Die komische Wirkung dieses Vortrags wurde noch verstärkt da­durch, daß der Redner anfangs während seiner Rede sich von einem Bein auf das andere wiegte, um dann mit steigen­der Erregung immer größere Dimensionen für seine Be­wegungen zu beanspruchen, bis er zuletzt auf der Tribüne umherging wie ein Bär im Zwinger.

Im übrigen gestaltete die Reichstagssitzung vom letzten Donnerstag sich noch im letzten Augenblick außerordentlich interessant, weil Staatssekretär Graf Posadowsky in einer Schlußrede einen Ausblick auf die zukünftige Reichsgesetz­gebung bot. Nach seinen Ausführungen steht ein Automobil- und ein Kunstschutzgesetz, unter Umständen auch ein Reichsver­einsgesetz, sowie eine Vorlage über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine unmittelbar bevor. Ueber die wirtschaftliche Wirkung der Syndikate und Kartelle werden demnächst die Erhebungen abgeschlossen sein und veröffentlicht werden.

Man kann also dem deutschen Reich eine gewisse gesetz­geberische Fruchtbarkeit nicht absprechen. Ein anderes Bild aber biete Oesterreich-Ungarn, wo nach wie vor die Obstruk­tion wahre Orgien der Verneinung feiert. In Ungarn ins­besondere ist die Gesetzgebung vollständig zum Stillstände gekommen. Da das Parlament den neuen Heeresetat nicht genehmigt hat, so müssen die ausgedienten Truppen bei der Fahne gehalten werden. Man macht sich keinen Begriff über die wirtschaftlichen Schäden, die hierdurch über viele Fa­milien gebracht werden, und über das fortwährende Um­sichgreifen einer verbitterten Stünmung im Heere selbst. Der Ministerpräsident hat nunmehr dem Parlament eine letzte Warnung zugehen lassen, in der er in Aussicht stellte, daß bei Fortdauer der Arbeits- 2c. Verweigerung, mit Geneh­migung des Königs, die äußersten Mittel zur Anwendung kämen, jedenfalls die Auflösung oder vielleicht sogar der Stillstand des jetzigen Parlamentarismus. Diese Maßnahme wurde bereits empfohlen, als der Sprachenkonflikt zwischen dem Monarchen und dem ungarischen Parlament ausgebrochen war. Die Herren Magyaren spielen also in einer sehr be­denklichen Weise mit dem Feuer und stehen im Begriff, das ganze parlamentarische Leben durch ihre obstruktionistischeu Potpourris in Frage zu stellen. .

Inzwischen ist in dem antiklerikalen Potpourri der fran­zösischen Republik eine neue Nummer eingestellt worden. In dem Ernennungsdekret zweier Bischöfe hatte der Papst die Anfangsworte gewählt: „nobis nominavit", Jo Mb also die Ernennung der Bischöfe durch die französische Re­gierung lediglich zu einem Vorschlag herunter gesunken wäre. Die französische Regierung hat darauf hin dem Papste das Schriftstück zurückgesandt und verlangt, daß das Wort „nobis" gestrichen werde, was auch geschah, allerdings in einer etwas eigentümlichen Form. Das Schriftstück wurde an die Regierung zurückgegeben, nachdem das Wort „nobis ausradiert worden war. Um späteren Entstellungen zu be­gegnen, hat darauf hin der Ministerpräsident die Vornahme dieser Prozedur auf dem Schriftstück protollarisch feststellen lassen. Der Zwist zwischen dem Vatikan und der fran­zösischen Regierung dauert also unverändert fort. Es wird noch lanae dauerm bis dieses Potpourri au Ende gespielt Nt.

Samstag, den 3u. Januar 1904.

E... schlimmes Potpourri aber scheint sich leider im Osten von Europa vorzubereiten, wo die Türken tatsächlich ernst­lich bemüht sind, durch loyale Ausführung der Mürzsteger Reformvorschläge den Frieden unter den Nationalitäten zu fördern. Allein: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt." Und dieser böse Nachbar ist immer noch Bulgarien. Von dort aus wird in der mazedonischen Bevölkerung gehetzt und geschürt, und zwar nach der Methode des echten Raufboldes, der um Hilfe schreit, währen er seinen Gegner jämmerlich, durchprügelt. Fortdauernd kommen aus Sofia Klagen über türkische Lruppenansammlungen, die doch nichts anderes sind, als die Verteidigungsmaßnahmen der türkischen Regierung gegen die Aufstandsbewegung.

So ist also in dem Potpourri der Weltpolitik in dem Augenblick die kleine Orientfrage wieder auf die Tages­ordnung gekommen, während im fernen Osten sich friedlichere Verhältnisse entwickeln. Daß diese Frage wieder aktuell ge­worden ist, wird vor allen Dingen auch durch die englische Politik verschuldet, die nach dem Prinzip geleitet wird, auf dem politischen Schachbrett stets Rußland einen Stein vor­zuschieben, wenn es auf irgend einem Felde einen Erfolg er­rungen hat.

Die Gefahr in Südwestafrika wächst!

Ohne Kommentar wird vom Reichsmarineamt eine Nach, richt verbreitet, welche die Lage in Südwestafrika als Höchsi bedrohlich erscheinen läßt. Sie lautet: Der Kommandant von S. M. S. Habicht meldet: Von Zülow Nachricht, daß sich bei Okahandja Kaffern mit Hereros vereinigt haben, Mit „Kaffern" werden hier wohl die westlich Omaruru ange­siedelten Bergdamaras gemeint sein.

, Zülows Hilferuf.

Ferner hat Oberleutnant v. Zülow folgende Telegramme aus Okahandja durch Boten nach Karibib gelangen lassen: 20. Januar. Ich halte Okahandja seit 15. nach heftigem Kampf mit 200 Mann besetzt und kann mich noch einige Zeit halten. Ich warte auf Geschütze Habicht und erbitte Abtei­lung Artillerie. Ein schwaches Windhuker Entsatzkorps mit Maschinengewehr ist am 12. und 13. zurückgeworfen worden, es sollen hierbei 8 Reservisten gefallen sein. Namen unbe- kannt. Die Verbindung mit Windhuk ist völlig zerstört. Um rückwärtige Verbindung herzustellen und um nachkom­mende Militärtransporte sicher herzubringen, ist heute mit 70 Mann Eisenbahnfahrt nach Karibib versucht worden; ein­gehender Bericht geht heute ab.

21. Januar. Gestern nachmittag bei Kawatuerasane (zwischen Waldau und Okasise) heftiges Gefecht der von mir mit Eisenbahn vorgeschickten etwa 70 Mann starken Abtei­lung, die rückwärts Verbindung suchen sollte. Unsererseits 4 Tote, 3 leicht Verwundete, (Namen nicht gemeldet) feind­licher Verlust wird auf 20 bis 25 Tote geschätzt. Da 20 Meter lange Brücke zerstört, versuche ich durch sichere Eingeborene Nachrichten nach Karibib zu senden.

Auf neue Gefechte läßt auch die Tatsache schließen, daß den in Duisburg lebenden Angehörigen eines in Swakop- mund angestellten jungen Mannes namens Fackert ein Tele­gramm zügegangen ist, das seinen Tod meldet.

Die Politik.

# Me Prasidialfrage in der Bayerischen Kammer ist er­ledigt. Da die Liberalen abgelehnt haben, einen Sitz im Präsidium anzunehmen, wurde gestern an Stelle des zurück­getretenen liberalen Vizepräsidenten Leistner der Abg. Fuchs (Zentr.) und als Ersatz für den liberalen Schriftführer Schmidt der Abg. Frank (Zentr.) gewählt.

ö” Gegen das Kurpfuschertum ist ein Gesetzentwurf ge­richtet, mit dem sich der badische Landtag in nächster Zeit zu beschäftigen haben wird. Der Entwurf bestimmt u. a.: In das Polizeistrafgesetzbuch soll eine Bestimmung ausgenom­men werden, wonach Personen, die gewerbsmäßig die Heil­kunde ausüben, an Geld bis zu 150 Mk. oder mit Haft be­straft werden sollen, wenn siesin öffentlichen Ankündigungen oder Anpreisungen täuschende Angaben über Vorbildung, Befähigung, Erfolge oder prahlerische Versprechungen machen oder die Heilbehandlung von Kranken ohne persönliche Un­tersuchung (Fernbehandlung) in Aussicht stellen. Derselben Strafe unterliegt, wer verbotene Ankündigungen oder An­preisungen dieser Art verbreitet. Weiter soll in das Polizei- strasgesetzbuch ein Paragraph ausgenommen werden, wonach nicht approbierte Personen, welche gewerbsmäßig die Heil­kunde ausüben, an Geld bis zu 150 Mk. oder mit Hast be­straft werden können- wenn sie den im Interesse der Ge­sundheitspflege oder der Sittlichkeit sowie zur Verhütung wirtschaftlicher Schädigungen der Bevölkerung ergangenen Bestimmungen Zuwiderhandeln. Allen nicht approbierten Personen soll die Anmeldung ihres Gewerbebetriebs sowie die Führung von Geschäftsbüchern, in denen die Namen sämtlicher Patienten unter Angabe des Tages der Inan­spruchnahme _ auszuzeichnen sind, vorgeschrieben werden. Außerdem besteht auf Grund des neuen Gesetzes die Möglich­keit, Vorschriften über die Behandlung von Personen des andern GeMecbts (ÄULMüna einer Vertrauensperson dieses

__________________13» Jahrgang.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile Kr ganz Obe« Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 «e.,

Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

PoftzeitungslisteNo. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88 ^ernsprechanschluß Nr. 362.

Geschlechts) sowie über die Anwendung gewisser Heilme- choden zu erlassen. Die Annahme des Gesetzentwurfs in der Zweiten und Ersten Kammer ist sicher.

Skandinavien»

□ Das norwegische Parlament hat jetzt einen Gesetz- mtwurf angenommen, wonach grauen Rechtsanwälte werden können. Es wurde einstimmig beschlossen, diesen Gesetz­entwurf an die Regierung zu übersenden.

Hsien,

* Der Führer der englischen Tibetexpedition, Oberst Younghusband, hatte eine Unterredung mit dem Lama De­von, dem Aeltesten der fünf tibetanischen Generale. Der Lama sortierte den Obersten aus, nach Gnatong zurückzu­kehren und bemerkte, es würden e r n st e M i ß Hellig­keiten entstehen, wenn er dies nicht täte oder weiter vor­zudringen suchte.

*^ Die Japaner erwarten von der russischen Antwort­note nichts gutes, denn Meldungen aus Tokio besagen, daß sie fortgesetzt rüsten. Da man auch in Japan weiß, daß zürn Megsuhren drei Dinge gehören: 1. Geld, 2. Geld und

Geld, so tun die Japaner Geld in ihren deutet Vor­gestern Abend speisten — so wird aus Tokio telegraphiert — die Mitglieder des Kabinetts mit hervorragenden Ban­kiers des Reiches, welche in der Hauptstadt versammelt sind, um die finanzielle Lage zu beraten. Gestern speiste der Premierminister mit einzelnen der Finanzleute. Speisen heißt wohl auf Japanisch soviel wie beraten. Das Ergeb­nis dieser „Speisung" ist in der Nachricht zu erblicken, wo­nach die japanische Regierung unverzüglich eine oprozenkige innere Anleihe von 100 Millionen Yen (1 Yen gleich 4,12 Mark) zum Kurse von 95 Prozent aus einen Zeitraum von 5 Jahren begeben wird.

Hfrika.

* Der vielgenannte Burengeneral Delarcy, der nach Eng- lrsch-Indien gereist war, hat sein Ziel erreicht: er hat die dort noch in Gesangenschast lebenden Buren von der Un­vernünftigkeit ihres Beharrens überzeugt und die Leute zum Unterschreiben der verlangten Erklärung bewogen. 498 Buren kehren nun in die Heimat, der sie mehr als drei Jahre fern gewesen, zurück.

Hmerika.

=4= Einen großen Erfolg haben die Polen in Nordamerika zu verzeichnen. Wie aus Chikago gemeldet wird, wird der heilige Stuhl binnen kurzem für die Polen Nordamerikas einen Bischof polnischer Nationalität er­nennen»

Dos und Gesellschaft.

Dem Kaiferp aar wurden gestern Mittag eine Anzahl Offiziere und Krankenschwestern vorgestellt, die abends nach Hamburg abfahren sollten, um von dort die Ausreise nach Südwestafrika anzutreten. Die Schwestern waren vorher in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche feier­lich eingesegnet worden. Vor dem Empfang hatte der Kaiser seine gewohnte Promenade im Tiergarten mit Mn Prinzen Eitel Friedrich und Oskar gemacht.

Deutscher Reichstag.

(21. Sitzung.) Cß Berlin, 29. Januar.

Der Staatssekretär des Innern ist daran gewöhnt, daß Hm sein Gehalt erst nach langen Debatten bewilligt wird, in denen von allen möglichen Dingen die Rede ist, die in mehr oder minder innigem Zusammenhänge mit seinem Reffort stehen, nur nicht von dem Gehalt des Staatssekre- iärs, dem zur Beratung stehenden Ausgabetitel. Je län­ger sich diese Debatten ausdehnen, desto mehr verringert sich das Interesse daran und desto dünner wird die Be­setzung des Hauses. Heute kam es namentlich zu scharfen Auseinandersetzungen über den

Crimmitschauer Streik,

über den schon an den vorangegangenen Tagen vielsach ge­sprochen worden war. .

Abg. Lehmann (nat.) legte dar, daß Crimmctschau zu einer sozialdemokratischen Machtprobe aus den 10stün- digen Arbeitstag ausersehen worden sei, nachdem Forst und Neumünster abaelebnt hätten. Sei der lOftünbiae Arbeits­tag erreicht, so würde der 9stündige (Ruse links: Sehr rich­tig!), und alsdann der 8stündige gefordert werden. (Rufe: Sehr richtig!) Neulich sei hier gesagt worden: es gebe auf der Welt nichts so Schändliches, wozu nicht ein Pastor oder ein Pfaffe seinen Segen gebe! (Rufe links: Sehr richtig! sehr richtig! Antwortruse von rechts: Pfui!)

Präs. Gras Ballestrem (aufspringend und erregt): Ich finde es empörend, daß Sie zu einer solchen Aeußerung noch „Sehr richtig!" rufen. (Lachen links.) Wenn ich müßte, wer gerufen hat, würde ich den Betreffenden zur Ordnung rufen. (Erneutes Lachen links; der Präsident setzt sich mit heftiger Bewegimg.)

Abg. Lehmann (fortfahrend): Ich habe Ihnen nur vorgelesen, was neulich der Abg. Fischer gesagt hat. 3lmg ich finde so etwas empörend. Außerbalb des Hauses würde