Einzelbild herunterladen
 

Nr. 123. Erstes Blatt.

Samst.g, den 28. Mai 1904

13. Jahrgang.

I

5Wn

KJ.

"°t»oj

^ttg ein i«»i. (. g.

1 Amberg ®«netnbe» ,°^ntliche tos setzen.

totfthuben

11 Uhr

Uh»««e«e»tSpre1- r in Gießen, sbgehslt monatlich 60 Pfg., V< H«uS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jShrttch Mk. 1.60.

•Htt*Beil*ge*: Oberch-fstsche KämiNen-eit««- (täglich) und die Gtetzensr <eiftirBI*fe* (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an aSe« Werktagen nachmittag-.

CL liegen W offen. 5/ sind bi} :"' - 3»

iei WM

ng

il'fung übet

»Tsiand

ier:

8 jnnior,

9»

lââ

SSL

Neueste Dachrichten

schietzener Tagevlatt)

Nnaöyängige Tageszeitung

lchießener Aeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gietzm und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Ostasien.

Das Schicksal Port Arthurs scheint besiegelt. Es ist jetzt ringsum von den Japanern wie in eisernen Klammern ein­geschlossen. Wenn ihr nicht, wie man in Petersburg hofft, - bald durch einen kräftigen Vorstoß Kuropatkins Hilse ge-

* leistet wird, muß die Festung als verloren gelten.

Die Blockierung Port Arthurs list vom Admiral Togo nach einem wohlüberlegten Plane in 8 die Wege geleitet worden. Seine Streitkräfte umfassen die Mung jetzt von allen Seiten. Das war natürlich nur möglich nach einer ganzen Reihe von Kämpfen, die sich aus I die Landenge zwischen der Talienwan- und Kintschaubucht I abspielten. Schon seit mehreren Tagen wurde von blutigen , Zusammenstößen zwischen russischen und japanischen Truppen in dieser Gegend berichtet, ohne daß jedoch etwas näheres ; darüber verlautete. Jetzt erfährt man das Resultat bei V Kämpfe: Die Japaner haben die Russen sowohl aus ihren D Lerschanzungen an d^r Talienwanbai wie aus ihrer starken id Stellung bei Kintschau vertrieben, und zwar wie es den ■ Arischem hat, endgiltig. Es gilt für höchst unwahrscheinlich, I daß es den Russen bei der großen Stärke der japanischen L Ableitungen gelingen sollte, die verlorenen Positionen wieder I )u nehmen. Man schätzt die Japaner auf 50 000 Mann. In Port Arthur sollen 20 000 Russen stehen.

Die Eroberung von Kintschau

hab sich nach den neuesten Berichten folgendermaßen ab- â geschielt:

Die Russen hatten sich im Süden der Stadt auf den . Lort gelegenen Höhenzügen stark verschanzt. Außer einer ' Anzahl kleinerer Geschütze verfügten sie über 30 schwere Kanonen, sie hatten zahlreiche Minen gelegt und auf dem Angriffsgelände vielfach Stacheldraht gezogen. Die Japaner, Lie gleichfalls über starke Artillerie verfügten, hatten am Mittwoch auf die russische Hauptmacht, die bei Nankwanling Kin der schmälsten Stelle der Liautunghalbinsel stand, ein verheerendes Feuer eröffnet und sie gezwungen, sich auf die feste Position bei Kintschau zurückzuziehen. Am Donnerstag gingen die Japaner zum Angriff auf Kintschau

i selbst über. Der Tag graute kaum, als die ersten Schüsse fielen. Von beiden Seiten wurde mit großer Bravour gesümpft und cs ist anzunehmen, daß die Verluste der beiden Gegner sehr schwere sind. Schließlich mußten die Russen trotz heldenmütiger Gegenwehr gegen Mittag die

• Stellung räumen. Den Löwenanteil an dem japanischen Erfolg hat ohne Zweifel die überlegene Wirkung ihrer Artillerie, die brillant wie auf dem Exerzierplatz schoß.

Mit dem Aufgeben der Stellung bei Kintschau durch die Russen war aber der Kampf noch nicht beendet. Die weichenden russischen Kolonnen setzten sich auf dem südlich gelegenen Hochlande bei Hantschau von neuem fest und auch diese Position mußte von den Japanern nach scharfem Kampf genommen werden. Das Feuer der beiderseitigen Artillerie Ivar auch am Freitag noch nicht gänzlich eingestellt. Ein russisches Kauonenbot beschoß während der Kämpfe die linke $Canfc der Japaner von der Talienwanbucht aus, während japanische Kriegsschifie von der Kintschaubucht aus das Land­heer unterstützten.

Hand in Hand mit den japanischen Landoperationen gegen Port Arthur gehen natürlich auch neue Unternehmungen der Flotte. Me Japaner beschossen den Hafen wiederholt und ■ suchten Sperrminen zu legen. Wie von russischer Seite be­hauptet wird, gingen durch wohlgezielte Schüsse der Strand­batterien ein japanischer Dampfer und zwei Torpedoboote unter.

Die Kriegslage im Norden

soll nach Mitteilungen des Petersburger Generalstabes für die Russen günstig sein. Die Division Kondratowitsch sei im Begriff, sich mit einer starken Kosakenvorhut östlich von Sinyen zwischen die Spitzen der ersten und der zweiten Ijapanischen Armee einzuschieben, während General Rennen- kampf die Basis Aiho—Jalu bedroht. Viel komme augen­blicklich darauf an, ob Kuropatkin aus der die Straße von Haitscheng dominierenden Situation feiner Hauptmacht ent­sprechenden Nutzen werde ziehen können, um im Einverneh­men mit Kondratowitsch und Rennenkampf die Japaner dem Rkeere zuzutreiben. — Nach allem, was man sonst über die Vorgänge bei Fönghwanghtscheng erfahren hat, scheint hier bei den Russen doch ein gut Teil Selbsttäuschung vorzu­liegen. Daß in der Tat die rückwärtigen Verbindungen ârokis bedroht sind, haben wir bereits eiMh»X

Die Politik.

^ Die Auffassung, ein größeres Gefecht mit den Herero am Waterberg stehe bevor, wird in einem neuen Telegramm dss Gouverneurs aus Windhuk bestätigt. Es besagt: „Ko­lonne Estorff bat bei Okamatanaara feindliche Posten auf

Gießener

20 Kilometer nordwestlich gegenüber. Samuel Mayarero soll die nach Osten ausgewichenen Herero zum Waterberg herangeholt haben. Aus dem Ovamboland sollen drei Muni- lionswagen mit 60 Ovambos Bedeckung gekommen sein." Daraus ergibt sich, daß Samuel Maharero am Waterberg den deutschen Truppen Stand halten will, die von allen Seiten — Leutwein von Süden, Estorff von Osten, Volkmann von Norden und Zülow von Westen — gegen den Berg heran- cücken. Um den 7. Juni dürfte es zum Treffen kommen. Die Depesche erweist ferner, daß die Ovambo, oder doch ein Oeil von ihnen, die Leute des Häuptlings Nechale, mit den Herero gemeinsame Sache machen. Somit wird ein Ovambo- feldzug unvermeidlich. Oberst Leutwein hat übrigens, wie unser Berliner L'S-Mitarbeiter erfährt, die Dauer des Krie­ges auf zwei Jahre geschätzt. Im günstigsten Falle werde der Krieg ein Jahr dauern.

♦

=4= Der ehemalige Regierungspräsident von Wiesbaden in Diest veröffentlicht soeben eine Unterrebung, die er im Sommer 1867 mit dem Fürsten Bismarck über das allge­meine Wahlrecht gehabt hatte. In dieser Unterredung hatte D. Diest dem Fürsten Bismarck den Vorschlag gemacht, das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen und durch das Drei- klassen-Wahlsystem zu ersetzen. Bismarck erwiderte ihm dar­auf u. a.: „In der Theorie stimme ich Ihren Gegengründen vollständig bei, und wenn das Wahlsystem in einigen Jahren nicht mehr nötig sein wird, und wenn es mir nicht mehr ge­fällt, dann nehme ich es mir wieder zurück." Herr V. Diest erzählt weiter, daß er im Jahre 1870-71 den Fürsten Bis­marck nochmals habe veranlassen wollen, das allgemeine Wahlrecht zu ändern, aber Fürst Bismarck wollte nicht.

*

^ Ein neuer Versuch der Polen, mit Hilfe des Zentrums Demonstrationen gegen die preußische' Ästmarkenpcân zu inszenieren, ist als mißlungen anzusehen. Wie ein polnisches Blatt mitteilt, hat das Zentrum es der polnischen Reichstags- fraktion abgeschlagen, Unterschriften für eine Interpellation herzugeben, welche die polnischen Abgeordneten aus Anlaß des neuen Ansiedelungsgesetzes einzubringen beabsichtigten.

*

■& In den Tagen vom 23. bis 25 August findet in F u l d a die diesjährige Konferenz der deutschen Bischöfe statt. Haupt­beratungsgegenstände sind eine Kundgebung bezüglich der bevorstehenden Halbjahrhundertfeier der Verkündigung des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis Mariä sowie eine einheitliche Feststellung der Grundsätze für die Benutzung der den katholischen Kirchengemeinden gehörenden Friedhöfe bei Beerdigung nichtkatholischer Christen.

frankreicb.

O Immer neue Kulturkampfunruh en gibt es Frankreich. Jetzt wird wieder aus Nantes gemeldet: Bei einer Inven­tur-Aufnahme, die unter dem Beistand von Truppen und Gendarmen in einer früheren Ordensschule in Gouff6 vorge- nomnien wurde, kam es zu ernsten Ruhestörungen; die g e - samteBevölkerung des Ortes widersetzte sich die­ser Maßnahme. Ein Leutnant vom 64. Infanterie-Regi­ment fowie mehrere berittene Gendarmen wurden durch Stock­schläge und Steinwürfe bedenklich verwundet. Erst nach län­geren Bemühungen der Gendarmen gelang es, den Platz vor der Schule zu sperren und dem Liquidator den Eintritt in das Schulgebäude zu ermöglichen. Mehrere Personen wur­den verhaftet.

Oesterreich-Ungarn*

Hb Die sozialdemokratische Parteileitung in Budapest behauptet, „sichere Kenntnis" davon zu haben, daß die un­garische Regierung die Auflösung sämtlicher sozialistischen Fachorganisationen plane, die Mitglieder der Parteileitung verhaften und die Parteikassen beschlagnahmen lassen wolle.

Balkan-Staaten*

^ Eine merkwürdige Erklärung für den bevorstehenden Besuch des B u l g a r e n f ü r st e n Ferdinand in B e r l i n bringen österreichische Blätter. Danach soll der Besuch bezwecken, die Fürsprache Kaiser Wilhelms für die Umwandlung Bulgariens in ein Königreich zu gewinnen. Der Fürst soll die Zeit gekommen glauben, wo er von Ruß­land das Zugeständnis, Bulgarien zum Königreich zu er­heben, erlangen kann; und er glaubt angeblich auch, daß bei Sultan auf die Fürsprache Rußlands hin nachgeben werde. Die Pforte dagegen, sowie auch Oesterreich weisen den An­spruch zurück. Man glaubt nun, daß Fürst Ferdinand sich bemühe, die Vermittelung Kaiser Wilhelms zu gewinnen, da letzterer sowohl den Zaren wie den Sultan im Interesse der bulgarischen Wünsche beeinflussen könnte. Hier ist wohl nur der Wunsch Vater des Gedankens.

Türkei*

=4= In Mazedonien rumort es wieder: Die türkische Polizei hat im Dorfe Sassa (Bezirk Kotchani) 2 0 große Bom­ben entdeckt; es erfolgten zahlreiche Verhaftungen.

Hme^a. *

G Herr Castro, der Präsident von Venezuela, scheint wieder etwas im Schilde zu führen. Wie über Newyork ge­meldet wird, nimmt die venezolanische Regierung Waffen- knufe vor, besonders an Artillerie für die Häfen Porto Ca­bello und La Guavra. Eine französische Firma liefert für

AnsertionS-reiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­th essen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.

Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88.

Aernfprechanschluß Nr. 362.

300 000 Dollars Geschütze. Diese Rüstungen üverraschen, da erst kürzlich alle Differenzen mit den Nachbarstaaten er- sebigt worden sind. In Washington befürchtet man Kompli­kationen bei den noch ausstehenden Ratenzahlungen an die Mächte. Nun, dann wird Herr Castro wieder etwas auf den Kopf kriegen. Diesmal dann aber wohl etwas ener­gischer als bisher. Verdient hat der brave Sennor eine kräf­tige Lektion reichlich.

Beer und flotte.

Die diesjährigen Kaisermanöver finden nach einer kaiser­lichen Verordllung nördlich inld nordöstlich von Hamburg statt, und zwar Dom 5. bis 13. September. Durch große Eisenbahntransporte werden die Mannschaften des Garde­korps am 4. September nach Altona befördert.

König Alfons von Spanien als deutscher Admiral. In Madrid trafen gestern Oberst Baron Digeon v. Monteton und Kontreadmiral Graf Baudissin ein, der erstere, um sich beim König als neuer Kommandeur seines Magbeburgischen In­fanterie-Regiments zu melden, der letztere, um dem König die deutsche Admiralsuniform zu überbringen.

Nah und fern.

A Das deutsche Schützenfest 1906 soll in München ab- gebalten werden. Die Hauptschützengesellschaft München will 50 000 Mark, der Münchener Schützenbund 20 000 Mk. zeichnen. Der Magistrat beschloß in Uebereinstimmung mit dem Gemeindekollegium, als Garantiefonds der Stadtge­meinde einen Betrag von 50 000 Mark zu zeichnen.

i" Attentat auf den Erzbischof von Freiburg. Während der letzten Sitzung des erzbischöflichen Ordinariats zu Frei­burg drang der Priester Dr. phil. Rieger aus Pforzheim in den Sitzungssaal und gab einen.Revolverschuß auf beii Erzbischof Noiber ab, ohne ihn jedoch zu treffen. Rieger, ein Mann von 42 Jahren, hat die Tat begangen, weil ihm bis Berechtigung zur Erteilung des Religionsunterrichts ar Mittelschulen versagt worden ist unter Hinweis auf Vor­kommnisse in seiner Vergangenheit. Er hatte vor längerer Zeit seinen Posten durch eigenes Verschulden verloren, es war ihm aber darnach durch den Erzbischof die AOsolviening der philologischen Studien möglich gemacht worden. Rieger, der an Verfolgungswahnsinn zu leiden scheint, wurde verhaftet.

□ Bestialisch verstümmelt wurde ein Mann in das Kran­kenhaus zu Frankfurt a. M. eingeliefert. Die Verletzungen, die an die scheußlichsten Grausamkeiten erinnern, die die Herero sich den überfallenen deutschen Ansiedlern gegenüber zuschulden kommen ließen, sind derartig, daß sich die Feder sträubte, sie zu beschreiben. Wie es pex^t soll das Verbrechen an dem Unglücklichen in einem zweideixigen Haus begangen worden sein.

cf Vereiteltes Bombenattentat. Das Todesurteil gegen die Herüber der Lütticher BomOenattentate scheint auf die bel­gischen Anarchisten wenig Eindruck gemacht zu haben. Schon wieder wurde ein Anschlag von ihnen geplant. In Gilly bei Eharlesroi entdeckte Frau Degend, die Inhaberin einer kleinen Wirtschaft, auf dem Boden ihrer Wohnung eine Bombe. Die Polizei hatte kurz vorher mehrere Haussuch­ungen Dorgenonimcn und in der Wirtschaft der Frau Degend eine Anzahl anarchistischer Umtriebe verdächtiger Individuen verhaftet, die Waffen bei sich trugen. Trotzdem Frau Degend gänzlich unbeteiligt an dem Vorgang war, hatte man ihr jetzt aus Rache eine Bombe von großer Explosionsgewalt ge­legt, deren Zündschnur jedoch vorzeitig erloschen war.

G Ein 103jährigcr Selbstmörder ist auf dem Armen­kirchhof des Londoner Vororts Festining beerdigt worden. Der älteste Insasse des Armenhauses, James Burns, wurde bald nach seinem 103. Geburtstage mit durchschnittener Kehle im Bette aufgefunden. 9ceben ihm lag das Messer, mit dem er die Tat vollführt hatte. Er lebte noch, und als man ihm ärztlichen Beistand leisten wollte, sagte er nur: „Laßt mich nur sterben, ich habe lange genug gelebt." Bald darauf starb er wirklich. Burns war ein Irländer, der lange Zeit hin­durch in der britischen Flotte gedient hatte. Er schied aus, als er das 50. Lebensjahr vollendet hatte, und verdiente sich feitbem seinen Lebensunterhalt als Straßenhändler. Er war fast SO Jahre, als eir sich mit der 3d jährigen Tochter eines italienischen 2ei ermannet verheiratete, aber die Ehe soll sehr qhiulid) gewesen sein, bis ihn vor znxn Jahren seine Frau mit den drei Ändern verließ. Dsvi Schlaa bat er mckn minder Der'-rir >i-v fiwwri und fr v^r ^,. >

4= Durch eine Kcsselexplosion wurde der Schleppdampfer „Fred Wilson" in der Nähe von Loursville zerstört. Dabei tourben 13 Leute getötet, 3 tödlich und 5 weniger gefährlich verletzt.

*$< Eine ganze Familie Vcrbrmint. In Weston-super- Mare kam, wie aus London gemeldet ivirb, bei einem Brande die ganze Familie des Restaurateurs Huntley und âtvei Haus­mädchen, im ganzen 6 Personen, ums Leben. Das Feuer brach nachts aus, als die Hausbewohner im tiefsten Schlaf lagen und griff so säpiell um sich, daß niemand gerettet wer­den konnte. .