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Nr. 98.

Mittwoch, den 27. April 1904.

13. Jahrgang.

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MD -E^ gâscht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jâhrkich Mk. 1.50.

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3*ferHö*e>wi6: Die einspaltige Petttzchße M ganz YW Reffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10Mz. fostft&lK Reklamen die Petttzeile W^M. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, ^eU^^tp^.Ä Fernsprechanschlnß Nr. E.

Deuelle Machrichten

EKr-ß-«»r MrgsMatV MmMnGige T««»sMu»g Gießener Ieit«ngr

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bekanntmachnng.

Betr.: Den Umbau der Brücke über die Lumda im Straßenzuge, Straße Grünberg—Londorf—Atzenhain.

Die Brücke über die Lumda am Ortsausgange von Lumda wird umgebaut und demgemäß vom 2. Mai d. I. ab bis auf weiteres für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Leichtere Fuhrwerke können bei trockener Witterung den etwa 100 Meter oberhalb der Brückenbaustelle ver­legten provisorischen Uebergang über die.Lumda benutzen.

Gießen, den 22. April 1904.

Großherzogliches Kceisamt Gießen.

_____________I. B.: Kranzbühler.____________

Bekanntmachung.

Betr.: Milzbrand in Stangenrod.

In dem Gehöfte des Peter Schäfer zu Stangen­rod ist ein Fall von Milzbrand festgestellt worden.

Gießen, den 23. April 1904.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

J. B.: Hechler.

Deutschlands „Isolierung".

Angesichts der jungen italienisch-französischen Freundschasl werden in der deutschen Presse Kafsandrastimmen laut. Mit pessimisttschem Pinsel malt man das düstere Bild von einer kommenden gänzlichen Isolierung unseres Vaterlandes in die Wand und zieht daraus die traurigsten Konsequenzen für unsere Zukunft. In leitenden Kreisen der deutschen Diplomatie aber wird die Stellung, die Deutschland auf dem politischen Schachbrett zur Zeit einnimmt, für eine so gefestigte angesehen, daß wir, ohne jede rosige Selbsttäuschung, zuver­sichtlich den kommenden Ereignissen entgegengL7/en können, fön einem Interview, das unser Berliner CB- Mit­arbeiter mit einem bekannten deutschen Staatsmann hatte, entwarf dieser folgendes Bild der herrschenden politischen Konstellation:

Es ist unbestreitbar, daß die Annäherung zwischen den Regierungen von Italien und' Frankreich von den ungeteilten Sympathien der beiden Völker getragen wird. Sie sind, wie auch in den offiziellen Toasten hervorgehoben wurde, stamm­verwandt: sie haben die Empfindung ihrer Rassezusammen­gehörigkeit durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt und teil­weise auch bestätigt. Allerdings ist die hohe Politik nicht immer den Spuren der Volksseele gefolgt. Wo immer auch große Ereignisse sich entwickelten, haben die beiden Nationen einander feindlich gegenübergestanden, weil das nordlatei­nische Volkstum, die Franzosen, fortgeschritten als Kultur­nation und mit größeren politischen Machtmitteln versehen, stets die Tendenz hatte, die italienische Bevölkerung zu be­herrschen und seinen eigenen Interessen dienstbar zu machen. Die Zeit ist ja auch noch nicht allzu fern, da der französische Marineminister Pelletan den vielerörterten Ausspruch to'.: Korsika ziele Italien mitten ins Herz! Das alles ist in dem jetzigen Augenblick, in welchem die Gefühle heiß aufwallen, vollständig vergessen: die italienische Bevölkerung sieht in dem Besuch des französischen Staatsoberhauptes den Anfang zu einer neuen Machtgruppierung.

Für die italienische Diplomatie ist die augenblicklicke Stellung Italiens als Mitglied des Dreibundes und als an­erkannter Freund Frankreichs außerordentlich bequem. Es kann bei der etwaigen Entwickelung gegensätzlicher Inter­essen zwischen Deutschland und Frankreich aus dieser Pendel­stellung erhebliche Vorteile ziehen. Und eines schmeichelt vor allen Dingen auch dem stolzen Römertum, daß nach einer Periode jahrelanger Depression die Staatsoberhäupter Europas der Reihe nach dem jungen Königspaare ihre Auf- ivartung machen und so die italienische Großmachtsstellung tatsächlich anerkennen. Es ist nun die Frage, ob die neue Entwickelung der Dinge tatsächlich der Beginn einer neuen europäischen Konstellation ist, bei der Deutschland die Rolle des Mauerblümchens spielen solle.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die englische und die französische Diplomatie auf ein solches Ziel los- arbeiten. Der französisch-englische Schiedsgerichtsvertrag hat keinen anderen Zweck, als die Möglichkeit, internationale Konflikte aus der Welt zu schaffen, ehe noch Deutschland seine Flottenrüstungen beendigt hat und somit entscheidend an den Welthändeln teilnehmen kann. Zweifellos wird man an der Themse auch bemüht sein, die Interessengegensätze gegen Rußland auf dem Wege einer friedlich-schiedlichen Auseinandersetzung zu beseitigen und der erste Schritt auf diesem Wege ist das tatsächliche Angebot, in dem ostasiatischen Kriege als ehrlicher Makler für den Frieden zu arbeiten. Es ist sogar nicht unmöglich, daß bei dem friedlichen Sinn des Baren Nikolaus und den guten persönlichen Beziehungen Mischen dem englischen und dem russischen Herrscherhause diese Bemühungen von Erfolg gekrönt werden. Ist in einem folgen Falle Deutschland nun isoliert?

Um Diele Frage zu beantworten, wird man sich erst klar darüber werden müssen, ob Deutschland eine aktive Politik überhaupt erstrebt. Wir sind, wie Fürst Bismarck seiner Seit erklärte, ein gesättigter Staat. Auf dem Kontinent geben wir auf Landerwerb nicht mehr aus. Ein anderes aber ist es, wenn draußen in der Welt, in den Kolonien, ^'ne neue Güterberteilung vorgenommen werden sollte Dann wird Deutschland selbstverständlich als Großmacht ein Wort mitsprechen wollen und diesem Zwecke dienen auch die großen Flottenrüstungen, die uns zu einer Weltpolitit größeren Stiles befähigen. Aber gerade jene Fragen Der Weltverteilung sind auch die eigentlichen Konfliktskeime der Gegenwart. Sind sie durch einen Ausgleich der Interessen- gegner beseitigt oder vermindert, dann schwindet auch die Gefahr kriegerischer Verwickelungen und eine solche Isolie­rung bei der Herbeiführung einer rein Passiven Politik kann Deutschland ohne Schaden seiner Großmachtsstellung er­tragen. Daß die Annäherung der verschiedenen Staaten eine aggressive Spitze gegen Deutschland hat und die Gefahr kriegerischer ^U£eiiiuiibei|||5m f.. e uns heraufbeschwört, P durchaus unwahrscheinlich. Dafür ist Deutschland als l ästigster Militärstaat der Welt und mit seiner aufblühen- derv Seewebr ein zu ernste - Faktor. Ein Staat mit solchen Machtmitteln kann nicht isoliert werden, wenn er sich da­gegen sträuben will. Darum ist es auch nicht notwendig, den pessimistischen Stimmen der Gegenwart Gehör zu schenken und uns selber zu entmannen, indem wir das VerDauezl. unsere Mucht und Größe verlieren. ~ -

Der Sisenbabnerstreih beendet.

Was für jeden nüchternen Beurteiler des u n g a r i s ch e n Eisenbahn st reiks gleich nach Tiszas erster Willens- iußerung zu der Frage klar war, ist eher eingetreten, als man dachte: Der Streik ist beendet. Die Verhaftungen der Streikführer, die Tisza in seiner rücksichtslosen Energie vor­nehmen ließ, und die Drohung der Regierung, sie werde einen der Streikenden wieder anstellen, wenn sie nicht sofort pater peccavi sagten, haben gewirkt: Nachdem das bis­herige Streikkomitee verhaftet war, erklärte die neu gewählte Streikleitung in der Nacht zum Montag den Streik — als wllig aussichtslos — für b e e n d e t und erließ ein Manifest, das alle Streikenden zu sofortiger Wiederaufnahme des Dienstes auffordert!

Dieser Aufforderung kamen die Eisenbahner denn auch in Budapest wie in der Provinz ungesäumt nach. Infolge­dessen ist der fahrplanmäßige Verkehr bereits auf allen Strecken der ungarischen Staatsbahn wieder im Gange, nur mit den S chnellz ü gen hapert es noch. Doch dürften auch diese vom Dienstag ab vieder verkehren. — Auch mit dem von den Sozialdemokraten angedrohten G e n e r a l st r e i k aller Arbeiterkategorien ist es nichts geworden. Die sozialdemokratische Partei­leitung hat neuerdings erklärt, sie halte im gegenwärtigen Moment die Veranstaltung eines Generalstreiks für völlig unmöglich. Unter diesen Umständen dürfte ein in Groß- Wardein von 15 000 Arbeitern etwas voreilig, in Er- vartung des angekündigten Generalstreiks, in Szene gesetzter Ausstand binnen kurzem resultatlos im Sande verlaufen.

Graf Tisza will sich den Sieg über die Streikenden auch mrch eine parlamentarische Debatte nicht verkümmern lassen. Angesichts der unnachgiebigen Haltung der Regierung er­wartete man, daß in der Montagssitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses gegen die Regierung von der Oppo­sition ein stürmischer Redefeldzug unternommen werden würde. Dem hat Tisza die Spitze abgebrochen. Ehe noch ein Redner in der Sitzung das Wort nehmen konnte, verlas der Ministerpräsident das königliche Dekret, das die Ver­tagung des Abgeordnetenhauses auf unbe­stimmte Zeit ausspricht.

Me Regierung hat also gesiegt. Graf Tisza ist ein rück­sichtsloser Gegner, aber ein kluger Sieger. Und Die Erwar­tung ist wohl nicht unberechtigt, daß die schwere wirtschaft­liche Kalamität, die dieser Streik für Ungarn bedeutet hat, dem Grafen Tisza nahelegen wird, als Sieger großmütig und klug den Eisenbahnern zu bewilligen, was sie ihm im Kampfe nicht abtrotzen konnten.

Der Rerero-Hufstand.

In der Kolonne Glasenapp herrscht der Typ hu s.^ Das ist die neueste, höchst unerfreuliche Nachricht aus Südwestafrika. Amtlich wird bekannt gegeben:

Nach einem Telegramm des Gauverneurs Leutwein vom heutigen Tage steht die Kolonne des Abajors v. Glase- n a p p seit dem 22. d. Mts. in O t j i h a e n e n a , wohin sie wegen Ausbruchs von Typhus marschiert ist. Bis jetzt sind 7 Todesfälle, Namen noch nicht gemeldet. Die Mis­stonsstation Otjihaenena ist als Lazaret eingerichtet.

Ueberraschend kommt die Nachricht nicht. Schon neulich wurde von einer Typhuserkrankung in der Kolonne Glase­napp berichtet, und angesichts der klimatischen Verhältnisse und der Größe der Anstrengungen der Trrlvpen war eine

■im —............ ■ ..........— Weiterverbreitung der KrankDt mit Sicherheit m erwarten. Hoffentlich gelingt es, der Seuche Herr zu werdeâi

Otjihaenena, wo die Kolonne jetzt biwakiert, liegt an der Südostspitze der Onjatiberge. Nach den festen Nachrichten stand Glasenapp bei Dnjahi, erheblich weiter nordwärts. Er­scheint demnach die Onjatiberge auf der Ostseite umgangen zu haben. Unweit Otjihaenena liegt S e e i s , wohin Oberst Leutwein jetzt unterwegs ist.

* *

Gegen die Schilderung, die jüngst in der Presse von dem Verhalten des Missionars H a m m a n n und seiner Gattin gegenüber der Frau v. F a l k e n h a u f e u gegeben wurde, wendet sich eine Zuschrift, um deren Aufnahme wir gebeten werden. Die Zuschrift enthält einen Auszug aus' einem Briefe der Frau Missionar Hainmann. In diesem Briefe schildert Frau Hammann, wie sie selber nebst einer anderen Missionarsfanulie in tiefster Not und Bedrängnis gewesen sei. Auf der Flucht sei der Karren, in dem sie mit Frau von Falkenhausen fuhr, stecken geblieben. Dann heißt es weiter: „Bei den verzweifelten Bemühungen, die Karre ans Land zu bringen, zerbrach die Deichsel, und nun war alle Hoffnung, die Karre tjerau^ubringen, dahin. Frau v. Falken'! hausenmitihrenbeidenKindernundichinil Karlchen saßen darin und muhten bis zum Morgen sitzen bleiben, denn in der Nacht konnte absolut nichts ge­macht werden. Ich hatte die ganze Nacht genug z u t u n , Die Einher f e st z u h a l t e n , Die immer herunterrutschten und i n s Wasser zu fallen d r o h - tcn. Es war eine entsetzliche Nacht. Endlich ge­lang es Langs Wagen aus Dem Fluß zu bringen. W^ wurden aus der Karre in den Wagen gebracht, mußten aber Ute Sachen im Stiche lassen." . . .

Danach erscheint Die Angelegenheit in einem anderen Lichte. Weiter wird in Dem Brief erwähnt, daß die Mis­sionare Lang und Hammann, in Hohewarte ange- langt, sich an der Verteidigung der Dortigen Feste beteilig! haben.

Der Krieg in Ostafien.

Wie es den Anschein hat, wird jetzt in die japanischen Operationen am Jalu ein frischerer Zug kommen. Die fremden Militairattachees bei der ersten japanischen Armee haben die Anweisung erhalten, sich für den 30. d. Mts. zum Aufbruch bereit zu halten.

Zugleich mit den Militärattachees, die von den Japanern äußerst zuvorkommend behandelt und mit Pferden und Sattelzeug ausgestattet worden, rücken auch die Bericht­erstatter vor, so daß man nun, nachdem der japanische Auf­marsch gesickert ist, wohl endlich zuverlässige und schnelle Nachrichten bekommen wird.

Die japanischen Operationen haben vorläufig Widschu als Stützpunkt, und eine ihrer vorgeschobenen Weitungen hat nach einer Meldung des russischen Generals Kuropatkin vom 26. d. Mts. bereits den Fluß überschritten. Kuropatkin berichtet nämlich:

Wie General Sassulitsch unterm 24. April meldet, wurde in den letzten Tagen bemerkt, daß die Japaner in der nächsten Umgebung von Widschu und beim Dorfe Sigu 15 Werst weiter stromaufwärts Pontons ausladen, Boote sammeln und dasMaterial zunl Bau einer Brücke beschaffen. Am 23.April setzte eine japanische Trrlppcnabteilicng, die aus etwa zwei Kompagnieen sowie einer kleinen Abteilung Kavallerie be­stand, 15 Werst unterhalb Siaopusiches über den Fluß. Ge­neral Sasslllitsch hat Maßnahmen getroffen zur Unter­stützung der russischen Feldwachen. Der Feind ist in geringer Stärke auch gegenüber Siaopusiche und bei Tenton gesehen worden. 20 Werst oberhalb von Siaopusiche haben die Ja­paner Vorbereitungen für das Ueberschreiten des Flusses getroffen. Im Gebiet südlich vom Jalu war am 24. April alles ruhig.

Es ist sehr leicht möglich, daß die Russen auch größeren Uebergangsversuchen der Japaner keinen ernstlichen Wider­stand entgegensetzen, sondern aus strategischen Gründen das rechte Flußufer räumen und sich in der Richtung gegen Mukden zurückziehen. In diesem Falle wird aber wahr­scheinlich um den Besitz der Gebirgspässe hart gestritten werden. Zu einer entschei-denden Schlacht dürfte es dann in der Gegend von Mukden kommen.

Das Wladiwostok-Geschwader ist nach langer Pause wieder in Tätigkeit getreten. Es er­schien plötzlich vor Gensan und bohrte dort den 1600 Tonnen großen japanischen Handelsdampfer „Gocho Maru" in Grund, nachdem die Mannschaft an Land geschickt worden war. Nach kurzem Aufenthalt dampfte das Geschwader weiter. Daß es, wie Pariser Blätter wissen wollen, einem japanischen Schlachtschiffgeschwader begegnet sei und sich ein Kampf entsponnen habe, ist wohl nur leere Kombination. Ebenso bedarf die Nachricht von einer angeblichen Beschießung von Niutschwanq durch die Japaner erst der Bestätigung.