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M. 121.

Donnerstag, den 26. Mai (904.13. Jahrgang.

W»*«eme«t#l»«ett: in Gieß«, «Beeilt ownaüich 60 Psg., 3« H«u« gebracht 60 Pfg., durch die West belogen vterttl- j^rM ML 1.60.

0M6M»eH«t*«: C6e*6effH*e S»»«ie,teit„g (tiglich) wb die etelwMr eetft*bl«f«e iwöchentkich).

*•« »leit erscheint w »8t« Wer«»«eu nachmittag«.

Gießener

A»fertio«-«reiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Psg. Reklamen die Petit-eile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg SS Aerufprechnufchlnst Nr. 362.

Neueste Nachrichten

«Siegener Gagevkatt) MaSHLngige Tageszettung (Gießener Zeitung)

für Oberh essen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metze« und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grohh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Erneuerung âes Dr äkaiserbündnisses ?

(Ein Interview.)

In ernst zu nehmenden französischen Blättern, auch sol­chen nationalistischer Richtung, tauchen Gerüchte auf, daß Rußland daran denke, allmählich das Bundesverhältnis zu Frankreich zu lösen und statt dessen mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn das historische Dreikaiserbündnis, die „heilige Allianz" der Freiheitskriege, wieder zu erneuern. Wie es scheint, ist auch die französische Diplomatie bereits völlig darauf gefaßt, daß eine neue Konstellation in der europäischen Politik eintreten kann. Angesichts der hohen Wichtigkeit dieser Frage für Deutschlands Zukunft nahm unser ^-Mitarbeiter Veranlassung, einen hervorragenden deutschen Staatsmann um seine Ansicht über die Möglichkeit eines neuen Dreikaiserbündnisses zu befragen. Nachstehend das Ergebnis der Rücksprache:

Die japanischen Waffenerfolge in Ostasien haben eine ganz- ungeahnte Wirkung auf die französische Bevölkerung gegenüber Rußland ausgeübt. Die französische Presse hatte zu Anfang des Krieges wenigstens genug Pietät, in herz­lichen Worten der russischen Armee zu gedenken, und ihre Dkppschenkmrsaus hatten sogar die Freundlichkeit, russische Wassenerfolge in alle Welt zu melden, dagegen die japani­sche Siege entweder zu bestreiten oder abzuschwächen. Das te' hat sich in letzter. Zeit geändert. Seit einigen Wochen iss eine merkwürdig kühle Stimmung auch in den Blättern sestMstellen, während sie in der hohen französischen Diplo­matie längst zum Ausdruck kam. Es war ja allerdings eine gewisse Spannung zwischen den „Freunden und Bundes­genossen" schon in dem Augenblick eingetreten, als Frank­reich sich nach den Tagen von Faschoda von Rußland ver- assen fühlte und Delcass^ mit einem plötzlichen Ruck von der mglandfeindlichen Politik auf eine Vereinbarung mit Eng­land» lossteuerte. Damit war zugleich die rein kontinentale Politik an die zweite Stelle gerückt und die Begründung des großen französischen Kolonialreichs als das erstrebenswerteste Ziel der Zukunft gekennzeichnet. Es liegt aber klar auf der Hand, daß diese Politik in einer vorteilhafteren Weise mit England als mit Rußland gemacht werden kann, weil natürliche Berührungspunkte zwischen Frankreich und Ruß­land in den überseeischen Gebieten nicht vorhanden sind. Rußland kann also (vergleiche Faschoda) Frankreich weder irii^cii noch schaden, während friedliche Vereinbarungen mit England ohne das Dazwischentreten einer dritten Macht, wie mir das bereits an dem Abkommen über Marokko ersehen haben, einen schrittweise erfolgenden Ausbau des französi- $en Kolonialreichs ermöglichen. Dieser systematische Um- schwung der Kolonialpolitik kann dem nächsten Interessenten, Rußland, natürlich nicht entgehen, und es mag für die Newa- diplomatie auch etwas Deprimierendes gehabt haben, daß der seitherige Bundesgenosse in dem Augenblick das bekannte kelcass^sche Abkommen traf, als Rußland in einen in seinen letzten Konsequenzen unübersehbaren Krieg mit dem asiati- . scheu Verbündeten Englands verwickelt war.

Andererseits wurde dadurch auch den Russen die Vedeu- |iung eines guten nachbarlichen Verhältnisses zu den an- ; grenzenden Kaiserreichen Oesterreich-Ungarn und Deutschland !lar zum Bewußtsein gebracht. Wenn jetzt noch im östlichen Europa die elektrische Spannung bestände, wie Ende der iOer Jahre, als der Panslavismus in organischer Verbindung pit dem Boulangismus eine ernste Friedensgefahr für Europa bildete, dann wäre jetzt für die beiden Mächte des Dreibundes her geeignete Moment zum Losschlagen gegen Rußland ge- vesen. Statt dessen sehen wir aber ein ganz anderes Bild: deutschland hält den Russen den Rücken frei, und Oester- lieich hat in dem gleichen Augenblicke, als die russischen Kräfte für die Balkanpolitik geschwächt wurden, an Stelle Ruß- bnb§ die Sorge für die Ordnung auf dem Balkan über- wmmen. In dieser Sachlage offenbart sich eine große Jn- Ünrität der diplomatischen Beziehungen, die durch keine inter- lissierte Presse mehr hinweg gelöscht werden kann. Tatsäch- i$ stehen sich die drei Kaisermächte in ihrer hohen Politik wher,. als es seit den Tagen der Dreikaiserzusammenkünfte in Skiernewice und Gastein der Fall war.

Ob geschriebene Abmachungen vorliegen oder nicht, das ändert an. der Sachlage nichts. Die russische Auslandspolitik muß in eine andere Bahn geraten, seitdem auch die franzö­sische Politik den kontinentalen Schwerpunkt aufgegeben und mit ihrer Kolonialpolitik in die Wellenkreise der englischen Srdereffen geraten ist. In absehbarer Zukunft wird und muß also eine Erneuerung des Dreikuiserbündnisses, wenn auch auf einer anderen Grundlage, als vor 100 Jahren, als realer Faktor der neuen europäischen Politik in Betracht gezogen werden.

, ,- ^ Der Krieg in Oftasien.

Alles deutet darauf hin, daß es der japanischen Heeres- mtung bitterer Ernst damit ist, Port Arthur möglichst bald m ihre Hand ^u bekommen. Londoner Blätter lassen sich aus Schimonoseki berichten, daß ein

Sturm auf Port Arthur geplant ~ / . sei. Das Telegramm lautet:

Port Arthur wird von der fünften Division, die einen Teil der dritten Armee bildet, angegriffen werden. Es ist das eine Elitetruppe, die hauptsächlich aus im chinesisch- japanischen Kriege erprobten, lange bei der Fahne ge­wesenen Veteranen besteht. Die Festungsartillerie wird auf der Halbinsel Liautung gelandet und, nachdem die In­genieure und Artilleristen ihr Werk getan haben, wird Port Arthur gestürmt werden.

Die Russen befestigen drei Hirgel auf dem schmälsten Teil der Limttung-.Halbinsel unterhalb von Kintschau. Bei Liautscheng bauen sie drei Forts im Osten, sechs im Westen, fünf im Süden. Sie haben 26 000 Mann dort. Zwischen Niutschwang und Kaiping befestigen sie das linse Ufer des Liao und haben 15 000 Mann dort. Während so in den eigentlichen ausschlaggebenden Operationen ein Stillstand eingetreten ist und beide Teile sich zu künftigem Kampfe nisten, Werben die

Kosakcustreisznge in Nordkorea r / munter fortgesetzt.

Nach einer Depesche aus Mukden überfiel eine russische Abteilung von Osten her die Stadt Andschu, nahm sie ein und zersprengte die japanische Besatzung. Nachdem die Stadt in Brand gesteckt war, zogen die Russen in guter Ordnung wieder ab. Weiter nahmen die Kosaken zwei japanische Transportkolonnen weg. Die erste japanische Armee soll daher ohne Provianizufuhr sein.

Auf die Gefahr, die die japanischen rückwärtigen Ver­bindungen in Korea durch die kühnen Streifzüge russischer Streitkräfte und durch die Gärung in einem großen Teil des Volkes zu gewärtigen haben, ist bereits wiederholt von uns hingewiesen worden. Der koreanische Gesandte in Pe­tersburg ist in Berlin eingetroffeu und in der japanischen Gesandtschaft abgostiegen. Auf der japanischen Gesandtschaft Wirb erklärt, man wundere sich, daß der Gesandte so lange mit der 2lbrei.se gezögert habe, da doch die Koreaner Japans Verbündete seien. Von russischer Seite wird das Verhältnis .mders aufgesaßt. Die russische Diplomatie rechnet immer noch, und mit Recht, mit einem starken Anhang in Korea.

Die Neutralität Chinas

wird in einem kaiserlichen Dekret von neuem als unver­brüchlich hingeslellt. Den Negierungsbeamten und dem Volke wird aufgetragen, sich nicht durch falsche Darstellungen bei der gegenwärtigen Zeitlage irreführen zu lassen. An dem guten Willen des Kaisers und seiner nächsten Um­gebung ist nicht zu zweifeln. Dagegen ist das Volk starl russenfeindlich und leicht zu fanatisieren. Und von den Ge- walthabern sind General Ma und Juanschikai, die über be­deutende Truppenmassen verfügen und jeden Llugenblick gegen die Russen losschlagen können, sowohl deren Feinde, nie Gegner der Mandschu-Dynastie. Von allen beiden hoffen sie sich mit Hilfe der Japaner für immer zu befreien.

Die Politik.

€» Zur Hilfeleistung für Deutsch-Südwestafrika sind bei der deutschen Kolonialgesellschaft bisher nicht weniger aU 311 236,51 Mark eingegangen. Die Sammlungen werden noch fortgesetzt, zumal auch für den Norden Deutsch-Südwesb rfrikas die Hilfsaktion nunmehr eingesetzt hat. — Seinen im Kampfe gegen die Herero erhaltenen Wunden ist im Evpen- Dörfer Krankenhause bei Hamburg der 34jährige Ober­leutnant Paul Griesbach erlegen. Eine feindliche Kugel hatte ihm den Lendenwirbel verstümmelt. Er wurde al- Üner der ersten Verwundeten nach Hamburg transportiert

*

A Nach Mitteilungen aus Negierungskreisen ist die Ein­führung der Berufung in Strafsachen nach den letzten Be­ratungen der Kommission für die Reform der Strafprozeß­ordnung im Prinzip gesichert. Damit wird eine alte For­derung'nicht nur der praktischen Juristen, sondern auch des Publikums erfüllt. $

=f= Die Vertreter der statistischen Zentralstellen im beut: ichen Reich treten am 10. Juni zu einer Konferenz in Main^ zusammen. Auf der Tagesordnung steht u. a. die in diesen, ^ahre im Deutschen Reich vorzunehmende Viehzählung. Bleichzeitig sollen die erforderlichen Vorbesprechungen über Die 1905 stattfindende Volkszählung, die nach dem Vorschlag des kaiserlichen statistischen Amtes möglichst ein­fach gestaltet werden soll, abgehalten werden. Man will diesmal auf die Fragen nach dem Geburtsort, Llrbeits- und Wohnort, Religion, Muttersprache und Gebrechen verzichten. Schließlich soll noch die auf 1907 verschobene Berufs- und Be' lriebszählung zur Besprechung kommen

*

^ Bei der jüngsten Reichstagsersatzwahl in Straßburg-Land, wo ein Demokrat, ein Zentrums­mann und ein Sozialdemokrat sich gegenüberstanden, war

Hofprediger a. D. Stöcker für die Wahl des Zentrumst'andi- Daten Hauß eingetreten. Jetzt macht die evangelische Geist- üchkeit deshalb gegen Stöcker Front. Stöcker hatte für den Festgottesdienst, der die in Straßburg stattfindende 40. Jah- resversammlung der „Südwestdeutschen Konferenz für Innere Mission" am 1. Juni einleiten soll, die Festpre- D i g t übernommen. Der Vorstand der „Landeskonferenz für Innere Mission in Elsaß-Lothringen" hat indessen neuer dings Stöcker ersucht, er möchte im Hinblick auf seine Stel­lungnahme im Wahlkampf von Straßburg-Land auf feine §e st predigt verzichten.

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£ Der Kampf zwischen der Leipziger Ortskrankenkasse unl Den Kassenärzten erlebt noch ein höchst unerfreuliches Nach­spiel. Die Aufsichtsbehörde hatte der Erwartung Ausdruö gegeben, daß die von der Kasse zum Ersatz der streikenden Kassenärzte angestellten Distriktsärzte nach Wieder- ünfübrung der freien Arztwahl einer Umwandlung ihrer Verträge in gewöhnliche Kassenarztverträge zustimmen wür­den. Die Distriktsärzte haben aber einstimmig sich verpflichtet auf eine Umwandlung oder Abänderung der Verträge nidp einzugehen. Die Kreishauptmannschaft wird nun, falls du Distriktsärzte bei dieser Weigerung bestehen bleiben, durck Verzicht auf ihre Dienste oder auf sonstigem gesetzlichem Wege (§ 626 B. G.-B. „das Dienstverhältnis kann ohne Einhal- tung der Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn ein wich­tiger Grund vorliegt") aus der Kassenpraxis entfernen.

Türkei.

4= Wènn westeuropäische Finanzminister sich den Kopf zer­brechen, wie sie ihr Budget ins Gleichgewicht bringen sollen, so sollten sie nach der Türkei blicken, da können sie lernen, wie man das im Handumdrehen macht. Al.s die türkischen Finanzbehörden im Februar den Etat der Türkei aufstellten, ergab sich ein nicht auszugleichendes Defizit von 3^ Millionen türkischer Pfund. Mit einem solchen Etat wollte niemand vor den Sultan treten, und guter Rat war teuer. Da fam ein Finanzgenie auf einen Columbuseinfall: auf seinen Vor­schlag schrieb man einfach auf die Einnahme-Seite noch einen Posten „Verschiedenes 3% Millionen Pfund" und das Budget war ladellos aufgestellt! Aber nun war die Frage: Wohei diese „verschiedenen Einnahmen" nehmen? Die Antwort Wai bald gefunden: Man dekretierte einfach einen neuen Abzuc von 15 v. H. von allen Beamtengebältern, angeblich für „heilige" Zwecke. Dabei sind die Beamtengehälter schon dreimal in den letzten zehn Jahren um je 15 Prozent gekürzt worden, und selbstverständlich bleibt die Kürzuna für immer bestehen!

Men.

□ Ein portugiesisch-chinesischer Konflikt scheint sich anzu- zetteln. Nach einer Reutermeldung aus Hongkong hat der chinesische Vizekönig von Kanton von der Verwaltung der portugiesischen Niederlassung Maccvo di-e Auslleserung eines vor den chinesischen Gerichtsbehörden dorthin Geflüch­teten verlangt. Vier chinesische Kanonenboote und zwei Torpedabootszerstörer sind vor Macao eingetrof­fen. Die Portugiesen rüsten sich zum Wider st ande ge­gen einen Landungsversuch. Me Chinesen wer­den kaum so weit gehen, zu landen, wenn die Portugiesen sich ernstlich entschlossen zeigen, das mit Gewalt zu verhin- bern. Immerhin dürfte die Affäre sich zu einem Ratten­könig von diplomatischen Vorstellungen in Peking und Lissabon auswachsen. Aber vielleicht legt sich England ins Mittel, um den Portugiesen zu zeigen, daß Großbritannien nicht nur in höfischen Trinksprüchen der „vierhundertjährige Alliierte" Portugals ist--

Afrika.

£1 Die englandfeindliche Strömung unter den Buren nimmt mit jedem Tage zu. In Pretoria tagte soeben ein großer Burenkongreß. 134 Delegierte, darunter alle bedeutenden Führer, waren anwesend. Der Kongreß bedeutet den Wiedereintritt der Buren ins aktive politische Leben und den Anfang einer großen Agitatton für die Erlangung der versprochenen Selbstregierung. Das erste praktische Resultat ist die Vervollständigung der politischen Organisation der Buren. Alle Redner klagten, daß England seine in Ver- eeniging gegebenen Versprechungen nicht gehalten habe.^ Der Kongreß sandte schließlich dem Expräsidenten Krüger telegraphisch seinen Gruß und drückte sein Bedauern aus, daß er ihm den Gruß nicht selbst in seinem eigenen Lande und unter seinem eigenen Volke darbringen könne. Die Kosten des Kabeltelegramms wurden durch Zeichming seitens der Mitglieder des Kongresses aufgebracht.

c? Gemütsmenschen find die marokkanischen Räuber, die jüngst den Slmerifaner Perdicaris und seinen in.Eng­land naturalisierten Sohn gefangen genommen und 'weg­geschleppt haben, um ein Lösegeld für beide herauszuschlagen. Aus einem Brief, den Perdicaris an seine Gattin in Tanger gerichtet hat, rühmt er die vortreffliche Behandlung, die ihm und seinem Sohne von den Banditen zu Teil wird. Damit die Gefangenen nicht von Langerweile geplagt würden, ver­anstalteten die Räuber sogar eine Saujagd. Diese Höflich­keit hinderte die Bande indessen nicht, den Gefangenen anzu- kündigen, sie würden nicht eher wieder in Freiheit gesetzt werden, ehe das Lösegeld für sie nicht auf Heller und Pfennig