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Nr. 21.
Dienstag, den 26. Januar I^o4.
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_________________13. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktton und Expeditton: Gießen, Seltersweg 88 ^erusprechanschlnß Nr. 362.
Neuere Nachrichten
(Gießener Gagevürtt)
M«abhä«gige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Schwere Kämpfe in Südwestafrika.
>r< Die günstigen Anssichtw, die die lebten 9iad)rid):m aus Südwestafrika eröffneten, werden leider durch neuere Depeschen stark beeinträchtigt. Zwar ist die Bahn von Swakopmund bis Karibib nach wie vor milkä^ risch gesichert, aber sie ist seit zwei Tagen durch sortwäh- renden Regen bei Khan unterbrochen. Eine gründliche Reparatur ist erst möglich, wenn das Wasser abgelaufen ist. Und and) hinter Karibib ist die Bahn wieder durch Regen zerstört. Noch unerfreulicher aber als diese Meldung ist eine andere, die erste aus Windhuk zur Küste gelangte, die von verlust reichen Gefechten mit den Hereros und von der Ermordung einer Anzahl deutscher Ansiedler berichtet. Diese beim Kommandanten S. M. S. „Habicht" eingegangene, am 17. in Windhuk aufgegebene Depesche besagt:
Schutztruppe meldet durch Kasfernboten zu Futz am 17. nach Otjimbingwe-Kubas folgendes: Windhuk ist dauernd bedroht, aber stark befestigt. Durch Landsturm und Einstellung sämtlicher Pflichtigen und Buren ist die Garnison auf 230 Mann gebracht, die zum Teil beritten sind. Die zweite Kompagnie ist auf dem Marsche nach Windhuk vom Süden. Das Gebirgsgeschütz ist von Rehobot zurückgefordert, in Windhuk sind außerdem 2 Maschinengewehre. Von Okahandja ist in Windhuk keinerlei Nachricht seit dem 12. eingetroffen. Mit großem Verlust sind Entsatzversuche gescheitert, die Patrouillen dorthin sämtlich zurückgeschlagen. Am 15. erfolgreiches Erkundungsgefecht bei Farm „Hoffnung". Bestätigter Verlust: Gefallen: Reserveoffizier" Boysen, Unteroffizier P asch , Rekrut Weiß, Landwehrmänner Z u e l 0 t und Rudolf, Reservisten Troeltzsch, Germinsky, Lokomotivführer. Tak e r t. Ermordet Ansiedler Engbarth, K 0 e - zarski, Tausendfreund mit zwei Kindern, P i l e t und zwei Frauen, S t u e b e r , viele verwundet. Soeben ist gemeldet: Fünf Haufen Hereros sind auf dem Marsche nach Windhuk. gez. Techow.
So niederschlag end der Eindruck dieser Meldung, ist, so wird man onbcrcncitä doch die Lage nicht allzu pessimistisch ansehen dürfen. An der beklagenswerten Tatsache der starken Verluste auf deutscher Seite und der Ermordung der Ansiedler ist ja nichts mehr zu ändern, man wird sie hinnehmen müssen als eine der unvermeidlichen Begleiterscheinungen jeder jungen Kolonialpolitik. Zu einer Kolonial- verdrossenheit dürfen solche Vorkommnisse keine Veranlassung bieten. Im Gegenteil, die Depesche enthält eher Ermutigendes als Entmutigendes. Wenn sie meldet, daß Windhuk stark befestigt ist und über eine Besatzung von 230 Mann verfügt, die zweifelsohne gut bewaffnet sind, so ist mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß der Gouverne- mentsort sich ebenso bis zum Eintreffen der Verstärkungen aus der Heimat gegen die Hereros behaupten wird, wie das vom Leutnant v. Zuelow inzwischen gleichfalls be- festtgte und mit 130 Mann besetzte Okahandja. Ist erst die Verstärkung aus der Heimat da, so hat es — trotz der Schwierigkeit der Operationen — weiter keine Not.
Erwähnt sei noch, daß nach amtlicher Versicherung ein direkter Zusammenhang zwischen dein Hereroauf- stande und demjenigen der Bondelzwarts nicht besteht. Das würde die Operationen der deittschen Truppen wesentlich erleichtern.
Die Brandkatastrophe von Haiesund.
Erschütternde Einzelheiten werden jetzt von dem furd)t= baren Brandunglück berichtet, dem die blühende norwe- gische Stadt Aalesund zum Opfer gefallen ist. Das Elend unter der von dem rasenden Element überraschten Bevölkerung, die zum großen Teil nur das nackte Leben hat retten können, war grenzenlos. Doch steht zu hoffen, d-'ß dank der energischen Maßregeln der Behörden und nicht zum wenigsten dem schnellen, tatkräftigen Eingreifen unseres Kaisers jetzt der Not gesteuert ist.
Wie festgestellt wurde, war
der Herd des Brandes die Fabrik der Aalesund Preeserving Compagnie, der Harlptherstellerin der bekannten Aalesunder Fischkonserven. Dort wurde um 2^ Uhr nachts ein Feuer entdeat und Alarm geschlagen. Trotz aller AnstrengnAgen griff dreies so schnell um sich, daß schon nach kaum zwei ©tun Don oer größte Teil der Stadt lichterloh brannte. Junten, gr^B wie eine Männerfaust, flogen umher und zündeten gleich- zeitig an vielen Stellen. Die Dampfspritze, welche! auf einem Dampfer aufgestellt war, wurde vom ^mer vor- nichtet. Von Fahrzeugen im Hafen weiß man mit Sicherheit, daß zwei kleinere Dampfer verbrannt sind, ferner hat man 23 Fisch erfahrnen ne versenken müssen, um sie zu
retten. Alle öffentlichen Gebäude sind niedergebrannt, ebenso die beiden Kliniken, dagegen nicht das Lazaret. Ein dicker übelriechender Rauch hüllt die Brandstätte ein.
Tie Leiden der Bevölkerung.
, Während des Brandes wurden die Kranken auf Wagen aufs Land geschafft, wo sie vorläufig unlergebracht wurden. Einige Patienten starben unterwegs. Die Bevölkerung konnte nichts anderes machen, als sich vor dem Feuer flüchten, welches dieselbe weiter und weiter aufs Land hinaus trieb. Das ganze gestaltete sich beinahe vom ersten Augenblick an als eine Flucht, ohne daß man ernstlich versuchte, etwas zu retten. Vieles wurde wohl auf die Straße gebracht, aber die Schnelligkeit des Feuers war so rapide, daß man alles liegen lassen mußte, um nur das Leben zu retten. Wie der Magistrat von Aalesund mitteilt, befinden sich 10 000 bis 11 000 Menschen halb nackt auf den Feldern vor der Stadt und litten furchtbar unter Kälte und Sturm. Die Kinder wurden vorläufig in der Borgund Kirche einguartiert.
Tic Hilfsmaßrcgcln wurden weiter energisch betrieben. Die erste Hilfserpedi- tion langte am Sonntag über Bettenfjorden glücklich an. Der Weg über die Fjelle mußte teils 511 schlitten, teils zu Wagen zurückgelegt werden. Die Verteilung von Lebensmitteln am Kai ging unter gewaltigem Andrang vor sich. Die Hilfsbedürftigen gehören allen Gesellschaftsklassen an. Kleider wurden ebenfalls verteilt. Mehrere norwegische und dänische Dampier sind nach der Unglücksstätte unterwegs und bringen reichlichen Vorrat an Lebensmitteln und Kleidern. Das dänische Kriegs- und Marineministerium schickt ebenfalls soviel Zelte, Betten und Kochapparate, wie entbehrlich sind. In ganz Norwegen wird gesammelt. Am schnellsten und nachdrücklichsten aber war wohl die Hilfe von feiten Deutschlands, die auf persönliche Veranlassung unseres Kaisers sofort nach dem Eintreffen der Nachricht von der Katastrophe einsetzte. Außer dem deutschen Kreuzer „Prinz Heinrich", dem der kleine Kreuzer „Niobe" gefolgt ist, und bem Dampfer „Phönicia" der Hamburg-Amerika-Linie hat auch der Norddeutsche Lloyd seinen Dampfer „Weimar" mir Betten, Lebensmitteln und Medikamenten, sowie einem größeren Sanitätskorps an Byrd, nach Aalesund gesandt.
Ter Dank der Norweger an unseren Kaiser.
Die rasche Hülfe von feiten unseres Kaisers hat in Norwegen die Bewunderung und den freudigen Dank der Bevölkerung erweckt. Wie tief sie seine herzliche Anteilnahme empfindet, das beweisen am besten folgende Worte der in Christiania erscheinenden Zeitung „Verdens Gang": Die kühne sympathische Persönlichkeit Kaiser Wilhelms ist schon längst in unserem Lande volkstümlich; der Kaiser hat wiederholt gezeigt, daß er die Naturbevölkerung desselben liebt. Bei uns sucht er von Jahr zu Jahr Erholung von den Lasten seiner hohen Verantwortlichkeit. Nichts ist natürlicher, als daß dies ihm die guten Gefühle unseres Volkes zuwendet. Das warmherzige, rasche, entschlossene Auftreten des Kaisers aber im Augenblicke, wo ein Unglück Norwegen getroffen, hat, soweit die Kunde davon gelangt ist, das norwegische Volk tief gerührt und hat die Herzen in Dankbarkeit höher schlagen lassen. Die Spende, die er unter freigebigem Anschluß von feiten seines Volkes der notleidenden Bevölkerung Aalesunds gewährt hat, ist an und für sich groß und mächtig durch das Beispiel, das sie gibt. Der Name Kaiser Wilhelms ist in aller Mund und in Norwegen wird seine edle Hülfe in diesen traurigen Tagen zur Linderung menschlicher Leiden nie vergessen werden.
Deutscher Reichstag.
(18. Sitzung.) CB Berlin, 25. Januar.
Der Reichstag hat heute endlich die Einzelberatung bei Reichshaushaltsetats pro 1904
begonnen, später, als in den früheren Jahren. Den An fang machte der Reichstag mit seinem eigenen Etat, wozu ün Antrag der Nationalliberalen auf Gewährung von
Diäten für die Rcichstagsabgeordncten
oorlag. Abg. Dr. Paafche begründete den Antrag. Die passendste Gelegenheit zur Berücksichtigung dieses Wunsches wäre vor den Neuwahlen gewesen.
Abg. Gröber (Zentr.) trat dem Anträge bei. Jeder Arbeiter sei seines Lohnes wert. Der Disttenmangel verschulde die ewige Befchlußunfähigkeit des Hauses. Unbemittelte, tüchtige Handwerker könnten sich, so lange es an Diäten fehle, nicht in den Reichstag wählen lassen. Ihren eigenen Abgeordneten gebe die preußische Regierung Diäten, dem Reichstage verweigere sie sie. Das Zentrum stimme geschlossen der Resolution zu.
Abg. Pfannkuch (Soz.) führt aus,, feine Fraktion sei durch Nichtzahlung von Diäten nicht ärmer geworden, stimme aber selbstverständlich der Resolution zu.
Abg. Gamp (Reichsp.) konstatiert, daß in der Draten- frage in seiner Fraktion die Ansichten auseinander gehen. Kandidatenmangel bestehe jedeiifalls nichts Die Leere des Hauses sei nicht durch den Diätenmangel, sondern durch bk übermäßig langen Debatten verschuldet. - Aus
Gewährung von Eisenbahnfahrkarten ohne ^eiMamung, wie sie der nationalliberale Antrag ebenfalls fordere, seien seine Freunde einzugehen bereit.
Abg. Schrader (freis. Ver.) führte aus: Der frühere Hauptgrund gegen die Tiäten sei jedenfalls hinfällig geworden. Tenn die Diätenlosigkeit habe nicht verhindert daß die sozialdemokratische Fraktion in diesem Hause stetic gewachsen sei.
Staatssekretär Graf Posadowsky: Die Sache lieg: in der Diätenfrage doch so, daß die verbündeten Regierun^ gen festhalten an dem bestehenden verfassungsmäßigen 3w stände. Und das ist doch weder eine Unhöflichkeit, noch ein Ausfluß autokratischen Regiments. Wenn für Diäten be. den verbündeten Regierungen eine Majorität nicht vorhanden ist, so kann deshalb doch nicht von autokratischem Regiment gesprochen werden. In Bezug auf Fahrkarten sind die Regierungen Ihnen stets entgegengekommen, wo ein besonderer Anlaß vorlag.
Abg. Spahn (Zentr.): Nach dieser Erklärung scheint ja die Resolution allerdings aussichtslos, was uns nicht hindern darf, sie anzunehmen.
Abg. Goth ein (freis. Ver.) verlangt Diäten, nicht als Wohltat, sondern als gutes Recht des Reichstages.
Abg. Arendt (Reichsp.) hält Diäten für. dringend notwendig. Aber vorher miisse die Geschäftsordnung geändert, die Anzweiflung der Beschlußfähigkeit erschwert werden. Auch das Wahlrecht müsse geändert werden, besonders zum Schutz gegen betrügerische Wahlen.
Abg. Patzig (nat.) betont, wenn die Regierungen die Diäten verweigerten, so trügen sie die Verantwortung dafür, wenn die Geschäftsfühning hier stocke und ersticke.
Der die Fahrkarten betreffende Teil der Resolution wird einstimmig, und sodann die ganze Resolution Sattlers mit großer Mehrheit angenommen.
Es folgt der
Etat des Reichsamts des Innern,
Xitel Staatssekretär. Aus der Erörterung wurden zunächst 2lle diejenigen Gegenstände ausgeschieden, auf welche sich die mehr als 20 zu dem Titel gestellten Resolutionen beziehen.
Abg. Trimborn (Zentr.) befürwortet gesetzliche Regelung der Verhältnisse zwischen Krankenkassen und Aerzten, Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Heimarbeiter, Zusammenlegung der verschiedenen sozialen Versicherungen und erweiterter Gebrauch des Verordnungsrechts des Bundesrats auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes. Mögen uns, meint er mit Bezug auf den Ausgang des Crimmitschauer Streiks, die Scharfmacher Nachtfröste ersparen.
Die Politik.
cf Um einer weiteren Anzahl von Medizinalbeamten die erforderliche Fortbildung auf dem Gebiete der Gesundheitspflege, der gerichtlichen Medizin und der Psychiatrie zuteil werden zu lassen, beabsichtigt die preußische Regierung, hierüber in diesem Jahre Vortragskurse für fünfzig Medizinalbeamte abhalten zu lassen. Angesichts der hohen Bedeutung, die einer guten Wasser- ve^iargung und Entwäfserung der Ortschaften beizumessen ist, will die Regierung ferner einen Teil der Regierungs- und Medizinalräte, denen die Prüfung der zur landespolizeilichen Genehmigung eingereichten Projekte vom gesundheitlichen Standpunkt obliegt, Gelegenheit geben, die neueren Reinigungsverfahren von S ch m u tz w ä s s e r n , die neuerdings geübten biologischen Untersuchungsmethoden bei Flußverunreinigungen usw. aus unmittelbarer Anschauung kennen Zu lernen. Zu diesem Zwecke soll ein etwa vierzehntägiger Jnformationskursus für ungefähr zwölf Regierungs- und Medizinalräte in der staatlichen Versuchs- und Prüfungsanstalt für Wasserversorgung und Abwässerbeseitigung stattfinden.
Balkan-Staaten*
+ Der Tanz zwischen der Pforte und dem Sofiaer Kabinett geht aufs neue los. Die Pforte befchwert sich bei den Mächten bitter über bulgarische Umtriebe in Mazedonien, die von der Stegierung in Sofia begünstigt würden. U. a. hat die Pforte den Botschaftern der Entente-Mächte mitgeteilt, das bulgarische Komit6 habe begonnen, die Einwohner von O ch r i d a zu neuen Unruhen, die im Fr ü h j a h r beginnen sollen, anzustitten, und verübe Gewalttätigkeiten. Der blüg arische Metropolit in Ochrida setze seine aufrührerische Xmiafcit fort. In Sofia will man das natürlich nicht wahr haben; das bulgarische Ministerium erklärt, diese türkischen Beschwerden feien unbegründet und Erfindungen der Pforte, die nur den Vorwand für eine Nichtdurchführung der Reformen abgeben und die eigenen Rüstungen der Türkei sowie bereu Absicht, Bulgarien an Zugreifen, vcWleiern sollten. Man sieht, die Spannung nimmt zu, und es wird der ganzen Umsicht und Eintracht der Mächte bedürfen, um einen bulgarischtürkischen Krieg hintanzuhalten.
HHcn,
A Jetzt wird auch von englischer Seite offen zugegeben, daß es sich bei der Civedition nach Tibet um ein kriege-