Nr. 46.
Mittwoch, den 24. Februar 1304,
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Gießener
_______________ 13. Jahrgang,
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88
Fermsprechauschlust Nr. 368.
Neueste Nachrichten
(chieße«sr Tagevkatt)
KnaSHLugige Tageszeitung
tHießener Zeitung)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung, Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grvßh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Der Krieg in Ostasien.
„ Die amtliche russische wie japanische Berichterstattung hüllt sich weiter in geheimnisvolles Schweigen. Doch wäre es falsch, daraus auf einen Stillstand der Operationen zu schließen. Der japanische Aufmarsch in Korea vollzieht sich geräuschlos aber geordnet weiter, und die Russen arbeiten fieberhaft an der Stärkung ihrer Position durch große Truppennachschübe.
Von großer Bedeutung für die weitere Kriegführung ist eme N 0 t e d e r r u s si s ch e n R e g i e r u n g an die M a ch t e, in der
Japan der Verletzung des Völkerrechts beschuldigt '" inirb wegen des Vorgehens seiner Flotte bei Port Arthur und Tschemulpo. Wir haben bereits bei Eröffnung des Krieges ausemandergefetzt, daß der Beginn der Feindseligkeiten durch die Japaner ohne vorhergegangene Kriegserklärung keinen Bruch des Völkerrechts bedeuten kann. Die russische Note muß sich, um auf Anklang bei den neutralen Mächten rechnen zu können, aus andere Gründe stützen. In dieser Hinsicht scheint eine Mitteilung, die der Londoner „Daily Telegraph" aus Nagasaki erhält, einen wertvollen Fingerzeig zu bieten:
Das japanische Geschwader hat vor Port Arthur hier r"sstsche Torpedvjägcr wcggcnommen und die Mannschaft gefangen. Die Japaner haben sich russischer Signale bedient.
. Falls dies ein neuer Angriff der Japaner auf Port Arthur sein sollte, so hätte das russische Geschwader eine neue erhebliche Schwächung erfahren. Es ist aber auch möglich, daß in dem Telegramm der Angriff vom 14. d. Mts. gemeint ist. Dann ist aus ihm nur die Mitteilung wichtig, daß die Japaner sich russischer. Signale zur Täuschung bedient haben. Unter Umständen wäre das allerdings ein Bruch des Völkerrechts. Im allgemeinen gehört der Gebrauch einer falschen Nationalflagge oder die Anwendung von täuschenden Signalen zu den erlaubten Kriegslisten, je= both mit der Einschränkung, erstens, daß spätestens beim Beginn des Kampfes oder bei der Ausübung des Visitationsrechtes die richtige Nationalflagge gesetzt werden muß; zweitens, daß die Parlamentärflagge, die Flagge der Genfer Konvention und die international eingefiihrten Seenot- Signale unter keinen Umständen zur Täuschung des Gegners verwendet werden dürfen.
Sollten die Japaner sich derartiges haben zu schulden kommen lassen, so würde als unausbleibliche Folge
die Neutralität Chinas illusorisch
werden. In der Antwort Japans auf die Note des amerikanischen Staatssekretärs Hay heißt es, Japan sei bereit, die Neutralität Chinas in den nicht von Rußland besetzten Gebieten zu achten, vorausgesetzt, daß Rußland eine ähnliche Verpflichtung eingehe. Rußland hat den Vorschlag Hays unter der Bedingung angenommen, daß China strikte Neutralität bewahre und Japan das Völkerrecht und die mit den Mächten geschlossenen Verträge achte. Wirft es nun den Japanern Verletzung des Völkerrechts vor, so geht daraus logisch hervor, daß es sich nicht verpflichtet halten wird, China als neutrales Gebiet zu betrachten.
„ Sollte aber Rußland Chinas Neutralität antasten, so würde das mit Sicherheit England auf den Plan rufen.
Große englische Seerüstungen
sind bereits im Gange. König Eduard ist nach Portsmouth geveist, angeblich um die „Victory", Nelsons Flaggschiff von Trafalgar, das neulich beschädigt worden war, zu besichtigen, tatsächlich gilt aber der Besuch den großartigen Rüstungen, welche dort für die Flotte gemacht werden. In den Flotten-Etablissements zu Woolwich ist gleichfalls die Arbeit verdoppelt worden, und seit acht Tagen sind alle verfügbaren Arbeitskräfte eingestellt. In den Distrikten Englands, aus welchen sich hauptsächlich die Marine rekrutiert, speziell in Cornwall, ist eine große Anzahl Werber an der Arbeit, um die Besatzungen der Schiffe möglichst zu vervollständigen. In allen Kriegshäfen Englands werden Schiffe in Dienst gestellt, und ausgediente Seeoffiziere sind für besondere Zwecke wieder einberufen worden. Die Themsemündung wird scharf bewacht, und an allen Punkten der Küstenverteidigung wird streng gearbeitet, um die Batterien instand zu setzen. Gibraltar, Malta, Cypern, Aegypten, Aden, kurz, alle britischen Punkte, welche strategisch wichtig sind, erhalten große Sendungen an Kriegsmaterial und Proviant. England will eben überall vorbereitet sein. Sogar Kanada ist in den Bereich der fieberhaften Tätigkeit hineingezogen worden, was beweist, daß man ganz unvorhergesehene Fälle für möglich hält.
Daß die Stimmung in Frankreich gleichfalls sehr pessimistisch ist, ist schon früher berichtet worden. Die gepanzerten Kreuzer „Desaix", „Kleber" und „Admiral Aube" werden dieser Tage in Dienst stellen und der Kreuzer "Foudre" wird zwei Unterseeboote nach Saigon bringen. Auch Frankreich will auf alle Fälle gerüstet sein. Auch Spanien, Dänemark und Schweden rüsten sich, um vor plötzlichen Überraschungen gesichert zu sein.
Die Lage am Balkan.
Je trüber und bewölkter der Polittsche Himmel über dem Balkan in den letzten Tagen war, um so schneller scheint er sich auch wieder aufhellen zu wollen. Bulgarien Hal neuerdings die feierliche Versicherung abgegeben, daß es sich unbedingt friedlich verhalten werde. Gerade um sich Rußland nicht 31t verfeinden, werde Bulgarien alles vermeiden, was bcn Eindruck erwecken könnte, als wolle es aus der ostasiatifchen Inanspruchnahme Rußlands Profit ziehen. Der jetzt wieder in Konstantinopel eingetroffene bulgarische diplomatische Agent 9catschewitsch hat dem Sultan und dev Botschaftern gegenüber die Erklärung abgegeben, Bulgarien sei fest entschlossen, den Frieden aufrecht z u e r h al t e n. Es habe bereits Maßregeln gegen die Komitatschis ergriffen, die zur Unterdrückung der masebonifd^en Bewegung sehr wirksam sein würden. Es heißt sogar, daß Bulgarien und die Türkei gewisse Abmachungen schriftlich austauschen werden, woraus dann sofort die Amnestie der verhafteten Bulgaren, sowie die Heinikehr der mazedonischen Flüchtlinge erfolgen soll.
Wenn die ©adje wirklich so ausliefe, wäre allerdings kaum ein Grund zur Befürchtung für den Frieden auf dem Balkan vorhanden. Zum Ueberfluß sollen auch die Albanesen, die Schakir Pascha soeben für den Aufruhr in Dschakova bestraft hat, sich mit der türkischen Regierung wieder vertragen: Sie verlangen, daß alle ihre Bandenchefs, die wegen ihrer Umtriebe in Kleinasien interniert sind, begnadigt und nach der Heimat entlassen werden sollen. Auch bet türkische Generalinspekteur in Mazedonien, Hilmi Pascha, soll den Wunsch ausgesprochen haben, den Konflikt auf friedlichem Wege zu lösen.
Dieser Wunsch ist um so begreiflicher, als die Albanesen sonst die verläßlichsten Untertanen des Sultans sind und für die türkische Armee die besten Truppen stellen. Außerdem sind die Albanesen mit gutvn Martinigewehren bewaffnet. Allein der gegenwärtig bei Dschakova rebellierende Haufe zählt an 12 000 Mann. Es ist also keine Kleinigkeit für die Türkei, sich mit den Albanesen auf den Kriegsfuß zu stellen, zumal da ein Albanefenaufstand noch die Gefahr einer Unterstützung der Albanesen durch Serbien mit sich brächte.
Die Politik. -——
* Die Einbringung der großen Kanalvorlage im preußischen Landtage wird noch eine Weile auf sich tourten lassen Wie in Regierungskreisen versichert wird, wird sie durch technische Schwierigkeiten verzögert, die sich bei den Stromregulierungsplänen herausgestellt haben. Wegen der oberschlesischen Vorlagen muß außerdem noch der schlesische Provinziallandtag befragt werden. Eine Vorlage über den mafurildjen Kanal wird aus technischen Gründen für die laufende Session nicht mehr zu ermöglichen sein. _
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A Wie schon mehrfach erwähnt, veröffentlicht die Zeitschrift „Arbeiterfreund" von Zeit zu Zeit eine „Ehrentafel deutscher Arbeitgeber aus der Feder des Dresdener Bibliothekars . Peter Schmidt. Nach der neuesten Veröffentlichung sind im Jahre 1903 an freiwilligen außerordentlichen Spenden für Angestellte, Arbeiter und allgemeine Volkswohlfahrt zu verzeichnen gewesen 71 082 845 Mark. Diese setzen sich aus 1647 Einzelspenden zusammen, von denen 927 mit 53 036 594 Mark auf Private, 565 mit 12 466 841 Mark auf Aktiengesellschaften und 155 mit 5 679 410 Mark auf Banken entfallen. Preußen figuriert mit 35 150 124 Mark, Berlin mit 9 840 934 Mark. Seit 1898, also s e i t 5 I a h - ren, sind über 362% Millionen Mark, also täglich mindestens 170 000 Mark für derartige Wohlfahrtszwecke aus ficiwilligen Spenden, ohne die Pensionsfonds der Aktiengesellschaften und Großbetriebe, flüssig gemacht worden. Der Betrag der Spenden ist jedes Jahr gestiegen, von 1900 bis 1902 um jährlich 20 Millionen Maök; das Gesamtergebnis für 1903 ist dagegen gegen das Vorjahr um mehr als 12 Millionen Mark zurückgeblieben, was in der wirtschaftlichen Krise dieses Jahres seinen Grund hat.
^ Die zweite sächsische Kammer hat einen Antrag angenommen, wonach künftighin das landwirtschaftliche Betriebskapital von der Vermögenssteuer nicht mehr befreit sein soll. Gegen den Antrag stimmten nur zwei konservative Landwirte.
Italien»
# Papst Pius macht weitere Ersparnisse. Er hat angeordnet, daß die Zahl der Truppen der Nobclgarde von 100 auf 75, die der Schweizergarde ebenfalls von 100 auf 75 und die der Palastgarde von 200 auf 100 herabgesetzt werden soll. Die Gensdarmerie soll dagegen von 72 aut 100 erhöht werden. Die Verstärkung der Gensdarmerie erscheint dem Papste geboten, weil sie allein zur Bewachung des riesigen vatikanischen Gebäudekomplexes dient. Die anderen Truppen dienen lediglich zu Repräsentationszwecken, ihrer Einschränkung steht also nichts im Wege. Uebrigens hat der Papst auch angeordnet, daß die Gensdarmerie, die bisher am geringsten von allen vatikanischen Truppen besoldet war, besser entlohnt werde.
D Auch Italien hat jetzt seine Splouagcgeschlchte. Die italienische Grenzpolizei verhaftete in der Nähe von Limone zwei österreichische Zivilisten, die Photographien der Landschaft aufnahmen, als angebliche Offiziere der Tiroler Jägerregimenter. Es stellte sich indessen heraus, daß die Verhafteten Knrgäste aus Riva seien. Natürlich wird der italienische Botschafter in Wien wegen des Vorfalls um Entschuldigung bitten, und bamit wird sich die Sache, wie üblich, in Wohlgefallen auflösen.
Hmeriha.
0 Im Weißen Hause, dem Washingtoner Palast des Präsidenten der Vereinigten Staaten, wurde om Montag ein Mann feftgenormnen, der den Präsidenten Roosevelt in auffälliger Art zu sprechen verlangte. Bei dem Verhafteten, der sich Edward Relgar nennt und aus Chicago stammt, wurden ein geladener Revolver und eine Schachtel Patronen gefunden. Aus Briefen, die er an den Präsidenten Roosevelt gerichtet hat, ergibt sich, daß er geistesgestört ist. Merkwürdig, welche Anziehungskraft gerade Herr Roosevelt für die Irren hat. Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß ihm jo ein armer Teufel einen Besuch abzustatten sich bemüht.
Rof und Gesellschaft.
,*** 3ur bevorstehenden Mittelmeerreise des Kaisers Wwd aus Kiel gemeldet, daß die Jacht „Hohenzollern", be- Siertet von dem Depeschenboot „Sleipner", gestern durch den Kaiser Wilhelm-Kanal nach dem Süden abgegangen ist. Wie hi Antwerpen verlautet, wird der Kaiser chei seiner Mittelmeerreise auch Antwerpen berühren, iinb die belgische Regie- rung sei hiervon amtlich in Kenntnis gesetzt worden Von Antwerpen aus werde sich der Kaiser nach Messina ein- verlautet, wird sich auch die Kaiserin an einem Teil der Fahrt und zwar an deren letztem Abschnitt beteiligen, da es der dringende Wunsch der Aerzte ist, daß die Kaiserin Mr Kräftigung ihrer Gesundheit einige Zeit Aufenthalt im ^üden nimmt. Nach ben bisher getroffenen Dispositionen durfte das Kaiserpaar das Osterfest im Süden verleben.
Deutscher Reichstag.
(40. Sitzung.)
CB. Berlin, 23. Februar.
Im Schnelltempo begann der Reichstag heute seine Arbeit. Der Gesetzentwurf betr. den Schutzvon Erfindungen, Mustern und Warenzeichen auf Ausstel - l u n g e n wurde kurzerhand in erster und zweiter Lesung angenommen, ohne daß jemand das Wort dazu nahm. Eine ebenso rasche Erledigung des Etats des
Neichseisenbahnamts, dessen Beratung nun folgte, war natürlich ausgeschlossen. Bei diesem Etat werden alljährlich zahlreiche Beschwerden über die deutschen Eisenbahnverwaltungen laut, auf die der Präsident des Reichseisenbahnamts immer nur achselzuckend mit dem Hinweis auf die beschränkte Kompetenz des Amtes antworten kann.
So geschah's denn auch heute. Diesmal lagen zwei Resolutionen zum Etat vor. Die eine ist von der Kommission beantragt und verlangt möglichste Einschränkung der Umleitungen des Güterverkehrs, die andere ist von der Sozialdemokratie gestellt und fordert Uebertragung des Betriebs und der Verwaltung der deutschen Eisenbahnen aus das Reich.
Die Debatte brachte nicht viel Neues: Den Klagen wegen Umleitung des Verkehrs hält der Präsident Schulz entgegen, daß ihm nichts von solchen Beschwerden zu Ohren gekommen sei, und die Erörterung über die Reichseisenbahn- gemeinschaft hielt sich auch diesmal völlig im Rahmen einer akademischen Diskussion. Süddeutschland will, wie von mehreren Rednern betont wurde, von einer Reichseisenbahngemeinschaft nichts wissen, und Preußen, das ohnehin dabei nichts zu gewinnen hat, will auch aus Gründen der inneren Reichspolitik nicht darauf dringen. Die Bahnzerrissenheit, oder, wie der sächsische Finanzminister es nennt, die „Ä ä h n- ch e n P 0 l i t i k" der deutschen Einzelstaaten wird wohl noch manches Jahr den Reichstag beschäftigen.
Die Debatte, an der die Abgg. Gröber (Zentr.), Hieber (natl.), v. Normann (kons.), Gamp (freik.) und Müller-Sagan (freis. Vp.) sowie der Reichseisen- bahnamtspräsident Schulz vornehmlich beteiligt waren, ging sehr in die Länge und Breite. Selbstverständlich kam die eigentliche Etatsdebatte dabei zu kurz, der Etat wurde schließlich ohne alle Debatte genehmigt. Annahme fand natürlich auch die Resolution der Kommission, während die sozialdemo- kratische abgelehnt wurde. Morgen kommen die reichsländischen Bahnen an die Reihe.
Hus den Parlamenten.
* Die Konservativen haben ihren zum Etat des Ministeriums des Innern im Abgeordnetenhause gestellten ursprünglichen Antrag durch die Resolution ersetzt, die Staats- reaierung aufzufordern, dem Landtag alsbald einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die Fürsorge für arbeitsuchende mittellose Wanderer mittels