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Nr. 95. Zweites Blatt.

Samstag, den 23. April 1904. __

__________________13. Jahrgang.

WWme»OMt-pret-: in Gießen, abgrhslt monatlich 60 Pfg., M -«uS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jährttch Vtt. 1.50.

MMS-eNWOO* : Oberhrffifche FamMeuzeitnug (täglich) und die Gie-euer Esifeublaseu (wöchentlich).

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Gießener

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Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expeditton: Gießen, S e Lt-erSwe« «

Merusprechanschlust Nr. 368.

(Oietzener Tagevtatt) MnaVYLaßige Tageszeitung (Hietzener Seitung)

für Oberhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung, Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Opfer des Tropenkollers.

Die fürchterlichen Schilderungen, die das Zeugenverhör rH Prozeß gegen den Prinzen Arenberg über dessen un­menschliche Grausamkeiten gegen den Negerpolizisten Kain zu tage förderte, sind in Deutschland noch frisch in aller Ge­dächtnis. Die öffentliche Meinung der Apenninhalbinsel aber beschäftigt sich lebhaft mit dem ^atl eines italienischen Generalkonsuls, der in der Kolonie Eritrea noch weit schlim- E?o Scheußlichkeiten.sich hat zu Schulden kommen lassen. Wahrend aber im Fall Arenberg der Täter von jeher als geistig minderwertig galt, wird de Italiener als ein hoch­begabter Mann geschildert, der in seinem Vaterlande auch als guter, menschenfreundlicher Charakter bekannt war. Wie lommt .es nun, daß er jetzt Grausamkeiten begehen konnte, Die ihn jeden Funkens von Menschlichkeit bar er- schemen lassen? Eine Antwort auf diese Frage finden wir in dem soeben von dem französischen Oberstleutnant Pâoz veröffentlichten Bericht über seinen Marsch vom Niger zum Tschadsee.

Ende März lagerte P^roz bei Tessana unter dem Baunie, wo sein Jugendfreund Oberst Klobb, das Opfer sei­ner aufrührerischen Untergebenen Voulet und Chanoine, be­graben wurde, ehe man seine Ueberreste nach Timbuktu schaffte. Eine an den Stamm einer riesigen Colndra ge­nagelte Zinkplatte erinnert an das entsetzliche Wüstendrama. P^roz kommt darauf zurück, denn er hatte auch Voulet ge­kannt und unter seinem Befehl gehabt, als der junge Offizier gleich dem Leutnant Chanoine noch zu den schönsten Hoffnun­gen berechtigte. Er frischt einige der schon halb ver­gessenen Zwischenfälle der schon halb in Vergessenheit gerate­nen Expedition wieder auf: wie Voulet seine Leute zuerst nicht nur das unumgängliche Notwendige nehmen, sondern überall suhlen und rauben ließ, jeden Widerstand grausam ahndete, Wie er in Sausanne-Haussa, einem großen Markt am östlichen Niger, befahl, alle Häuptlinge hinzurichten, die größer waren als er, und erst innehalten ließ, als 100 ihn überragende Köpfe gefallen waren, wie er in Birni N'Konni, einem Markte des Adar-Gebietes, Gehorsam erzwingen wollte, indem er 80 Frauen und Mädchen der ersten Familien an den Stadt­mauern aufhängen ließ. Was brachte ihn zu diesen Untaten?

Die Sudansonne, erklärt Oberstleutnant P6roz, übt solche zerrüttende Wirkung auf europäische Gehirne. Und man glaube nur nicht, daß die angelsächsischen Schädel wider­standsfähiger seien als die unserigen. Ein englischer Kapitän, ein humaner Mann und Familienvater, verläßt um die Mit­tagsstunde seinen Posten zu Pferde. Im nächsten Dorfe streckt er zwei Eingeborene nieder, reitet dann mehrere Stun­den lang im Busch herum und kehrt abends von Fieberschauern gerüttelt, erschöpft zurück. . . . Einer meiner Offiziere, der gesetztesten einer, steigt zu Pferde und reitet nach dem Palaste eines schwarzen Sultans. Dieser begab sich gerade nach einem seiner Meierhöfe, begleitet von Reitern. Beim Anblicke des Kapitäns hält er an und will ihn grüßen. Dieser nimmt seinen Revolver, zielt auf den Sultan, der mit seiner Eskorte das Weite sucht. Der Kapitän hinter ihm drein, bis sein Pferd nach einer wilden Jagd stürzt. Er tötet es mit einer Kugel, legt sich neben den Kadaver und wird von den Leuten des Sultans nach der Residenz zurückgebracht. Man macht 'ich keine Vorstellung von den Leiden, der Spannung der Nerven und des Gehirns, welche die Europäer in jener fremd­artigen Natur unter feindlich gesinnten Völkerschaften aus­zustehen haben. Nur besonders kräftig angelegte Seelen und Körper vermögen zu widerstehen. Fast alle verdammens- würdigen oder wahnwitzigen Handlungen, welche Weiße in jenen Regionen begehen, sind pathologische Fälle. Wenn Oberstleutnant P z, reu,. so ist der Italiener, wie viele andere vor ihm, statt unseres Abscheus eher unseres Mitleids würdig als Opfer des Tropenkollers.

Schutz dem Kinde!

Von einem Familienvater wird uns geschrieben- Selbst wenn man jeder Prüderie abhold ist, so kann man doch nicht bestreiten, daß in Schaufenstern manchmal Gegenstände aus. liegen, die entschieden nicht den Augen der Kinder dargeboten werden dürften. Es ist ja allerdings nicht zu verkennen, daß das moderne Kind nicht mehr die Naivetät hat, die in früheren Jahrhunderten die Eigenschaft der Kinder war. Das Leben der bewachsenen flutet zu mächtig an ihnen vorüber. Das unserer Tage ist in früher Jugend schon in den Strom Verkehrs hineingezogen, mehr jedenfalls, als das zu lener Zeit der Fall war, als der Großvater die Großmutter nahm. In diesen Stätten öffentlichen Verkehrs, aut Bahn- lwfen, in Eisenbahnkupees, auf Marktplätzen und sonstigen Orten treffen oft Worte an das Ohr des Kindes, die nicht (ofur bestimmt sind. Gegen solche Verhältnisse gibt es keinen Schutz. Hier haben die Eltern darüber zu wachen, daß der wge gewordene Geist und die Phantasie nicht auf Abwege geraten. Ein anderes aber ist es mit den Schaufensteraus- Ogen, bei denen das Kind unter Umständen mit Muße feiner freien Spielraum lassen kann. Es muß unbedingt . 6eben, um das naive Kindergemüt gegen solche u iiuevsamen Erscheinungen der modernen Reklame und ber modernen Kunst zu sichern.

Auf diesem Stcuidpunkte steht auch ein Mitarbeiter der .Bäuerischen ärztlichen ßorrefboibeiu". der sich zu diesem

Thema äußert und sich im Eingang seiner Ausführungen als ein vollständig vorurteilsloser Kritiker kennzeichnet. Er ver­schweigt deshalb die Bedenken gegen gesetzgeberische Bestim­mungen nicht und übersiebt durchaus nicht die Gefahr, die durch allzu elastische Gesetzesparagraphen der wirklichen kirnst entstehen kann. Nach seiner Ansicht müssen die bei der Beratung der lex Heinze geplanten Maßnahmen und die damals gewählte Fassung des Schutzparagrapben entschieden als gefährlich erscheinen, in dem diejenigen Produkte, „die, ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen," mit Strafandrohung verboten werden. Damit war das Sittlichkeitsempfinden der Erwachsenen zum Maßstab ge­macht und bei der Spruchpraxis dem subjektiven Empfinden des Richters ein zu weiter Spielraum gelassen worden. Mit der Verwerfung dieses Paragraphen ist allerdings bedauer­licherweise auch der notwendige Jugeudschutz in Wegfall ge- kommen. Um diesen zu sichern, muß der sogenannte Sitt- lichkeitsparagraph so gewählt werden, daß Jugenderzieher und Aerzte bei etwaigen Gerichtsverhandlungen als Kri­tiker und Sachverständige zu funktionieren haben. Es muß verboten werden, daß der Unterschied der Geschlechter und die Hinweise auf deren Verkehr in einer Form dargestellt wird, welche die Naivität des Kindes gefährdet und seine Phan­tasie auf ein Gebiet lenkt, vor bem es im Interesse seiner ßmtmidelung bewahrt bleiben muß.

Die jüngste Kunstdebatte im deutschen Reichstag hat vor allen Dingen das eine gezeigt, daß auch die entschiedensten Verfechter der lex Heinze keinerlei künstlerische Einseitigkeit vertreten und auch nicht unter der Maske eines Sittlichkeits­schutzes eine unbequeme Richtung verfolgen wollen. Dadurch ist in der Wählerschaft das Mißtrauen gegen eine Schutz­bestimmung ganz erheblich abgeschwächt, und für eine tat­sächliche Verbesserung und Erweiterung der Schutzvorschriften für die Jugend freie Bahn geschaffen worden. Wie ich, so wird jedenfalls noch mancher Familienvater wünschen, daß man in der Besprechung öffentlicher Angelegenheiten diese Frage nicht außer acht lasse und sich bemühe, eine Fassung zu finden, die auch das mobeme Kind vor sittlichen Gefahren bewahrt, ohne der Kunstentwickelung aefährlick zu werden. Lchutz dem Kinde k

Vermischtes. - - . . - .

D kEin Lob auf das deutsche Militärs enthält eine Schilde­rung, die der russische Schriftsteller Nemirowitsch Datschenko, der mit demselben Zuge, in welchem die fremden Militär- attachees sich befanden, nach dem Kriegsschauplätze gereist ist, von diesen seinen Reisegefährten entwirft. Die interessantesten sind die Deutschen — so schreibt er — Oberst Lauenstein und der bekannte militärische Schriftsteller Baron V. Tettau. Es war sehr kornisch, zu sehen, wie die Schweden und Norweger mit ihren deutschen Kollegen russisch sprachen; sie hatten manchmal recht amüsante Redewendungen. Die Deutschen hingegen sprachen durchwegs perfekt das Russische. Hinter Moskau hatten wir schönes Wetter, worüber die Fremden sehr staunten. Und als wir bei der Ankunft in Tscheljabinsk 12 Grad über Null hatten, da fragten sie uns ganz ver­blüfft: „Ja, wo ist denn euer rauhes, eisiges Sibirien?" Bei jeder Station stiegen sie ab und fragten nach verschiedenen Sachen. Nur die Deutschen fragten niemals; sie wußten alles und benahmen sich wie zu Hause.

G ^Verhängnisvoller Telegrammfehler. ^! Daß selbst bei unserer so sorgsamen Reichspost sehr unliebsame Telegramm­fehler möglich sind, beweist folgendes Vorkommnis. Dem Ehemann einer in einer Karlsruher Krankenanstalt befind­lichen Frau wurde vom Abgangsort richtig telegraphiert: „Ihre Frau soeben gesundes Mädchen geboren". Der Mann erhielt das Telegramm aber in der unglücklichen Fassung: „Ihre Frau soeben gestorben; Mädchen geboren". Er kam von weither bestürzt hergereist, um die Leiche seiner Frau nach der Heimat, wo die Trauerbotschaft gleichfalls umging, abzuholen. Die Aufklärung war natürlich um so erfreu­licher. Der ausgestandene Schreck wird den Leuten aber zeitlebens im Gedächtnis haften bleiben.

^ lEinc Hundertjähriges In der Gemeinde Wanlo bei M. -Gladbach begebt die Witwe Schotten im nächsten Monat ihren 1 OCX Geburtstag. Die Greisin erfreut sich voller geisti­ger und körperlicher Frische.

^ lEinc amerikanische Millionenerbschaft ^l fällt an Leute, die es gut gebrauchen können, zu Neuhaus am Rennweg. Der dortigen Qberförsterei wurde mitgeteilt, daß in Ame­rika der einzige Sohn eines Wildmeisters Kämpfe unter Hinterlassung eines Vermögens von zirka 1% Millionen Dollars ohne dortige Erben verstorben sei. Die in Neuhaus wohnenden Verwandten des vor langen Jahren ausgewan­derten Wildmeisters sollen ihre Ansprüche bis zum 1- Juli behördlich anmelden. .

M= t Parlamentarische Stilblüten.^! In der letzten Mittel­standsdebatte der Zweiten sächsischen Kammer war der Eifer des Gefechts bei manchen Landboten so groß, daß ihnen lapsus linguae komischer Art mit unterliefen. So meinte u. a. der nationalliberale Abgeordnete für Grimma, Gleis­berg, mit überzeugungsvollem Pathos: „Früher war die Kleie das allgemeine Futter für den Bauer." „Ich meine natürlich das liebe Vieh des Bauern," korrigierte er sich unter schallen­der Heiterkeit des Laufes. Auch im Weimarischen Landtage

gEgraaiwfflsaaKni^^ iiiuwfv wrow?« laBsc^aaaGaawaaBMiii in m 'aa mag lief neulich eine nette Stilblüte unter. Dort führte der erste Vizepräsident Müller aus: „Ich glaube, daß sich durch die ge­planten Umbauten des bestehenden HofttMters die notwen­digsten Uebelstünde beseitigen lassen, wenn auch nicht alle aus der Welt geschafft werden," wobei es nur fraglich blieb, wes­halb man Uebelstände beseitigen will, die notwendig sind.

# [(summarisch.] (Aus einer Zeitung.) Eine junge, fesche Radlerin, die das 20. Lebensjahr, 6000 Mark und ebenso viele Kilometer zurückgelegt hat, sucht einen Lebens­gefährten.

A kWie der japanisch-russische Krieg auslanfen nürbj er­fährt man genau durch den Pariser „Gil Blas", der darüber Mitteilungen derselben Hellseherin veröffentlichen kann, die s. Zt. die Operation des Königs Eduard von England unb die Verschiebung der Krönung borauSgefagt hatte. Die Pro­phetin läßt Port Arthur am 29. März von den Japanern genommen werden. Im April folgt darauf ein gewaltiger Landkampf, in dem beide Seiten schwere Verluste haben wer­den, der aber mit einem Siege der Japaner endet. Im Monat Mai kommt es sodann zu einem, fast allgemeinen Aufruhr im fernen Osten, der Frankreich, England und Deutschland veranlaßt, Schiffe nach den östlichen Meeren zu senden. Im Juni sieht Rußland sich infolge eines großen nihilistischen Aufstandes genötigt, Frieden zu schließen, da es Truppen aus dem fernen Osten schleunigst in die Heimat schaffen muß. Im Herbst wird der Friedensvertrag unter­zeichnet. Nun, wir werden ja am nächsten Dienstag, den 29. b. Mts. sehen, ob der Pariser Pythia zu trauen ist.

1" [Gine Fran als SchiffskapitänZ Eine Leichenschau in Staten Island führte zu einer merkwürdigen Entdeckung. Ein Kapitän Tweed, der lange Jahre als Kapitän den At­lantischen Ozean durchkreuzt hatte, war in ein Seemanns­heim ausgenommen worden. Kapitän Tweed schien schwer- mütig geworden zu sein, denn er verkehrte mit den anderen Insassen des Heims nicht und wurde schließlich ernstlich krank. Am Montag fand man seine Leiche mit durchschnitte­nem Halse. Es war nicht daran zu zweifeln, daß der Lebens­müde sich selbst entleibt hatte. Als der Arzt die für die Leichenschau vorgeschriebene Untersuchung vornahm, entdeckte er, daß Kapitän Tweed eine Frau war. Man hatte sich zwar häusig über die vollständige Bartlosigkeit des Kapitäns ge- anmbert, aber niemals einen derartigen Verdacht geschöpft.

A ^Unverwüstlich.^ Ein Reisender kommt in das Bureau emer größeren Maschinenfabrik. Auf die Frage: „Sie wünschen?" erwidert er: „Mein Name ist Fix, Vertreter von nur ersten Häusern. Ich reise in Glühstrümpfen, Kabel­schuhen, Dampfhemden, Bleimänteln, Dampfzylindern und Gummischuhen ..." — Direktor: „Sagen Sie 'mal, ist Ihnen das Reisen nicht manchmal etwas beschwerlich?"

Kunst und Wissen schaff.

05 Nach 33 Jahren durch Operation entfernte Granat­splitter. Eine merkwürdige Operation wurde an dem Post­schaffner Johann Schult in Schwerin vorgenommen. Dieser wurde in der Schlacht bei Gravelotte durch Sprengstücke einer französischen Granate am linken Unterarm verwundet. Seit einigen Monaten konnte Schult seinen Dienst nicht mehr ver­sehen, da sich heftige rheumatische Schmerzen einstellten, sich an dem verwundeten Körperteil Abszesse zeigten und mit Eite­rungen kleine Knochensplitter zum Vorschein tarnen. Schult ließ sich den Arm mit Röntgenstrahlen durchleuchten; es wur­den Fremdkörper im Arm festgestellt, die dann auf operativem Wege entfernt wurden. Es waren mehrere kleine kantige Granatsplitter, die der Postbeamte länger als 33 Jahre im Körver beherbergt hatte. Es steht jetzt zu hoffen, daß eine vollständige Heilung des Armes erfolgen wird.

Für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein.

Julius Fischer

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