Nr. 45.
Dienstag, den 23. Februar mo4.
______________ 13. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg BB
Fernsprechanschlust Nr. 363.
Deuche Dachrichten
(chietzener Pagevkatt) NnaSHLuHige Tageszeitung (Lietzener Zeitung)
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung, Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Der Krieg in Ostasien.
Infolge der namentlich von feiten der Japaner äußerst streng gehandhabten Zensur sind die Nachrichten, die über die Vorgänge aus dem Kriegsschauplatz durchsickern, auch heute noch sehr spärlich. Mit Hartnäckigkeit behauptet sich das Gerücht, daß es zu
größeren Vorpostengefechten am Jalu gekommen sei, bei denen die Russen der unterliegende Teil gewesen wären. Tie bezügliche Reibung besagt:
Die bisherigen Vorpostengefechte am Jalu haben den Rückzug der Russen zur Folge gehabt und zwar mit bedeutenden Verlusten, die auf 2500 Mann geschätzt werden.
Doch wird es gut fein, auch dieser bestimmten Nachricht gegenüber weiter mißtrauisch zu bleiben. Widerspricht es doch der ganzen bisherigen Haltung Rußlands, wenn es sich auf ein aggressives Vorgehen in Korea einlassen würde, worauf ein derartiger Kraftaufwand schließen lassen würde. Wir sind überzeugt, mit unserer Meinung, daß es sich bei deu jetzigen Zusammenstößen an der koreanischen Grenze nur um unbedeutende Rekognoszierungen banbeln kann, recht zu behalten. Die Verlegung des Hauptquartiers nach Charbin, in das Herz der Mandschurei, deutet mit Bestimmtheit darauf bin, daß das russische Oberkommando sich vorläufig auf die Defensive zu befchränfen gedenkt. Es hofft, daß die Japaner sich hinreißen lassen werden, in die unwirtlichen Steppen der Mandschurei vorzudringen, wo ihren Truppen durch die anfangs zielbewußt zurückweichenden Russen zum Schluß ein Ende mit Schrecken bevorstände, wie weiland Napoleon in Moskau.
Aus dem gleichen Grunde klingt es wenig glaubhaft, toum von
russischen Jnvasionsgelüstcn in Japan gesprochen wird. Die Bewegung soll angeblich von der russischen Verbrecherinsel Sachalin aus ins Werk gesetzt werden, von wo aus zwei Kosakendivisionen nach der japanischen Insel Jezzo übergesetzt werden sollen, von der Sadyalin nur durch eine verhältnismäßig kleine Meerenge getrennt ist. Mit diesen! Gerücht werden neue Bewegungen des Wladi - w o st o k g e s ch Waders in ursächlichen Zusammenhang gebracht. Londoner Blätter wissen darüber folgendes zu berichten:
Aus Tokio wird gemeldet, ein russischer Kreuzer sei auf der Höhe von Hokkaido gesehen worden, wo er sich bemühte, der Insel das Kabel abzuschneiden. Ferner wird aus Kobe gemeldet: vier russische Schaffe, vermutlich des Wladiwostokgeschwaders, wurden auf der Höhe von To- bischime, einer kleinen Insel im Norden der japanischen Westküste, gesehen.
Was an diesen Meldungen Wahres ist, läßt sich natürlich vorläufig nicht beurteilen. Sonderbar genug wäre es, wenn es dem Wladiwostok-Geschwader, das vor der japanischen Flotte und dem stürmischen Meer erst unlängst Sicherheit in seinem Heimatshafen suchen mußte, schon wieder gelungen wäre, sich der japanischen Küste zu nähern.
Die Tragikomödie des „Mandschur".
Dem chinesischen Taotai von Shanghai machte das Verhalten des Kommandanten des dort im Hafen liegenden russischen Kanonenboots „Mandschur" arge Kopfschmerzen. Der Kommandant weigerte sich, den sicheren Hafen zu verlassen und den ihm auflauernden Japanern in den Rachen zu laufen. Der „Mandschur" ist ein veraltetes langsames Kriegsfahrzeug. Er war schließlich daran, dem wiederholten Befehle der chinesischen Hafenbehörden endlich Folge zu leisten und im Sinne der Neutralitätsvorschriften auszulaufen, als die Nachricht einlangte, der japanische Kreuzer „Akitfushima", ein Kreuzer von 3150 Tonnengehalt und 19 Knoten Geschwindigkeit, sei in Woosung, dem Außenhafen Schanghais, angelangt und warte das Herauskommen des „Mandschur" ab. Dieser verblieb infolgedessen im Hafen, und sein Kommandant begab sich, vom russischen Konsul in Schanghai, Dessin, sowie vom kürzlich eingelangten russischen Gesandten aus Söul, Pawlow, begleitet, auf das japanische Konsulat, um ein Kompromiß abzuschließen. Dieses kam zustande, und das Ergebnis war, daß der „Mandschur" bis zur Beendigung der Feindseligkeiten, seiner Bewaffnung entblößt, in Schanghai verbleiben darf. Der „Mndschur" schaffte bereits seine Geschütze ans Land. Der japanische Kreuzer „Akitfushima" dürfte infolgedessen sofort wieder abdampfen.
Dre Gefahr eines Weltkriegs
wird von französischen Politikern immer von neuem an die Walid gemalt. Jetzt wieder von dem früheren Minister des Aeußeren, MÄine, der den Weltkrieg als unvermeidlich bezeichnete. Das bereits erwähnte Gerücht, daß dasfran- zöfische Heer die Mobilmachungsordre erhalten hat, läßt sich trotz aller offiziellen Ableugnungen an der Börfe nicht ausrotten. Die Deroute ist denn and) so groß, daß man auf Llnen allgemeinen großen Krach gefaßt ist. Die Pariser Blätter sehen bereits im Geiste ihre tapferen Truppen an Seite der Russen und horribile dictu -— der Deutschen oeaen die verhaßten Engländer kämpfen.._Soweit sind.wir
denn allerdings doch noch mci)t. ^euiianano yar reinen Grund, sich an bett heißen ostasiatischen Kastanien die Finger für andere zu verbrennen. Doch ist nicht abzuleugnen, daß die fieberhafte Aufregung, die nicht nur in Paris, sondern auch in London herrscht, eine große Gefahr in sich birgt. Bauschen doch englische Zeitungen folgende Meldung direkt zu einem e n g l i s ch ° r u s f i s ch e n Zwischenfall auf:
Als das englische Paketboot „Mongolia" 460 Meilen nördlich von Aden einem russischen Panzer und vier Torpedojägern begegnete, versuchte eines der letzteren Fahrzeuge, es abzufangen', doch blieb der Versuch erfolglos. Das Geschwader begann alsdann die Jagd auf die „Mongolia", ohne sie gu erreichen. Als das Geschwader „Halt" signalisierte, stoppte die „Mongolia". Nach vorgenomme- ner Untersuchung signalisierte ein Torpedojäger: „Bitte zu entschuldigen." Das Geschwader hoffte augenscheinlich ein japanifches Schiff abzufangen.
Es ist ein Glück, daß die Regierungen aller indirekt beteiligten Neutralen sich, wie es scheint, trotz dieser nervösen Strömungen der öffentlichen Meinung die kühle Ruhe bewahren. Daß die Japaner übrigens die unparteiische Haltung Deutschlands voll zu würdigen wissen, geht aus der Meldung hervor, daß die japanischen Zeitungen den wärmsten Dank für das Anerbieten unseres Kaisers ausdrücken, durch Vas er ihrer Kaiserin ebenso wie dem Zaren die deutschen Lazarette in Tsingtau und Iokohama zur Verfügung stellte.
Die Politik. __—
<X> Die schon angekündigten Beratungen von Kommissaren der süddeutschen Staaten und Sachsens nlit Vertretern der preußisch-heplschen und der'Reichseisenbahnen, die zu einer Vereinfachung in der Leitung des Güterverkehrs führen sollen, haben gestern im Berliner Eisenbahnministerium begonnen.
eS3 Von einem zweiten siegreichen Gefecht der Kolonne Gygas weiß ein Telegramm des Gouverneurs Leutwein aus Deutsch-Südwestafrika zu melden. Danach hatte die Kolonne Gygas, die aus Matrosen und Schutztruppen besteht, am 19. Februar ein Gefecht bei Groß-Barmen gegen einen zirka 200 Gewehre starken Feind, der mit Hinterlassung bon 13 Toten sowie vielen Gewehren und Munition nach Süden flüchtete. Diesseitiger Verlust: verwundet: die Matrosen Krämer und Handschuck, Gefreiter R a t i e n , Reiter So bau und Schlosser Dräger Dom Eisenbahn» detachement. — Bei dem Gefecht, das die Kolonne am 16. Februar am Lievenberg hatte, ist, wie Gouverneur Leutwein jetzt meldet, der Matrose Karle getötet, der Bootsmann:- niaat I u r g a h n und der Reiter Hesse verwundet worden.
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cf Das Zolltarifgesetz schreibt bekanntlich vor, daß nach einer bestimmten Frist die städtischen Oktroiabgabcu beseitigt werden sollen. Dagegen wenden sich auch nach der Annahme des Zolttarifgesetzes die Städte, die solche Abgaben erheben. Jetzt hat in Mainz unter dein Vorsitze des Oberbürgermeisters Beutler-Dresden eine Versammlung von Vertretern der an der Aufrechterhaltung der indirekten Abgaben auf Lebensmittel interessierten Stadtgemeinden üall- gefunden. Es wurde beschlossen, einen aus zehn Stadtver- tretern bestehenden Ausschuß zu bilden, der beim Bundesrat und Reichstag wegen Beseitigung des § 13 des Zolltenf- gesetzes oder doch wegen Verlängerung der daselbst festgesetzten Frist vorstellig werden soll. Allenfalls mag die Verlängerung der Frist Aussicht auf Annahme durch Regierung und Reichstag haben. Daß die gesetzgebenden Körperschaften in die Aufhebung des Verbots der Oktroierhebung willigen sollten, erscheint jedoch ausgeschlossen.
^ Zum offen e_n Kriege ist es nun leider dock im Leipziger Krankenkasseukonflikt gekommen: Die Verhandlungen der Aerzte mit der Ortskrankenkasse sind endgültig gescheitert. Die Aerzte beharren auf ihren Forderungen und sind entschlossen, nicht eher Frieden zu schließen, als bis die zwischen der Ortskrankenkasse und auswärtigen Aerzten geschlossenen Verträge g e l ö st sind. Darauf will die Kasse ittcht eingehen. Indessen wird die weitere Entwickelung der Sache aller Voraussicht nach dahin führen, daß die Kasse der unterliegende Teil bleibt. Auch in Magde - b u r g droht ein ä änlicher Kassenkrieg. Dort ist die Ortskrankenkasse ebenfalls mit den Aerzten in Differenzen geraten, den'n Folge schließlich war, daß die Kasse gegenwärtig ohne jeden Arzt ist. Das Schauspiel, das sich beim Zuzug fremder Aerzte bisher noch überall entwickelt hat, wird auch in Magdeburg nicht fehlen. Und einstweilen fpricht nichts dafür, daß die Magdeburger Kasse bessere Erfahrungen im Kriege mit den Aerzten machen sollte, als die Kassen von Mühlhausen u. s. w. All diese Kasfenkonflikte lassen die Notwendigkeit eines neuen, die Interessengegensätze zwischen Kassen und Aerzten zweckmäßiger und richtiger abwägender' Krankenkasfengesetzes nur desto deutlicher hervortreten.
£1 Eine in Kassel abgehaltene Versammlung von Vertretern von 268 E i s e n b a h n v e r e i n e n mit nahezu 170 000 Mitgliedern aus allen Direktionsbezirken der preußisch-Hessischen Staatsbahnen hat die Gründung eines allgemeinen Prensrisch-Hessischen Eisenbahner-Verbandes beschlossen, der sich gemeinsame Wohlfahrtszwecke, insbesondere die Gründung von Hilfskassen 311 r Ergänzung ber Pensious- bezüge, der Alters- und Invalidenrenten, der Krankengelder, sowie der Witwen- und Waisenbezüge zur Aufgabe machen soll. Dem Kaiser wurde von der Gründung Kenntn::- gegeben und hinzugefügt, daß der Verband nicht 311m mindesten die Liebe zu König und Vaterland fördern solle. In seiner Antwort erklärte der Kaiser, die Verbandsgründung habe ihn „mit hoher Befriedigung erfüllt, und er wünsche, daß diese edlen Bestrebungen, denen er gern seine Unterstützung werde angedeihen laffen, einen reichen Erfolg 31 in Besten aller Beteiligten haben mögen." Der Eisenbal-..- minister hatte an die Versammlung ein Telegramm geridnet, in dem er ihren Beratungen guten Erfolg wünscht und Den: neuen Verbände seine Unterstützung verspricht.
Oesterreicb-Slngarn*
In der Hauptstadt Galiziens sind vor einigen Xcgcn ganz Plötzlich eine Reihe von höheren Offizieren Her hum! worden, und weitere Verbartungen sollen bevorstehen. Es handelt sich um eine große Spionngenfsäre, in die Russtc.nd in einer Weise verwickelt ist, die ihm gerade angesichts seiner gegenwärtigen Schwierigkeiten im nahen und fernen Meu höchst unangenehm sein dürfte. Mit der Verhaftung des österreichifchen Oberstleutnant-Auditors H e j k a l 0 begann die Sache. Er machte sich der Spionage verdächtig, als er festgenommen werden sollte, entfloh er, wurde von besonderen Agenten bis nach Amerika verfolgt und dort schließlich ver* haftet und an Oesterreich ausgeliefert. Nach ihm mürben eine große Anzahl Zivil- und Militärpersonen verhastet: auch ein russischer Ge n d a r m e r i e 0 b er st , der Im.gi Jahre an der galizischen Bahnstrecke Jaroslaw-Sokal als einfacher Eisenbahnarbeiter tätig war, wurde verhafte! und nach Wien gebracht, wo er vor das Garnisonsgericht kommen soll. Die Spionage wurde seit Jahren betrieben, ohne daß man irgend welchen Verdacht geschöpft hätte. Erst in jüngster Zeit kam die Sache durch Hejkalos Unvorsichttgkeit an den Tag. Erfreulicherweise scheinen nur polnische Offiziere der österreichischen Armee an diesen! Landesverrat beteiligt zu sein.
ßalhan-8taatcn,
V^ Mit der Säuberung des Hofes und Heeres von den serbischen Königsmordern will König Peter neuerdings nun doch Ernst machen. Ein Belgrader Blatt nielbet nach Mitteilung von zuständiger Seite, „die Frage der serbischen Offiziere werde demnächst im Sinne des Verlangens Europas gelöst werden". Der serbische Gesandte Nowakowitsch, der kürzlich nach Petersburg abgereist ist, soll die russische Negie- rung davon benachrichtigen. Wird König Peter aber auch imstande sein, diese Absicht durchzuführen?
Hfrika.
□ Offiziell wird aus Kapstadt nunmehr bestätigt, bisher nur privatim — und zwar auf Grund der englischen Parlamentssitte — gemeldet worden war: An Stelle Gordon Spriggs, der bei den Wahlen mandatlos blieb, ist Dr. Jameson, der Unternehmer des berüchtigten Jameson-Raik gegen die Buren und der eigentliche Anzettler des Buren- krieges, Premierminister der Kapkolonie geworden. Es lieg! etwas Tragisches in dieser Wendung der Dinge: Der Mann der einst als Friedensbrecher in das Land der Buren einfiel, von ihnen gefangen und nur aus Gnade nicht vor der Sandhaufen gestellt wurde, ist jetzt der leitende Minister bei Kapkolonie und, soweit es die Gesetze zulasfen, der Gebiete) auch der Burenbevölkerung der Kolonie! Nicht unmöglich daß gerade diese Besiegelung des britischen Unrechts gegen die Buren den Tag der Rache, der ja nicht ausbleiben kann eher anbrechen läßt, als es sonst der Fall gewesen wäre.
Amerika.
IS Die Entscheidung des Haager Schiedsgerichts in bei Vcnezuelaafftire liegt jetzt vor. Tas Schiedsgericht hat ehr stimmig entschieden, daß den drei Blockademächten Deutschland, England und Italien das Vorzugsrecht auf 3C Prozent der Zölle von La Guayra und Puerto Cabello zusteht. Jede Partei wird die Kosten, die ihr aus dem Verfahren entstanden sind, tragen und mit den anderen Parteien zu gleichen Teilen die Kosten des Schiedsgerichts über- nehinen. Die Vereinigten Staaten sind beauftragt worden, den Schiedsspruch binnen drei Monaten zu vollziehen. Selbstverständlich handelt es sich bei dieser so lange hinausgezögerten Entscheidung lediglich um einen formalen Akt. In der ZjvischenK hat Sennor Castro sich angelegen sein lassen, den Handelsverkehr von La Guayra und Puerto Cabello weg und nach anderen Häfen zu leiten. Deme.ttsprechend sind die Zolleinkünfte der beiden Häfen minimal, und Deutschland. England und Italien sind, nachdern ihnen endlich ihr klar zutage liegendes Vorzugsrecht auf gesonderte Befriedigung ihrer Ansprüche von dem braven Haager Schiedshof verbrieft worben, doch in Wirklichkeit die blamierten und geprellten Mitteleuropäer! Diese Schiedsgerichtsgescäichte wird aber vielleicht doch ihre guten Folgen haben. ^ie ist eine Lehre, wohin die Eimnischung Amerikas in Samen anderer Länder schließlich für diese führt. Hoffentlich wird man diese Lehre