Nr. 19.
Samstag, den 23. Januar 1904.
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_________________13» Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 83
Fer«sprecha«schl«st Nr. 362.
Neueste Nachrichten
(Gießener Pagevlntt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Weitung)
für Obsrheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebwg- Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Die Krise vorüber?
Wie Tag und Nacht wechseln die Anschauungen in Eng- lanb über die Größe oder Geringfügigkeit der Kriegs- gefahr in Asien. Gestern hieß es: Krieg in Sicht! und heute meldet das Reuterbureau, in Londoner gutunterrichteten Kreisen sei man seit mehreren Tagen ziemlich allgemein der Ansicht geworden, daß die ostasiatische Frage friedlich geregelt werden würde. Nachrichten aus unantastbarer Quelle, die hier eingingen, hätten es über allen Zweifel gestellt, daß die Friedenspartei in Rußland an Macht gewinne, weil sich herausstelle, daß Rußland auf einen Krieg nicht vorbereitet sei. In Kreisen, welche die Noten Rußlands und Japans gelesen haben, werde erklärt, Rußland habe tatsächlich der Ansicht zugestimmt, welche Japan in Bezug auf die Souveränetät und Integrität Koreas hege. Japan bestehe indes auch auf der Anerkennung der Sou- oeränetät Chinas in der Mandschurei und verlange über diese Angelegenheit eine bestimmte unzweideutige Zusicherung von Rußland. Ob Rußland in diese Forderung einwilligen werde, oder ob Japan irgendwie seine Ansicht über diese Zusicherung ändern werde, sei augenblicklich die Frage.
Weniger hoffnungsvoll sieht man in Holland die Lage im fernen Osten an. Die niederländische Regierung hegt hinsichtlich des russisch-japanischen Konfliktes die größten Besorgnisse. In der Tat wäre Niederländisch-Indien, namentlich Java, im Falle eines japanischen Sieges äußerst gefährdet. Seit einigen Jahren nehmen die zahlreichen auf Java angesiedelten Japaner keinen Anstand, zu erklären, Holland sei zu klein, um ein Recht auf solche große Kolonie zu haben, Java müsse früher oder später an Japan zurückfallen. Die Reisen des Ministerpräsidenten Kuyper nach Paris, Brüssel und Petersburg werden jetzt unter diesem . Gesichtswinkel ausgelegt. Vielleicht haben die arroganten, wenn auch nicht völlig unbegründeten Aeußerungen der Ja- | bauer auf Java den Erfolg, daß man in Holland einsehen lernt: die Erhaltung der niederländischen Kolonien ist nur möglich, wenn Holland sich an Deutschland anschlietzt. Dieser Anschluß ist nur natürlich.
In Korea scheint alles drunter und drüber zu gehen. Aus Söul wird gemeldet: Die Tonghaks, die schon öfter Aufstände in Korea veranstaltet haben, erheben sich jetzt allgemein gegen die Regierung. Die Führer der koreanischen Fortschrittspartei gelangen zur W)t; aber 9)t Bong Jk beherrscht dauernd den Kaiser, der sich eine russische Leibwache erbeten haben soll.
Harmonie.
I!st» litis che Wochenschau.)
Mit seltener Harmonie haben während der Reichstags- Verhandlungen über die Kaufmannsgerichte die einzelnen Parteien chre Zustimmung zu dem Zwecke des Gesetzes ausgesprochen. Am zweiten Tage der Verhandlung traten allerdings die Bedenken gegen das Gesetz selbst mit großer grundsätzlicher Schärfe hervor. Man befürchtete vor allen Dingen, daß die Einheitlichkeit der Rechtsprechung darunter leiden könnte, wenn mit der Praxis der Schaffung von Sondergerichten noch weitere Fortschritte gemacht würden, und hätte eine durchgreifende Reform des gerichtlichen Verfahrens wohl am liebsten gesehen. So scheint die grundsätz- ' liche Zustimmung, die am ersten Tage der Verhandlung ausgesprochen wurde, nichts anderes gewesen zu sein, als der Ausdruck der vollsten Seelenharmonie bei der Beurteilung des Schneckenganges in dem gerichtlichen Instanzenwege. Ob j es gelingen wird, aus der Kommission ein brauchbares Ergebnis hervorzubringen, ist doch sehr zweifelhaft geworden, namentlich da die Regierung keine wesentlichen Aenderungen an dem Entwurf gestatten will. Der zweite Tag der Ver- L Handlung brachte denn auch noch einen lebhaften Zwischen- f fall zwischen den Abgg. Liebermann von Sonnenberg und von k Nerlach, zwei Persönlichkeiten, die sich früher durch die Har- t ströme der Anschauungen nahestanden, die aber im Laufe der Seit nicht bloß politische, sondern auch persönliche Gegner i geworden sind. Liebermann nannte den Nationalsozialen I Herrn v. Gerlach einen politischen Verwandlungskünstler unt zitierte als „Grabschrift" auf ihn das Bürgersche Epigramm:
„Aus einem Lager seh' ich dich Bekehrt ins andere wandern.
Du änderst deine Meinung oft, Doch niemals die der andern."
So löste sich die anfängliche Harmonie der Reichstagsver- Handlung schließlich in einen disharmonischen Zweiklang auf.
Vielleicht nehmen die Verhandlungen im österreichischen ^eichsrat einen umgekehrten Verlauf. Wenigstens wäre das im Interesse der befreundeten Kaisermacht sehr zu wünschen. M der Tagesordnung stehen die Verhandlungen, die augenblicklich zwischen Oesterreich und Italien behufs Erzielung ; eines harmonischen Ausgleichs der Wirtschaftsinteressen ober mit anderen Worten — behufs Schaffung eines neuen Handelsvertrages schweben. Bei der Beratung dieses Gegenstandes haben sich namentlich wieder die Tschechen als disharmonisches Element bewährt. Sie sind Gegner des Dreibundes, weil darin das deutsche Reich die Vormacht
stellung inne hat, und beurteilen den Zweck und das Wesen des Dreibundes in durchaus widersinniger Weise. Während sie auf der einen Seite die Furcht zur Schau tragen, als könne das deutsche Reich sich je einmal in die inneren Verhältnisse Oesterreich-Ungarns einmischen, verlangen sie auf der anderen Seite, daß auch in solchen Fragen, in denen die verbündeten Staaten freien ©bielraum haben können und haben müssen, eine völlig identische Politik betrieben werden soll. Sie gehen sogar noch weiter und verlangen die Schaffung eines vollständig einheitlichen Wirtschaftsgebietes, in dem womöglich das Tschechentum die Oberhand haben soll. Erfreulicherweise haben sich die Deutschen diesesmal aicht an der künstlichen Verschärfung der nationalen Gegensätze beteiligt, sondern durch Hinweis auf die Notwenpig- t'eit des Dreibundes zur Aufrechterhaltung der Großmacht- tellung Oesterreich-Ungarns den Frieden gepredigt und für die Harmonie der Nationalitäten ihre rednerische Kraft eingesetzt.
Während in Westeuropa das nationale Moment in dem streben nach Harmonie die Hauptrolle spielt, finb in ben comanischen Staaten vor allen Dingen kulturelle Fragen aus der Tagesordnung. In Spanien namentlich regt sich in einer für die Monarchie geradezu bedrohlichen Weise das Volk gegen die Vorherrschaft der Geistlichkeit. Entstanden ist dieser Kampf dadurch, daß einer der unbeliebtesten Dominikanermönche zum Erzbischof ernannt wurde. Wenn nicht alles trügt, wird der junge König Alfons noch schweren Zeiten entgegengeben, und es zeigt sich auch hier wieder, wie bedenklich es für das Schicksal einer Monarchie ist, wenn nn Kind an der obersten Stelle des Reiches steht.
In einer ähnlich schwierigen Lage, wie die spanische, befindet sich auch die neugegründete Dynastie des Königs Peter von Serbien, der weder dem Auslande noch seinem Volke die gegebenen Versprechungen halten kann. Durch die Abreise der Gesandten, deren Urlaub auf unbestimmte Zeit verlängert wird, ist die diplomatische Vertretung nach außen hin außerordentlich geschwächt, und im Irmern kann die Stube nur durch die schärfsten Gewalmraßregelu aufrechterhalten werden. Obgleich König Peter bei Besteigung des Thrones feierlich die Wahrung der konstitutionellen Interessen gelobt hatte, sieht sich jetzt die serbische Presse unter dem Einfluß der immer noch allmächtigen Königsmörder förmlich einer diokletianischen Verfolgung ausgesetzt. Einem Gerücht zufolge soll König Peter denn and) beabsichtigen, zu gunskm seines ältesten Sohnes dem Throne zu entsagen. Sollte dieses Ereignis je einmal eintreten, dann werden die Balkanwirren wiederum mehr als seither in den Vordergrund der internationalen Politik rücken, denn es ist ganz sicher, daß dann das Fürstenhaus von Montenegro, das die Protektion des Zaren genießt und dem italienischen Königshause verschwägert ist, mehr als seither seine Ansprüche auf Serbien und auf eine Vormachtstellung im Balkan geltend machen wird. Inzwischen regen sich auch in Mazedonien die Agitatoren wieder, so daß in dem Augenblick, in dem die Verhältnisse im großen Orient, der Konflikt zwischen Japan und Rußland, den von allen Seiten gewünschten friedlichen Verlauf nehmen, im kleinen Orient die Lage wieder kritischer zu werden beginnt.
In Deutschland selbst sind natürlich alle Fragen der auswärtigen^ Politik zurückgedrängt durch die kritische Lage, die unerwartet in den Kolonien ausgebrochen ist. Man darf sich den Ernst der Sachlage nicht verhehlen: wir stehen vor einer Erhebung der gesamten hottentottischen Stämme. Wer bisher noch einigen Optimismus gehabt hat, dürfte durch die Ermordung des Farmers Jäger eines anderen belehrt worden sein. Dessen Farm liegt auf Neumalta, das von den Namas, dem Elitestamm der Hottentotten, bewohnt wird; also sind auch diese von der Aufstandsbewegung ergriffen. Das deutsche Reich wird natürlich alles aufbieten, um den Aufstand in den Kolonien niederzuwerfen, und einstweilen werden die Kanonen unS die Maschinengewehre viel Arbeit haben, bis dort der Frieden wieder einstig und die gestörte Harmonie zwischen den Eingeborenen und Europäern.
Dir Hilfsaktion in Südwestafrika.
Etwas besser, wenn auch keineswegs völlig bembigeitb lauten die letzten Nachrichten aus Südwestafrika. Besorgnis muß vor allem der Mangel aller Nachrichten von der Kolonne Zülow erregen, die, 100 Mann stark, bei Station Waldau von den Hereros gestellt wurde; indes erklärt sich dieser Mangel hoffentlich noch als Folge der Störung aller Verbindungen. Da die Kolonne ziemlich stark und gut bewaffnet war, darf man getrost annehmen, daß sie sich gegen die Hereros bisher behauptet hat, und man darf hoffen, daß sie sich, bis ihr Entsatz gebracht wird, auch weiter behaupten wird. Nachstehend die letzte amtliche Nachricht:
Nach aus S w a k o p m u n d _ eingegangenen telegraphischen Nachrichten haben die gestern mit der Eisenbahn entsandten weiteren 29 Mann S. M. S. „Habicht" mit einem Maschinengewehr und einer Revolverkanone- Ka- ribib erreicht. Die Stationsgebäude in Obabis und Habis sind zerstört. Mit der Reparatur der Bahn.jenseits
Karibib ist begonnen. In einem Patrouillengefecht bei Kubas ist ein Unteroffizier (Name nicht bekannt) verwundet worden. Eine größere Anzahl von Eingeborenen soll dabei gefallen sein. Aus O m a r u r u liegen illachrichten Dom 18. vor, wonach die Besatzung dort 50 Gewehre zählt. Sie hat sich gut verschanzt und hofft sich halten zu können. Ueber die Kolonne Zülow liegt in Swakopmund keinerlei Nachricht vor.
Merkwürdig ist an dieser Nachricht, daß die Stationen Obabis und Habis zerstört worden seien. Diese Stationen liegen zwischen Swakopmund und Karibik, also an der Strecke, die jetzt von den „Habicht"-Mannschaften zurückgelegt worden ist. Offenbar haben sich die Hereros darauf beschränkt, nur die Stationsgebäude zu demolieren, und die Bahnstrecke unberührt gelassen. Oder aber die Zerstörung der Stationen wurde erst vorgenommen, nachdem das „Habicht"-Kommando in Karibib eingetroffen war. Darauf deutet auch die Mel- bung, daß bei Kubas ein Gefecht stattgefunden habe. Auch Kubas liegt zwischen Karibib imb Swakopmund. Offenbar rücken die Hereros nach der Küste vor. Das wäre für die Deutschen günstig, denn ein Kancpf an der Küste wird für uns wesentlich leichter sein, als einer im Inneren des Landes.
Die deutsche Verlustliste weist außer den früher gemeldeten noch folgende Namen auf: Am 15. Januar ist bei einer Patrouille vor Karibib der Re- gierungsticrarzt Hans Kämpny aus Stettin gefallen. Ferner ist der Farmer Boysen aus Ballegaard bei Sonderburg und der Kaufmann Raimund B o y s ch in Windhuk, der als Leutnant zur Schutztrirppe eingezogen war, in einem Gefecht mit den Herero bei Okahandia gefallen.
Die Nack)richt, daß das Kanonenboot „W o l f" von Kamerun nach Swakopmund beordert worden sei, bestätigt sich nicht. Der „Wolf" entsendet nur ein Kommando von 25 Mann an Bord des Dampfers „Emilia" nach Swakopmund, das Schiff selbst bleibt weiter in Kamerun.
Noch keine Nachricht von Leutwein.
Bis zur Rückkehr des Gouverneurs Leutwein, der bekanntlich im Süden gegen die Bondelzwarts operiert, wird Kapitänleutnant G u d e w i l l vom Kanonenboot „Habicht" die militärischen Operationen gegen die Hereros leiten. Von Leut- wein fehlt bis jetzt jede Nachricht. Man weiß daher nicht, wie lange er noch im Süden festgehalten wird ober ob er schon auf dem Rückmärsche ist.
Leider bestätigt sich die neulich erwähnte Meldung, daß die Waffen, mit denen die Hereros jetzt unsere Landsleute an Leib unb Leben bedrohen, ihnen von dem deutschen Gouvernement geliefert worden sind. Den Hereros war gestattet, bei den Waffenverkaufsstellen der Reaierung, Jnfan- teriegewehre M. 71 zu taufen und eine bestimmte Anzahl Patronen dazu. Sie sind also mit modernen Hinterladern bewaffnet und dürften genügend Patronen gesammelt haben, da der Aufstand zweifelsohne von langer Hand vorbereitet war.
Aus Kolonialkreisen erfährt unser Berliner ^.-Mitarbeiter, daß Oberst L e u t w e i n demnächst von seinem südafrikanischen Posten abberufen werden wird. Veranlassung dazu bietet, wie verlautet, einmal der Waffenverkauf an die Eingeborenen, zum anderen die Tatsache, daß ihm die Vorbereitungen zum Aufitand völlig entgangen sind.
Die Politik.
A Der Staatssekretär des Innern, Graf Po fadowsky plant, wie jetzt bekannt wird, die Einrichtung von Kursen für Wohnungshygiene. Die Einzelheiten des Planes sind vor der Hand noch nicht bekannt.
cf Der in Berlin gegründete mitteleuropäische Wirtschafts- Dcrcin, der unter Teilnahme von 200 Personen aller Berufe und Stände zusammentrat, hat rein akademischen Charakter. Nach einem einleitenden Vortrage von Prof. Julius Wolf (Breslau) übernahm Herzog Ernst Günther den Vorsitz und iagte schließlich, der Verein habe eine sehr schwierige Aufgabe, Dod) werde er nicht umsonst gelebt haben, wenn es ihm gelinge, eine Brücke zwischen Handel, Industrie und Landwirtschaft herzustellen.
1" Die bayerischen Stnatseiseubahnen haben im Jahre 1903 159 417 000 Mark vereinnahmt, 7 236 661 Mark mehr als im Vorjahre.
Skandinavien»
CI Die Feier seines 75. G e b u r t s t a g s hat König Oskar von Schweden und Norwegen dazu benutzt, wieder eine der alten Streitfragen zwischen den beiden unter seiner Krone vereinigten Ländern aus der Welt zu schaffen. Er hat einen alten Wunsch NoNveg-ens erfüllt, indem er die Bestimmung aufhob, wonach der schwedische Serafim-Orden auch in Norwegen den Vorrang vor dem norwegischen St. Olaf-Orden besitzt. Außerdem aber hat der König noch einen besonderen norwegischen Orden gestiftet, der den Namen „Der norwegische Löwe" trägt und im gleichen Range mit dem oben erwähnten höchsten schwedischen, dem Serafim-Orden, und dem höchsten dänischen, dem Elefanten-Orden, stehen soll.