Nr. 118. Erstes Blatt.
Samstag, den 21. Mai 1904. __
13. Jahrgang.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Fernsprechanschlust Nr. 362.
Weiieke Nachrichten
(Gießener Tageblatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wshlnr; Zokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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^ Pfingsten.
llgewaltig flammt dein N)eröe, Geist der Pfingsten, ew'ges Licht! Wieder wandelst du die Erde
Sonnig uns zum Lenzgedicht, spendest brausend aus der Wolke Segen hoffnungsvoller Flur, sprichst verständlich allem Volke Heute noch durch die Natur.
Saufen Götter auch zum Staube, Immer neue Wunder schafft Noch der alte, fromme Glaube An des Heibgen Geistes Kraft. Nicht im Tagesstreit verklungen Ist das Wort voll Poesie, Das einst der Apostel Zungen Flammende Begeisterung lieh.
Schmerzlich wie ein Ruf der Klage Fordert es von unsrer Zeit, Daß sie die Beschwörung wage, Die vom Bösen uns befreit, Daß sie nur das Licht erküre Zu der Völker Schirm und Schild, Und in ihrem Banner führe Einer Taube friedlich Bild.
Geist, der du zu froher Feier Gabst der Erde Lenz und Licht, Komm, o komm auch als Befreier, Der zu Herzen wieder spricht, Zu den kummervollen, armen: „Klagt nicht mehr, ich bin der Geist Jenes Gottes voll Erbarmen, Welchen ihr die Liebe heißt!"
Der Kriegs in Ostafien.
Die japanische Flotte ist bei Port Arthur von einer schweren Doppelkatastrophe betroffen worden. Nicht, wie es anfangs hieß, „Asama" und „Schitischima", sondern der Kreuzer „Joschino" und das Panzerschiff „Hatsusa" haben ihr Grab in den Wellen gefunden und mit’ ihnen sind rund 720 wackere Seeleute ertrunken.
Das ist ein herber Schlag für die Japaner, der auf die Siegestrunkenheit in Tokio wie Meltau gefallen ist. Das Unglück wirkt um so "deprimierender, als nach einer Meldung des Admirals Togo das bereits verzeichnete Gerücht, daß nne russische Torpedobootsslottille in den Kampf eingegriffen hat, auf Wahrheit beruht. Die russische Flotte in Port Nrthur hat also einen Teil ihrer Bewegungsfreiheit wieder erlangt und kann bei dem bewiesenen Schneid dem blockierenden japanischen Geschwader viel zu schaffen machen. Die Torpedoboote mußten vor der japanischen Uebermacht natürlich zurückweichen.
Die Katastrophe der beiden japanischen Kriegsschiffe ist nur bei einem, dem Panzer „Hatsusa", auf die Wirkung unterseeischer Minen zurückzuführen. Der Kreuzer „Joschino" dagegen wurde von dem Kreuzer „Kasuga" im dichten Nebel mit dem Sporn gerammt. Der „Joschino" sank infolge des ungeheuren Leckes, das der mächtige Stoß verursachte, in wenigen Augenblicken, und von seiner 370 Mann betragenden Besatzung konnten nur 90 gerettet werden. Beim „Hatsusa" lagen die Verhältnisse günstiger. Er süeß, wie Admiral Togo berichtet, zehn Knoten südöstlich vom Eingang des Hafens Port Arthur, wo er kreuzte, um die Landung der Japaner zu decken, auf eine russische Mine. Er signalisierte um Hilfe, die ihm auch sofort wurde. Doch stieß er, während er von den herbeigeeilten Schiffen bugsiert wurde, nochmals auf eine Mine, so daß keine Rettung mehr möglich war. Er sank in einer halben Stunde weg. Von seiner 740 Mann betragenden Besatzung sind trotzdem 440 untergegangen. Eine anfängliche Meldung, daß Konteradmiral Naschiwa mit dem Schiffe seinen Tod in den Wellen gefunden babe. wird von Admiral Toao dementiert. Nasbiwa
befindet sich ebenso wie der Kapitän des Schiffes, Nakao, unter den Geretteten. „Joschino" hatte 4225 Tonnen, zwölf Schnellseuerkanonen, 16 000 Pferdekräfte und 22 Seemeilen Geschwindigkeit. Das Linienschiff „Hatsusa" mißt 15 200 Tonnen, 14 Schnellfeuerkanonen und hatte eine Geschwindigkeit von 19 Seemeilen. Der Verlust der Schiffe ist also eine große Schwächung der japanischen Gefechtsstärke.
Nach russischen Berichten sollen bei Dalny noch zwei weitere japanische Schiffe beschädigt und bei Port Arthur ebenfalls außer den beiden untergegangenen noch ein drittes kampfunfähig gemacht sein.
Russischer Kreuzer untergegangen.
Aber auch die russische Flotte ist von einem neuen Unglück getroffen worden. Nach einer Meldung aus Petersburg ist der russische große Kreuzer „Bogatyr" in einer felsigen Bucht in der Nähe von Wladiwostok gescheitert. Die Mannschaft wurde gerettet.
, " Als Politik.
4» Seitens der Kolonialverwaltung wird die Entsendung von etwa 300 Mann der südwestafrikanischen Schutztruppe nach dem Süden der Kolonie, nach Groß-Namaland, geplant. Unter den dortigen Eingeborenen machen sich, offenbar unter dem Einfluß der keineswegs gebändigten Bondel - z w a r t s , deutschfeindliche Strömungen geltend, man fürchtet, daß es neuerdings zu großen Unruhen kommen könnte, wenn nicht bald eine stärkere Truppenmacht in jenem Gebiet erscheint. Zur Zeit stehen dort etwa 350 Mann.
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1° Wie Kaiser Wilhelm I. über die an anderen Höfen so beliebte „Nebenregierung" dachte, lehrt eine Anekdote, die sich in den eben erschienenen Erinnerungen des früheren Dreutzi- schen Kultusministers Bosse findet. Bosse erzählt: Ein bekannter Generaladjutant hatte sich einmal verleiten lassen, in einer außerordentlich wichtigen Angelegenheit, die nicht zu seinem Ressort gehörte, den Kaiser zu sondieren. Er erspähte, wie er selbst erzählte, eine Stunde, wo der Kaiser auffallend gut gelaunt und gnädig gegen ihn war. Da faßte er sich denn ein Herz und fragte, ob er wohl einmal eine besondere Angelegenheit mitteilen dürfte. Der Kaiser erlaubte das sehr gnädig und ließ ihn ausreden. Dann aber sagte er zu ihm: „Lieber N. N., ich will Ihnen etwas sagen. Was Sie mir da erzählen, ist ja ganz gut und schön. Sie müssen sich aber doch selbst sagen, daß ich in solchen Sachen nichts ohne den Minister tun kann, den die Sachen angehen. Wenn ich in dieser Angelegenheit eines Nates bedarf, so wende ich mich an den Fürsten Bismarck. Merken Sie sich das für die Zukunft!" Der Generaladjutant fügte hinzu, er sei sich wie ein znrechtgewiesener Schulknabe vorgekommen. Seitdem sei er aber gründlich kuriert und gegen ähnliche Sumutungen, den Kaiser in „besonderen" Sachen zu beraten, ein für allemal gefeit geweie...
=3= Der erste allgemeine Tag für „Deutsche Erziehung" wird vom 23. bis 25. Mai in W e i m a r stattfinden. Dort sollen die Grundzüge einer wahrhaft deutschen Bildung aufgestellt werden, mit Entschiedenheit will man auf eine gründliche Befreiung unseres Schulwesens von allem Unnatürlichen und Undeutschen dringen und als Hauptbildungsmittel für unsere Jugend das deutsche Volkstum, die deutsche Kultur, Geschichte, Sprache, Literatur, Kunst u. s. w. empfehlen.
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dËP Die Dresdner Stadtverordneten haben die Umsatzsteuer für Großbetriebe, Warenhäuser und Zweiggeschäfte im Kleinhandel angenommen. Der Entwurf wurde nur dahin abgeändert, daß die Umsatzsteuer bei dreihunderttausend Mark und die Zweiggeschäftssteuer bei zwei Filialen und hunderttausend Aèark Umsatz beginnt.
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# In Rom ist jetzt in einer Versammlung der Mitglieder der reichsdeutschen Kolonie ein deutscher Schulverein auf paritätischer Basis endgültig begründet worden. Der Verein hat die bisher in Rom bestehende deutsche Privatschule bereits in seine eigene Verwaltung übernommen.
Oefterreicb-Ungarn»
0 Alle miteinander, die interessanten Völkerschaften der Donaumonarchie, sie können nicht auskommen ohne die ihnen so verhaßte deutsche Sprache. Das Neueste ist, daß auf einem demnächst stattfindenden slawischen Deutschenfresser- kongrcfi das Teutsche Verhandlungssprache sein wird. Die österreichische slawische Brüder, Tschechen und Südslawen, müssen deutsch sprechen, wenn sie einander überhaupt verstehen wollen! Was sie den Deutschen so gern verbieten möchten und so schr verargen, deutsch zu sprechen, das müssen sie selber tun 1! „ Es ist das eine der feinsten Ironien der Geschichte des österreichischen Nationalitätenstreites, des allgemeinen Ansturmes auf das Derckschtum. Für Ende Mai ist nach Prag ein panslawistischer Studentenkongreß einberufen, für den eifrig agitiert wird. Aber es ist auch hier wieder, da die „panslawistische Sprache" noch nicht gefunden ist, die alte Frage aufgetaucht, welcher Sprache die slawischen Brüder sich eigentlich bei der Fällung ihres Todesurteils über das Deutsche bedienen sollen. Und da kam man denn wieder, wie in früheren Fällen au dem Schluß, den die Einlnduna
zu dem Kongreß etwas verschämt also kundgibt: „An dem offiziellen Festabend sind alle slawischen Idiome zugelassen; bei den übrigen Veranstalttingm sollen als Verständigungssprache lediglich die sranzösische und die deritsche Sprache gelten, da es l e i d e r Tatsache ist, daß man zum Teil auch zur derrtschen Sprache, zum Zwecke der gegenseitigen Verständigung, wird Zuflucht nehmen müssen." Ja, daitsches Sprak is sich schweres Sprak, aber Bruder Böhm und Bruder Kroat können ohne sie nicht auskommen! Heilige Slawa!
Italien»
□ In Italien wie in Frankreich wirbelt die Note Papst Pius^ X. an das Pariser Kabinett nach wie vor viel Staub ms. Der Vatikan läßt jetzt erklären, die von der Pariser „Humanit6" veröffentlichte Note sei nicht diejenige, die dem Pariser Kabinett überreicht worden ist, sondern die vom Kardinalstaatssekretär Merry del Val den katholischen Mächten zugestellte Mitteilung, durch welche man diesen inhaltlich die an Frankreich gesandte Depesche zur Kenntnis brachte. An Preußen, Rußland und England sei diese vatikanische Mitteilung nicht ergangen; sie wurde ausschließlich an katholische Mächte gerichtet, um festzustellen', daß die Oberhäupter ihrer Staaten vom Papst nicht empfangen werden könnten, wenn sie gleichzeitig mit dem Papst und dem König von Italien in Rom Höflichkeiten austauschen wollten. Der Vattkan begreife die Erregung nicht, welche durch sie hervorgerufen worden sei. — Sehr interessant ist eine Verteidigung des vatikanischen Protestes gegen Loubets Romreise in dem päpstlichen Blatt „Osservatore Romano". Darin heißt es: Der Papst habe nicht gegen die französisch-italienische Annäherung protestiert, und wenn nach dieser Annäherung Präsident Loubet den König Viktor Emanuel in irgend einer anderen Stadt Italiens besucht hätte, würde der Heilige Stuhl sicher nichts gesagt haben. Dagegen habe er nicht stillschweigend dulden dürfen, daß das Oberhaupt eines katholischen Volkes und besonders Frankreichs durch einen amtlichen feierlichen Besuch im Quiri- nal die Vorgänge von 1870 billige und auch das Recht des Papstes verletze. In Frankreich wird diese Argumentation kaum Eindruck machen. Indessen scheint das Kabinett Combes, das eben noch so auf der Höhe der Situation schien, neuerdings nicht mehr so fest zu stehen: Die Wahl für die Budgetkommission der Kammer hat mit einer Schlappe des Kabinetts yeendet.
Amerika.
A Große Arbeiterentlassungen sind im Staate Pennsylvania vorgekommen. Infolge Rückgangs des Geschäfts hat •Die Pennststvania-Eisenbahngesellfchast beschlossen, 11000 Mann der Sektion östlich von Pittsburg zu entlassen und eine entsprechende Verminderung auch bei der westlichen Sektion vorzunehmen. Da wird es natürlich zu schweren Kalamitäten kommen.
Lokales.
** Pfingsten. Der Glocken Jubelklang kündet der Christenheit, daß die letzte Stufe des großen Erlösungswerkes, durch das der barmherzige Gott die sündige Menschheit aus Nacht und Banden befreit, erreicht ist. An das Wunder der Geburt des Messias zu Weihnachten, der Auferstehung von qualvollem Opfertode zu Ostern schließt sich nun zu Pfingsten als Krone die geheimnisvolle Ausgießung des heiligen Geistes an. Damit ist das Werk vollendet, der Sieg des Lichtes über die Finsternis endgültig vollbracht. Und während die Lobpsalmen zum Preise des siegreichen Heilands in den Kirchen erklingen, feiert auch draußen Feld und Au das Siegessest des Lichts. Anl Osterfeste war der lichte Gott des Sommers wieder in sein Reich und Erbe eingezogen und brachte der vom grimmen Winter in Fesseln geschlagenen Erde die ersehnte Befreiung. Aber der Feind wich nicht auf den ersten Streich. Immer wieder schickte er seine Eisund Sturmriesen zu neuem verzweifelten Kampfe vor, aber alle Stärke und aller Berserkerzorn halfen ihnen nichts, sie mußten beschämt vor der Sonnenlanze des jungen Lenzes die Waffen strecken. Der aber feiert nun, da keine Gefahr mehr von dem heimtückischen Gegner zu befürchten ist, in Friede und Freuden sein Hochzeitsfest mit der bräutlich errötenden Erde, die sich mit allen Reizen jungfrischer Schönheit geschmückt hat: Rosen im Haar, sonnigen Glanz in den strahlenden Augen und die Hände voller Blumen und grünender Zweige. Und die tausend Vöglein in Wald, Feld und Garten bringen dem holden Paar ein jubelndes Ständchen. Wie sollte da nicht auch ein Strahl aller der Herrlichkeit ringsum ins ärmste Menschenherz fallen und pie jubelnden Stimmen nicht auch in ihm ein helles Echo erwecken! Jeder gibt sich mit allen Sinnen dem Zauber des Frühlingsfestes gefangen. Hinaus in Gottes schöne Welt heißt die Losung für alle, die gesund und frisch sind, sich zu erquicken an den verschwenderischen Gaben des blühenden Lenzes. Aber auch für die, die krank und bekümmert zu Hause bleiben müssen, bringt das Fest in den frischen Maien, die es ihnen sendet, einen Frühlingsgruß und eine Verheißung baldiger Genesung und freudiger Hoffnung. Allen ein fröhliches Pfingstfest!