Nr. 43.
Zweites Blatt.
Samstag, den 20. Februar 1904.
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Das Blatt erscheint an alle» Werktagen nachmittags.
Hießener
_________________13. Jahrgang.
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Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10Pfp>. sg^ 16
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Seltersweg 88
Fer«sprecha«schluß Nr. 368.
Neueste Nachrichten
lOießener T«rge»r«tt) N«aSYS»-ige Tageszeitung (Gießener Weitung)
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für OSerheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Verführerische prämien.
Von unserem Handels-Berichterstatter wird uns geschrieben: An der Berliner Produktenbörse macht ein Fall großes Aufsehen, der tyvisch ist für gewisse Auswüchse unseres Geschäftslebens. Der Bodenmeister der Viktoria- Speichergesellschaft Mattes. wurde toegen Unterschlagung von einer halben Million Mark verhaftet und gleichzeitig hat der frühere Direktor dieser Gesellschaft Rudolf Fließ sich in der Heilanstalt zu Wannsee erschossen. Der verhaftete Badenmeister betont mit großer Entschiedenheit seine Unschuld und hat auch für die Ermittelung eines etwaigen Defizits eine Haftsumme, die nach den Aussagen seiner Frau die ganzen Ersparnisse repräsentiert, zur Verfügung gestellt. Das Gehalt des Verhafteten betrug 6000 Mark. Aus diesem allein konnte er unmöglich eine Ersparnis von etwa 100 000 Mark zurückgelegt haben. Er gibt aber auch an, daß es ihm gestattet gewesen sei, das bei dem Verwiegen zu Boden fallende sogenannte Fußgetreide zusammeuzukehren und für sich zu verwenden. Vorausgesetzt, daß diese Angabe richtig ist, wird sich vielleicht annähernd ermitteln lassen, wie hoch der Gewinn aus dieser Bonifikation gewesen ist, so daß Mattes, falls er unschuldig ist, vielleicht auch den Entlastungsbeweis führen kann.
Es fragt sich aber, ob eine derartige Methode der Vergünstigung überhaupt die richtige ist. Als Chef des Verwieg un geige schäftens hat der Bodenmeister natürlich einen großen Einfluß aus die achtsame Behandlung der Gebinde. In seiner Hand liegt es, die untergeordneten Organe anzuhalten, möglichst wenig Fußgetreide zu produzieren. Da aber sein Interesse ein gegenteiliges ist, so war das System der Bonifikation geradezu eine Prämie für eine möglichst unachtsame Behandlung des Verwiegemateriales und es setzt eine heroische Sittlichkeit voraus, wenn solch ein Be- amter nicht in die Versuchung kommt, wie Riccaut de la Marliniäre in LessinAs" „Minna von Barnhelm", das Glück zu verbessern. Aehuliche Methoden haben manche Restaurationen, indem sie ihre Bierzapfer an dem sogenannten Bordengewinn beteiligen. Das ist ebenfalls eine Prämie auf die Benachteiligung der Kundschaft, die schließlich in dem Bewußtsein des Angestellten die Grenzen von Recht rind Unrecht verwischt.
Da uns der spezielle Fall hier nur in seiner typischen Be- deutung interessiert, so kann in unserer Erörterung die Frage, ob der inzwischen verstorbene Direktor Fließ im Zustande der Geisteskrankheit die Verhaftung des Vodenmeisters veranlaßte, oder ob er einen Prügelknaben suchte, füglich vußer Betracht bleiben. Jedenfalls hat Fließ über die Waren, die zur Aufbewahrung kamen, in einer für die Gesell- schaft sowohl, als auch für die Kundschaft ungünstigen Weise oerfügt. Rationell wäre es gewesen, wenn der Bodenmeister stets über die Mengen des entftmibencn Fußgetreides genau Nachweis geführt hätte und im umgekehrten Verhältnis des
Ouantums prämiiert worden Ware, um auf diese Weise das Verwiegegeschäft möglichst sorgsam zu gestalten. Das System der völligen Preisgabe dieses Produkts bietet geradem die Möglichkeit einer Verschleierung unehrlicher Manipulatio- nen, die ebensogut den Bodenmeister Mattes, wenn er schuldig ist gegen den Arm der Strafgerechtigkeit schützen, wie sie ihm, falls er unschuldig ist wegen ihrer Undurchsichtigkeit verhängnisvoll werden kann. Jedenfalls hätte es sich ge- zcemt, daß der 93 oben meister über diese private Einahme- quelle, über deren Ergebnis er doch schließlich der Direktion und auch der Kundschaft Rechenschaft schuldig war, genau Buch geführt hätte. Wäre das geschehen, so ließe sich jetzt leicht feststellen, ob seine Verhaftung die gerechte Strafe für eine Schuld, ober eine Tragödie ist.
Auf alle Fälle kann dieses Vorkommnis den Angestellten jeden Geschäfts zur Warnung dienen. Ein derarttges Prämiensystem hat große Gefahren für das Sittlichkeitsempfinden und kann unter Umftnben, wenn einmal ein Prügelknabe gesucht werden soll, für seinen Nutznießer zu einem tragischen Schicksal werden.
Flab und fern.
* Oberlehrer Deditius in den Ruhestand versetzt. Der Fall des Barmer Oberlehrers Deditius, der kiirzlich wegen angeblicher tätlicher Mißhandlung des 12jährigen Schülers Busche vor den Geschworenen stand, aber sreigesprochen wurde, hat jetzt sein folgerichtiges Nachspiel gehabt. D^itius wurde von einer geheimen Stadtverordnetenversammlung auf seinen Antrag in den Ruhestand versetzt. Er hat also selbst die Konsequenz gezogen, daß nach den Enthüllungen des Prozesses über seine eigenartige Lehrmethode, bei der Püffe und Ohrfeigen an der Tagesordnung waren, seines Bleibens im Amte nicht länger sein konnte.
# Weinfälschungen in großem Umfange sind in der Umgebung von Stuttgart entdeckt worden. Insgesamt sind über 100 000 Liter Wein beschlagnahmt worden, zum Teil wurden die Keller polizeilich geschlossen. Den Weinkonsumenten kann wahrhaft angst werden, wurden doch erst in den letzten Tagen in Kaiserslautern mehrere große Weinpantscher verurteilt.
S Tie Tollwutepidemie in Oberschlestcn scheint immer weiter um sich zu greifen. In dem hinter Konstadt gelegenen Dorfe Würbitz hat ein von auswärts zugelaufener Hund eine männliche Person und mehrere Hunde gebissen. Da der Verdacht der Tollwut des bissigen Hundes bestätigt wurde, wurde der Gebissene nach Berlin geschafft, während die gebissenen Hunde sämtlich getötet werden mußten.
*^ Csiitc Falschmünzerwerkstätte wurde iw Havershofen (Mittelfranken) in einem leerstehenden Bahnwärterhäuschen entdeckt, die von einem Tagelöhner namens Aschbacher eingerichtet worden war. Aschbacher fiel der Behörde in die Hände. Fast zu gleicher Zeit ist auch in dem hart an der
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Dageriimcn Grenze liegenden murttembergt) eigen Dorfe Schrozberg eine solche Werkstätte aufgehoben und der Inhaber namens Ebert verhaftet worden. Man vermutet daß er und Aschbacher zusamulenarbeiteten.
=1= Beinahe unter den Luftballon gekommen. Ein selt- lames Luftballonabenteuer wird aus Plaue a. H. berichtet. Der Ziegeleibesitzer Hummel von dort befand sich mit seinem Gespann auf der Rückfahrt von Brandenburg nach Plaue, als er in der Richtung nach dem Neuendorfer Exerzierplätze nnen großen .Luftballon gelvahrte. Der Ballon, welcher anscheinend stillstand, kam plötzlich in Bewegung und nahm in ganz geringer Höhe seinen Weg auf das Fuhrwerk Hum- niels.. Ein Zusammenstoß wäre unvermeidlich gewesen, wenn nicht die im Ballonkorbe befindlichen Offiziere den Wagenführer auf die ihm drohende Gefahr durch Zurufe aufmerksam gemacht hätten, so daß dieser noch im letzten Augenblick feine Pferde schleunigst herumreißen konnte Der dem Berliner Luftschifferbataillou zugehörige Ballon landete unmittelbar darauf glatt neben der Chaussee.
& Einem Millionenbetrug ist die Verwaltung der Viktoria. Speicher-Aktiengesellschaft in Berlin auf die Spur gekommen. Der Bodenmeister Matthes, ein an der Produktenbörse sehr bekannter Mann, mirb^ beschuldigt, dem Speicher der Gesellschaft Jahre hindurch Getreidevorräte entnommen und für eigene Rechnung verkauft zu haben. Auch die Fälschung ^on Lohnlisten wird ihm zur Last gelegt. Dadurch soll er ste Gesellschaft um 1 Million Mark geschädigt haben. Matthes befindet sich in Haft.
l^ Gegen das vierte Gebot. Ein häßlicher Fall von Grau- amkeit und Gefühlsroheit gegen die Eltern wird aus dem istpreußischen Dorfe Liewenberg gemeldet. Der Besitzer F. latte seinen eigenen Vater in einen mit Brettern verschlagenen llaum gesperrt und wollte ihn. ohne ihm Nahrung zu geben, n dem kalten, engen und feuchten Raum verhungern lassen, von Hunger und Külte bis aufs äußerste gequält, wollte der Later durch eine Hoffnung nach außen zu den Nachbarsleuten ju entkommen suchen, wurde aber von seinem Sohne ein- ;eholt, geprügelt und mit Füßen gestoßen und wieder zurück n fern Verließ gebracht. Durch Zufall kam dieser Vorfall zur Kenntnis der Behörden, und ein Gendarm aus Heilsberg wurde zur Feststellung der Tatsachen hingeschickt, worauf der Staatsanwaltschaft Anzeige gemacht wurde, die bereits das Weitere veranlaßt hat. Der alte Mann äußerte, daß es seiner vor 14 Tagen verstorbenen Frau noch schlechter gegangen sei als ihm.
A Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Eine Patriotische Kundgebung in Warschau, an der zahlreiche Studenten und eine große Volksmenge teilnahmen, wurde auf furchtbare Weise gestört. Ein Graf Dembsky, der plötzlich irrsinnig geworden war, schoß Dom Balkon seiner Wohnung, in der er sich verbarrikadiert hatte, auf die Menge, wobei drei Personen getötet und zwanzig verwundet mürben. Erst nachdem gelungen war, den Grafen selbst durch einen Schuß zu verwunden, konnte er fest genommen ru-erben.
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