lassen worden. Mein Ritt durch oa- Cma gaa. einem Triumphzug, die guten Leute hatten mich lange ^\* für tot gehalten. Am meisten freuten sich Signor und Signora Philippi, als sie mich wiedersahen.
Und dann erfuhr ich etwas, was mir noch jetzt das Herz erzittern macht, denke ich daran.
Als der heimkehrende Philippi die Nachricht von meiner Erkrankung brachte, heulte Topsy laut auf, rannte planlos hin und her und fragte jeden, wohin ich geschafft worden sei. Als sie das erfahren hatte, lief sie in derselben Nacht noch, so wie sie ging und stand, nach Kairo und erreichte die Pforten des Hospitals bei Sonnenaufgang. Heftig ritz sie an der Klingel. In der Meinung, ein Kranker müsse untergebracht werden, öffnete man ihr. Sie bat, den „Anglesi" sehen zu dürfen, der gestern ausgenommen worden sei. Er heiße „Chobecht" und käme aus Fum-el-Bagger. Mit einem Fluche und einem Fußtritt wurde die schmutzige staubbedeckte Negerin von dem Pförtner auf die Straße geschleudert.
Nach Oeffnen der Tore hörte man endlich ihre Bitte an, und Topsy erhielt den Bescheid, daß Krankenbesuche nur Mittwochs und Sonnabends am Nachmittag stattfinden dürften. Topsy flehte vergebens um eine Ausnahme, für die verwahrloste Schwarze existierte eine solche natürlich nicht.
Da kauerte sich Topsy an dem Tore nieder und wartete von Montag früh bis Mittwoch nachmittag. Wovon sie unterdes gelebt hatte, konnte ich auch nicht erfahren. Vielleicht hat sie gebettelt, vielleicht gestohlen, ich vermute aber, daß sie gehungert hat. Als nach zwei Tagen die Besuchsstunde kam, fand sie auch keinen Einlaß, denn der Pförtner hielt ihr die allzeit offene Hand hin und verlangte erst seinen Back- schisch, das heißt sein Trinkgeld, und als ihm Topsy nicht die kleinste Münze geben konnte, wurde sie abermals davongejagt.
Mit blutrünstigen Füßen kam sie in Fum-el-Bagger wieder an. Stillschweigend nahm sie eine Tracht Prügel wegen ihres langen Ausbleibens hin und verrichtete ihre Arbeit, ohne einen Bissen über die Lippen zu bringen.
Am Sonnabendmorgen erspähte sie einen unbewachten Moment, wußte Philippis Notpfennig zu finden, erbrach die Kasse, entnahm ihr die größte Silbermünze, drei Schilling, und eilte spornstreichs abermals nach Kairo zum Hospital. Sie wollte den Anglesi aus Fum-el-Bagger sehen und sprechen. Der Araber nahm die Silbermünze, ging davon, aber nur, um das Geld in Sicherheit zu bringen. Zurückkehrend sagte er, um die Negerin los zu werden, ich sei schon gestorben.
Ein Sturm der Entrüstung empfing die Heimgekommene, die Diebin. Aber die erhobenen Fäuste sanken herab, als man Topsy genauer ansah. Sie war zu einem Gerippe zu- sammengeschrumpft, ihre Füße wiesen klaffende Wunden auf, and sich aufrecht zu erhalten, vermochte sie nicht mehr. Sie 'ans zusammen mit den ächzenden Worten: „Chobecht ma fiesch!" (Robert ist tot); dann schleppte sie sich auf Händen und Knieen nach meinem Bett und legte sich darauf. Der Schrecken über die Mitteilung stimmte meine Wirtsleute milder, man bot ihr Essen und Trinken an, aber sie verschmähte alles. Da geschah etwas, was man nicht für möglich gehalten: Topsy weinte.
Und Topsy stand nicht wieder auf. Am anderen Tage fühlte sich Philippi doch bewogen, den Arzt rufen zu lassen. Als dieser kam, war Topsy schon tot.
Der Arzt sagte, er könne nicht begreifen, woran sie gestorben sei. Die Wunden am Fuß könnten nicht daran schuld sein, da hätte ihr Rücken manchmal ganz anders ausgesehen. Ich aber begriff es.
Es ist etwas eigentümliches mit den Negern. So lange sie frohen Mutes sind, ertragen sie mit Leichtigkeit Wunden und Anstrengungen, denen der Europäer unfehlbar unterliegt. Sind sie aber seelisch niedergedrückt, nagt in ihrem Innern ein heimlicher Schmerz, so gehen sie schon an den Wunden zu gründe. Hätte Topsy gehört, daß ich auf dem Wege der Besserung sei, sie wäre tanzend und lachend und oÖIlig gesund heimgekommen.
Weit 'entfernt von dem arabischen Friedhof wurde Topsy begraben oder vielmehr eingescharrt. Nicht ein paar Bretter hatte man für einen Sarg übrig, nicht einmal in eine Decke brauchte die bäßliche Negerin gehüllt zu werden.
Ein arabischer Junge führte mich nach der wüsten Be- iräbntéfteHe, die kaum ein kleiner, nackter Erdhügel verriet.
Arme Topsy!
AUS FERNEN ZONEN
Ein heiliger Vogel.
Der Adjutant oder Riesenkranich ist bei den Hindu ein „geheiligter", d. h. durch Gesetz und Herkommen geschützter Vogel, weil er ein eifriger Vertilger von Ungeziefer ist. Besonders säubert er das Land von Ratten und Mäusen. Er kommt ohne Scheu in die Straßen und Höfe, um seine Vertilgungsarbeit zu verrichten, unb es giebt in Indien keine Ortsbehörde, welche die Tödtung eines Adjutanten nicht bestrafen würde. In Kalkutta steht auf die Tödtung eine Strafe von 1 Goldmohur (— 32 Mack). Der englische Naturforscher Mr. C. T. Buckland, schreibt: Mir wurde erzählt, Mr. R. habe einen Adjutanten über eine Mauer nach einer auf derselben schlafenden Katze springen sehen, der Vogel habe die Katze plötzlich gepackt und verschlungen. Ich traf Mr. R. und befragte ihn über diese mir unglaublich scheinende Heldentat; er sagte mir, daß er davon nichts gesehen habe, wohl aber habe sein Freund S. gesehen, wie ein Adjutant ein ganz junges Kätzchen verschlang. Das ist allerdings eher glaubwürdig, denn eine junge Katze braucht nicht größer zu sein als eine Ratte, und ich habe selbst oft gesehen, wie Adjutanten lebende Ratten verschlangen. In den Ställen des Hauses eines meiner Freunde pflegten die indischen Dienstleute jede Nacht Ratten in Fallen zu fangen. Morgens trugen sie die Fallen auf einen freien Platz wo schon drei oder vier der Riesenkraniche bereit standen, welche schon wußten, was sie zu erwarten hatten. Die Ratten wurden herausgelassen und suchten zu flüchten, aber die Vögel mit ihren langen Beinen waren schneller als sie, packten die Tiere, schleuderten sie in die Höhe und verschlangen sie sofort. Manchmal entkam eine Ratte einem der grimmigen Verfolger, aber nur, um einem andern in den Schnabel zu laufen. Die in den Chinsuraß- Baracken einquartierten Soldaten vom 29. Regiment machten sich eines Tages nach der Mahlzeit den Spaß, zwei Markknochen mit einer etwa 20 Aards (— 18,2 Meter) langen starken Schnur zu verbinden und zwei wartenden Adjutanten hinzuwerfen; jeder Vogel verschlang einen Knochen und beide erhoben sich in die Luft, um ihren gewohnten Sitz auf dem Barackendache einzunehmen; dabei gerieten sie, an der Schnur zerrend, an einander und kamen wieder heruntergeflattert. Nun entstand zwischen beiden ein harter Kampf, bis endlich die Schnur riß, worauf beide wieder in die Luft flogen und ihre Schnurenden ebenfalls den verschluckten Knochen nachfolgen ließen.
*
Bunte Blätter.
Merkwürdige Eheschließung. Unter den Oeloes, einem Volksstamme Sumatras, wird die Eheschließung in folgender merkwürdiger Weise sefeiert: Vor der Wohnung der Braut errichtet man eine ungeheure Wage mit hölzernen Schalen, die über und über mit Laub bekränzt wird. Auf die eine Schale legen die Eltern der Braut Früchte, Reis, Brennmaterial für den Küchenherd, einige Kokosnüsse und eine junge Ziege. Auf die andere Schale hat der Bräutigam noch vor Sonnenuntergang die Geschenke niederzulegen, die er für die Auserwählte bestimmte, und fährt damit so lange fort, bis seine Schale niedersinkt. Im gleichen Mugenblicf tritt die Braut aus dem Hause, nähert sich dem Bräutigam unter den Glückwünschen der Anwesenden, und die Ceremonie ist damit beendet bis auf ein gemeinsames Mahl nebst einem Tanze von sehr eintönigem Rhythmus, der mit noch langweiligeren Körperbewegungen ausgeführt wird.
Blindenbeschäftigung in Japan. Das sogenannte Massieren (Kneten, Recken re.) an Kranken und Gesunden wird in Japan von Blinden ausgeübt. Wenn ein Japaner sich erkältet hat, so läßt er nach dem täglichen warmen Bade, in dem er sich nackend oder halbnackend ausstreckt, einen Blinden kommen und sich mit den Händen bearbeiten, was so systematisch und geschickt über alle Teile des Körpers ausgedehnt wird, wie es in einem türkischen Bade kaum geschieht. Diese Arbeiten sind das Mittel, durch welche sich japanische Blinde ernähren. Sobald die Dämmerung herankommt und oft nach 10 Uhr abends noch hört man das Ausstößen ihrer langen Bambusstücke, das Pfeifen ihrer Flöten und den Ruf Ama-san in den Straßen. Ama-san nämlich heißt: „der Knetende, Herr", ein Name, der ihnen allgemein zuteil wird. Die Blinden haben geschorene Köpfe und sehen aus wie buddhistische Mönche, werden auch wohl als halbe Mönche und Heilig« angesehen.
Nr. 16.__________________________________Mittwoch, den 20. Januar
Smrf m^ HerlsH d« Mk-SR-r 9cr^«binrérctt vsrm. Wllh Krller'schs K«chdrârei (HS-rr VTM); »«M^sEch.- Airs« Kleir
Roman von Marie Bernhard.
(13. Fortsetzung.)
Aber auch ihm war das Unmögliche nicht geglückt! Er war bei den Europäern vielleicht die einzige Persönlichkeit in ganz t)otbbama, der jeder Wohlwollen, die meisten Liebe und Freundschaft entgegenbrachten, — seinem sonnigen, frohen Wesen war nun einmal schwer zu widerstehen! Auf eine gewisse Art war auch Hellmuth Norden bei den Japanern, mit denen er vielfach in Berührung kam, beliebt: er hatte verhältnismäßig weniger von ihrem Eigennutz und ihrem Fremden haß zu leiden, als irgend ein anderer, - aber zu fühlen bekam er ihn dennoch, wohin er sich auch wandte ! Ueberall prallten seine Ueberzeugungen, seine Auffassungen mit denen des fremden Volkes an einander. Was ihm eine Ehrensache erschien, war dem Japaner durch- aus keine; was er als feig und verächtlich verurteilte, erschien dem Japaner als erlaubt und geboten. Der Mut des Europäers gilt in einem Lande, wo Hinterlist und Tücke an der Tagesordnung sind und man den Feind zumeist aus dem sichern Hinterhalt überfällt, für offenbare Tollkühn Heit, — der Maßstab ist eben ein himmelweit verschiedener, wie aus den Heldenerzählungen und Volkssagen der Japaner leicht zu ersehen ist. Diese verherrlichen die wildesten Ge walt- und Bluttaten, Liebesabenteuer bedenklichster Sorte und den legalen Selbstmord, der als ein Akt großer Ent schlossenheit und GeistösNihnheit gepriesen wird, — ein deutsches Volksepos mit den darin geschilderten Helden taten würde einem Japaner ein Blich mit sieben Siegeln sein!
Hellmuth Norden brütete wieder einmal, mie so oft schon, an diesem lauen Märztage über diesen unversöhnlichen Gegensätzen, als sein japanischer Diener Hot-sumi - derselbe, der sich im September in seines Herrn Kleider gesteckt hatte - sich ihm näherte und in unterwürfigem Ton meldete:
„Allergütigster Herr, — es ist jetzt an der Zeit!"
Hellmuth fuhr empor. „Ich komme! Sind die beiden englischen Diener mit den Karren für das Gepäck bereit?"
„Ja wohl, mein gnädigster Herr!"
„Schön! Du kommst gleichfalls mit zum Hafen!"
Hot-sumi neigte sich sehr tief und brachte seinem Gebieter einen breitrandigen Hut und einen großen Schirm. Dann gingen sie mit einander dem Hafen zu. Heute sollte das Schiff „Cormoran", von Shanghai herkommend, in den Hafen von Yokohama einlaufen, und an Bord den von Hamburg abgesandten Walter Ermshagen, sowie dessen Schwester, haben. Um sie abzuholen, begab sich jetzt Hellmuth Norden samt seiner Dienerschaft und den Gepäckkarren an den Hafenplatz.
Er hatte einen Teil der japanischen Stadt dabei zu durchkreuzen, aber das bunte, fremartige Getreibe, das dort herrschte, nötigte ihn kaum mehr einen flüchtigen Blick ab, — er war zu sehr daran gewöhnt. Je näher man dem Hafen kam, desto mehr nahm das Menschengedränge zu, Hellmuth mit seiner Dienerschaft kam nur langsam weiter inmitten dieses lebendigen Knäuels, welcher unaufhaltsam dem Ufer zustrebte.
1964.
(Nachdruck verboten.)
Da war das Meer in Sicht, und dort, rechtsab, von einem Gewimmel kleiner, flacher Kähne und stärker gebauter Boote umgeben, lag auch der „Cormoran" vor Anker und spiegelte seine zahlreichen Masten und Segel in der ruhigen Flut.
„O, Mr. Norden, Sie hier! Wollen wohl in eigener Person den zukünftigen Thronfolger empfangen, wie?"
Es war der junge Fersius, welcher in seinem gönnerhaft wohlwollenden Ton die Frage an Hellmuth richtete und ihm dazu nachlässig zwei Finger seiner Rechten entgegenreichte. Der. gewiegte Berliner hatte sich in der letzten Zeit ein noch selbstbewußteres Wesen angemöhrt; er fand es nämlich „horrend, — ganz unerhört von diesen Nordenschen Geldsäcken", daß sie sich den eigenen Vorteil derartig entgehen ließen, und statt seiner, des Herrn Arthur Fersius, hochbegabten Persönlichkeit einen mühsam verschriebenen, unbekannten Herrn Walter Ermshagem von dem niemand etwas mußte, von Europa herüberkommen ließen, um einen guten Teil der Oberherrschaft - denn Norden junior war sehr selbständig und bezog einen bebeiiteuben Gehalt — in seine Hände zu legen. Herr Fersius wußte nicht recht, sollte er sich mehr über die „kolossale Dummheit dieser Leute" ärgern oder den Beleidigten spielen, daß man ihn und seine hervorragenden Fähigkeiten so ohne weiteres übersehen hatte; allerdings waren seine kaufmännischen Leistungen bis jetzt schwach gewesen, er hatte sich nachlässig, uuaufmerffam gezeigt, und der alte Koßmann, unter dessen spezieller Obhut er stand, hatte es nicht leicht mit ihm gehabt. Aber er hatte eben nur nicht recht gewollt, „diese Krämer" hatten es sich nur selbst zuzuschreiben, daß er nichts Außerordentliches zuwege gebracht, warum stellten sie ihn auf einen so untergeordneten Posten? Sie hätten ihm nur die richtige Stellung anweisen sollen, und staunend mären sie gewahr geworden, welch ein Talent sich neben ihnen da in der Stille gebildet habe. Aber, nun, ja - ! Nun lohnte sich's erst recht nicht der Mühe, da man noch einen fremden Menschen über sich dulden sollte, „man" würde sich eine solche willkürliche Behandlung ohnhin nicht mehr lange bieten lassen, „man" würde fortgehen aus dieser „Strafanstalt", nach Shanghai montäglich, wo die jungen Kaufleute ein reizendes Leben führten sollten, — ungebunden, voller Amüsements und Abenteuer. Was sollte man länger in diesem Yokohama, wo einem die Prinzipale bei jedem harmlosen kleinen Vergnügen auf die Finger sahen?
So kam es, daß Herr Arthur Fersius seine Pflichten im Kontor schlechter denn je erfüllte, sich immer häufiger Urlaub nahm und einen Ton anschlug, der den alten Koßmann mit Aerger, die übrigen Kontoristen mit unwilligem Erstaunen unb" den Prinzipal mit immer gesteigerter Geringschätzung erfüllte. Der aufstrebende junge Mann ahnte es nicht, daß seine definitive Entlassung bei Fritz Norden eine abgemachte Sache war unb daß die Ausfertigung seiner Kündigung fir und fertig im Pult des Prinzipals lag und nur ihrer Auferstehung am Quartalstage, nämlich am nahen ersten Apru, harrte.