Nr. 116.
Don erslag, den 19. Mai 1904
13 Jahrgang.
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Unabhängige Tageszeitung
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzelger für Gießen und UmgebMg.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachunaen derGrotzh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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- Der Dreibund und England.
’— Zum angekündigten Besuch König Eduards in Kiel. —1 I [ Die deutsch-feindliche politische Presse des Auslandes .mochte s. Z. aus leicht erkennbaren Gründen sehr viel Auf- Thebens von dem Besuche des Prinzen von Wales am Wiener jKaiserhose und der geplanten Englandfahrt des Kaisers ^Franz Josef, die bann mit Rücksicht auf das hohe Alter des ehrwürdigen Greises unterblieb und an deren Stelle jetzt eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und König Eduard in Marienbad tritt. Es paßte so bequem in das Bild von Deutschlands Vereinsamung, daß der Berliner Hof allein keine Besuche zu erwarten habe. Dieses Gaudium ist nun den deutschfeindlichen Elementen arg gestört worden, denn König Eduard hat seinen Besuch zur Kieler Woche angekün- bigt und dieser Fürstenbegegnung ist, wie von einem hervorragenden deutschen Staatsmann in einem unserem ^-Mitarbeiter gewährten Interview ausgeführt wurde, eine große politische Bedeutung beizumessen.
Niederländische Bank dem Sultan eine Anleihe zur Verfügung. Dieser aber ist ein geriebenerer Diplomat, als die Drahtzieher be* englisch-französischen Abkommens wohl geahnt haben mögen, denn er lehnt das Danaergeschenk ab und bereitet innere Reformen zum Zweck der Ersparnisse vor. Im wesentlichen bestehen sie in einer Vereinfachung der Hofhaltung und in einer Abschaffung der kostspieligen Reiterei bei dementsprechender Vermehrung des Fußvolkes. So hat das ganze DelcaMche Abkommen einen Rechenfehler, der es wertlos und Englands Position weniger glänzend macht, als es vor kurzem schien. Deutschland ist immer noch der mächtige Faktor, mit dem man an der Themse ernstlich rechnen muß und den man tatsächlich nicht unterschätzt. Der beste Beweis dafür ist der angekündigte und auch sicher zu erwartende Besuch des Königs Eduard von England.
Das Unglück ist über die Kolonie hereingebrochen, das so mancher vorausgesagt hat. Die Herero haben die günstige Lage benutzt und sind in vollem Aufruhr. Ich werde ihnen wohl kaum lebend entkommen. Die Wunde am Bein macht mich hilflos.
Wie durch ein Wunder sind wir bis jetzt den Bestien entgangen. Jeder Augenblick kann ein Zusammentreffen bringen. Ich werde mein Leben teuer verkaufen, doch die letzte Kugel, die den Lauf verläßt, trifft mein Herz. Lebendig bekommen mich die schwarzen Teufel nicht. Samuel hat Befehl, dies Buch bei der ersten Behörde, die er erreicht, abzugeben. Als Lohn erhält er alle Barschaft, die ich bei mir führe. Ich glaube, der brave Kerl hat den festen Willen, meine Bitte zu erfüllen . . .
Samuel hat den letzten Willen seines unglücklichen Herrn getreulich erfüllt. ...
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Die verwandtschaftlichen Beziehungen, die zwischen dem deutschen Kaiserhause und dem englischen Königshause be- . stehen, so äußerte sich der Gewährsmann unseres Mitarbeiters, könnten es rechtfertigen, diese Fürstenbegegnung als ein unpolitisches, familiäres Ereignis zu bezeichnen. Allein angesichts der gegenwärtigen politischen Lage wäre eine solche Auffassung doch vollständig unrichtig, namentlich, da König Eduard in Betracht kommt, der seit Antritt der Regierung stets darauf bedacht war, seine persönlichen Interessen hinter seine Aufgaben zurücktreten zu lassen und dessen Besuche bei fremden Staaten immer einen politischen Hinter- qruab hatten — selbst den Verkehr mit der russischen Kaiser- familie nicht ausgeschlossen, obgleich hier die Erfolge weit, hinter den Wünschen des Königs zurückblieben. Der politische Charakter dieser Fürstenbegegnung tritt um so schärfer hervor, als seit der Erkaltung unserer Beziechungen zur Themseregierung tatsächlich auch der Verkehr zwischen ben Höfen von Berlin und London ein geringerer geworden ist. So bedeutet dieser Besuch nichts anderes, als die Bestätigung für das Mißlingen der Isolierung Deutschlands. Diesem Ziele sollte, darüber ist man in einge- i weihten Kreisen durchaus nicht mehr in Zweifel, das eng- ■ lisch-französische Abkommen dienen. Bei dem Besuche des Prinzen von Wales am Wiener Kaiserhofe bestaub die offenkundige Absicht, Oesterreich vom Dreibunde abzusplittern, während Italien gegenüber Frankreich die gleiche Aufgabe übernommen hatte. Wäre dieses Ziel gelungen, dann war allerdings Deutschland in eine ähnlichen Lage, wie Fried- ' rich der Große im Siebenjährigen Kriege, so daß es allein stand in einer waffenstarrenden Welt von Nachbarn. Dieser I Tage hat es indes der österreichische Minister des Aeußeren ; Graf Goluchowski den Gegnern des Dreibundes gegenüber ! ausgesprochen, wie es auch in der italienischen Kammer und ! bom deutschen Reichskanzler im Reichstag, betont wurde, j daß der Dreibund unverändert als das festeste Bollwerk des Friedens in Europa weiterbestehe.
Um die Isolierung Deutschlands durchzuführen, wäre außer der Zersplitterung des Dreibundes auch ein Interessenausgleich mit Rußland notwendig gewesen. Die verwandtschaftlichen und intimen freundschaftlichen Beziehungen, die den König Eduard mit dem russischen Zarenhause verbinden, sowie der mächtige Einfluß der verwitweten Kaiserin von I Rußland, die eine Schwester der englischen Königin ist, hätte , diesem Ziele ganz gewiß die wichtigsten Dienste geleistet, I Venn die Verhältnisse nicht oft mächtiger wären, als der Wille der Herrscher. Nirgends zeigt sich dies deutlicher, als bei I dem ostasiatischen Krieg, mit dem das russische Volk belastet I wurde, trotzdem der Zar den Frieden mit aller Kraft zu erhalten
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wünschte. Rußland und England sind Gegner und müssen es bleiben, so lange die russische Politik ihre Macht auszubreiten sucht und so lange sie sich nicht auf das eigentliche Rußland beschränkt. Die russischen Staatsmänner haben deshalb vor kurzem die guten Dienste Englands als Vermittler zwischen
kurzem bte guten Dienste Engtanos als &e . . , " Kußland und Japan entschieden abgelehnt in der richtigen Z 1 Erkenntnis, daß England nichts anderes bezweckte, als die
Zurückdrängung Rußlands aus Ostasien, um desto gesicherter in dem Besitze Indiens zu sein und um desto leichter die Eroberung Tibets durchzllsetzen, wo ebenfalls mit der Zeit einmal die russisch-englischen Gegensätze aufeinander Platzen müssen, zumal wenn das Zarenreich seine Position in ber Mandschurei behaupten sollte. Weiterhin bleiben die Gegensätze bestehen zwischen England und Rußland in Afghanistan und im Balkan, wo ohne die Mitwirkung Englands die orientalische Frage durch Rußland und Oesterreich gemeinsam und unter freun Mieter Förderung durch Deutschland im Sinne ber Aufrechterhaltung des Gleichgewichts gelöst wird.
Zu all diesen Mißerfolgen der englischen Diplomatie gesellt sich auch noch die Schwierigkeit, die Frankreich bei der Durchführung seines marokkanischen Abkommens findet. Bekanntlich war zwischen England und Frankreich die Einflußsphäre so geteilt, daß England freie Hand in Egypten, Frankreich aber den Haupteinfluß auf Marokko haben sollte. Dieser fällte allmählich ganz nach egypttschem Muster mit Hilfe einer finanziellen Abhängigkeit des Sultans verstärkt werden und
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all diesem Zwecke stellte die Bank von Frankreich und in °
Von den Herero gehetzt.
Die letzten Grüße eines Pio«L„. deutscher Kultur, der als eines ber ersten OpfL des Hereroaufstandes sein junges Leben aushauchte, bringt uns ein Werk, das in den nächsten Tagen im Verlage von Friedrich Rothbarth (München) erscheint. Es enthält die interessanten Briefe des Ansiedlers Wesendong an seine Pflegeschwester und sein letztes Vermächtnis, sein Notizbuch, das er bis zum Augenblick fortführte, als er verwundet und hilflos, im Dickicht versteckt, jede Minute das Herannahen der blutdürstigen Feinde zum letzten verzweifelten Kampfe erwartete. Diese Aufzeichnungen, die in Anbetracht der Situation, in der der Schreiber sich befand, eins der erschütterndsten Dokumente menschlichen Leidens darstellen, lauten im Auszug:
„Farm Brun ist nicht mehr. Alle sind erschlagen: Mann, orau und Kinder, und ich bin auf der Flucht vor ben Mord- gesellen. Ich schreibe dieses in mein Notizbuch, vielleicht findet es seinen Weg in deine Hände als letzten "Gruß von mir.
Am 10. Januar machten Brun und ich einen Ritt nach Waterberg zu. Trotzdem uns von Seiten der Behörden und der Missionäre völlig beruh igenbe Nachrichten zugegangcin waren, begegneten uns auf dem Heimweg verschiedene Trupps bewaffneter Herero.
. „Die Herero sind unruhig," sagte Brun, als er mit der grinsenden, unWwürfigen Bande einige Worte gewechselt hatte. „Besser ist besser! Ich reite schon voraus, meine Frau könnte belästigt werden durch unverschämte Käufer. Der Schwarze kann bei Ihnen bleiben, obgleich Sie ja hier Bescheid wissen." Nachdem ich noch versprochen hatte, mich jedenfalls am Abend auf der Farm einzufinden, sprengte Brun davon.
Es war ein herrlicher Sfbenb, und ich beeilte mich auf meiner Rückkehr zur Farin durchaus nicht, sondern machte unterwegs noch Jagd auf Strauße. Schon war ich an den Kreideklippen angelangt, die etwa eine Viertelstunde Weges von meinem Ziel entfernt liegen, als Samuel, mein Herero- junge, neben mir aus dem Busch sprang. In seinem Kauderwelsch berichtete er: „Die Farm ist von Herero überfallen, Bruns sind erschlagen, die Diener geflohen, und man ist dabei, den Store zu plündern."
Der treue Kerl hatte es mir nicht vergessen, daß ich sein Leben rettete, und wollte mir nun and) beistehen. Trotz seines Flehens, mit ihm zu fliehen, näherte ich mich auf Schleichwegen der Farm, nachdem wir unsere Pferde in einem Versteck geborgen hatten. Ich mußte mich davon überzeugen, daß niemand mehr zu retten war. Nach Hereinbrechen der Dunkelheit schlich ich, immer gefolgt von meinem treuen Schwarzen, durch den Garten auf die Veranda. Dort lagen meine Freunde erschlagen, und ich überzeugte mich, daß kein Leben mehr in ihnen war. Auf der Schwelle der Haustür lag der treue Klaas, man hatte ihm den Kopf abgeschmt- ten. Vom Store her erklang wüstes Geschrei. Auf dem Hofe brannte ein großes Feuer, und allerlei Fleischreste und geleerte Flaschen lagen umher, ein Zeichen, daß die Kerle ein Festmahl gehalten hatten. Nun warf man noch Feuer- brände auf das Nietdach des Stores, und ich wandte mich endlich auf die erneute Bitte Samuels zur Flucht, denn diese Niesenfackel drohte unseren Rückzug zu verraten.
Wir erreichten ungesehen die Stelle, wo die Pferde geborgen toaren, und saßen auf. Es galt, eine freie Strecke zu passieren, dann konnten wir uns im Buschwald verbergen. Ein flüchtiger Blick rückwärts zeigte mir das hell auflodernde Dach der Farm, aber auch die dunkelen Gestalten, die uns zu folgen schienen. Die Jagd begann. Man schoß blindlings hinter uns her, und unsere Pferde brachen zusammen. Ein wildes Geheul belehrte mich, daß die Kerle uns dicht auf den Fersen saßen und den Erfolg ihres Feuers nur zu gut erkannt hatten. Jede Deckung benutzend, gelang es uns, den Buschwald zu erreichen, wobei ich noch im letzten Augenblick ins Bein getroffen wurde.
Zwei Tage irren wir jetzt schon in der Wildnis umher. Meine Wunde hat sich derart verschlimmert, daß ich nicht mehr- weiter kann. Vielleicht geht es morgen besser. Mein treuer Schwarzer sorgt für mich, so gut er kann. Soeben kommt er zurück, er war auf Kundschaft aus, um zu erfahren, ob bei einem Händler, dessen Pontok ganz in der Nähe liegen soll, Schutz und Unterkunft zu finden fei.
„Alles verbrannt und verwüstet, der Mann erschlagen," lautete die Meldung. Ich batte nichts anderes erwartet.
Der Krieg in Oftafien.
Die Japaner haben wiederum große Truppellmassen im nordöstlichen Winkel des Golfes von Liautung gelandet u/.b rücken auf Taschitschau und Niutschwang vor.
Ueber die
neue Landung der Japaner liegt nachstehender telegraphischer Bericht aus vom 17. Mai vor:
Wie Generaladjutant Kuropatkin dem
16. Mai meldet, näherten sich gegen 12 Uhr
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Kaiser am mittags '7
Dampfer Sfeniutschen und eröffneten ein Feuer auf die Stadt, während 51 Dampfer am User anzulegen begannen. Um 1 Uhr 30 Min. nachmittags zeigten sich am Kap beim Dorfe Guantsiatun drei große Dampfer; um 3 Uhr 20 Min. landete der Gegner beim Dorfe Guantsiatun und begann in der Richtung auf Kaitschou vorzurücken.
Sseniutschen ist (Station bcj Bahn Port Arthur—Kaitschou —Haitscheng—Liauschang— Mukden, außerdem liegt der Ort an der Heerstraße, die von Port Arthur über Kaitschou nach Jnkau und Niutschwang führt. Beides gilt auch von bcm einige Kilometer weiter nördlich gelegenen Dorfe Guantsiatun. Nach Londoner Meldungen haben die Japarer Taschitschau bereits besetzt. Niutschwang (auf deutsch Kuhmarkt) mit seinem Hafen Inkan (zu deutsch „Fliegensack", da der Ort wegen der unglaublichen Mengen von Fliegen be- rüchtigt ist, die es dort im Sommer gibt), ist der eigentliche Schlüssel zur Mandschurei.
Ein Angriff auf Port Arthur
soll ebenfalls bereits im Gange sein. Dalny soll bombardiert und Truppen dort gelandet worden sein. Ob das Gerücht begründet ist, muß abgewartet werden. Jedenfalls müssen schon die nächsten Tage Klarheit darüber schaffen, welchen Entschluß die japanische Kriegsteitung bezüglich Port Arthurs gefaßt hat: ob sie sich damit begnügen will, die Festung her- metisch abzuschließen und ihre Besatzung in Schach zu halten, in welchem Falle sie das Gros der auf der Halbinsel Liaotung gelandeten Truppen für die Operationen gegen die rechte Flanke der Stellungen des Generals Kuropatkin verwenden könnte, oder aber ob sie plant, die Festung energisch anzugreifen und zu stürmen. Das erstere wäre zweifellos raisonmäßiger, aber für das letztere spricht ein wichtiges Politisches Moment. Die Eroberung Port Arthurs war im Kriege gegen China bekanntlich die erste Heldentat des japanischen Heeres, und nichts hat in Japan so sehr geschmerzt, wie die Tatsache, daß es die mit so viel Blut erkämpfte Festung unter dem Drucke der Mächte ausliefern mußte, damit später Rußland den wichtigsten Stützpunkt seiner Herrschaft in der Mandschurei daraus machte. Nun wäre die Gelegenheit da, die Festung wieder zu erlangen, und wenn die japanische Heeresleitung die Wälle Port Arthurs mit aller Wucht be- rennen ließe, mürbe sie damit unendliche Begeisterung int ganzen Volke entfesseln.
Weiter wird vom Kriegsschauplatz nur noch über unbedeutende Scharmützel nördlich vom Jalu berichtet, bei denen auf beiden Seiten kleine Verluste waren.
Der Zar nahm auf seiner Rundreise bei den mobilisierten Truppen mehrere Paraden ab und flößte ben Kriegern in längeren Ansprachen Mut und Hoffnung ein.
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Die Politik.
S3 Wie aus D e u t s ch - S ü d w e st a f r i k a verlautet, sollen die Herero noch für zwei Sabie mit Munition versehen sein. Da erhebt sich doch die Frage: Woher haben die Schwarzen diese Menge Munition sich beschaffen können? Sollten unsere lieben englischen Vettern ihnen dazu behilflich gewesen sein? Oder warens die Portugiesen?
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0 In Wiesbaden tagt gegenwärtig das „Institut colonial international" unter dem Vorsitz des Herzogs Johann Albreckr von Mecklenburg. Es wurde u. a. beschlossen, als neue Publikari on eine Sammlung der Materialien über die Formen unb Organisation der kolonialen Gesetzgebung in den verschiedenen Staaten zu veranstalbm. ,