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Kr. 67. Erfttes Blatt.

Samstag, den 19. März 1904.

__________________13. Jahrgang.

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Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg «

FernfprechaMschlust Nr. 363.

Neueste Nachrichten

schi«he»«r Tsrgârtt)

WuaöhâuKige Tageszettung

(Oießeuer Zeitung)

für Oberheffm und die Kreist Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grotzh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Der Derero-Hufstand.

Die neuesten nach Südwestafrika abgehenden V e r st ä r - kling e n bestehen aus 200 Mann Artillerie und je 500 Mann Infanterie und Kavallerie. Was das Pferdematerial an- langt, so hat man schließlich doch das o st preußische ^fer d gewählt, obgleich bisher auf Anraten von Kennern der Verhältnisse in Südwestafrika argentinische Gebirgspferdc tchhafft wurden. Der Pferdesterbe ist das argentinische Pford in der gleichen Weise ausgesetzt wie das ostpreußische.

' Jede neue Post bringt neue grauenerregende Schilde­rungen von den

Greueltaten der Herero.

Neuerdings stellt sich heraus, daß auch die sogenannten chr i st l i ch e n" Herero, die von den Missionaren so gelobt und als die reinen Engel hingestellt werden, ihren heidnischen Stammesgenossen an Bestialität nichts nachgaben. In dein nach der Heimat übersandten Tagebuch eines deutschen Ansied­lers, über dessen Zuverlässigkeit kein Zweifel besteht, findet sich u. a. folgende Stelle:

Es kommen jetzt genauere Nachrichten, in wie bestia­lischer Weise die Ansiedler ermordet wurden, und zwar ge­schah das ganze Massakre auf Verabredung an demselben Zage, am Abend und in der Nacht des 12. und 13. Februar 1904. Manchen Frauen schnitt man die Brüste ab, Kinder verstümmelte man und ließ sie verbluten, man mißhandelte sie auch sonst in grausamster Weise. Während die Frauen meist mt km Leben davonkamen, wurden die Männer durchweg Mordet. Die Frauen, denen man das Leben schenkte, wur- öm vorher in bestialischer Weise vergewaltigt. Einen An- ficdler marterten sie drei Tage lang durch gliedweise Ver- Hümnielung. Durch besondere Roheit .zeichnete sich der ein- gcMcnechristliche" SchulmeisterI osefat aus Otjisera .tu», der seinerzeit auch mit auf der B e r l i n e r G e Werbe­ausstellung figurierte. Er trat auf dem Heinen Kinde Der Frau L. herum, und als es noch nicht tot war, klemmte m ks zwischen die Tür, bis die Gedärme heraustraten. Jo- s esat hatte sich bisher bei Verhandlungen des besonderen Ver- kraums der Regierung erfreut!

Wie sich herausstellt, ist der Oberhäuptling Samuel iMalstarero, das Haupt des Aufstandes, seit 1899 Ehren- suitglied der deutschen Kolonialgesellschaft, die auf dieses Mit­glied stolz sein kann. Samuel erhielt seinerzeit von der Abteilung Mannheim der deutschen Kolonialgesellschaft eine schöne Schreibmappe mit einer Widmung, die ungefähr l-outete:Dem treuen Freunde deutschen Rechts und deutscher Sitte. . . ."

Weiter heißt es in dem Tagebuch:Man kann sich jetzt erst m Bild machen, was sich die H e r e r o eigentlich dachten. Si^ sollten in einer Art BartholoMäusnacht alles nieder inachen, dann die großen Vorräte Don Munition und Ge- lvchren erbeuten, und konnten hierauf auch einem stärke/ i Zünd mit Erfolg Widerstand leisten. Mit Bezug auf bk ?ingelneu Ansiedler und Reisenden gelang der Plan, aber er iM g roßen Plätzen scheiterte er infolge ihrer zu frühen un^ p auffälligen Ansammlungen. Merkwürdig bleibt es, daß Midi nicht ein einziger Missionar etwas davon erfahren stben soll, trotz der vielen tausendChristen", die sich unter bin Bestien befinden."

Hält man neben diese objektive Schilderung der bestia- Wen Grausamkeiten des schwarzen Gesindels die Dar- skcllung, die der Gewährsmann von dem

Verhalten der deutschen Truppen

sibt. so hat man den besten Kommentar zu der vorgestrigen !M)£>tag§rebe des Abg. Bebel, die die Herero verherrlichte mb die Deutschen, Zivilisten wie Soldaten, beschimpfte. Der Ansiedler schreibt:

Eine erfreuliche Erscheinung in diesem Kriege ist die vorzügliche Haltung unserer Schutztruppen, und zwar auch ter eingezogenen alten Mannschaften, die sich überall brav Md tapfer gezeigt haben. Hier hat jeder vom Offizier bis M letzten Mann seine Pflicht getan. Auf einzelne beso­hle Bravourleistungen soll später zurückgekommen werden."

Wie alle Kenner der Verhältnisse der Kolonie ist der Ge­währsmann in hohem Maße zornig über den Gouverneur, kr beschwert sich bitter über die mangelnde Voraussicht des Zouvernements, vor allem über die zu starke Entblößung des Landes von Truppen und zu großes Vertrauen auf die Ein- Borenen. Es heißt darüber:

Durch die Entsendung der Compagnie Omaruru nach bem Süden, die man nicht für möglich gehalten hatte, unk sie seinerzeit sofort unter der Bevölkerung die größte Unruhe hervorrief, ist wieder unabsehbares Unheil gestiftet worden. Ms der so gefürchtete Hauptmann Franke mit seiner Compagnie in Omaruru geblieben wäre, hätten es die Herero niemals gewagt, daselbst aufständisch zu werden. Und aus tiefen blutgierigen Wilden sollte vom 1. April ab anstatt der weißen Truppe eine Ein geborenen-Kompagnie gebildet werden!! Noch viel furchtbarer wäre das Blutbad ein Jahr später geworden nach der ab 1. April b. I. fest­gesetzten ' Minderung der Schutztruppe und Bildung bei Emgebor Kompagnien; auch würde der Verlust an Nati onakl nc ,ögen viele Millionen mehr betragen haben, bc in Jahresfrist auf Veranlassung des Reichskommissars Rohr­bach doch viele neue Familien sich angesiedelt hätten."

Man sieht: Es wird nach der Nrederzwingung des Auf­standes unbedingt nötig sein, die Leitung der Kolonie einem Manne zu übertragen, der mit eingehender Kenntnis bei Verhältnisse des Landes und umsichtiger Wahrnehmung bei deutschen Interessen die nötige Energie verbindet. Zu Oberß Leutwein haben die Ansiedler ebensowenig Vertrauen, wie das Berliner Kolonialamt. Und gedeihen kann die Kolonic nur, wenn der Gouverneur sich auf allseitiges Vertrauen stützen kann.

Der Krieg in Ostasien.

Ueber die Truppen- undSchiffsbewegungen verlaute! noch immer nichts Authentisches Alles, was vom Vor­rücken japanischer und russischer Vorposten gemeldet wird, beruht auf bloßen Vermutungen.

Im Vordergrund des Interesses steht zur Zeit "J i

die Sendung des Marquis Ito

an den koreanischen Hof. Ito wurde in Söul wie in Tsche- mulpo von der Regierung in feierlicher Weise begrüßt. Un­mittelbar nach seiner Ankunft in der Hauptstadt wurde bei Marquis vom Kaiser von Korea empfangen. In Pariser diplomatischen Kreisen will man wissen, daß Marquis Jtc den Auftrag habe, nach seinem Besuche in Korea auch eine Reise durch China zu unternehmen. Er würde sich zunächst nach Peking begeben und dann noch mehrere Provinzen be- suchen, wobei er offenbar verschiedene Vizekönige für ein Bündnis mit Japan gewinnen will. Man sagt, die fran­zösische Regierung habe bereits in Erwägung gezogen, ob nicht die in China beteiligten Großmächte gegen eine der­artige Agitationsreise des Marquis Ito Einspruch erheben sollten.

Die Lage in Korea.

Die gesamte Verwalümg in Nordkorea befindet sich zur­zeit in den Händen der Japaner. Die chinesischen und die koreanischen Arbeiter sind darrst r aufs höchste erregt. Man befürchtet Unruhen infolge Arbeits- und Nahrungsmangel, da in vielen Gegenderi die Rinderpest herrscht. Es wird gründlich mit politischen Verbrechern, Räubern und unehr- lichen Beamten aufgeräumt. In den Gefängnissen finden täglich Enthauptungen statt. In den letzten drei Nächten wurden 40 Personen, davon manche unverdient, hingerichtet. Die Todesstrafe ist aber im Gesetz für alle derartigen Ver­gehen vorgeschrieben. Die koreanische Negierung läßt durch eigene Sendboten die Bevölkerung, insbesondere die im Norden des Landes, über die Bedeutung des japanischen Papiergeldes aufklären, da die Bauern sich für gebrand- schatzt halten und nicht glauben wollen, daß später die Papier­scheine eingelöst werden. ' _

Die Politik.

Münchener Blätter treten der Meldung von der bevor­stehenden Abberufung des Generalmajors v. Endres von seinem Posten als Militärbevollmächtigter in Berlin entgegen. Nach Erkundigungen, die unser Berliner ^S. -Mitarbeiter an verläßlicher Stelle eingezogen hat, handelt es sich tatsächlich um eine Hinausschiebung der Abberufung. Sie ist erfolgt unter der Einwirkung der öffentlichen Meinung, die in der Abberufung des Generals eine Bestrafung oder mindestens eine Rüge für seine Armeerede im Reichstag sah. _____

C3 Tie gestrige Neichstagsersatzwahl im Wahlkreise Lüne­burg hatte noch kein endgültiges Ergebnis: Eine Stichwahl zwischen Frhrn. v. Wangenheim (Welfe) und Dr. Jänecke (nationalliberal) ist notwendig.

0 Der weltliche Vizepräsident des Evangelischen Ober­kirchenrates, Oberkonsistorialrat Braun, hat seine Versetzung in den Ruhestand erbeten.

A Der ehemalige Chefredakteur derKreuzztg.", Frhr. Wilhelm in Hammerstein, ist in Charlottenburg im Alter von 66 Jahren an Arterienverkalkung g e st o r b e n. Hammer­stein war bekanntlich aus feinem, Beruf und dem politischen Leben, in dem er als ungemein fähiger Publizist eine große Rolle spielte, durch eigene schwere Verfehlungen heraus-

gerissen worden.

^ W-e Graf Waldersee über Soldatenmißhandlungen dachte, geht aus einem Briefe hervor, den dasUlmer Tag- blatt" veröffentlicht. U. a. heißt es in dem Briefe:Sie können versichert sein, daß die Angelegenheit der Soldaten­mißbandlungen die Militärbehörden unausgesetzt beschäftigt, and der allerbeste Wille vorhanden, Abhilfe zu schaffen, eben­so aber auch, daß eine radikale Abhilfe außerordent­lich f ch w e r ist. Armee und Marine bilden eine Gemein- schast von mehr als 600 000 Köpfen, die naturgemäß und seit der zunehmenden Verrohung der Jugend zahlreiche schlechte Elemente enthält. Mißhandlungen durch Offiziere gehören zu den größten Seltenheiten, und :oenn sie vor- kommen, so handelt es sich stets um einen Schlag oder Stoß in einem Augenblick der Erregung. Das Schlimme sind die von Unteroffizieren ausgeführten systematischen Quäle­reien und Roheiten; hier ist es aoer geradezu rätsel-

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haft, daß die so Mißhandelten Kluge

Soldat wird oft imb gründlich bar über belehrt, wie er dies zu tun hat; unterläßt er es, so zeigt er Mangel an Mist nnb macht sich unmittelbar zum Mitschuldigen, wenn tzwh der Unteroffizier ins Unglück kommt.. Ich bitte, mir zu glauben, daß, wenn alle Soldaten so viel Ehrgefühl Hüsten, sich nicht schinden zu lassen, die Mißhandlungen auf h ö ch st seltene Fälle zurückgehen würden." 5

Oerterrctcb-Gngarn»

T Der Rücktritt be* FürsterzbischoW von Olm Utz, Dr. Kvhn, hat für die kirchliche Würde Dr. Kohns fetOhs verständlich keine weiteren Folgen. Dr. Kohn bleibt nach wie vor Erzbischof; worauf er verzichtet hat, ist nur die Verwaltung des Erzbistums Olmütz. Der Papst wird dein Erzbischof ein sogenanntes JuprimierteS Bistum" verleihen, b. h. Dr. Kohn wird zum Titularerzbiscbof einer der vielen kleinasiatischen Erzdiözesen formn st werden. Die Fälle der Abdankung eines Bischofs sind selten, doch hat gerade Oesterreich in unseren Tagen noch zwei solche Vorkommnisse auszuweisen. Dor Eczdischaf Don Priest Glavina, verzichtete auf feine Würde und verlebte den Rest seiner Tage unweit seiner einstigen Residenz. Der zweite Fall betrifft den griechifchMnierten Erzbischof von Lemberg, S e nl b r a t o w i c z , der nach seiner Hbbanfimq den Wohnsitz in Rom nahm.

Flof und Gesellschaft.

*** Der Kaiserist gestern vormittag an Bord desKönic Albert" in Gibraltar eingetroffen, wo sämtliche Schiffe beü britischen Kanalgeschwaders in Paradeformation zum Em­pfang bereit lagen und den Königssalut abfeuerten. Hieran! begab sich der Gouverneur Don Gibraltar, Feldmarschall Sil George White, mit seinem Stabe an Bord desKönia Albert" um den Kaiser zu begrüßen. Der Kaiser frühstückte sväter im Hause des Gouverneurs und folgte dann einer Einladung zum Dmer an Bord des britischen FlaggschiffsCaesar". Auch besichtigte der Kaiser die in den Felsengaterien auf­gestellten Batterien.

(61. Sitzung.)

Deutscher Reichstags.

^. Berlin, 18. März.

Im Reichstage herrschte heute ein geschäftsmäßig-nüch­terner Ton vor. Zum Etatsnotgesetz ergriff nur der Staats- fekretär des Reichsschatzamtes Frhr. v. Stengel das Wort, um es kurz mit der Lage der Verhältnisse zu begründen, dann wurde es ohne weitere Debatte in erster und zweiter Lesung angenommen. Bei der darauf fortgesetzten Spezial­beratung des Marineetats kam der Zentrumsabgeordnete Gröber auf den leidigen Fall Hüssener und das milde Urteil des Kriegsgerichts gegen den Fähnrich zurück. Er forderte im Anschluß daran, daß den Fähnrichs zur See das Tragen des Dolches außer Dienst verboten werde und brachte eine Resolution ein, in der die verbündeten Regierungen um eine Revision des Militärstrafrechts in der Richtung er­sucht werden, daß das Mißverhältnis zwischen den strengen Strafen für Vergehen Untergebener gegen Vorgesetzte und den milden im umgekehrten Falle beseitigt werde. Der Staatssekretär des Reichsmarineamtes ging hierauf nicht ein, da die Frage nach seiner Meinung zum Ressort des Reichsjustizamtes gehört; den Fall Hüssener bezeichnete er als tief bedauerlich, aber doch nur als einen Einzelfall, dec nicht verallgemeinert werden dürfe. Herr Mommsen von der Freisinnigen Vereinigung empfahl zunächst die Re­solution Gröber, um sich dann scharf gegen die Stellung zu wenden, die das Zentrum dem Marineetat gegenüber ein­nehme. Hier sei unangebrachte Sparsamkeit geübt worden, die Abstriche, die die Budgetkommission vorgenommen, seien ungerechtfertigt. Das war natürlich Labsal für Herrn v. T i r p i tz, der sich beeilte, zu versichern, daß der Redner vollständig Recht habe, daß die Marineverwaltung nur wirklich notwendige Forderungen stelle. Im weiteren Ver­lauf der Debatte war vom Etat selbst nur noch verhältnis­mäßig wenig der Rede.

preussischer Landtag.

Haus der Abgeordneten.

RK. Berlin, 18. März.

(45. Sitzung.)

Wer erwartet hatte, daß der Reichskanzler die gestrige Rede des nationalliberalen Abg. v. Eynern nicht unwider­sprochen lassen werde, der sah sich nicht getäuscht. Gras Bülow nahm in der heutigen Sitzung gleich nach einer kurzen Auseinandersetzung des Abg. Frhrn. V. Zedlitz das Wort. Die Rede machte ganz den Eindruck einer ausführ­lichen persönlichen Bemerkung. Denn Sachliches, erklärte der Reichskanzler, habe er nach seiner vorgestrigen Rede nicht vorzubringen. Mit besonderer Schärfe wies Graf Bülow die Behauptung zurück, daß das Zentrum die auswärtige Politik des Reiches beeinflusse.Ich weise mit der größten, der allergrößten Entschiedenheit die vollständig unrichtige, unzutreffende und unberechtigte Behauptung zurück, daß irgend eine Partei meine auswärtige Politik bestimmen könnte. Ich führe diejenige auswärtige Politik, welche nach meiner Kenntnis der internationalen Sachlage am besten dem Interesse der deutschen Nation entspricht."