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Dienstag, den 19. Januar 1904.

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Oti Ter Kolonialbesitz.

Die bedrohlichen Nachrichten vom Aufstand der Hereros in unserem südweftafrikanischen Schutzgebiet haben in ängst­lichen oder pessimistischen Seelen wieder einmal die Doppel­frage ausgelöst: „Haben wir denn überhaupt nötig, uns in koloniale Unternehmungen einzulassen, und wird unser jetziger Kolonialbesitz wohl jemals irgend wertvolle Früchte für uns tragen?" Unser Berliner ^.-Mitarbeiter hat es angesichts dieser im jetzigen kritischen Moment nicht unbedenklichen Regungen kolonialer Verdrossenheit für angebracht erachtet, nie Ansicht einer der angesehensten Kapazitäten auf dem Ge­biete der Kolonisationstätigkeit über die beiden beregten Punkte einzuholen.

Auf die Frage

Haben wir Kolonien nötig?

äußerte der Gewährsmann unseres Mitarbeiters folgendes: Die Frage, ob ein Volk Kolonien notwendig hat, wird grund­sätzlich mit Ja zu beantworten sein, denn der Charakter eines Volkes als Kulturnation wird im wesentlichen nur dadurch erwiesen, daß es tieferstehenden Völkern seinen Stempel auf­zudrücken vermag. Im gewissen Sinne ist die Weltgeschichte eine Geschichte der Kolonisiertätigkeit der Kulturnationen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich allerdings der Begriff der Kolonie wesentlich verändert. Heute versteht man da­runter lediglich den außereuropäischen Besitz der Festland­staaten. Von den Großmächten ist feine mit Ausnahme von Oesterreich Ungarn ohne Kolonialbesitz. Deutschland ist aller­dings ziemlich spät in die Reihe der Kolonialmächte ein­getreten, was einerseits durch die staatlichen Verhältnisse des Reiches, zum zweiten aber auch durch seine geographische Lage zu erklären ist. Das Deutschland des selig entschlummerten Bundestages war infolge feiner inneren Zerklüftung, infolge des Mangels an jeder Organisation und des Nationalbewußt­seins selbstverständlich außer Stande, sich Kolonialbesitz an­zueignen. 9 hu: das Herrscherhaus, das uns die Kaiser der neuen Zeit gegeben hat. die Hohenzollern, halten ein lebhaftes Verständnis für ben Wert eigenen Kolonialbesitzes. Der große Kurfürst hat nach mehrfachen anderen Versuchen die Kolonie Neuwilhelmsburg und Neuguinea in Afrika errichtet, aber der kleine Staat in der sogenannten Streusandbüchse des Deutschen Reiches vermochte trotz der kriegerischen Tüch­tigkeit seiner Bevölkerung seinen Besitz nicht gegen die In­triguen der Kolonialmächte England und Holland zu be­haupten. So schlief denn im Deutschen Reiche das Interesse für Kolonialbesitz vollständig ein und die Bevölkerung war derartig gegen jede koloniale Tätigkeit eingenommen, daß sie sogar die Veräußerung der Flotte mit Jubel begrüßte. Das Interesse für die Kolonisation ist erst wieder durch die Rheinische Mission in Südwestafrika geweckt worden, die im Jahr 1868, allerdings vergeblich, den Schutz Preußens erbat.

Die Aussichten unserer Kolonien.

Die Kolonialtätigkeit Deutschlands aber begann erst durch den Samoavertrag mit England und Amerika im Jahre 1879. Dann kam in rascher Folge die Erwerbung von Be­sitz in Togo mit 60 000 qkm, in Kamerum 493 000, Deutsch - Südwestafrika 831 000, Qstafrikä 941 000 und in der Süd­see 252 000 qkm und einer Bevölkerung von etwa 8 Mil­lionen Eingeborenen und etwa 4000 Europäern. Die Aus­fuhr aus unseren Kolonien beziffert sich auf 11 Millionen Mark und die Einfuhr etwa auf 15 Millionen, wofür etwa 4000 Schiffe pro Jahr in dauerndem Dienste tätig sind. Das Klima ist in einzelnen Gegenden allerdings nidft besonders günstig für die Europäer. Erst in letzter Zeit ist es der Wissenschaft gelungen, einen systematischen Schutz gegen die Hauptinfektionsträger, die üerfetnebenen Fliegen, durchzu­führen, die Hygiene hat ebenfalls Fortschritte gemacht und ebenso die Kenntnis der Schutz- und Heilmittel gegen die spezifischen Kolonialkrankheiten. Die Bedingungen zur Auf­rechterhaltung unseres Kolonialbesitzes sind also wesentlich günstiger geworden, und damit wächst natürlich auch die Aus­sicht auf lukrative Verwertung unseres Kolonialbesitzes. Allerdings ist es nicht besonders leicht, die einheimische No­maden- und Jägerbevölkerung zu einer geordneten Tätig­keit zu erziehen, und aus dem Widerstand gegen die mit einer regelmäßigen Pflichtarbeit sich ergebenden Unbequemlich­keiten erklären sich die vielfachen Unruhen, die zum Teil auch künstlich durch unsere Neider herbeigeführt werden. Immer­hin aber hat die Kolonialverwaltung in der Erziehung zum Kulturleben bereits große Fortschritte gemacht und zwar durch ein klug ausgedachtes System. Die Steuerleistungen der Einwohnerschaft werden nur noch zum Teil in Natura­lien oder Geld eingefordert, fondern meist in Form von Arbeiten, die auf den Pflanzungsanlagen der Verwaltung zu leisten sind. Hier entwickelt sich auch bereits ein gewisses gesellschaftliches Leben, indem die Gouvernements aus den Eingeborenen Musikkorps bilden, die von Zeit zu Zeit ihre Weisen aufspielen. Dadurch gewinnen viele Eingeborenen Gefallen an dem Leben auf den Stationen und bleiben dort als Ansiedler zurück. Das erforderliche Land wird ihnen gratis zur Verfügung gestellt. Die zeitweiligen Aufstände müssen bei jedem Kolonialbesitz mit in den Kauf genommen werden, und es wäre ein übertriebener Pessimismus, wenn man die Flinte ins Korn werfen und die bereits errungenen Erfolge den anderen Nationen in den Schoß werfen wollte. Dann hätten wir nur für lachende Erben gearbeitet.

Graf Bülow über den Fierero-Hui stand.

Zu Beginn der gestrigen Reichstagssitzung hat der ver antwortliche Leiter der Reichsgeschäfte, Graf Bülow, Ver anlassung genommen, dem deutschen Volke alle zur Sei möglichen Aufschlüsse über die Lage in S ü d w e st a f r i k c und die von der Regierung getroffenen Maßregeln zu geben Der Kanzler gab vor Eintritt in die Tagesordnung eine @r klärung ab, in der er die Ereignisse in der Kolonie „e r n ff nannte und u. a. ausführte:

Der Aufstand der Hereros, der in wenigen Tagen einen bedrohlichen Umfang angenommen hat, ist ohne sicht baren Anlaß auch für genaue Kenner des Schutzgebiets zum Ausbruch gekommen. Der Aufstand hat in wenigen Tagen den von der Eisenbahn durchzogenen und von Weißen am dichtesten besiedelten Teil der Kolonie er­griffen. Die Früchte des Fleißes und der Ausdauer eines Jahrzehnts sind im Ausstandsgebiet vernichtet worden. Ein großer Teil der Ansiedler hat sein Eigentum an Haus und Hof, an Land und Vieh verloren. Schwerer noch ist die Sorge um das Schicksal der von den Farmen nach den Stationen geflüchteten Weißen, die jetzt einen Verzweif­lungskampf gegen eine Uebermacht von Eingeborenen führen. Es läßt sich heute noch nicht übersehen, wie viele von den in weiten Entfernungen zerstreut über das Land wohnenden Farmerfamilien nicht rechtzeitig die schützenden Mauern der Station zu erreichen vermochten. Der Auf­stand ist in einem Zeitpunkt losgebrochen, als der Gouver­neur mit dem Gros der Schutztruppen infolge der Er­hebung der Bondelzwarts im Süden sich besand, mehr als 20 Tagemärsche vom Schauplatz der gegenwärtigen Kata­strophe entfernt. Dadurch sind die Zufluchtsorte in der Mitte der Kolonie nur mit sehr schwachen und über weite Gebiete zersplitterten Streitkräfte versehen. Gleich die ersten Nachrichten zeigten die Notwendigkeit einer ansehn­lichen Verstärkung der Schutztruppe. Infolgedessen wurde die Entsendung von 500 Mann mit 6 Maschinengewehren und 6 Maschinenkanonen vorbereitet. Die erbetenen Truppen können jedoch nicht vor dem 30. Januar und dem

6. Februar die Abreise antreten. Die am Sonnabend ein­getroffenen Nachrichten indessen, die das Schlimmste be­fürchten lassen, machen weitere Maßnahmen notwendig. Es sind deshalb noch gestern alle Vorbereitungen getroffen worden, um ein zusammengestelltes Bataillon Marine - Infanterie in einer Stärke von 500 Mann nebst einigen Geschützen und einem Detachement Eisenbahnpioniere mil • der größten Beschleunigung nach Swakopmund zu expe­dieren. Diese Truppen werden am Donnerstag nachmittag in See gehen können auf einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd, dessen Eintreffen in Swakopmund am 8. Februar erwartet werden kann. Bis zum Eintreffen der Marine­infanterie wird ein jetzt noch unterwegs befindlicher Ab- lösungstransport van 135 Mann, der am 3. Februar in : Swakopmund fällig ist bereits einige Unterstützung ge­bracht haben. Außerdem hat das in Kapstadt stationierte 5 Kanonenboot „Habich t" den Befehl erhalten, nach Swa- kopmund in See zu geben. Das Schiff wird dort voraus­sichtlich bereits heute eintreffen.

Unmittelbar nach dieser Erklärung verließ der Kanzler den Saal, um sich zu einer Beratung über die Lage in Süd­afrika, an der a. Vertreter des Reichsmarin^amts und des Teneralstabs teilnahmen, ins Auswärtige Amt zu begeben.

Das erste Hilfskorps

wird schon diesen Donnerstag Nachmittag und zwar von Wilhelmshaven aus in See gehen. Zu seinem Transport ist von der Regierung der Lloyddampfer „Darmstadt" gechartert worden. Die Expedition besteht aus je 250 Mann der Ma­rineinfanteriebataillone in Kiel und Wilhelmshaven und einem Detachement der zweiten Matrosendivision mit vier Maschinenkanonen, ferner einer Eisenbahnpionier-Abteilung.

Noch keine Stunde war die neue Hiobspost aus Südwest­afrika im Besitz des Auswärtigen Amts, da war der kaiser­liche Befehl schon ergangen, der die Entsendung eines Hilfs­korps nach der Kolonie anordnete. Und noch keine Stunde mar nach der Erteilung dieses Befehls verflossen, da waren die zuständigen Kommandostellen in Kiel und Wilhelmshaven bereits mit der Mobilmachung der Expedition beschäftigt. Und noch am selben Tage war die Hilfstruppe, die sich durch­weg aus Freiwilligen der Marineinfanterie und der zweiten Matrosendivision zusammensetzt, schon gebildet. Die Mannschaften, die sich gemeldet hatten, waren schon auf ihre Tropendienstfähigkeit hin untersucht, und mit der Aus­rüstung des Hilfskorps war bereits der Anfang gemacht wor­den. Es sind unter den vielen Freiwilligen, die sich ge­meldet haben, durchweg ältere Leute und nur sehr wenige Rekruten ausgewählt worden.

Führer des Expeditionskorps ist Major v. G l a s e n a p p , seit März 1902 Komman­deur des zweiten Seebataillons. Er gehört dem Heer seit 1874 an, wurde 1877 Leutnant, ist außerordentlich schnell befördert morben und hatte als Hauptmann bereits vier Jahrgänge übersprungen. Als Hauptmann â la suite bei Infanterieregiments Nr. 94 wurde er 1895 zum großen

Generalstab kommandiert. Am 10. September 1898 wurde er zürn Major befördert und nach Ablauf eines Jahres in ben Generalstab der Armee versetzt. Glasenapp war auch im Auslande mit Erfolg tätig. Drei Jahre war er Jnstruk- teur in Tientsin, 1900 begleitete er das ostasiatische Expedi­tionskorps unter Generalmajor v. Höpfner als Chef des Stabes nach China. Dort hat er seine Tüchtigkeit als Führer solcher Expeditionen erwiesen. Nach der Heimkehr v. Höpf­ners trat Glasenapp zm Stabe der ostasiatischen Infanterie- brigade, bis er 1901 als Bataillonskommandeur im In­fanterieregiment Nr. 66 in die Heimat zurückgerufen wurde. Vor kaum zwei Jahren schied er aus dem Landheer aus und trat zur Marineinfanterie über.

Gleichzeitig mit der Mobilisierungsorder ist auch der Kaiserliche Befehl ergangen, sofort Kreuzer auszurüsten und schleimigst nach Südafrika zu entsenden. Welche Kreuzer abgehen sollen, ist einstweilen allerdings noch nicht bestimmt. Im Neichsmarineamt unb im Generalstab finden täglich ein­gehende Beratungen statt; am Tage des Ordensfestes ver­handelte der Kaiser persönlich mit dem Chef des General­stabes, Graf v. Schliessen, längere Zeit über die Lage in Deutsch-Südwestafrika.

Das nach^Swakopmund berufene Kanonenboot „Habicht", das einzige Stationsschiff in Westafrika, hat eine Besatzung von 130 Mann. Die Geschützbewaffnung besteht aus 5X12,5 Zentimeter-Schnellfeuer- und 5X3,7 Zentimeter-Revolver- kanonen. Torpedo-Ausrüstung und Panzerung fehlen gänz­lich, die Geschwindigkeit ist gering, 11,4 Seemeilen. Weiler steht das Schiff „W 0 l f" zur Verfügung, das in der Mün­dung des Kamerunflusses ankert. Das Schiff hat 85 Mann Besatzung, ein gewöhnliches 8,7 Zentimeter-, ein 5 Zenti­meter-Schnellfeuergeschütz und drei 3,7 Zentimeter-Revolver- kanonen. Die kleine Seemacht verfügt denmach insgesamt über 220 Mann, darunter 10 See-, 2 Sanitäts- und 12 Deck, nffiâiere, und über 15 Geschütze.

Deutscher Reichstag.

(30. Sitzung.) CB. Berlin, 18. Januar.

Das Haus war wieder gut besetzt, einmal mit Rücksichl auf die zu erwartenden Verhandlungen über die künftige Ge­staltung unserer kommerziellen Beziehungen zum Auslande und deren Rückwirkung auf unser inneres Wirtschaftsleben, zum andern aber auch, weil bekannt geworden war, daß der Reichskanzler gleich zu Anfang der Sitzung eine Er­klärung über die

Ereignisse in Dcutsch-Südweftafrika

und über die zum Schutze der dortigen Ansiedler unverzüg­lich ins Werk gesetzten Maßnahmen abgeben würde. Vor Eintritt in die Tagesordimng ergriff denn auch Graf Bülow das Wort und gab die an anderer Stelle abge­druckte Erklärung ab.

Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten. Abg. Graf Kanitz (kons.) begründete eingehend die Inter­pellation betr.

Kündigung der bestehenden Handelsverträge.

Zur Begründung der Notwendigkeit der .Kündigung der Verträge bemerkt Graf Kanitz u. a., die Regierung habe sich mit dem Abschluß des Saratoga-Vertrages — mit der Union — geradezu vor dem Auslande lächerlich gemacht — eine Aeußerung, welche Präs. Graf B a l l e st r e m für parlamentarisch unzulässig bezeichnete. Redner schildert weiter die N'otlage der deutsck)en Landwirtschaft, vor allem im Osten. Die Vernachlässigung der Landwirtschaft in der Zollpolitik verschulde auch, daß die Tätigkeit der Ansiedlungs- Oommifsion erfolglos bleibe und die Ansiedlungsgelder schließlich nicht der Germanisation, sondern nur den Polen zu gute kämen. Für den Getreidebau müsse mindestens der bescheidene Schutz wiederhergestellt werden, den der alte Generaltarif gewährt habe. Die ländliche Bevölkerung mache die Kraft des Landes aus und müsse daher um fo mehr er­hallen und in ihrem Bestehen geschützt werden, je mehr bi( Sozialdemokratie um sich greife. Tie Kündigung sei wohl unterblieben weniger aus politischen Rücksichten, als aus Rücksicht auf die Industrie. Und darunter sollen wir Bauern lLachen linksl leiden! Die Kündigung der Handelsverträge, 'chloß Redner, ist eine politische, wirtschaftliche und finanzielle Notwendigkeit, eine Lebensfrage für die Landwirtschaft. An ihr ist schwer gesündigt worden, jetzt kann sie Gerechtigkeit verlangen. (Beifall rechts.)

Staatssekretär Graf Posadowsky erblickte in der Interpellation einen leisen Vorwurf gegen die Regierung (Heiterkeit). Ein politischer Mann, der die Vorgänge ver­folgt habe, werde kaum begreifen können, wie ein solcher Vor­wurf gegen eine Regierung gerichtet werden könne, die den Zolltarif in so'harten Kämpfen durchgebracht habe. Es ist, ngte der Staatssekretär, kein Zweifel daran müglicf), daß die Regierung die ernste Lage der Landwirtschaft jederzeit an- erkannt hat. Der Unterschied zwischen uns und dem Ver- trefer der Interpellation besteht auch nur in der einzuschla- ;enden Taktik. Sie bewundern es, wenn ein Arbeiter kühn die Hand in die weißglühmde Masse legt. Das geringste Versehen würde ihm seine Aktionsfähigkeit kosten. Ebenso würde es uns gehen, wenn wir hier ein Versehen begingen. Wir haben stets ap die alten Verträge die neuen zu knüpfen gesucht, um nicht unser Wirtschaftsleben schweren Schädi- gunaen auszusetzen. Daraus folat allerdings nicht daß wir