Nr. 14.
Momag, den 18. Januar i^i)4
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Selterèwcg 83
Seref|>re»ewf*le6 Nr. 362.
Neueste Aachrichte«
(Gießener Ungevratt) WnaSHängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Oberhefim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
eine Riobspost aus Südwestafrika!
Schmerzliche Kunde kommt aus unserer südweftafrika- nischen Kolonie: Schwere V e r l u st e hat die Schutz- truppe im Kampfe mit den Hereros erlitten, und es ist nicht abzusehen, was noch folgt. Die gesamte Schutz- truppe ist aufs äußerste gefährdet, zumal da ein unglücklicher Zufall es will, daß sie ohne Artillerie ist: alle Geschütze sind zur Zeit zur Reparatur in Deutschland!
Selbst der Sitz der Regierung, Windhuk, ist schwer bedroht! Wie groß die Gefahr ist, geht daraus hervor, daß der Gouvermeur in einem Telegramm crn das Kolonialami sofortige Hilfe erbittet! Die Depesche des Gouver- neurs, die all diese Unglücksbotschaften bringt, wird amt- lich in folgender Fassung veröffentlicht:
Nach soeben eingetroffenen Nachrichten aus Windhuk, 14. Januar, war Okahandja schwer bedrängt. Entsatz- versuche von Windhuk aus waren gescheitert. Wmdhnk selbst sehr bedroht. Zahlreiche Vertu st c. Landsturm ehr gezogen. S o f o r t i g e H i l f e erbeten. Hereros durch Plünderung gut beritten und bewaffnet. Aus Swakopmund wird von heute morgen gemeldet, daß ein Eingriff auf Otjnm bingwe noch nicht stattgefnndcn habe, daß aber ein Trupp Eingeborener von Okunjowa und Johann Albrechtshöhe ans Kurrbib in Anmarsch sei und daß weitere 25 Mann Reserven zur Verstärkung der Bahnstationen und Karibibs entsandt seien. Die Expedition Laubschats sei gestern abend wohlbehalten in Karibib angekommen, die Expedition Zülow mit 120 Gewehren jedoch anscheinend bei Waldau gefährdet.
Die hier erwähnte Kolonne unter Führung des Leutnants. d. R. Laubschat, die mit der Bahn nach Karibib ab gegangen ist, besteht aus 31 unverheiratetem Freiwilligen, denen weitere 30 Mann folgen sollen. In Karibib befinden sich unter Stabsarzt Kuhn 58 Reservisten und 30 Pferde. Nach Eintreffen Laubschats soll von Karibib aus der Entsatz O t j i m b i n g w e s , das bedroht ist und dessen deutsche Ansiedler um Hilfe gebeten haben, versucht werden. Die zweite Kolonne, die Leutnant v. Zülow führt und die 100 Mann stark ist, ist bekanntlich nach Okahandja auf dem Marsch.
Die angesichts dieser Vorgänge doppelt notwendige Verstärkung unserer Streitmacht in Südwestafrika, die sofort vom Reichstage gefordert werden soll, soll so beschleunigt werden, daß mit dem nächsten, am 30. d. M. von Hamburg abgehenden Dampfer eine größere Truppenabteilung nach der Kolonie befördert werden kann. Der am 6. d. M. aus Cuxhaven abgegangene Transport umfaßt 4 Offiziere, i Stabsarzt, 7 Unteroffiziere und 219 Mann.
Jungfernreden.
(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)
Noch keine Parlamentsperiode war in ihrem Anfang so reich an Jungfernreden, wie die gegenwärtige. Den Reigen eröffnete der elsässische Demokrat Blumenthal mit einer richtigen Programmrede und der letzte in der Abteilung der Neulinge war bisher der Abgeordnete von Gerlach, der in der Freitagssitzung zu dem Zeugniszwangsverfahren gegen Redakteure Stellung nahm. Das Auftreten eines Novizen macht sich stets schon in der äußeren Szenerie des Reichstags bemerkbar. Die altgedienten Soldaten des Parlaments kriechen dann, wie der Kunstausdruck lautet, aus ihren Höhlen, d. h. aus dem Restaurationsraum, den Schlafkabinen, den Wandelgängen, den Schreibstuben oder Fraktions- jimmern heraus und nehmen direkt unter der Rednertribüne Platz, um genauer zu hören. Meist entscheidet sich das Schicksal der Abgeordneten, bezw. die Frage ihres Ansehens bereits bei ihrem ersten Auftreten. So hat sich z. B. der Sozialdemokrat Sabor seiner Zeit niemals davon erholen können, daß er in seiner Jungfernrede unfreiwillig die Rolle des lustigen Rates gespielt hatte. Einer seiner Aussprüche: „Es geht etwas vor, nur weiß man nicht was," ist geradezu ein geflügeltes Wort geworden und sein Entrüstungsrus: „Meine Herren, Sie lachen. Das läßt tief blicken,!" .vurde sogar der Name für eine Kleidermode: Die Damentaillen mit tiefem Ausschnitt wurden â la Sabor genannt. Ebenso hat sich der Abgeordnete von Frege, obgleich er durch den Einfluß seiner Partei zum Vizepräsidentenposten gelangt war, durch seine erste Rede in diesem Amt als Parlamentarier unmöglich gemacht. Das charakteristische Gesicht Freges mit dem stark ausgezogenen Schnurrbart, seine hastigen Bewegungen, wenn, er einen falschen Zungenschlag gehabt hatte, gaben ihm auf dem Präsidiumsthron ein so groteskes Aussehen, daß auf der Preßtribüne meist schon ein schallendes Gelächter angestimmt wurde, wenn er zur Wahrung der Geschäftsordnung überhaupt etwas sprach.
Den diesmaligen Neulingen des Parlaments kann man hinsichtlich ihrer rednerischen Leistungen , eine gute Zensur erteilen. Man merkt einigen die oratorische Wirksamkeit m Volksversammlungen sehr deutlich an, vielleicht eüvas zu deutlich sogar. So hat insbesondere der Abgeordnete Böckler im Verlauf seiner Rede das hohe Haus mit „verehrte Anwesende" angeredet, was den Mitgliedern des Hauses ein Schmunzeln und den Preßmenschen hier oben..eine
schallende Heiterkeit abnötigte. Der Schluß seiner tm iw rr gen nicht ungewandten Rede schwächte dadurch im Effekt ab, daß er in den Volksversammlungston verfiel und mit einem im Reichstage vollständig verklingenden Pathos ausrief: „Deutsches Reich, gute Nacht!" Als er nachher, umringt von seinen Parteigenossen, nach seinem Platze zurück- ging, erhob sich ein konservativer Abgeordneter lind rief ihm mit einer artigen Verbeugung zu: „Gute Nacht!"
Von großem Einfluß ist der erste Erfolg der Jungfernrede auf die Haltung der Parlamentsberichterstatter, von deren Urteil ja im wesentlichen die Wertschätzung des Parlamentariers bestimmt wird. In der Beurteilung eines solchen Neulings spricht nur der logische Inhalt und die formale Gewandtheit, nicht aber das Parteibekenntnis entscheidend mit. Das Federvolk der Presse ist eine in sich geschlossene Zunft, die zur persönlichen Bewertung eines Redners keinen anderen Maßstab kennt, als denjenigen des Intellekts. . Die diesmaligen Neulinge sind zum weitaus größten Teile agitatorisch geschulte Männer und daraus erklärt es sich, daß sie so früh schon sich flügge fühlen zum Flug in das Märchenland der Tagesberühmtheit.
Die Politik.
^ Wie unser Berliner CB. - Mitarbeiter aus guter Quelle erfährt, steht der Abschluß der Verhandlungen zwischen Preußen und Bayern, über die Fortführung der Main- kanalisation von Offenbach aufwärts, nahe bevor. Die Nachricht wird formell in Preußen wie in Bayern mit Befriedigung begrüßt werden. _
0 Der braunschweigische Landtag wählte an Stelle des verstorbenen Präsidenten Dr. Pockel den Geheimnen Justizrat Semler zum Präsidenten. Dann wurde der Landtag durch ein Reskript des Regenten bis zum 25. Februar vertagt.
cf Der bayerische Reichsrat Graf Moy hat bei der Kammer der Reichsräte den Antrag gestellt: Die Kammer wolle der Staatsregierung zur Erwägung geben, ob nicht im Interesse dès religiösen und politischen Friedens eine Aenderung deF dem Landtage vorgelegten Wahlgesetzentwurfes dahin vorzunehmen sei, daß das Wahlrecht der Geistlichen aller Konfessionen ausgeschlossen oder beschränkt werde. Offenbar will Graf Moy den Geistlichen nicht nur das passive, sondern auch das aktive Wahlrecht nehmen.
Oefterreicb-Ungam»
+ Zur Prüfung der Angelegenheit des Erzbischofs Kohn, der gegenwärtig in Rom weilt, ist eine Commission von fünf Kardinälen eingesetzt worden. Die Entscheidung soll in nächster Woche erfolgen. Der Erzbischof hat von Rom aus die Leitung des Olmützer Dominikanerordens aufgefordert, den Pater Stonad, den Beichtvater des Verfassers der Kohn angreifenden Rektusartikel, in eine andere Stadt zu versetzen. Die Ordensleitung hat das indessen abgelehnt, und in einer Form, die für den Erzbischof keineswegs schmeichelhaft ist. In Olmütz wie in ganz Oesterreich sieht man dem Ausgang der Affaire mit begreiflicher Spannung entgegen.
Italien»
4« Eine große Komödie haben in Rom die beiden „Freiheitshelden" Boris Sarafow und Ricciotti Ganba dl aufgeführt. Es wird darüber aus Rom berichtet: Zunächst umarmten und küßten sich die beiden Heroen lange und innig. Daiiii „feierten" sie gegenseitig ihre Verdienste und begannen alsdann über ihr „gemeinsames Balkan-Programm zu „konferieren", wobei sie Oesterreich unb ^r u tz la na ihre allerhöchste Mißbilligung aussprachen. Nach- bcm sie endlich die Grundzüge für eine Einigung aller italienischen, kroatischen, mazedonischen und griechischen Elemente gegen das Deutschtum und das Rustentum sesigelegt hatten, nahmen die beiden Volkshelden ruhieiiden Achchied von einander. In einer bemnächst statt findenden Versammlung von Anhängern Garibaldis soll darüber beschlossen wer- dm was zu tun ist. Einstweilen soll die Teilnahme italienischer Freischärler an der mazedonischen Erhebung ausgeschlossen sein. Im anderen Falle könnten die Äribalb inner sich auch gratulieren; Rußland und Oesterreich mürben ihnen -vohl gehörig auf die Finger klopfen, wenn sie sich in Die ^ache ümusischen wollten.
Frankreich»
□ Ein Ultimatum an den Papst ist das neueste Ereignis in dem Kampfe zwischen der römischen Kurie und bem Cabr nett Combes. Drei französische Bischofssitze sind zur Zeit frei, und die französische Regierung präsentierte bem Vatikan ihre Kandidaten für diese Bistümer — Vannes, Nevers und Ajaccio. Der Papst verweigerte seine Zustimmung zu der Ernennung dieser Bistumskandidaten und erklärte, diese Kandidaten seien Priester, die er von rechtswegen ihres Amtes entfleibcii müßte. Daraufhin hat die Pariser^ Re- gicrung bem Papste durch den eben in' Rom ein getroffenen Erzbischof von Rouen ein Ultimatum behändigen lassen, in dem es hieß: Entweder die Kandidaten werden unverzüglich vom Papst angenommen, oder die französische Regierung stellt dem päpstlichen Nuntius seine Pässe zu und veröffentlicht auch ohne die Zustiinmung des Papstes die Er- nennung der Bischöfe. Angesichts einer so peremptorischen
Förderung hat Papst Pius jetzt nachgegeben und seine Zu- stimniung zu der Ernennung erteilt.
Rlun.
=4= Nichts neue s in Ostasien! Das bleibt anch heilte der Kern aller Nachrichten,, die fast ausschließlich in Stimmungsmache bestehen. Ueberwiegend sprechen sich alle Meldungen aus Tokio und Petersburg, soweit sie nicht über England kommen, für die W a h r s ch e i n l i ch k e i t e i n e r B e r st ä n d i g u n g ar^. Man glaubt in den Kreisen der internationalen Diplomatie, die friedlichen Erklärungen des Zaren zum diplomatischm Korps in Petersburg seien die Vorläufer einer freundschaftlichen Beilegung der Krisis. In deutschen politischen Kreisen glaubt man, daß Rußland bereit sei, in wesentlichen Fragen nachzugeben, sobald eine diplomatische Forni gefunden ist, welche ihm das erlaubt, ohne daß es den Schein erntest, als weiche es dein Zwange. Zum Glück für die Sache des Friedens hat Japans gleich- förmig höflicher diplomatischer Ton die Möglichkeit einer solchen Verständigung leicht gemacht.
Amerika.
Hundertfältig sind die Methoden der Annexionspraxis der Union. Neuerdings wird in Amerika auf dem bisher etwas ungewöhnlichen Wege der — Hafenausbagge- r u n g annektiert. Nach einer Meldung aus Washington hat der Senatsausschuß, der zur Zeit den Panamakanalvertrag berät, einen Abänderungsantrag angenommen, demzufolge den Vereinigten Staaten das Recht zugestanden werden soll, die Häfen von Panama und Colon auszubaggern unb zu verbessern. Dafür soll die Union' berechtigt sein, eine Kontrolle über diese Häfen auszuüben. „Kontrolle ausüben" heißt in diesem Falle nicht mehr und nicht weniger, als die volle Verfügung über den Hafen haben. Die Amerikaner verstehen sich auf ihr Geschäft, das muß man ihnen lassen!
Eröffnung des preussischen Landtages.
Genau fünf Jahre nach dem Beginn der vorigen Legislaturperiode ist der preußische Landtag zu neuer Parla- mentsarbeit zusammengetreten. Wie immer, ging dem Beginn der Sitzungen die feierliche Landtagseröffnung im königlichen Schlosse voraus. Gegm 11 Uhr versammelten sich etwa 400 Mitglieder der beiden Kammern im Weißen Saale des Schlosses. Unter den üblichen Fornmlitäten vollzog sich die feierliche Handlung: die Minister nahmen links, die hohen Militärs rechts vom Throne Ausstellung, vor dem Throne gruppierten sich die Abgeordneten. Der König, der von dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Friedrich begleitet war und die Uniform der Gardes du Corps mit dem Adlerhelm trug, nahm vor dem Throne Aufstellung. In diesem Augenblick brachte der Vizepräsident des Herrenhauses, Freiherr v. Manteuffel, das Hoch auf den König aus. Graf Bülow überreichte dem Herrscher unter tiefer Verbeugung die
Thronrede, die der König mit klarer, derttlicher Stimme verlas. Sie hat folgenden Wortlaut:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Indem ich Sie am Beginn eines neuen Abschnitts der parlameuturischeu Arbeiten begrüße, ist es meinem Herzen Bedürfnis, zunächst meinem tiefempfundenen Dank Ausdruck zu verleihen: dem Dank gegen die göttliche Vorsehung, die mir eine schnelle Genesnng schenkte, und dem Dank gegen mein Volk, das in allen seiner Scküchlen voll inniger Teilnahme seinem Landesherrn die Treue betvährte, die in guten und bösen Tagen Prenße»is König und Voll untrennbar verbindet. Zahlreich und schweriviegend sind die Aufgaben, für deren gedeihliche Lösung ich auf Ihre einsichtsvolle Mitarbeit rechne.
Die Finanzlage des Staates hat sich nach einer kürzet, Zeit des Rückganges wieber g ü n st iger gestaltet. Ein neuer tuirlschaftlicher Aufichtvung zeigt sich in der Wiederbelebung des Verkehrs bei dell Slaatsbahuen und in der Hebung der Staatseinnahmen. Die Nechnllng des Jahres 1902 hat günstig abgeschlossen. Im Rechnungsjahr 1903 wird voraussichtlich der zur Verfügung gestellte Staatskredit von 70 Millionen nicht in Anspruch genommen werden. E^ wird sich vielmehr noch ein Hebers dum ergeben. Auch im Euttrnirf des Staatshuushullv-Eials für 1904 war es möglich, das Gleichgetviwl zwischen den Einnahmen uiw Ausgaben herznstellen. Ohne außervldeutliche Rätlel zu Hilfe zu nehmen, ist ben wachseudeu Anforderungen einer fortschreitendeil Kliltiirentwicküing Rechumlg getragen tvorden. Für die Ausgestaltuilg der Aillaacn und die Vermehrung der ^Betriebsmittel der Staats- eisenbahnen sind reichliche' Betrüge vorgesehen. Der geringst besoldeten Klasse ihrer AngesteN cn, den B a h n w ü r t c r n , ist eine Gehaltsaufbesserung zugedacht. Zur Eriueiterung d s BahnU'-pcs und zur Il"t -rstützuug von Klciubahnuuteruehmungen, die der wirt'chäft icheli Förderuilg des Landes dienen iverden luieber erhebliche Mülel von Ihnen erbeten werden. Ebenso ivird der bereits in den Vorjahren beschrittene Weg einer Verbesserung der W o h n u n g s v e r-h ä l t n i f f c der in Staatsbetrieben beschäftigten Arbeiter und der gering besoldete i Beamten in einer neuen Ge epesvorlage weiter verfolg!.
Zu meiner lebhafte,, Befriedigung hat die vorjährige große Ausstellung der deulscheil Laildtvirlsgesellschaft meine Ueberzeugung gefestigt, daß die landwirtschaftliche W e v ö l k e r u n a aller