Nr..I!3.
Montag, den 16. Mai ?904.
__________________13. Jahrgang.
Ub»«eme«tSpre1S: in Gießen, abgehslt monatlich 60 Pfg., fast H«uS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.60.
G»«ttSbeUage«: Oberheffifche FamitteAzettUAg (täglich) und die Gieße»sr eeiftxbUfe* (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an aSe« Werktagen nachmittags.
Gießener
JUsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Psg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 83, Fernsprechanschlust Nr. 362.
Neuere Nachricylen
(Oreßenev Hagevsatt) Unabhängige Tageszeitung (Hiehener Geltung)
für Oberhesim und die Kreise Marbmg und Wetzlar; Lokalarrzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen. l^^-^^r^^^^^^r^.^^r^xr^mr^m^^-^^F^^^^^^^^nacmma^^^ML^^XHtnr^^ptfg^^
Der Krieg in Ostasien.
Immer wieder tauchen Gerüchte auf, daß die Japaner bereits in der Nähe von Liautschang stehen. Ja, man will sogar aus Niutschwang erfahren haben, daß ein größeres è Gefecht bei Liautschang stattgefunden habe. Eine Bestätigung steht jedoch vorläufig aus.
Der Vormarsch der Japaner
I würde sich, wenn sich diese Gerüchte bewahrheiten sollten, I schneller vollzogen haben, als es nach den letzten Londoner ' Gerichten den Anschein hatte. Danach hätte General Kuroki I seine Avantgarden vom Motienpaß (auf dem Wege von I Fönghwanghtschöng nach Liautschang) zurückgezogen, weil er eine telegraphische Warnung des Admirals Togo des Inhalts erhalten hatte, daß ein dreitägiger Sturm die Landun- 5 gen der Japaner bei Niutschwang und auf der Liautung-Halb- I in sei unterbrochen und den Vormarsch der zuerst gelandeten ! Truppen verzögert habe.
Die Hanptanmnrschrontcn.
Daß die Japaner auf allen Linien, die sie zum Vormarsch i gegen die Position des russischen Generals Kurovatkin, respektive die Eisenbahnstation Kaitschou—Mukden, benützen können, vorrücken, steht außer allem Zweifel. Solcher Linien, lws heißt Hauptstraßen, auf denen der Marsch der Japaner tonzentrisch vor sich gehen kann, gibt es fünf, und zwar folgende : 1. Takuschan—Station Kaitschou (130 Aerst; 1 Kilometer gleich 0,94 Werst); 2. Takuschan—Station Haitscheng (130 Werst); 3. Takuschan—Liautschang (160 Werst); 4. An- ' tung (Schachedsü)—Fönghwanghtschöng — Tukantsü — Sü- I litschuan — Tsiatsiaho — Tsaoho — Finschuipaß — Wen- >ato — Lantsuschang — Matouling — Schiminpaß — Sta- bon Liautschang (180 Werft); 5. Sjagusiche (Kulutsy) — Saimatfü- -Finschuipaß—Janlikou und von hier nach Liautschang (200 Werft) oder nach Mukden (22 Werft). Die Entfernung bis zu der Eisenbahnlinie zwischen den Stationen Kaitschou und Mukden beträgt also 130 bis 225 Werst. Ein starkes Detachement, das auf Kaitschou oder Haitscheng vordringt, kann diese Punkte in acht bis zehn Tagen erreichen, gute Kavallerie sogar in drei bis vier Tagen. Die einzelnen Routen sind höchstens je fünfzig Werst von einander entfernt. Der Vorteil eines solchen konzentrischen Marsches ist nm so größer, als die Hauptroute Antung—Fönghwangh- tschöng—Liautschang sehr beschwerlich ist, so daß verhältnismäßig geringe feindliche Kräfte eine vorrückende Koloum zum Stocken bringen können, wie sich das schon im Kriege gegen Chiila gezeigt hat. Falls also die auf der obigen Straße marschierenden Japaner doch noch vor dem Motienpasse haltmachen müssen, so ist es sehr leicht möglich, daß eine andere japanische Kolonne auf einer der Nëbenrouten unterdessen rasch vordringt und die Streitkräfte der Russen, welche den Motienpaß verteidigen, überflügelt. Die russischen Blätter behaupten, daß die Entwickelung der weiteren Aktionen bis zum Schlüsse der ersten Campagne kaum einen Zeitraum von wenigen Wochen überschreiten wird. Ende Mai beginnt nämlich in der Mandschurei der Sommer mit starker Hitze und heftigen Regengüssen, die die Straßen vollständig unpassierbar machen. Bis gegen Ende August sind alle Operationen unmöglich, besonders da in dieser Zeit auch Typhus und Pest — Niutschwang ist als Pestherd berüchtigt — zu grassieren pflegen.
Panik in Niutschwang.
In Niutschwang herrscht unter der Bevölkerung große Aufregung und Schrecken. Eine japanische Division soll nur zwanzig bis dreißig Werst südlich her Stadt stehen und zudem schwebt man in beständiger Furcht vor einer Plünderung durch chinesische Räuber. Ein Telegramm aus Niutschwang besagt:
Räuberbanden plündern die Umgegend^ dër^Stâdü Mehrere reiche hiesige Eingeborene sind fortgeschleppt worden, um Lösegeld von ihnen zu erpressen. Man vermutet, daß Pawlow, der Vertreter Alexejews in Peking, bemüht ist, China zu überreden, die Verwaltung der hiesigen Gegend auf sich zu nehmen. Japanische Kundschafter sind gestern ab'end sieben Meilen südwestlich von Kaitschou gesehen worden. Ein Teil der japanischen Armee rückt in . nordwestlicher Richtung auf Ssiuian vor. Ihre Anzahl ist
■ noch unbekannt, sie muß aber bedeutend sein. Es sind nur zwei Regimenter in jener Gegend, da der Rest der Truppen, die sich früher dort befanden, auf Mukden zu vorrückt. Man vermutet, daß die Russen ihre Armee von Mukden nach Charbin marschieren lassen werden. Port Arthur ist vollständig abgeschlossen, sowohl vom Eisenbahn- wie vom Telegraphenverkehr. Die Behörden erklären jedoch, daß sie tägliche Drahtverbindung und dreimal wöchentliche Verbindung durch Kuriere haben. Die Russen verbreimen auf ihrem Rückzüge die Bahnhöfe und alle Lebensmittel, welche sie nicht fortschaffen können; sie haben zahlreiche Chinesenhäuser zerstört. Die Chinesen fürchten, wenn die Russen die Gegend gänzlich räumen, würden alle vorhandenen Gebäulichkeiten zerstört werden. Die in
Niutschwang in Chinesenhänden befindlichen Warenvorräte sind die bedeutendsten in der Mandschurei. Ihr Wert wird aus fünfzig Millionen Dollars Gold geschätzt.
Die japanische Flotte ist inzwischen von einem schweren Unfall betroffen worden: Bei Zerstörung von Minen in der Kerrbucht ist ein
japanisches Torpedoboot in die Luft geflogen.
Nach einer Meldung aus Kobe berichtet Konteradmiral Kataoka, daß am 12. d. M. drei Beuger mit fünf Torpedobootsgeschwadern nach der Kerrbucht nördlich von Talienwan gingen, dort die russischen Stellungen bombardierten und )urch einen Landungstrupp den Telegraphen zerstörten. Die Geschwader entfernten die Unterseeminen, von Simen eine Anzahl am Eingänge der Bucht entdeckt wurde. Nachdem die Arbeit fast beendet war und die Torpedoboote „46" und „48" Auftrag erhalten hatten, die noch übrigen Minen zu zerstören:, explodierte eine von ihnen, als das Boot „48" sich ihr näherte. Das Torpedoboot wurde in zwei Stücke gesprengt und versank in sieben Minuten. Ein Offizier und sechs Mann wurden getötet und sieben verwundet. Das Geschwader schickte eiligst Boote ab, welche die Verwundeten aufnahmen. Es führte dann die Vermessungen und Zerstörungen von Minen zu Ende und kehrte um sechs Uhr abends zur Flottenbasis zurück.
. z-L^H s Die politih.
□ Der Wahlkampf bei der Reichstagsersatzwahl in Frankfurt-Lebus hat den Ausgang genommen, der vorauszusehen war: Infolge der Aufstellung eines besonderen Kandidaten, des Herrn v. I a g w i tz , durch den Bund der Landwirte ist Stichwahl zwischen den Kandidaten der bürgerlichen Parteien Bassermann und dem Sozialdemokraten Braun das Ergebnis. Es erhielten Bassermann (natlib.) 11 706, Braun (Soz.) 11312 und V. Jag Witz (wirtsch. Vgg.) 2837 Stimmen. Ohne die Sonderkandidatur v. Jag- Witz, die nicht die mindeste Aussicht auf Erfolg hatte, wäre der Wahlkreis den vereinigen bürgerlichen Parteien sicher gewesen. Die Stichwahl dürfte übrigens mit dem Siege Bassermanns enden.
+ Eine Organisation der technischen Angestellten ist das Neueste auf dem Gebiete der Standeskorporationen. Nicht weniger als 2000 Ingenieure, Techniker, Chemiker 2C. aller Berufsklassen und Bildungsstufen haben sich zusammengetan, um für sich als Arbeitnehmer in der Industrie eine große, umfassende Organisatton zu schaffen. Die neue Berufsorganisation führt den Namen „Bund der industriellen Beamten (Arbeiterbund)" und hat ihren Sitz in Berlin. Der Bund soll eine Organisation ohne polittschen Charakter, jedoch mit einer scharf ausgeprägten wirtschaftlichen Tendenz sein. Neben regster öffentlicher Tätigkeit will er seinen Angehörigen jene Fürsorge schaffen, die den Arbeitern von den Arbeitgebern und dem Staate zugestanden wurde. U. a. soll ein Zentral-Arbeitsnachweis und ein Unterstützungsfonds für notleidende, unverschuldet erwerbslos gewordene Mitglieder geschaffen werden. Die Geschäftsstelle des Bundes befindet sich in Berlin W., Potsdamerstr. 7C j,.
*
A Der Uebermut des Slawentums, auch des ausländischen, zeitigt immer schönere Blüten. Wie vor einigen Monaten in Halle, so haben jetzt auch in L e i p z i g eine Anzahl an der Universität studierender Ausländer (Slaven) versucht, eine farbentragende Korporation zu gründen. Die Statuten der neuen Korporation waren bereits beim Universitätsgericht eingereicht. Auf einen aus der Mitte der Studentenschaft erhobenen Protest gegen das Farbentragen ausländischer Studentenvereine erklärte indessen der Rektor der Universität^ es nie gestalten zu wollen, daß an der deutschen Universität fremdländische Korporationen öffentlich Farben anlegen. Die sächsische Regierung hat übrigens mit Rücksicht auf die sich in Leipzig breit machenden slavischen -Studenten Schritte bei den einzelnen Bundesstaaten getan, um wegen einer stärkeren finanziellen Heranziehung in Deutschland studierender Ausländer ein gleichmäßiges und gleichzeitiges ^Vorgehen zu erzielen. Der akademische Senat der Universität Leipzig hat sich befremdlicherweise gegen jede Sonderbesteuerung der Reichsausländer erklärt, und zwar mit der Begründung, „daß die Wissenschaft ein Gemeingut aller Kulturvölker sei, und deshalb überall volle Freizügigkeit genießen müsse." Auch eine Logik der gelahrten Herreni Was hat dre Freizügigkeit der Wissenschaft damit zu tun, daß Ausländer unter denselben Bedingungen wie Inländer deutsche Unlversitätseinrichtungen benutzen, deren Kosten der deutsche Steuerzahler tragen muß? Der Dank der Ausländer rechtfertigt das doch gewiß nicht: Worin Widers spricht er sich aus, als darin, daß die Ausländer nachher die auf unseren Schulen auf unsere Kosten erworbenen Kenntnisse gegen uns auf allen Gebieten des Lebens verwerten?
- Oesterreich-Ungarn»
0 Mit lobenswertem Eifer arbeitet die Donaumoiiarchie an der Jnstandhaltuttg ihrer militärischen Rüstung. Namentlich die ungarische Regierung ist in dieser Hinsicht auf dem Posten. .Die ungarische Kriegsverwaltuna fordert
von Den soeben ÄärnnTci.gdrclenen Delegationen einen Kredit zwischen 85 und 90 Millionen Kronen für neue Geschütze und verschiedene Ausrüstungsgegenstände. Gleichzeitig stellt die M a r i n e v e r w a l t u n g einen Kreditanspruch von über 75 Millionen Kronen. Beide Forderungen sollen Teilansprüche eines g r o ß c n Kredits sein, dessen weitere Beträge in den nächsten Jahren zur Bewilligung gelangen sollen. Nötig waren die Nkeuausgaben gewiß. Die letzten österreichisch-ungarischen Manöver zeigten schwere Mängel vor allem bei der Artillerie.
^ Gewissermaßen als Dank an die ungarische Nation für die Wiederherstellung geordneter Parlamentarischer Zustände hat Kaiser Franz Josef bekanntlich die Heimschaffung der seit 200 Jahren in fremder Erde ruhenden Asche Franz Rakoczys II. angeordnet, des erbittertsten Feindes der habsburgischen Dynastie. Nach ungarischem Gesetz war dazu die Genehmigung der Volksvertretung nötig. Diese ist jetzt erteilt worden, und in der betreffenden Sitzung kam es zu großen Huldigungen für Kaiser Franz Josef, dem auch eine Deputation des Abgeordnetenhauses in der Hofburg den Dank des Volkes aussprach. ;
Italien*
0 Das päpstliche Protestschreiben an die französische Negierung wird noch immer lebhaft erörtert. Es ist kein Geheimnis, daß die Mehrzahl der Kardinäle die Absendung der Protestnote lebhaft beklagt. Sie ist bekanntlich auf den Rat des neuen Kardinalstaatssekretärs Merry del Val und gegen den Willen fast aller übrigen Kardinäle abgegangen. Neuerdings heißt es, der Pap st wolle auf dringendes Anraten Rampollas, um weiteren Schaden abzuwenden, die Note selbst widerrufen. Die Angelegenheit beschäftigt die vatikanischen Kreise aufs Lebhafteste, und die Kardinäle halten fortwährende Zusammenkünfte. Mehrere- katholische Monarchen sollen die Note für einen großen Fehler erklärt haben. Rußland und England gaben sie dem Vatikan zurück mit dem Bemerken, daß sie nichts damit anzufangen wissen.
Frankreich*
Unerwarteten Sukkurs haben die streikenden Schiffs- vfflzlerc erhalten: ^n Marseille haben die eingeschriebenen Matrosen sich den Forderungen der ausständigen Offiziere der Handelsmarine in allen Punkten angeschlossen. Man nimmt an, daß der A u s st a n d in wenigen Tagen beendet sein wird, da die Reeder es kaum auf einen allge. meinen Streik, wie er im Falle weiterer Verweigerung der Forderungen der Streikenden in Aussicht steht, 'ankommen lagen werden.
Hus den Parlamenten.
* Die Wahlprüfungskommission des Abgeordnetenhauses erklärte die Wahl des Abgeordneten Bart. I i n g (Nat.) im Wahlkreis Wiesbaden für ungültig.
* D.e Pfingstferien des preußischen Abgeordnete^ Hauses sollen spätestens am 18. Mai, vielleicht schon oi* 17. Mai beginnen und bis zum 13. Juni sich erstrecken.
Hof und Gesellschaft
*** Das Kaiserpaar hat seinen Aufenthalt in den Reichslanden beendet und ist nach Potsdam zurückgekehrt. Am 14. d. M., dem letzten Tag ihrer Rundfahrt, traten die hohen Herrschaften um 8 Uhr morgens unter dem Geläut der Glocken die Reise von Straßburg nach Metz an, wo sie um 11 Uhr eintrafen. Nach Empfang durch die Behörden' am Bahnhof begab sich das Kaiserpaar mit der Prinzessin Viktoria Luise direkt nach dem Theaterplatz, wo die neue evangelische Kirche errichtet ist. Auf der Fahrt durch die festlich geschmückten Straßen, in denen die Truppen der Garnison Spalier bildeten, ritt der Kaiser hinter der Hosequivage, in der die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise Platz genommen hatte. Eskortiert wurde der Zug von einer Schwadron des 14. Ulanen-Regiments aus St. Avold. Auf dem Theaterplatz hatte das Königs-Jnfanterie-Regiment Nr. 145 Aufstellung genommen. Nach Beendigung des Festgottesdienstes um 12% Uhr fand der Vorbeimarsch der Metzer uni! Diedenhofener Garnison vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal auf der Esplanaden-Terrasse statt. Um 2% Uhr wurde die Weiterreise nach St. Johann-Saarbrücken angetreten. Die Nachbarstädte St. Johann-Saarbrücken Prangten in einer Fülle von Fahnen, Bannern, Guirlanden und Ehrenpforten. Die Häuser waren bis in die entferntesten Stadtteile überreich geschmückt. Auf dem langen Wege,^ den das Kaiserpaar nahm, vom Bahnhöfe bis zum , Ratbause von St. Johann, und von da zum Denkmale Kaiser Wilhelms auf der alten Saarbrücke, einem Werke von Danndorf, sodann zum Rat- Hause von Saarbrücken und zum Bahnhöfe bildeten Truppen der Garnison, Bergleute, Schulen, Krieger- und andere Vereine Spalier, dahinter viele tausende von nah und fern, alle in festlichster Stimmung.
. Deutscher Reichstag.
(91. Sitzung.) CB Berlin, 14. Mai.
. Nachdem gestern bereits der Etat selbst und das Etats^