Itr. 89.
Zweites Blatt.
Samstag, den 16. April 1904.
13. Jahrgang.
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®wmwM>ttie: in Gießen, abgehrlt monatlich 60 Pfg., W H«uS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel- jâhrttch Mk. 1.60.
tMMetUf<«: OberH-fstfche Fa»ttte»teit««g (tLglich) Mb bk Gießener Seif ewb lese* (wöchentlich).
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Gie ßener
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Selte r-weg M ^erMsprecha«schl«ß Nr. 368.
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Aeue^le Nachrichten
(Gießen« UngeOkntt)
AnaßöLkGige IchH^eitung
(Gießener Kettung)
für Oberhefseu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die frübjabrsmode.
«Won unserer ständigen Korrespondentin.)
Wern steht vor der Tür. Draußen lacht (Sonnenschein W 1904 rM strahlt Lenzeswärme, und wir sind noch gar nicht ge- : näslet. So bald hatten wir den Frühling nicht erwartet.
nnnj o .. WZ erste Frage gilt der Jacke, denn ohne wärmende Hülle 9 Ich Hann man vorläufig doch noch nicht ausgehen. Die Mode ' 1 Han^ riiaadit rs uns in dieser Saison ziemlich bequem. Sie schreibt
1 ®ummiteii W11 Covercoat-Paletot vor, den eine einfachere Frall bei Gummibllll 1 M^ Gelegenheit, zu jedem Kleide tragen sann. Wie sieht ' rinn ülch ein Paletot aus? Er hat Aehnlichkeit mit dem
boctemannoi« llüchrzâeher des Herrn Gemahls, nur daß er sich in seiner
nußr 1 nr 9,Mihir der Gestalt der Trägerin anpaßt. Eine kleine Dame 1,1 Wetli lW ihn kürzer schneiden, einer größeren Erscheinung darf und 1 sâ jedoch bis über die Kniee reichen. Im Rücken fällt er schèlm, auch vorn ist er lose, die Schulterlinie ist verhältnis- W gefundenen & m ^ ^ng und abfallend, und die beiden Rückennähte endigen sbald bei uns 'EMen.
°' kni solcher Paletot gilt auch als eine sehr geschmackvolle DE für kleinere und größere Mädchen. Man kann ihn fM Gioß unb Klein mit einem runden Schulterkragen ver- fOn über ihm auch die sogenannte Geisha-Form geben, ihn ad io oh ne jedweden Kragen seitlich schließen. Der Paletot 14 äpt Die Marke „englisch", in welche Rubrik auch die Jacken- t’l i’iber und die neuerdings wieder sehr beliebten englischen S chilei^erkleider eingeordnet werden. Man weiß, daß die Gfyhjeiiiqarnierung, die an den Aermeln fast bis zu den Fin- gMn reicht bei der Frühjahrsmode beinahe unerläßlich zu sch ih sch eint. Es sei aber hier bemerkt, daß für englische KWuillgsslücke die Spitze nicht angebracht ist. Zum Paletot uMd unii^englischen Jackenkleid darf man aber einen der neuen gu'« Shawls umlegen, die Amerika bei uns eingeführt Es sind lange, verhältnismäßig breite, abgepaßte szifreifen ans Chiffon, ausgepunktem oder mit Bomben ver- icjienein Tüll, dessen Rand zumeist einen breiten Saum mit A^Wiafjt bildet. Ganz wie die Phantasie es eingibt, knotet, fctJingt oder windet die Dame sich diese Echarpe um Hals uma Schultern.
M.
Gießen.
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y M 1903101 e) l ^oxan^ag für lu^nungen. ö.t rie Mode begnügt sich natürlich nicht damit, nur ein
Kleidungsstück zu bringen. Sie hat auch auf dem (Met der Jacke manches Neue ersonnen. Vor allem seien Das Commaodi. ^^ paffet unb Etamine-Jäckchen hervorgehoben. Das - ^«Ädenj'äckchen ist sehr kurz und faltig und gilt als besonders ---chMzu einem Rock aus schwarzer Seide oder schwarzem Tuch, dehmiptet, daß das bisher nur allein herrschende TW ft r Kleider und Jacken ausgespielt habe. Diese An- L nclilM fstimmt nicht ganz. Es werden sogar mehr wie bis- ^hW^Kenkleider aus Tuch gefertigt. Sie tragen aber das der französischen Machart an sich; die Röcke sind WriV^ ven Hüften gekraust und haben bis zu den Knien hinan D^ Vorderbahn des Rockes bleibt zumeist glatt gürtet, die Volants erst bei den Seitennähten an setzen. Die werden reich mit Borden garniert und so eingerichtet, sto offen und geschlossen tragen kann. Diese kleinen ‘ wex den über leichte Blusen gezogen und zwar so.
lUÄibaiiig ein sehr hoher Gürtel sichtbar wird. Die Machart her
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I.flink, 4 ;ig.bi|l«
qende Neuerung
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Pfanne, auf der immer Feuer brennt, wenngleich das Kochen auch draußen besorgt wird. In den Pontocks Hocken die Weiber, sehr zahlreich, wie eS die Vielweiberei mit sich bringt. Bei ihnen hat sich noch die alte Tracht erhalten. Auf dem glattrasierten Kopf tragen sie eine Lederhaube, die von drei lanzenförmigen, mit genieteten Linienornamenten verzierten Spitzen ans ein gefettetem hartem Leder gekrönt wird. Von derHaube häng lein Ledermantel auf den Rücken herunter, ein Lederschurz vervoll- ständigtdie Bekleidung. DasLederzeug ist nicht gegerbt, sondern, wie auch die Haut der Damen, eingefettet. Eine Hererosran verbreitet daher einen stark ranzigen Geruch. Die Ausrüstung wird durch einen Schmuck aus schweren Eisenperlen ergänzt. Auf der Haube und auf dem Mantel befinden sich Ornamente aus solchen Perlen, das meiste Gewicht jedoch, wörtlich gesprochen, wird auf die Knöchel und Waden gelegt, die in wahre Stiefel von Ringen aus Eisenperlen eingeschnürt sind, so daß die Trägerin sich nur schwer fortbewegen kann. Die Männer haben die alte Tracht allgemein aufgegeben; sie entsprach so ziemlich derjenigen der Frauen bis auf den Kopf und Knöchelschmuck. Wer es vermag, geht in europäischen Kleidern einher und die langen Kerle, die das Maß von 1,80 m häufig überragen, sehen in den weißen oder gelben Anzügen weniger gecken haft aus als die Neger in anderen Teilen Afrikas oder sonstwo in der Welt, wenn sie Weiße nachäffen.
Besonders bemerkenswert im Hererohausrat sind die Milchtöpfe, die aus hartem Holz angefertigt werden. Mit großer Geduld luirb der Block ausgehöhlt; das Gefäß 'rd nicht auf der Drehscheibe geformt, sondern in einem yoylen Stein zurechtgerieben. Die Arbeit ist tadellos. Der Topf weist noch am obern Rande einige erhabene dreieckige Ornamente, hier und da auch noch in der Mitte einige ein geritzte Linienzeichnungen auf. Der Herero genießt die Milch, da sie sich in der großen Hitze nicht lange hält, meistens lauer, als „Omaire". Damit sie rasch umschlägt, tut er gewisse Kräuter bei. Der Omairetopf wird nie gespült, sondern es bildet sich an dessen Wand eine dicke Schicht, die das Gären beschleunigt. Der Europäer, der noch nicht ver kaffert ist, meidet den Genuß von Omaire und sucht frische Milch zu erhalten. Zu dem Omairetopf gehört ein großer geschnitzter Löffel mit eigenartigem, beinahe stilvollem Griff. Noch ein wichst e Gegenstand ist der Fettopf. Er besteht einfach aus Rilloerhaut, die durch Falten auf der oberen Seite so zurechtgemacht wird, daß eine kleine Oeffnung mit einem Henkel bleibt. Reinlichkeit ist so gut wie unbekannt, ; u wird der Boden der Pontocks sehr reinlich gehalten und die Ausstattungsgegenstände sind an den Stangenwänden der Behausung in guter Orbnung angebracht. Aber persönliche Reinlichkeit kann man von einem Herero nicht verlangen. Er lebt in einem meist wasserarmen Lande, wo das Waschen ein Luxus ist. Wenn der Herero, wo „christlicher Einfluß, durchgedrungen ist, europäische Kleidungsstücke darüber anziebt. läßt er sie einfach zerreißen und abfaulen.
^— . ^'-Win ,iuic ^umui 11 Huuj 1111111(i uaiiv UNO vauwug. üu mit einem Sattel geschnitten, der über die Bermel ^ei karrierten Blusen fügt man den Sattel ganz glati ohi>M jede Fältchen ein.
$ni Sommer wird man äußerst leichte Stoffe tragen: 6TTÄ an MVâ Etamines, Alpacca, Gaze, Leinen, Crepe de Chine. Die Modefarben sind: Braun, namentlich Uö 1 Not und Grün, richtiges Giftgrün. Blaue
' MEt ueuai aus Cheviot und allen anderen Geweben mit Borten fahrt aUWFM Spitzenkragen geschmückt, ermeifen sich als äußerst prak- 0 ;iÜT|unb recht hübsche Toiletten.
Schluß noch die Neuheit, daß Kaschmir sich wieder I ^achn bricht, weil man auf der Suche n^^^ sehr dünnen ^M ist die sich in Falten pressen lassen und dabei die ^Minnen der neuesten Moden nicht zu korpulent machen, r. ________Emma Reichen.
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Huf einer bererowerft.
Tic Dörfer unserer schwarzen Feinde in Südwestafrika,
fr ■ Dörfer unserer schwarzen Feinde in Südwestafrika, Mi ClC» Liebten, wie man sie gemeinhin nennt, zeigen auf den ersten l^11dei1$ WV1’^ die Viehzucht die Hauptbeschäftigung der Hereros
jene
h kreisförmiger Staketenzaun bildet ein an vier Stellen
Eschenes Gehege. Die Oeffnungen führen zu deu Kralen i-j Großvieh. Die Hütten oder Pontocks ziehen sich längs r'Hrizaunung hin. Ein Pontock ist leicht gebaut. Zuerst ' e*n Gerippe aus rohen Stangen zusammeugesteckt, das
lW:ftimt Lehm, dem Kuhdung beigemischt ist, bedeckt wird. P M öie kuppelförmige Hütte fertig. Eine niedrige Oeff-
k/I^è^I>^^ ^ ^ hiird) die man nur kriechen kann, führt hinein. Bei Hsseren Herero ist vor der Tür ein kleiner Vorplatz aus iftd^P^ i^ibmig sehr geschickt hergerichtet. Dort sitzen auf Falt B ^ )öpln mit Lederriemenbezug den ganzen Tag über die • n V , Miuchnien Herero, die ihren Rang nicht durch Arbeit schänden 1 ^"^ halten Palaver. In der Mitte der Einhegung
'Uf der Pontock des Kapitäns oder sonstigen Ortsvorstehers, niW S'chritte davon ein Dornenkral für das Kleinvieh.
(I Limiten wir einmal in einen solchen Pontock hinein. In
/ ewMttie, an dem Baumstamm, der das Dach trägt, liegt der erÄd,kin'k in die Stampferdemitgroßer Genauigkeit eingemodelte
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Vermischtes.
* k Berliner Grundstückspekulationen.) 300 000 Mark hat innerhalb 24 Stunden ein Berliner Kaufmann B an einem Grundstück am Alexanderplatz verdient. Eine Berliner Warenhausfirma wollte schon vor Jahren einen den Bendaschen Erben gehörigen Häuserkomplex am Alexanderplatz erwerben. Die damals angeknüpften Verhandlungen zerschlugen sich indessen. Nunmehr sicherte sich Herr B. das Vorkaufsrecht an dem Grundstück, das ihm auch gegen einen Preis von 2 400 000 Mark überlassen wurde. Bereits am folgenden Tage übertrug der Kaufmann seine Anrechte an die Warenhausfirma Hermann Tietz, die für das Grundstück 2 700 000 Mark zahlte. Derartige Vorkommnisse sind übrigens in Berlin nichts seltenes. Steigt doch dort manchmal der Preis eines Grundstücks in kurzer Zeit in ungeheurer Weise. Ein bekanntes Caf^hausgrundstück war vor 3 Jahren für 3 Millionen feil. Jetzt verlangt der Besitzer 6 Millionen und wird sie wahrscheinlich bekommen.
D ^Prophezeiung über den russisch-japanischen Krieg.) Der berühmte Pater Johann von Kronstadt, den die Russen ob seiner Gottesfürchtigkeit und seines reinen Lebenswandels fast wie einen Heiligen verehren und dem sie die Prophetengabe zuschreiben, hat den Soldaten des Zaren vorhergesagt, daß der Krieg, in den sie ziehen, wenigstens 25 Jahre dauern werde. Er werde Ströme Blutes kosten und Rußland sich genötigt sehen, selbst die Greise zu bewaffnen, um die gelbe Rasse zu bekämpfen; denn China werde aufstehen und Japan zu Hilfe eilen. Aus diesem ein Vierteljahrhundert währenden Kriege jedoch werde Rußland siegreich hervorgehen unb feine Herrschaft über ganz China ausbreiten. Die russischen Soldaten glauben felsenfest an diese Prophezeiung.
c? lKulturfortschritt in China.) Von der Einfahrt des ersten, Zuges der Schantungbahn in Tsinanfu erzählt der „Ostas. Lloyd" folgende niedliche Episode. Als der Zug auf dem Bahnhof in Tsinanfu ankam, spielte die chinesische Kapelle die lustige Weise:
Siehste woll, da kimmt er, Lange Schritte nimmt er, Siehste woll, da is er schon.
Unb da will noch jemand behaupten, man wäre in China nicht auf der Höhe der Zeit?
* tDas Schloß Glücksburg,) das die Kaiserin für die nächste Zeit zum Aufenthalt erwählt hat, ist mit der Geschichte des schleswig-holsteinischen Fürstenhauses innig verknüpft. Der Erbauer, Herzog Johann der Jüngere, ist zugleich der Gründer der Linie Schleswig-Holstein-Sonderburg. Das Schloß erhebt sich mitten in einem kleinen, waldumschlossenen See. Vor der Reformation stand dort ein berühmtes Zisterzienserkloster, das Herzog Johann 1582 abbrechen ließ. Es erstand die Burg des Glücks. „Gott gebe Glück mit Frieden!" schrieb Herzog Johann über den Eingang. Glücksburg blieb bis 1778 Sitz der Linie Schleswig-Holstein-Beck und ging 1825 in die Hände der Linie Holstein-Glücksburg über. So verlebte der jetzige dänische König Christian dort seine Jugend; Glücksburg war der Witwensitz seiner Mutter. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts weilte dort mit Vorliebe der dänische König Friedrich VII. Sein plötzlicher Tod auf Glücksburg bedeutete den Beginn des deutsch-dänischen Krieges. 1864 hatte Prinz Friedrich Karl dort kurze Zeit sein Hauptquartier. 1869 schenkte König Wilhelm, I. das Schloß dem Haupt der Glücksburger Linie und befriedigte deren Erbansprüche. 1891 erbte es der jetzige Besitzer Herzog Friedrich Ferdinand von Glücksburg, der durch seine Heirat mit der Schwester der Kaiserin die Häuser Augustenburg und Glücksburg wieder einander näherte.
4= [£ic Zigeunergeige.) Vor etwa vier Jahren kam zu einem Handwerksmeister in Altenbruch, ein Zigeuner, der ihm seine Geige für 40 Mark zum Kauf anbot. Der Handwerksmeister wollte sich erst gar nicht auf den Kauf einlassen, schließlich aber kam ein solcher doch dadurch zustande, daß der Zigeuner sich bereit erklärte, eine alte defekte Geige, die sich im Besitze des Handwerksmeisters befand, mit in Zahlung zu nehmen. Der Zigeuner erhielt die defekte Geige und 20 Mark in bar dazu. Ein Sohn des Käufers bekam nun seit einiger Zeit Geigenunterricht unter Benutzung der Zigeunergeige, und dabei sah sich der Vater jetzt das Instrument einmal etwas näher an. Hierdurch entdeckte er nun, daß die Zigeunergeige eine wertvolle Amati-Geige ist, wie aus einer diesbezüglichen Inschrift im Innern des Instruments hervorgeht.
□ tDer Philosoph auf dem Kasernenhof. Ein sächsisches Blatt teilt folgenden hübschen Scherz mit: Unteroffizier (zu der Korporalschaft, die Gewehrpräsentieren übt): „Einjähriger Müller, wissen Sie, was eine Idee ist?" — Einjähriger Müller: „Jawohl, Herr Unteroffizier. Das Wort Idee hat Plato in Umlauf gebracht. Er nahm an, daß in einer höheren intelligiblen Welt die höheren Begriffe wirklich vorhanden wären und daß sie, in der sensiblen Welt unvoll, kommen ausgedrückt, von der menschlichen Seele, die sie im Vorleben erblickt, wiedererkannt würden." — Unteroffizier: -Ma, wenn Sie's wissen, dann nehmen Sie gefälligst das Gewehr eine Idee links!"
*$* tMißglückte Werbung.) Der 17jährige Handwerksgeselle H. in einem Orte bei Janowitz liebte sehr das im gleichen Alter stehende Töchterchen eines Schuhmachers. Dieser Tage trat er fröhlich und frei, sein Liebchen am Arme führend, in die Wohnung des Meisters und erklärte diesem, daß seine Tochter die seine werden müsse. Der Vater der jungen Braut entgegnete ihm, daß ihm dieser sehr ehrende Antrag das größte Vergnügen bereite und er ihn darum bitte, mit seinem Töchterchen in die gute Stube einzutreten. Nicht wenig erfreut leisteten die beiden Folge, während der Meister, der versprach, sofort zu ihnen zu kommen, sich nach seiner Werkstatt begab, um einen Spannriemen zu holen. Mit diesem erteilte er dann dem Schwiegersöhne in spe die wirkliche Antwort auf dessen Werbung, und zwar in so derber Form, daß der junge Mann in den drolligsten Sprüngen das gastliche Haus verließ. Der Einladung des Meisters, ihn doch bald wieder zu besuchen, hat der Jüngling bis jetzt nicht Folge geleistet.
C3 [Gin seltenes Wiedersehen) fand in Weißenburg statt. Am 25. Juli 1870 unternahm bekanntlich eine aus dem Grafen v. Zeppelin, drei badischen Dragoneroffizieren und fünf Dragonern bestehende Reiterpatrouille einen kühnen Ritt über Maxau, Lauterburg, Wörth bis zum Schirlenbof bei Reichshofen. Unterwegs traf die deutsche Patrouille den in Lauterburg stationierten französischen Gendarmen Köhler. Trotz der allermutigsten Gegenwehr wurde Köhler festgenommen, bald darauf aber wieder entlassen. Graf Zeppelin ritt mit seinen Reitern, worunter sich auch ein gewisser Kraus als badischer Dragoner befand, bis in das kleine Oertchen Schirlenhof, wo gerastet wurde. Dort wurden die Teutschen von einer Abteilung des französischen 12. Regiments des chaffeurs â cheval überrumpelt und es fand ein Gefecht statt. Eine bildliche Darstellung desselben.hängt seit einigen Tagen in einem Weißenburger Schaufenster. Und wie merkwürdig! Zwei Leute, die das Bild lange betrachteten und dann ihre Gedanken darüber austauschten, entpuppten sich als der alte französische Gendarm Köhler und der frühere badische Dragoner Kraus. Gendarm Köhler ist heute 79 Jahre alt und wohnt seit langer Zeit als Pensionär im nahen Kleeburg. Er war in Weißenburg, um Einkäufe zu besorgen. Kraus ist nun 55 Jahre alt und weilt als Reisender dort. Später beim Glase „Weißenburger Tokayer" wuren die Erlebnisse des Tages vom 25. Juli 1870 beiderseits recht lebhaft besprochen.