Nr. 39.
Dienstag, den 16. Februar 1004.
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Fernsprechaaschluft Nr. 368.
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für Oberheffen und die Kreise Marlmrg und Wetzlar; Lokalallzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Stadt und Land.
— Zur Tagung des Bundes der Landwirte. —
Man schreibt uns: Der Bund der Landwirte, der von den städtischen Einwohnern vielfach nicht blos als das unbewußte, sondern auch als das bewußte Gegengewicht gegen die städtischen Interessen angesehen wird, muß trotz seiner Tendenzen die größte Stadt des deutschen Reiches zu seinem Mittelpunkte wählen, weil keine andere ihm so bequeme Reise- verbindungen und Verhandlungsräume bieten kann. So ist er selbst der Macht der Großstädte unterworfen, wie sehr er sich auch gegen die Landflucht wehren mag. Immerhin aber bietet gerade die jetzige landwirtschaftliche Woche die Anregung zu einem Vergleich über die Entwickelung der Städte und bes Landes.
Es ist tatsächlich kein leerer Wahn, menn die Landwirte behaupten, daß die Großstädte ihnen einen großen Teil der landgesessenen Bevölkerung wegfangen. Während das ganze deutsche Reich seit einem Menschenalter eine Zunahme der Bevölkerung von 37,3 Prozent erzielte, haben die Großstädte eine Zunahme von 146 Prozent zu verzeichnen, also etwa 99 Prozent ihrer Bevölkerung sind über das Normalmaß hinaus, oder mit anderen Worten, trotz der Zunahme der Einwohnerziffern im Reich leidet das platte Land an einer fortdauernden Entvölkerung. In den Zuwachsziffern lassen sich verschiedene Ebbe- und Flutperioden verzeichnen, die im engsten Zusammenhang mit den Jndustrieepocken stehen. Eine relativ bedeutende Zunahme der Städte erfolgte in den 70er Jahrep. Von 1880—90 ist ein Stillstand zu verzeichnen und von 1690—1900 ein ganz erhebliches Wachstum.
Je mehr natürlich die städtische Bevölkerung sich zusammendrängte, um so mehr wuchs auch die Notwendigkeit einer intensiven Beschaffung von Lebensmitteln. Dem Handel wurden also hier ganz neue Aufgaben gestellt und die Nah- rungsversoraung der Großstädte wurde der vorherrschende Faktor des Getreidemarktes. Die Lieferung der Nahrungsmittel entglitt immer mehr den Händen der Landwirtschaft iinb wurde ein besonderer Zweig des Handels, der natürlich bei großen Differenzen zwischen dem Inlands- und Aus- andspreis stets dasjenige Produktionsgebiet bevorzugte, das ihm die günstigsten Preisbedingungen machte. Da gleichzeitig mit unserer industriellen Entwickelung die Verkehrsmittel verbessert und die Gütertarife ermäßigt wurden, so ?rwuchsen unserer einheimischen Landwirtschaft selbst in den fernabgelegensten jungfräulichen Gebieten von Amerika Konkurrenzen, die den russischen Import förmlich in den Schatten stellten. Es ist also tatsächlich richtig, daß Stadt mb Land auf dem Getreidemarkte und in Zollfragen gegen- 'ätzliche Interessen haben. Das ist die logische Folge unserer Entwickelung, die unseren vorwiegend agrarischen in einen vorwiegend industriellen Staat umgewandelt hat.
Es wäre aber verkehrt, wenn die städtische und ländliche Levölkerung aus diesem Gegensatz der Interessen ihre mensch- 'ichen Empfindungen beeinflussen ließen. Die Stadt, die den Landwirten die Arbeiter wegninnnt, liefert ihnen auch die Maschinen, die den Betrieb verbilligen, die städtische Wissenschaft liefert ihnen die Chemikalien, welche die Fruchtbarkeit des Bodens erhöhen, und städtische Unternehmer sind -s, die durch ihre Kulturingenieure die Bewässerungs- und Meliorationsarbeiten ausführen lassen. So zeigt sich doch, vaß beide Teile innerhalb der nationalen Gemeinschaft Hand in Hand arbeiten an dem großen Werk der Kultur. Sobald, Vie jetzt der Bund der Landwirte, die einzelnen Berufsorga- aisationen zusammentreten, um ihre Lage zu erörtern und ihre Ziele zu verfolgen, dann werden die Verhandlungen stets den Stempel der Einseitigkeit tragen und für den ruderen Jnteressenteil nur wenig verständlich sein. Wenn jedoch die städtische Bevölkerung genug Objektivität besitzt, um zuzugeben, daß die Städte den Nutzen von unserer modernen Entwickelung gehabt haben, während das platte Land sich in der Defensive befindet, dann werden die Verhandlungen des Bundes der Landwirte, auch wenn die Städter nicht in die ganze Materie eindringen, jeden verletzenden Schein verlieren. Als Glieder der nationalen Gemeinschaft sind Stadt und Land die^ rotierenden Räder, der großen Kulturbewegung unserer Zeit, , aber nur dann wirklich leistungsfähig, wenn jede, einseitige Entwickelung verhütet and durch ein organisatorisches Vorgehen der Einzelberufs- tänbe ein Ausgleich der widerstreitenden Interessen herbeizeführt wird. Rusticus.
Der Krieg in Ostasien.
Nachrichten vom Kriegsschauplatz laufen fortwährend in fast beängstigender Fülle ein. Trotzdem ist man über die eigentlichen Vorgänge zur Zeit ziemlich spärlich orientiert, da die meisten Telegramme, mögen sie nun aus angeblich russischer oder japanischer Quelle stammen, mit großem Mißtrauen aufzunehmen sind.
Zu dieser Kategorie von Meldungen gehören zweifellos Londoner Berichte über
das Schicksal des Wladiwostok-Geschwaders, das naturgemäß im Vordergrund des Interesses steht, da mit ihm die Hoffnuna der Russen auf einen baldigen Ersatz
Port Arthurs steht oder fällt. In London will man bereits von der Vernichtung dieses Geschwaders erfahren haben. Das bezügliche Telegramm, aus Tokio vom 14. d. Mts. datiert, lautet:
Die russischen Kreuzer „Rurik", „Rossia", „Gromo- boi", „Bogatyr" von Wladiwostok wurden gestern abend von der die zweite Meerenge von Fusan sperrenden japanischen Flotte oberhalb der Tsuinsel, als sie einen Durchbruch im Schutze der Nacht versuchten, überrascht. Die ersten drei russischen Kreuzer wurden in die Luft gesprengt, der vierte entkam und wurde verfolgt. Begeisterte Manifestationen fanden hier nicht statt.
Ehe nicht eine amtliche Bestätigung dieser Sensationsmeldung vorliegt, ist es gut, sie mit kühler Skepsis aufzu- nehmen. Die englischen Blätter fühlen sich verpflichtet, ihrem Publikum täglich neue, die Nerven kitzelnden Nachrichten von wichtigen Ereignissen aufzutischen, bei denen es sich am Rande versteht, daß die Russen der unterliegende Teil sind. Auf wie unsicherem Boden diese Preßerzeugnisse wurzeln, zeigt, daß verschiedene Londoner Blätter den Schauplatz der Katastrophe in die Tsugarstraße gegenüber Hot'adate verlegen. Damit aber die ausgleichende Gerechtigkeit nicht fehle, wissen im Gegensatz zu den Engländern die guten Freunde Rußlands, die Franzosen, über eine erfolgreiche Ueber- rumpelung eines japanischen Truppentransports durch ein russisches Geschwader auf dem Wege nach Korea zu berichten. Im „Figaro" hat das Telegramm, das über Newyork kommt, folgenden Wortlaut:
Ein japanisches Geschwader mit einem Transport Truppen, der nach Korea bestimmt war, wurde von einem russischen Geschwader überrumpelt. 7000 Japaner sollen ertrunken oder getötet worden sein. Anderen Informationen zufolge sollen sogar 14 000 Japaner hierbei den Tod gefunden haben.
Diese Heldentat müßte, da kein weiteres russisches Ge- chwader in jenen Breiten in freier Aktionsfähigkeit sich befindet, auf das Konto der Wladiwostoker Kreuzer gesetzt wer- )en. Doch klingt sie bei weitem unglaublicher als die englische Nachricht, die wenigstens mit den realen Stärkeverhält» listen rechnet, die völlig zu gunsten der Japaner liegen.
Ueber das Treffen von Tschemnlpo
liegt jetzt ein angeblich authentischer Bericht vor, der die tollkühne Todesverachtung, mit der die Russen in den ungleichen Kampf gingen, in ein rühmliches Licht stellt. Als die beiden russischen Kriegsschiffe in dem Kampfe bei Tsche- mulpo ihren zweiten Ausfall machten, dampften sie, während ihre Musikkapellen die Nationalhymne spielten, gerade aus die japanische Flotte los. Diese tapfere Haltung angesichts der Vernichtung, die ihnen sicher bevorstand, wurde von den aus der Reede liegenden frenidländischen Schiffen mit lautem Beifall ausgenommen. Die Verluste der Russen bei Tsche- mulpo waren: 1 Offizier und 40 Mann tot, 474 Mann verwundet. Die Japaner nahmen bereitwilligst 34 verwundete Russen in das Hospital der japanischen Krankenpflegerinnen in Tschemnlpo auf. Die Verwundeten werden dort durch japanische Aerzte behandelt.
Der Vormarsch der Japaner.
Nach dem Kampfe landeten die Japaner 19 000 Mann. Zwischen Tschemnlpo und Tschifu ist von ihnen ein drahtloser Telegraphendienst mit Schiffen als Zwischenstationen eingerichtet worden. Der Oberbefehlshaber des japanischen Landheeres, Generalleutnant Kodama, ist nach einer Meldung aus Tschifu in Gensan an der Ostküste Koreas eingetroffen, um die Vorbereitungen zum Nordmarsch zu überwachen. Um Gensan sollen 30000 japanische Elitetruppen in Feldlagern versammelt sein. Alles deutet auf einen bald bevorstehenden Vorstoß auf die Jalulinie mit einer Truppenmacht, Die der dort befindlichen russischen weit überlegen ist.
Vor Port Arthur scheint im Augenblick alles ruhig zu sein, dagegen wollen die Gerüchte von neuen Landungsversuchen der Japaner auf der Liautung-Halb- insel nicht schweigen, die den Zweck haben, Port Arthur in den Rücken zu fallen. Admiral Alexejeff hat angeordnet, daß alle Zivilpersonen und alle Ausländer Port Arthur zu verlassen haben. Die Zivilpersonen haben ihr gesamtes Eigentum im Stich gelassen. In der Nacht rerben die Plätze Port Arthur, Dalmy sowie die ganze ^wantun-Küste mit Rücksicht auf mögliche Torpedo-Angriffe )ber Angriffe durch Truppen in völliger Finsternis gehalten. Die Mandschuribahn wird, wie aus Meldungen Alexejeffs -ervorgeht, weiterhin ständig Don feindlichen Angriffen verroht und ntufc stark bewacht werden.
Die Politik.
-# Der preußische Minister her öffentlichen Arbeiten hat Vertreter der^ süddeutschen Regierungen zu einer Konferenz auf den 22. Februar dieses Jahres eingeladen, in der allgemeine Grundsätze für weitere Vereinfachungen in der Verkehrsleitung zwifchen den beteiligten Staatsöahnen gemeinsam erörtert werden sollen.
A Die Jahresversammlung des Bundes der Landwirte fand gestern im Berliner Zirkus Busch statt. Anwesend waren mehr als 5000 Mitglieder aus allen Teilen des Reiches. Die Versammlung, vom Bundesvorsitzenden Dr. Rösicke geleitet, nahm einstimmig zwei Resolutionen an, eine gegen jede Reform des Börsengefetzes, die andere gegen eine Fortsetzung der gegenwärtigen Handelspo littk.
4« In einer der letzten langweiligen Sitzungen des Reichstags wurde von einem Abgeordneten der Wrmsch ausgesprochen, die Verseuchung der Flußläufe möge auf reichs- gefeblidjcm Wege verhindert werden. Die Bedeutung dieser Forderung wird am besten durch ein Beispiel illustriert. Die Stadt D r e s d e n z. B. hat im Jahre 1902 41 752,8 Kubikmeter Fäkalien unterhalb der Stadt in die Elbe eingelassen. Außerdem wurden ihr noch die Stoffe aus 3551 Wasserklosettgrub en zugeführt. Wie mag es damit mit anderen an Flüssen belegenen Großstädten bestellt sein?
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□ Folgen des russisch-japanischen Krieges werden sich auch in Deutschland zeigen, und zwar soweit die russischen Sachsengänger in Betracht kommen. Viele deutsche Großgrund- unb Fabrikbesitzer pflegten alljährlich für die Zeit vom 1. April bis 15. Dezember ihr fehlendes Arbeitsmaterial durch russische Arbeitskräfte zu ergänzen. Nun besteht aber russischerseits die Absicht, infolge der Einziehung der Militär- Pflichtigen zur Fahne die Grenze für die männlichen Sachsen- zänger während der Dauer des Krieges zu schließen, so daß den Beteiligten keine geringen Verlegenheiten erwachsen werden. ___________ _____________
Dänemark,
*- Die diesjährige Konferenz der Mitglieder des internationalen Central-Bureaus zur Bekämpfung der Tuberkulose findet.vom 27. bis 29. Mai in Kopenhagen statt. Der ffveite Vorsitzende des Dänischen Nationalvereins zur Bekämpfung der Tuberkulose, Reichstagsabg. Dr. Rördam- Kopenhagen, ist gegenwärtig in Berlin, um mit den zuständigen Stellen die Vorbereitungen zu treffen. Die Konferenz wird sich u. a. mit der Frage der Verwertung der neuen Tuberkulose-Forschungen für die Praxis beschäftigen. ,
Italien,
t Wie wir vorausgesagt haben, bestätigen sich die Gerüchte über das Befinden des Papstes nicht. Es hieße, daß Pius X. der Erblindung nahe sei. Nun meldet ein Telegramm aus Mentone, der Papst selbst habe in einem Briefe an seinen dort lebenden Bruder Angelo erklärt, diese Gerüchte seien ganz unbegründet; er habe sich vielmehr niemals wohler befunden, als jetzt.
=f= Ein Komitee italienischer und französischer Aerzte erläßt einen Aufruf an ihre Amtsgenossen, zur Beteiligung an einer internationalen Pilgerfahrt nach Rom. Wir entnehmen dem Aufruf folgende Sätze: Weil gelegentlich des 50jährigen Jubiläums der Verkündigung .des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis zahlreiche Pilgerfahrten nach Rom organisiert werden, glaubten die Aerzte rächt zurückbleiben zu dürfen und auch sie werden vom 5. bis 14. April eine Romfahrt anstellen mit einem sechstägigen Aufenthalt in der ewigen Stadt. Für Mediziner wird diese zu der geeignetsten Zeit stattfindende Romreise sehr interessant werden, weil ihnen von Papst Pius X. der herzlichste Empfang bereits zugesichert wurde, weil sie unter geeigneter Führung die hervorragendsten Sehenswürdigkeiten Roms besuchen werden; besonders aber weil dort ärztliche Vorträge über medizinische Wunder, namentlich über die bestuntersuchten Wunderheilungen von Lourdes gehalten werden. Eine gewisse Zahl von Personen, deren Heilung sehr gut festgestellt ist, wird den Pilgerzug begleiten. ____________
Balkan-Staaten»
G Endlich eine Aeußerung der Pforte über die Amnestie für die im mazedonischen Aufstand Kompromittierten. Die Amnestie wird nach Angabe des Generalinspektors Hilmi Pascha erfolgen, allerdings erst „in einigen Wochen". Sie soll ungefähr 1500 Bulgaren umfassen. — Die Zusammenstöße zwischen bulgarischen Banden und türkischen Grenzwache/! wiederholen sich gleichwohl immer wieder. In dem letzten Scharmützel bei Djomaja Bala fielen 12 Bulgaren und ein Türke..
Beer und flotte.
Um die Ammhcrmlg von Untcrsecbootcn rechtzeitig zn entdecken, schlägt man vor, die operierenden Flotten kunftig- hin von Luftballons begleiten zu lassen. Der englische Luft- schiffer Bacon hat der britischen Admiralität die wichtige Mitteilung gemacht, daß von einem Luftballon aus, der sich in genügender ^öhe über dem Meer befindet, bei einigermaßen durchsichtigem Zustand des Meerwassers das Auge bis auf den Meeresgrund zu bringen vermag. Wenn bieje Aussage sich bei weiteren Versuchen bestätigt, so würde dadurch ein beachtenswertes Mittel gegeben sein, die Annähe- rung von Unterseebooten rechtzeitig zu beobachten und ct- waigenfalls telephonisch vom Luftballon aus der operierenden Flotte anzuzeigen. Bei einer. Fahrt über, den Irischen