Nr. 13.
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Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
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Neueste Dachrichten
tHießener Dageötatt)
Mnaöhängige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Gießen, den 13. Januac 1904.
Betr.: Vorzeitige Entlassung von Schülern aus der Volksschule.
Die Gr. Kreisschulkommission Gießen
an >ie Schulvorstände des Krrises.
Gesuche um vorzeitige Entlassung von Volksschülern sind alsbald bei Ihnen vorzubringen und spätestens bis 15. F bruar L Js. bei uns einZureichen.
Ihrem Bericht, in welchem Sie sich eingehend über die Verhältnisse dec Familie des Gesuchstellers aussprechen wollen, sind beizufügen:
1. eine Bescheinigung der Großh. Bürgermeisterei über die Vermögensverhältnisse des Gesuchstellers.
2. ein Schulzeugnis, worin namentlich auch be sittliche Haltung des in Frage kommenden Kindes genügend hervorgehoben ist.
___________ Dr. Breidert.______________________
Bekanntmachung.
Die Lieferung dec Stoffe zu Kleidern für arme Konfirmanden auf Ostern 1904, bestehend in Knaben- Anzügen aus schwarzem Tuch, schwarzem Kaschmir, weißem und farbigem Flanell soll vergeben werden.
Angebote sind mit Kennziffern versehen, unter Anschluß eines Umschlags mit gleichen Kennziffern, enthaltend die Angabe der Firma, und Beifügung von Mustern bis spätestens 5. Februar 1904 beim Armen- amt, Neuen-Bäue 25, einzureichen.
Gießen, den 13. Januar 1904.
Die Armen-Deputation dec Stadt Gießen. ____________________Cursrhmann_____________________
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mitteilen.
Der Verlag.
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Geber den Graben»
kPolitische Wochenschau^
In der Neichstagssitzung vom letzten Donnerstag veranlaßte der neugewählte Abgeordnete Böckler mit einer kleinen Zwischenbemerkung einen interessanten Dialog zwischen Wm und dem Staatssekretär Grafen Posadowsky über die Bedeutung des Rubicons, jenes Flüßchens, das voreinstens die Grenze zwischen Rom und Gallien bildete. Graf Posadowsky hatte nämlich die Bemerkung gewacht, wenn man für Handwerker Zwangsversicherung einführe, so sei das ein Ueber- schreiten des Rubikon, und er wurde nun von dem Abgeordneten Böckler in seiner Jungfernrede belehrt, daß der Rubikon ein Heines Flüßchen gewesen sei, sozusagen nur ein Graben, wie wenn Graf Posadowsky die topographische und nicht die geschichtliche Bedeutung dieses Grenzgrabens pätte kennzeichnen wollen. Als Cäsar ihn überschritt, entrollte er in seiner Heimat die Fahne des Aufruhrs, und das wollte der Staatssekretär ausdrücken. Die Bestrebungen, auch die Handwerker durch Schaffung einer Zwangsorganisation gegen die Gefahren der Altersschwäche und der Invalidität sicher zu stellen, seien der erste Schritt zur Existenzversichevung der gesamten Bevölkerung und insofern eine Umwälzung unserer ganzen Sozialpolitik. Er warnte vor diesem Schritt und erlebte es noch in der gleichen Sitzung, daß dem A auch sofort das B zu folgen pflegt, denn Abg. Böckler verlangte ; die Versicherung auch Di. klemm Kaullent? und Pauli-Pots-
1 d-am die Zwangsverück""' für alle Einwohner
Samstag, den 16. Januar 1904.
mit einem Einkommen unter 2000 Mark. Die Erklärungen, die der Staatssekretär abgab, lassen keinen Zweifel darüber, daß die Regierung keine weiteren Maßnahmen treffen wird, als einen Ausbau der freiwilligen Versicherung der Handwerker. Ueber diesen Graben wird sie nicht hinweggehcn.
In ähnlicher Weise hat die preußische Staatsregierung mit ihrer Kanalvorlage, die dem Landtag, wie wir hören, bereits in nächster Woche zugehen wird, die Grenzlinie der Mehrheitswünsche respektiert. Denn die Vorlage wird nichts weiter bringen, als eine bessere Verbindung der östliche Wasserwege mit der See und den Mittellandkanal bis Hannover, ferner noch eine Flußregulierung, die den unteren Leil der ßaljn betrifft. Gegen die Verkürzung des Mittellandkanals werden die früheren Kanalgegner keine erheblichen Einwendungen machen, weil Damit die Gefahr, daß den Holländern ein lastenfreier Verkehrsweg durch ganz Deutschland hindurch geschaffen werde, vollständig hinweg fällt. Der Sprung über den Graben, d. h. die Ergänzung des Mittellandkanals bis zur Elbe, kann und wird wohl ;iner späteren Zeit vorbehalten bleiben.
Wenn wir uns nun den Vergleich des Grafen Posadowsky ureignen, so haben in unserem Kolonialgebiet gegenwärtig md) die Hereros den Graben überschritten, denn auch sie raüen die Fahne des Aufruhrs entrollt. So wenig auch über Diese Verhältnisse hier bekannt wird, so kann man doch zwischen den Zeilen Der amtlichen Mitteilungen lesen, daß Diese Bewegung durchaus nicht zu unterschätzen ist. Vor rllen Dingen hat sich auch ein ehemaliger Vertrauensnrann )es Gouvernements Dem Aufstande angeschlossen. Sodann rber ist Die Kriegsführung sehr schwer, weil in dem gebir- fischen Gebiet Reittiere und Feldgeschütze kaum zur Verwendung kommen können. Im übrigen Darf man aber andererseits auch Derartige Verhältnisse nicht allzu tragisch rehmen, Derrn kein Land mit Kolonialbesitz ist Damm befreit geblieben. Schließlich haben Die Verwickelungen in fernab liegenden Gegenden einen Ausgleich in den friedlichen Verhältnissen, die in Europa eingetreten sind.
Gük Schlüssigem im Reichstag.
(Von unserem Parlaments-Berichterstatter.)
Berlin, 15. Januar.
Am Ende der gestrigen Sitzung kam es ganz unverhofft im deutschen Reichstage zu einer höchst dramatischen Schlußszene, die schon in ihrem äußeren Bild lehr interessant war. Es war ungefähr 6 Uhr geworden unD die Abgeordneten hatten sich aus dem Saale entfernt, um in den Wandelgängen den anscheinend unmittelbar bevorstehenden Schluß der Verhandlung abzuwarten. Man war schon an der Replik angelangt denn der Abgeordete v. Chlapowsky hatte bereits zum zweitenmal das Wort, als ganz unerwarteterweise Bebel, der schon während der Verhandlung eifrig Notizen gemacht hatte, sich in die Rednerliste eintragen ließ und auch noch in der Sitzung zum Sprechen kann denn laut Beschluß des Seniorenkonvent sollte für jede Interpellation ein Verhandlungstag gewährt werden, nicht weniger und nicht mehr.^ Infolgedessen mußte Bebel noch zugelassen werden. Die Schriftführer setzten sofort die Alarmglocken in Bewegung und von allen Seiten des Hauses eilten nun die aufgeschenchten Abgeordneten herbei. Aber auch in einem anderen Teile war man bereits' von einer gewissen Feierabendstimmung ergriffen worden. Die Arbeitsbienen auf den Tribünen nämlich satten ihren Gänsekiel ausgespritzt und erwarteten in dem Restaurant, dem sogenannten Entenpfuhl, den übungsgemäßen Schluß. Auch hier wirkte die Kunde von einem Auftreten Bebels, weil man einen Vorstoß gegen die Regierung erwartete, wie ein Alarnisignal. Man eilte auf die Tribünen zurück.
Inzwischen hatten die Abgeordneten im Saale, anstatt auf ihren Plätzen Platz zu nehmen, stehend unter dem Präsidentensitze eine große Gruppe gestellt — ein äußerst malerisches Bild, fix und fertig für das Objektiv des Photographen. Die Ausführung Bebels zielten zwar nach einem ganz anderen Treffpunkt, als man erwartet hatte. Er wollte seinem Parteigenossen Molkenbuhr Sukkurs leisten, der bekanntlich behauptet hatte, Dass die Nationalliberalen mit ihrer Interpellation bei den Sozialdemokraten in Die Schule gegangen seien. Es war naheliegend, daß er hierbei noch weiter geheiide Annäherungen prophezeite. Er stützte seine Ausführungen durch den Hinw auf die Verhandlungen, die bei der Schaffung des Alters- und Jnvali- ditätsversicherungsgesetzes stattgefunden haben. Schon damals habe die Sozialdemokratie den Antrag gestellt, auch die Handwerker mit einzugreifen und heute sei man tatsächlich so weit gekommen, sich diesem Standpunkte anzuschließen. Es sei auch ^nz sicher, daß viele Handwerker der Sozialdemokratie ihre Stimme gegeben haben, obgleich diese ihnen niemals Hilfe und Rettung aus ihrer unvermeid- lid)en Notlage versprochen habe. Diese könne nur mit einer Beseitigung der kapitalistischen Betriebsweise überwunden werden. Im Namen der bürgerlichen Parteien nahm der Abgeordnete Dr. Bachem den Kampf gegen die Sozialdemokratie auf, der vor allen Dingen darauf hinwies, daß Die sozialdemokratische Partei mit ihren vielfachen Anträgen lediglich agitatorische Zwecke verfolge und alles in bester Verfassung fordere, auch wenn eine gesetzgeberische Aufgabe
13. Ja rgang.
JnsertionSpreis - Die einspaltige Petitzeile für^nz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Seltersweg 83 Fernsprechanschluß Wr< 363.
nur durch ein stafselförmiges Vorgehen zu lösen sei. "Auf diese Weise sei sie überhaupt keine arbeitsfähige Partei. Es standen sich hier zwei ebenbürtige Gegner gegenüber, die als Die Akteure der dramatischen Schlußszene auch das lebhafteste Interesse des Hauses und der Tribüne zu wecken nutzten. ......
Deutscher Reichstag.
(12. Sitzung.) CB. Berlin, 15. Januar.
Heute stand die Interpellation des Abg. Jänecke (ntL) wegen
Aushebung des Zeugniszwanges für die Presse zur Verhandlung.
Abg. Dr. Jänecke ist Vorsitzender des Vereins Deutscher Zeitungsverleger und hat als solcher die Mißstände des Zeugniszwanges hinreichend kennen gelernt. Ec führte aus, daß mit dem Zeugniszwang nur Märtyrer geschaffen würden, ohne daß etwas erreicht würde. — Staatssekretär Nieberding sprach sich gegen eine Regelung der Frage durch ein Spezialgesetz aus. Zur Beratung neuer Grundlagen für das Strafprozeß-Verfahren sei eine Kommission eingesetzt, die sich auch mit der Frage des Redakteur-Geheimnisffs zu beschäftigen habe. Das Ergebnis der Beratungen sollte seinerzeit der Oeffentlichkeit übergeben werden. — Abg. Roeren (Zentr.) empfahl gleichfalls, mit der Regelung der Frage bis zur allgemeinen Reform des Strafprozesses zu warten. Eine Reihe Sprecher aus allen Parteien nahmen das Wort, teils für teils wider die Aufhebung des Zeugniszwanges. Dann vertagete sich das Haus auf Montag.
Die Politik.
%* Der Kaiser nahm gestern im Rittersaal des Berliner königlichen Schosses als Sonverain und Oberhaupt des hohen Ordens vom Schwarzen Adler die feierliche Investitur des Prinzen der Niederlande, Herzogs Heinrich von Mecklenburg, des Erbprinzen Wilhelm von Hohenzollern und des Wirkl. Geh. Rats Georg V. Köller vor.
* In der Budgetkommission des Reichs- tages wurden gestern die von dec Regierung in den Postetat eingestellten Ostm a rkenzulag en für P o st b e a m t e gestrichen. Hoffentlich stößt das Pbnum diesen Beschluß um.
+ Die Sachverständigenkommission zur Vorberatung über tue Reform der Strafprozeßordnung wird am 19. d. M. wieder zusammentreten.
+ Otto Karl v. Oehlschläger, der frühere ReichS- aerichtrpräsident, ist in Charlottenburg gestern gestorben. Oehlschläger hat ein Alter von 73 Jahren erreicht.
X Die Zentrumspartei des Reichstages hat bekanntlich eine Interpellation wegen der Rechtsfähigkeit der Beruf Sv er eine eingebracht. Darüber, welche Haltung die Regierung dieser Frage gegenüber einnehmen wird, schweben noch Verhardlungen mit den einzelstaatlichen Regierungen.
V Die Angriffe, die in der Presse gegen den Vorstand des Deutschen Sparkassenverbandes wegen der Geheimhaltung seiner Verhandlungen über das Scherlsche Sparsystem gerichtet worden sind, haben ihn zur Einberufung einer Mitgliederversammlung des Deutschen Spar- kassenverbandeS nach Berlin veranlaßt.
j Aus einer kleinen Garnison. AuS Pirna erfährt man von einer aufsehenerregenden Ehebruchsaffaire, an der mehrere Offiziere stark beteiligt sind. Die Frau ist Gattin eines Oberleutnants und Tochter eines hochangesehenen Arztes. Der Gatte hat die Störer seiner häuslichen Ehe vor die Pistole gefordert. Es haben bereits mehrere Duelle im Graupaer Forst stattgesunden, bei denen die Geforderten junge Leutnants verwundet wurden. Weitere Zweikämpfe sollen noch bevorstehen. Der ganze Vorgang wird in militärischen Kreisen außerordentlich schwer empfunden, zumal er sich in einem Orte abspielt, an den Beyerleins „Jena oder Sedan" sehr erinnert.
l> Anläßlich des bedrohlichen H e r er o - A u fst an des in Deutsch-Südwestafrika veröffentlicht der Deutsche Kolonialbund ein Flugblatt, in dem er das deutsche Kolonialamt und den Gouverneur Oberst Leutwein scharf angreift.
X Wieder lauten die Meldungen über die Kriese in OstosikN völlig entgegengesstzt. Bei dem Neujahrs^mpfange im Petersburger W nterpalais erklärte Zar Nikolaus, er wünsche und wolle seinen ganzen Einfluß dahin geltend machen, daß der Friede im fernen Osten erhalten bleibe.