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Nr. 112.

Zweites Blatt

Samstag, den 14. Mai 1904.

13. Jahrgang.

UH»«Me«e»tSpre1S: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., toM Hins gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

WmttSbeilage«: Oberh-Mche Famitte»zeit««g (täglich) und die Giek-uer Geifeublafe« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an aSe« Werttagen nachmittags.

Gießener

ZusertiouSpreiS r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 $fg- Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 83. ^erusprechaufchlust Nr. 363.

Deuche Dachrichten

(Hießener Gageötait)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Reifung)

für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Das pfingftkkid.

M 0 n unserer ständigen Korrespondentin.)

Blitz und blank! So lebt einem in der Vorstellung das Pfingstfest. Frisch gewaschen sieht es aus. An den Fenstern ' prangen die weißen Gardinen, die nun nicht mehr von des Ofens Rauch geschwärzt werden. Die Wohnung ist aufge- ! räumt; die Farbe des Fußbodens blinkt und blitzt, wenn die l hellen Strahlen der Sonne darauf spielen. Die Maien stehen ■ in Kübeln in den Ecken. Der Garten ist frisch geharkt; der

Balkon sauber gescheuert; die Blumen blühen in ihrem Kosten, und die Menschenkinder sehen auch so blitzblank, wie „auf neu" gewaschen aus am Pfingstsonntag; die Kinder in 1 1 ihren weißen Kleidern, die Mütter in ihrem hellsten Sommer-

O r^ float und das weiße Oberhemd des Vaters,. sein weißer

hoher Stehkragen, sein Heller Schlips, alles erzählt, daß nun das schöne Sommerfest angebrochen ist.

Aber eben war erst Himmelfahrtstag und bis zu Pfingsten

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ist noch mehr als eine lange Woche hin. Doch wie schnell ver­geht sie. Denn man hat alle Hände voll zu tun! Die Woh- imng ist zwar von vorn bis hinten in Ordnung. Nun gilt es aber, die Kinder und die eigene Person festtäglich vorzu- I bereiten. Zu Pfingsten muß doch jedes ein neues Kleid ! haben. Lieschens weißes Batistkleid ist zu kurz geworden; man hilft sich, indem man ein Stickerei-Volant ansetzt. Die Schneiderin hatte bestimmt versprochen, 311 kommen. Am Mittwoch wollte sie erscheinen; alles war vorbereitet, da trifft eine Karte ein, daß sie bei Bachs mit dem Kleide am Dienstag nicht fertig geworden sei, und nun nicht den festgesetzten Tag : innehalten könne. Aber Montag und Dienstag käme sie : bestimmt. Zwei Tage! Was ist in den zwei Tagen alles zu schaffen! Also setzt Mama sich hin und reiht selbst das Volant auf, das Lieschens Kleid verlängern soll. Um den weißen Hut legt sie einen Kranz aus Feldblumen. Dann schaut sie : sich ihren großen weißen Florentiner an. Wirklich letzte Mode. Wenn man bedenkt, was solch ein Florentiner hier kostet. Unter zehn Mark ist er nicht zu haben, und die Tante hat ihn für achtzig Pfennige auf dem Hutmarkt in Florenz erstanden. Alle ^Nichten hat sie mit einem solchen. bedacht. Aber nun muß man auch dafür Sorge tragen, daß sie sich in ihrer Garnierung nicht zu sehr gleichen, wenn alle die ver­heirateten Schwestern, nachdem bei den Eltern Mittagbrot gegessen wurde, gemeinsam mit den Männern und Kindern spazieren gehen. Daher legt man schöne weiße Straußen­federn über den Hut, und gibt ihm auf dem Rande eine 8 Zentimeter breite Auflage von gekraustem Chiffon. Und wie man so bei der Arbeit sitzt, kommt die Nachbarin zu Be­such, die Schürze beutelartig gerafft und zeigt den Inhalt des Sackes: Lauter Spahn, aus dem sie, wie unsere Mütter in ihren Jugendjahren sich einen Hut zusammennäht; denn ein Spahnhut mit einemEntredeux aus breiten Spitzen, rotem flatternden Mohn oder auch kleinen Blütenknospen ge­schmückt, ist neueste Neuheit. Bei der Arbeit und beim Ge­spräch wird es einem klar, daß die Schneiderin in zwei Tagen doch unmöglich das champagnerfarbene Leinenkleid fertig­bringen kann. . Man hat es sich so schön gedacht, den in Quetschfalten gelegten Rock, das kurze Jäckchen, die passende Oberhemdbluse. Dazu einen hohen weißen Stehkragen um den Hals mit einem rosa Leinenshlips, einen champagner­farben^! Ledergürtel mit kleinen metallenen Schließen um die Taille. Der Rock muß fußfrei sein, damit man darin bequem laufen kann, aber man läßt sich noch einen besonderen Schlepprock dazu arbeiten, den man anlegt geht man zu einem Gartenfest, macht man einen Besuch. Hätte man den Stoff nicht schon zu Hause, könnte man sich das erträumte Kleid fertig kaufen.

Am Nachmittag lenkt man dann seine Schritte zu einer bekannten Schneiderin der Stadt, die in ihrem Atelier arbeitet. Vielleicht macht sie es noch; dann kann am Montag die Schneiderin für Lotte, das zweite Töchterchen, ein weißes Cape aus Cheviot anfertigen, das einen hellblauen Capuchon und hellblaues Futter haben soll. Die Schneiderin drückt jedoch ihr größtes Bedauern aus, nicht dienen zu können. Man wird zur Bestätigung der Tatsache, daß „rasend" au tun

ist in das Arbeitszimmer geführt. Da hangen die Kleider in Reihen, die noch fertig werden müssen: Nilgrüne Voile- Toiletten, weiße japanische Blusen, die nur ein Hauch sind mit ihrem Spitzenreichtum, weiße Piquâöcke, die drei hohe Volants umziehen. Und da hängt auch ein heller, getreide­farbener Tuchmantel, der bis zu den Knien reicht, mit gc= kräustem Sattel, weiten Aermeln, aus denen Spitzen quellen, weißem Seidenfutter, das vorn, wo es ausschlägt, mit blauen Stickereien besetzt ist, wie der Kragen und die Aermel. Der Mantel kann es einem antun. Man überlegt, ob, wenn man etwas von dem ersparten Wirtschaftsgeld zu der Summe, die der Mann für einen Mantel bewilligt hat, zulegt, er vielleicht erreichbar ist. Und wirklich man findet einen, in einem Geschäft, und er ist gar nicht übermäßig teuer. Und man kann sogar noch das weiße Cape für Lotte fertig kaufen. Schließlich erscheint die Schneiderin, und nun geht es Hals über Kops; man übergießt sie förmlich mit Schokolade, um sie bei guter Laune in der Hetzjagd zu erhalten. Windbeutel und Apfelsinen werden spendiert; zu Mittag gibt es einen besonders guten Braten. Die Kinder müssen helfen, die Nähte zu umstechen; man tritt den ganzen Tag selbst die Maschine; die Aermel werden nur eingeheftet; man über­redet Fräulein Mariechen, daß sie noch am nächsten Tag ein paar Stündchen kommt, man stellt ihr einen süßen Wein und ein paar Lachsbrödchen (Lachs ist ja jetzt so billig) zum Früh­stück in Aussicht, und sie kommt. Wirklich kann die Familie am Pfingstsonntag „ganz weiß" einherstolzieren; denn bei allem Trubel hat man nicht vergessen, die weiße Weste aus einem etaminartigen Seidengewebe dem Herrn Gemahl rei­nigen zu lassen. Man ist eben eine geschmackvolle aber auch tüchtige Frau 1 Emma Reichen.

Lokales.

** Vorsicht beim Abschluß von Mietsverträgen!! Die Ver- liner Vahnhossmission richtet an alle Lehrer und Er­zieher die Bitte, soviel in ihren Kräften steht, mitzuwirken an der Aufklärung der weiblichen Jugend auf dem Lande und in kleineren Städten über die Gefahren des ungeordneten Zuzuges nach der Großstadt. Eifrig sind Me Agenten der Vermieter beschäftigt, Arbeitskräfte für ihre Auftraggeber zu werben, und die Erfahrung lehrt, daß immer wieder Hundete von jungen Mädchen, angelockt von den ihnen ge­machten glänzenden Versprechungen, die ihnen vorgelegten Verträge unterschreiben, ohne von ihrem Inhalt Kenntnis genommen 31t haben. Sie glauben eine Stelle in einem städtischen Haushalt zu bekommen und sich im Lohn be­deutend zu verbessern, während es dem Vermieter auf Grund des Vertrages» freisteht, die Mädchen auch auf dem Lande unterzubringen und überdies oft sehr beträchtliche Vermitt­lungsgebühren von ihrem künftigen Lohn in Abzug zu bringen. So geschieht es oft, daß junge Mädchen durch ihre Unterschrift. sowie durch Auslieferung ihrer Papiere und Sackten völlig in die Hände nur auf den eigenen Vorteil bedachter Leute fallen; daß sie weit von ihrer Heimat entfernt in völlig fremde, oft ungünstige Verhältnisse ge­raten und einen großen Teil ihres schwer verdienten Lohnes dahingeben müssen. Schon jetzt fällt in manchen Häusern die Entscheidung über die Zukunft der eben aus der Schule tretenden jungen Mädchen, und noch wäre es Zeit, diese sowie deren Eltern auf die erwähnten Gefahren aufmerksam zu machen. Beiden wäre dringend zu raten, keinen Vertrag abzuschließen ohne zuverlässige Auskunft über Herrschaft und , Art des Dienstes. Außerdem sollten die Eltern nicht versäumen, durch schriftliche Notiz im Dienstbuch ihrer Tochter die Gültigkeit jeder weiteren Vermietung von ihrer jedes­maligen Erlaubnis abhängig zu machen. __

p k Eßgeschirr ans Kohles In Summit-Hill, Pennsyl- vanien, gibt es eine Fabrik von Eßgeschirr, wie man sie nicht alle Tage sieht: man macht dort nämlich Eßgeschirr aus Kohle, genauer gesagt: aus härtester Glanzkohle (Anthrazit). Die modernen Zyklopen, die sich dieser Fabrikation widmen, behauen die Kohle so, daß Milchtöpfe, Suppenschüsseln, Krüge u. a. daraus werden, und man kann sich denken, daß z. B.

blütenweitzer Käse, in einem solchen Behälter serviert, bei dem Gast stets , ein gewisses Erstauneir hervorruft. Dw Fabri­kation ist übrigens sehr einfach und ganz mechanisch. Man haut die, Gegeiistände mit einem Meißel aus einem möglichst gleichartigen Block heraus, gibt ihnerr auf der Drechselbaak die richtige Forrn, und poliert sie dann mit Büffelleder.

** Vorsicht bei Einkauf und Zubereitung von Pilzen! Da mit dem Eintritt der wärmeren Jahreszeit die Pilze wiederum in der allgemeinen Ernährung eine Rolle zu spie­len beginnen, wird darauf hingewiesen, daß auch anerkannt genießbare und bekömmliche Sorten geeignet sein können, die menschliche Gesundheit zu schädigen, sobald sie eine teil­weise Zersetzung erlitten haben. Es ist daher beim Einkauf und beim Sammeln von Pilzen darauf zu achten, daß nur junge, durchaus gesunde Exemplare als Nahrungsrnittel Verwendung sinden dürfen, während die alten ausgewachse­nen, sehr wässerigen oder in Zersetzung befindlichen Pilze zit verwerfen sind.

Ein sicheres Merkmal, giftige Pilze von unschädlichen zu unterscheiden, gibt es außer der genauen Kenntnis der einzel­nen Sorten nicht. Die hierfür empfohlenen Mittel, — Ein­tauchen eines silbernen Löffels, Mitkochen einer Zwiebel oder ähnliche, — sind nur geeignet, Irrtümer herbeizuführen und daher zu verwerfen. Es kann nur davor gewarnt werden, unbekannte Sorten von Pilzen zu genießen.

Im allgemeinen kann empfohlen werden, alle Pilze — auch die getrockneten — nach dem Reinigen mit kaltem Wasser zunächst einmal mit Wasser aufzukochen, dieses Wasser fort- zugießen und die Pilze alsdann erst weiter zu verarbeiten. Vorzüglich gilt dies für die „Morcheln", unter welchem Ra­inen häufig „Lorcheln" verkauft werden, die einen gesund- Heitlich nicht unbedenklichen, aber durch das Abkochen nach bisherigen Erfahrungen zu entfernenden Stoff enthalten.

' ^* Äemüsekuren. Die Zeit der frischen Gemüse ist da zur Freude aller Hausfrauen, die dadurch der leidigen Sorge um d:e Zuspeise enthoben sind. Die Gemüse haben aber nicht nur als Zuspeise, sondern als Speise für sich auch einen großen Wert. Um dies anzuerkennen, braucht man durchaus nicht ein enragierter Vegetarianer zu sein. Die Aerzte haben dies eingefeiten und verordnen zur Zeit, wo es junges srisches Gemüse gibt, also im Frühjahre und Sommer, dieselben in reichlicher Menge. Durch die darin enthaltenen Salze, wie phosphorsauren Kalk, Magnesia, Kali, Eisen und die Kiesel­salze, bewirken sie eine Besserung des Blutes, eine gesteigerte Knochenbildung, eine Hebung des Stoffwechsels, des Appetits und der Verdauung. Solche Gemüse, die diese Salze reichlich enthalten, sind vor allem Spinat, Salat, Mohrrüben, Schoten, Brunnenkresse, Meerrettich und andere, sämtlich nur wenn sie jung und frisch sind. Ein berühmter Arzt für Magen- und Darmkrankheiten sagte von der Brunnenkresse, daß sie zu jenen Pflanzen gehöre, welche den Magen 31t erhöhter Tätig­keit anspornen, die Nieren- und Schweißabsonderung erhöhen und regulieren, und so wohltätig bei Nierenkrankheiten wirken. Leider gilt die Brunnenkresse im Volke auch als Heilmittel gegen Schwindsucht, was sie nicht ist. Hier stiftet sie sogar eher Schaden als Nutzen. Sehr wichtig ist es, wie man die Gemüse zubereitet. Da der Wert der Gemüse zum größten Teile in den Nährsalzen beruht, die sie dem Körper zuführen, so ist beim Kochen daraus zu achten, daß dieser Wert nicht verloren geht. Man soll daher die Gemüse nicht mit mehr Wasser kochen, als mit dem man sie aus den Tisch bringt. Das Wasser von Spargel und Blumenkohl soll wenigstens in Suppen Verwendung finden. Auch das Kochen der Gemüse in Dampf empfiehlt sich, wogegen sich die vegetarische Kochart, die Gemüse zu wiegen und in Fett zu dämpfen, nicht für jeden Magen eignen dürfte. Manche Menschen essen fast gar keine Gemüse, zu ihrem Nachteile. Wir wiederholen daher, daß die Gemüse in der Ernährung einen sehr wichtigen Faktor spielen.

Verantwortlich: für den politischen, vermischten und unter­haltenden Teil Albin Klein; für den lokalen Teil K arlKlose.

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