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Er. 136.

Montag, den 13. Juni 1904

Jahrgang.

t!V»„eWextSpreiS: in Gießen, abgehelt Monatlich 50 Psg., rJ6 L«us gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mk. 1.50.

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Postzeitungsliste No. 3269.

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sKietzener Tagevtirtt)

Unabhängige Tageszeitung

(Oietzener Zeitung)

für Oberheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazeiger für Gießen und Umgebung.

Entbält alle amtlichen Bekanntmacknnaen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

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Der neue Mittelstand.

CB Die Forderung von Kaufmannsgerichten, solvie auch die Organisation der Angestellten in großen Fabrikbetrieben sind Kundgebungen einer Erwerbsklasse, die sich mehr und >achr konsolidiert und anscheinend berufen ist, anstelle der - ^uruüucic^ibcn gewerblichen Mittelstandsbevölkerung die Rockle eines neuen Mittelstandes zu spielen. Dieser neue PhlMHanb steht ungefähr auf der gleichen Stufe der Lebens- hâng wie die bessere Handwerkerschaft bis zum Anbruch iw Großbetriebsära. Seine wirtschaftliche Lage ist vielleicht socar noch etst-as günstiger. Dafür aber ist seine soziale Loqe uw so lw-niger günstig, tveil auch dreier Stand, wie alle in Privatd-ensten stehenden Berufe, von den , Kon- imtHsren abhängig ist. Nach der bisherigen Statistik sind riiga 2 Prozent der Privasbeanlten durchschnittlich je 167 Togo im Jahre ohne Stellung. Eine Betriebsvere'nigung zpâsch^ zwei großen Unternehmungen, wie z. B. bin Sie­na ns- und del- Schuckerünerken, und eine Bankfusien Wirft Rimberte und Hunderte von Privatbeamten auf das Pflaster. Der Großbetrieb bietet ihnen eine bessere wirtschaftliche CFriReng und eine freiere Stellung als der Klein- und der Mttelbetrieb; eine Erscheinung, die, man denke an den Ber­liner Bäckerstreik, auch bei der Arbeiterschaft zutrifft. Dafür èr ist die Stellung auch weniger gegen die Stürme U"^ Ueberrafchungen des wechselnden Geschäftsganges ges; , cc.

Unter Berücksichtigung dieser Verhältnisse ist es be- -reiUich, daß die Privatbeaniten auch von dem Staate eine ähnliche Fürsorge verlangen, wie sie den A-beitern gewährt fird. Sie haben mit den Arbeitern das pro solar ijdje Mo­ment der sozialen Abhängigkeit und Unsicherheit gemeinsam, rvenn sie auch wirtschaftlich auf einer höher m Stufe stehe". Den vielfachen Bemühungen des Ausschusses für die staat­liche Versicherung der Privatangesiellten ist es tatsächlich ge- bingen, den Staatssekretär Grafen Posadowsky insoweit für den Plan einer obligatorischen Versicl)erung sämtlicher Privatangesiellten — auch solcher mit einem Einkommen von mehr als 2000 Mark — zu interessieren, daß mit der nächsten Volkszählung im Jahre 1907 zugleich eine Erhebung über die wirtschaftliche u soziale Lage der Privatangesiellten sfdttfinben soll. Jnzw.n,en aber schreitet die Organisation mit gleichzeitiger Dezentralisation weiter fort. Dezentrali­siert ist indes nur der Verband, die Verbandsagelation wird durchaus in streng zentralem Sinne geleitet und zwar ar­beitet sie für drei Ziele: 1. Erweiterung der Bildung durch obligatorischen Fachschulunterricht für Nachwuchs, 2. Schaf­fung eines Privatbeamtenrechtes zur Beseitigung der Kon- kurrenzklausel, sowie Regelung der Dienstverträge und der rechtlichen Behandlung der Kautionen und Regelung der Pensionsverhältnisse, und 3. bessere Regelung der Arbeits­zeit und Kündigungsfristen.

Das sind Forderungen, die entschieden eine jede Partei bet treten kann, und es bedarf daher, um zum Ziele zu ge= langes» nicht einer Ausgestaltung der Organisation zu einer bestimmten politischen oder wirtschaftlichen Partei. Die Zbele werden vielmehr erreicht, ivenn die Privatbeamten inren herzlichen Einfluß innerhalb der einzelnen Parteien dazu benutzen, um diese für ihre Zwecke zu gewinnen.

Der Dcrcro-Husstand.

z Ein Teil der Ovamboneger, die unter der Botmäßig­keit des deutschfein dlichn „Kapitäns?" N e ch a l e stehen, ninnnt an dem Aufstand der Herero tätigen Anteil! Das ist die wesentlichste Mitteilung in der neuesten Depesche Leutweins. Sie besagt:

Die Nordabteilung Zülow hat am 29. Mai 'Otawi erreicht und klärt Otjenga auf. Coblenz ist von Oberleutnant Volkmann wegen Wassermangels und Krankheit aufgegeben. Der Fluß Omurambu-Ua- Matako wird durch Spione beobachtet. Der O v a m b o - Häuptling Nechale soll den Posten Namu ° tonizerstört und den Herero vielMunition verkauft haben. Die 9. Kompagnie steht noch unbe­ritten in Okahandja, sie soll den Verpflegungsnachschârb decken.

Namutoni ist eine kleine Militärstation im Norden des Schutzgebietes, dicht an der Ovanibogrenze. Gleich zu Be­ginn des Hereroaufstandes hatte Nechale die nur mit sechs Weißen besetzte Station überfallen. Seine Leute mußten aber mit blutigen Köpfen abziehen, und die kleine Besatzung konnte sich nach dem Suden durchschlagen. Die Station ruar seitdem verlassen. Nechale hat bekanntlich schon neulich den am Waterberg stehenden Herero Munition geliefert. Nach der Niederwerfung der Herero ist infolge dieses Ein­greifens Nechales eine Aufrollung der Ovambofrage uner­läßlich geworden. — Privatnachrichten über Leutweins Vor­gehen wissen noch zu berichten, daß die Kolonnen Estorff und Leutwein durch die Witboois miteinander Fühlung genom­men haben. Beide Kolonnen werden jetzt die Stellung der Herero am Omuramba genau erkunden. Samuels Streit­macht soll dort bei Okosongoho und Okahitua versammelt -ein, während kleine Abteilungen herumsi-reifen und die Vtappenstraße Omaruro-Outjo beunruhigen. Der Nord- mbteiliina Zülow aelana es, mit der Abteilung des Ober­

leutnants Rottmann in "Groot stustâ durch beiderseitige Pa­trouillen in Verbindung zu freien. Die Einkreisung der Herero ist also nach Norden, Nordosten, Osten, Südosten und Süden vollzogen.

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Der Krieg in Ostasien.

Die Berichterstnklung aus beiden Lagern bringt nock inrmrr niete toef ent lute über die Situation bei und in Port Arthur. Wu es scheint, sind aber alle Gerückste über größere Gefechte auf vhantaiubche Erstndungen zurück^..flihren.

"Allerdings sind dü Belagerten im jurnde, Nachrichten ar/’ i^r Festung herausg?tanoen zu lassen.

Fuukentclegrapnie Port Arthur—Tschifu.

Wie m^ Tswifu gemeldet wird, hat der fchianßsche Kons ul entdeckt. dc»ß der dortige russische Konsul jede Nacht einM drahtllst<»n Tclcgraphonapparat an seine Fahnenstange be­festige nm drahtlose Depeschen aus Port Arthur aufzufangen. Es wurden diplomansche Verhandlungen in dieser Angelem hei: erfolgen. S>Mf Nachricht mird auch von anderer Sel: bestätigt und zuglmch hinzugefügt, daß die Russen gp"* :> wärtig dabei sind ctyt Goldenen Hügel vor Port Arthur ne/.c Befestigungen annilna^

Während die Bertchr^'-n.fltung von dem auf der Liaut"nz Halbinsel belegenen ^f ^ ^ K'iegsfchauplatzes somit gänz­lich versagt, liegen rerchli ue Naa richten über die —

Gefechte bei FUns.hmanghtfcheng

vor. Doch bringen an» sie nichts neues, sondern nur inter­essante Einzelheiten über bereits bekannte Vorgänge, ^m 7. Juni nmrbe um 5 Uhr morgens eine russische Abteilu! .', die sich auf der Straße nach Aijanamyn als Sicherheitswac, befand, vom Gegner angegriffen, welche etwa eine Brigade Infanterie mit zwei Backte^ en und drei Eskadrons stark war. Der Chef der russischen Abteilung gab nach heftigem Gefc. den Befehl, zum Finschuilinpaß zurückzugehen. Auf russisa.ee Seite wurden drei Offiziere verwundet und gegen 100 Mann getötet und verwundet. Die Verluste der Javaner sollen groß gewesen sein. Sie gehörten zur zwölften japanischen Division.

—' Die politih.

Vt <U ^ C Hauptversammlung des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen gab sich besonders lebhaftes Interesse für den Punkt der Tage^c^dnung kund, der das Verhältnis des Zentralkomitees zu den künftigen Akademien für praktische Medizin betraf. Die anwefenden Regierungsvertreter gaben nähere Auf- rsar»ng übler Wesen und Aufgaben der Akademien. Was ba§ ärztliche Fortbildungswesen anlangt, fo sollen die Aka­demien in Gemeinsclzaft nüt dem Zentralkomitee und dessen lokalen Vereinigungen wirken. Was das praktische I a.ch r der Mediziner betrifft, so sollen die Akademien ebenso wie die Hospitäler die Gelegenheit zur Absolvierung des praktischen Jahres darbieten, ohne daß hierdurch für die Akademien ein Monopol geschaffen wiirde. Im gleichen Simw endlich solle an den Akademien auch eine spezial- ärztliche Betätigung ermöglicht' werden.

Balkan-Staaten*

K Zwei Requiems fanden am Jahrestage der Ermordung des serbischen Königspaares in Belgrad statt. Eines für einen der Mörder Alexanders, den Oberstleutnant Naumo­witsch, der ums Leben kam, als er die Tür zum Schlafzimmer des Königspaares mit Dynamit sprengte. Diesem Re­quiem wohnte der Ministerpräsident der erste Adjutant des Königs, Oberstleutnant Milosevitsch, der Kabinettschef des Königs, Nenadovi-tsch, der Stadtpräfekt und zahlreiche Offi­ziere bei. Ihre Anwesenheit bedeutete also die Sanktion des Königsmordes durch die gegenwärtigen Machthaber, auch durch König Peter. Das zweite Requiein galt dem ermordeten Königspaar und den Brüdern Dragas. Das niedere Volk Belgrads »ahm an der Feier teil, vom Hofe und aus der Ge­sellschaft war niemand zugegen. Vielleicht stellt die Haute votée von Belgrad sich dafür in den Versteigerungstermin ein, der in nächster Woche in Belgrad statt findet, und den Verkauf des gesaust"' Mobiliars des alten Konaks aus dem Nachlasse des Köni- Mexander zum Zweck hat. Da kann g&$ vielleicht für billiges Geld wertvolle Ankäufe machen. M,

Deutscher Reicbst»^

(96. Sitzung. » CB Berlin, 11. Jrmi.

Heun? betätigte sich wieder ernunrl dre alte Erfahrung, daß Mi* LTTifaniiTrhteeR Tagesordnungen gewöhnlich in der türzesbev Z^tt erütbipt werden. Nickst weniger als 29'@egeir siMde, 13 Wahbvrüiimgen und 16 Petitionen, standen zur Beratung, und kurz nach 4 Uhr erfolgte bereits der Schlus, b°r Sitzung. Einzig eure Eingabe wegen Befreiung der Därrne von der Flerschbes'buu und Erlerllsterung der Einfuhr von DärEo. und Pökelfleisch zur Wurstiabrilätron rief eine etwas außgebcljntF Agrnrdeba.tte hervor-, sonst wurde alles von der Tagesm-dnmm abgese^t. was zu eingehenden Erörte- rinii.ien hätte führen kennen. Der Rest wurde fast ohne Dill- kusston aufgearbeitet.

Preussischer Landtag.

- Haus der Abgeordneten. » ^

'(80. Sitzung.) - RK Berlin, 11. Juni.

Unter den Vorlagen für die heutige Sitzung war ledig- » das Gesetz über die Erhöhung des Grundkapitals der ^eestandlung von allgemeiner Bedeutung. Die Debatte be­wegte sich aus rein finanztechnischem Gebiet und ihr- Ergebnis war schließlich die Ueberweisung des Entwurfs an die Bud­getkommission. Zum Schluß der Sitzung wurden in ein­maliger Beratung die Berichte über Reisen zum Studium -der in anderen Bundesstaaten und im Aus lande getroffenen Maßnahmen zur Förderung des KleingÄverbes durch Kennt- nisnahnie erledigt. Ein Regierunasvertreier erklärte, der Haudelsminister werde auf dem betretenen Wege weiter fort- ^chreiten. In diesem Jahre sollen im Anschluß an die Welt- missteüung in St. Louis Kommissare A m e r i k a bereisen, im nächsten Jahre sollen Studienreisen nach Frankreich und den Niederlanden, vielleicht auch noch nach andern ßänbern folgen. Hierauf vertagte sich das Haus.

Dos und Gesellschaft.

*** Der Kaiser erschien zur' Besichtigung des Regi, ments Gardes-du-Korps und des Leibhusarenregiments am 11. d. Mts. bereits um 6 Uhr früh auf dem Bornstedter ^elbe, wohin ihm um 7 Uhr die Kaiserin nachfolgte. Nach der Besichtigung fand ein Exerzieren im Feuer statt. Hierzu war herangezogen ein Bataillon des 1. Garderegiments z F wobei der Kronprinz die 2. Kompagnie als Hauptmann führte; ferner waren herangezogen die Unteroffizierschule und zwei Batterien des 4. Gardefeldartillerie-Regiments. Nachher fand Kritik und Parademarsch der gesamten Trup­pen statt Der Kaiser setzte sich an die Spitze des Regiments Gardes-du-Korps, dessen Uniform er trug, und führte das­selbe durch die Stadt nach der Kaserne, wo er am Offizier- kasino das Regiment vorbeidefilieren ließ. Darauf nahm der Kaiser am Frühstück des Offizierkorps teil. Der Hebung Ahnten Prinz Friedrich Leopold sowie die fremdherrlichen Offiziere bei.

Nab und fern.

Q Zn bem Mordanschlag auf den russischen Gesandten in Bern verlautet weiter, daß der ^ernmmx u', nachdem ihm die Kugel aus dem Stirnbein entfernt worden ist, sieberlos und außer Lebensgefahr ist. ' nigegen der anfänglichen^ Auf­fassung hat das Attentat nichts mit Politik zu tun. Der Täter, Ingenieur Jlnicki, war seit einigen Tagen vollständig mitteb ws, was ihn zur Verzweiflung getrieben und zu dem Attentat auf den Gesandten veranlaßt hat, der, wie er glaubte, ihm feindlich gesinnt sei. Jlnicki hat sich nach der Tat keineswegs geflüchtet, sondern freiwillig dem nächsten Polizeiposten seinen Revolver überreicht, worauf er auf die Polizeiwache geführt wurde. Dort wurde er unbegreiflicherweise, nachdem er Na­men und Wohnung angegeben hatte, freigelassen. Erst als die Bundesanwaltschair bei der Berner Polizei die sofortige Ver­haftung verlangte, wurden Geheimpolizisten beauftragt, den Täter zu verhaften. Jlnicki stellte sich denselben freiwillig. Er wird vor ein eidgenössisches Schwurgericht gestellt werden. Jlnicki soll an Verfolgungswahnsinn leiden. Im vorigen Jahre reiste er nach Darmstadt, um dem Kaiser von Rußland persönlich ein Anliegen vorzutragen: dort soll ihm ein kaiser­licher Sekretär versprochen haben, seinen Fall dem Kaiser vor- zulegen. Arcch in Kopenhagen ist er bekannt. Er wurde im Jahre 1891 aus Dälwmark ausgewiesen, weil er am 6. Sep­tember 1891 eine Bittschrift in den Wagen des Kaisers Alexander III. geworfen hatte, als der Kaiser vom Bahnhof sich nach der russischen Kirche begeben wollte.

^ Ein Tollarkönig gestorben. Der bekannte amerikanische Millionär Leiter, der Schwiegervater des Vizekönigs von Indien, Lord Curzon, ist plötzlich im 70. Lebensjahre ge­storben. Leiter hinterläßt etwa 30 Millionen Dollar.

^ Ein neuer grausiger Leichenfund in Berlin. Während das furchtbare Rätsel des Fundes eines weiblichen Stumpfeâ im Charlottenburger Verbindungskanal noch seiner Auf­klärung harrt, ist die Reichshauptstadt schon wieder durch ein ähnliches Verbrechen in Aufregung gesetzt worden. Ain Schiffbauerdamm wurde die Leiche eines neunjährigen Mäd­chens aus der Spree gelandet, von der, gerade wie im ersten Falle, Kopf und sämtliche Gliedmaßen mittels eines scharfen Instruments glatt abgetrennt sind. Die Tote wurde als die seit dem 9. d. M. aus ihrer elterlichen Wohnung ver­schwundene Tochter Lucie des Zigarrenmachers Berlin rekog­nosziert. Alles deutet auf einen Lustmord. Der Verdacht richtet sich gegen zwei junge Leute von etwa 20 Jahren, die die Kleine und zwei ihrer Freundinnen an dem kritischen Tage bekästigten.

G Falscher Verdacht. Wie aus Dresden gemeldet wird, wurde der österrei^ische Graf Resseguier de Miromont, der im Verdacht stand, sein Kind infolge Mißhandlung getötet zu haben, aus der Haft entlassen. Der Verdacht hat sich ,ls un- ' gründet erwiese und soll ant leigen Klatsch zurückzu- führen sein. - - -