Samstag, den 13. Februar 1904.
__________________13. Jahrgang.
UH»«e«e<tSpreLs: in Sietzen, abgehrlt monatlich 50 Pfg., We H«uS gebracht 60 Pfg., dmch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
G»Ott-beU«geU: Oberhesfische Famittenzeitnng (täglich) und die Gietzeuer Ssifeublase« (wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
JusertionSpreiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz OGW Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 ä Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gietzen, S e ltersweg 88 Ferusprechanschlutz Nr. 368.
Yeuesie Nachrichten
(chietzener Pagevkrtt) Unabhängige Tageszeitung (Kieker: er Zeitung)
für Oberheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung,
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
j steuer Vorstoss auf port Artkur.
Während nach einer soeben eingetroffenen russischen Meldung die japanische Flotte seit Dienstag nicht mehr vor Port Arthur gesichtet worden ist, weiß ein Pariser Bureau 511 berichten, daß sie das Bombardement fortsetzte. Die Geschosse fielen bis zum Junenhafen ein und zerstörten Privat- gebäude. Ein Gegenangriff der russischen Flotte wurde mit großem Verlust zurückgeschlagem Weiter sollen die Japaner einen Landungsversuch an der schmälsten Stelle der Halbinsel Liautung am Ende der Duff-Bucht gemacht haben. Das Ziel des Landungsversuches war wahrscheinlich Kiutschau und Talienwan, um von dort aus Port Arthur in den Rücken zu fallen. Die Operation scheiterte vollständig, mib zwei japanische Regimenter, denen die Landung glückte, wurden, wie es scheint, vollständig vernichtet.
^je Rachricht ist in der Form, wie sie vorliegt, mit großer Vorsicht nufzunehmen, da sie aus französischer russen- freundlicher Quelle stammt, aber sie zeigt, was das wesentliche ist: Die Japaner werden nicht locker lassen, um Port Arthur, diesen wichtigsten russischen Seehafen, in die Hände 311 bekommen. Auch der kommandierende Admiral des deutschen ^reuzerg.eschwaders scheint dieser Ansicht zu sein. Denn er hat, wie das Reichsmarirrewnt mitteilt, den großen Kreuzer „Hansa" mit seinem unterkommandierenden Kontre- admiral v. Hultzendorff an Bord dorthin entsandt, um die Frauell und Kinder der dort ansässigen Deutschen aufzuneh- men und in Sicherheit zu bringen. Bei ihrem Vorhaben, durch Niederkämpfung Port Arthurs der russischen Flotte den Lebensfaden abzuschneidem rechnen die Japaner uugen- schemlich auf
ein mögliches Eingreifen Chinas.
Hinter der Meldung, daß eine Ei^mbahnbrücke der mandschurischen Bahn von Japanern in die Luft gesprengt worden sei, scheint ein für die russische strategische Verbindung recht gefährlicher Plan versteckt zu sein. Wie in London verlautet, sollen sich zehntausend Mann irregulärer chinesischer Truppen im Distrikt Kwanting in der Mandschurei befinden, die die Aufgabe haben, den russischen Eisenbahnkordon zu -atta fieren. Die chinesische Regierung weiß sehr gut, daß man ihr in Rußland offiziell aus diesem Vorgehen keinen Strick wegen Verletzung der Neutralität drehen kann. Sie bezeichnet eben ganz einfach ihre irregulären Soldaten als chunchusische Räuberbanden, denen sie auch wie ein Ei dem andern gleichen. Nur daß sie von verkleideten japanischen Offizieren befehligt sein sollen und planmäßig dem Vordringen der japanischen Heeressäulen über den Jalufluß Vorarbeiten, indem sie die russischen Truppenzufuhren hindern. Die Sympathien der Chinesen sind unbestritten auf feiten der Japaner. Der chinesische Gesandte in Stockholm Mn-Chang gestand das einem ihn interviewenden Journalisten rmumwunden zu und äußerte starke Zweifel, daß die augenblickliche Neutralität Chinas bis zum Ende des Krieges bewahrt werden könne. Die Kaiserin- Witwe von China soll in der höchsten Aufregung sein und nicht wissen, welchen Entschluß sie fassen soll. Sie fürchtet, Wohl nicht mit Unrecht, daß es ihr und der Mandschudynastie an den Kragen gehen könnte, falls die Japaner in der Mandschurei festen Fuß fassen, aber was soll sie schließlich gegen die im Volk und Heer herrschenden Strömungen machen.
Die Haltung Chinas und der Weltkrieg.
Die neutralen Großmächte verschließen ihre Augen nicht vor der großen Gefahr, die darin liegt, wenn China^in den Krieg verwickelt werden sollte. Ter amerifaniscije Staatssekretär des Aeußeren, Hay, tritt deshalb in einer Zirkularnote, die allen Mächten zugegangen ist, dafür ein, daß die „Neutralität Chinas und seine administrative Wesenheit" respektiert werde. In Washingtoner diplomatischen Kreisen will man diese Note auf eine Anregung von deutscher Seite zurückführeu. Wie es scheint, finden die Absichten Hays bei den am meisten interessierten Mächten, England und Frankreich, fruchtbaren Boden. England hat bereits seine strenge Neutralität offiziell ausgesprochen, und auch die französische Regierung hat ihre friedfertigen Absichten kundgegeben, wenn der Krieg auf Rußland und Japan beschränkt bleiben sollte. Wenn aber das chinesische Volk der Versuchung, selbst gege. Rußland die Waffen zu erheben, nicht widerstehen könnte, dann hätten wir den Bruch der Neutralität, der für Frankreich den casus foederis zugunsten Rußlands bedeuten würde. Damit wäre dann auch England in die Feindseligkeiten hineingerissen, und der Weltkrieg wäre fertig.
Russische Bündnisvorschläge an Deutschland.
Die russische Diplomatie hat die Gefahren, die für ihr Land in der ostasiatischen Frage liegen, denn auch nicht unterschätzt. Wie unser CS Mitarbeiter aus guter Quelle erfährt, hat sie schon seit geraumer Zeit sich den Rücken zu decken gesucht. Sie hat der Berliner Regierung bestimmte Vorschläge gemacht welche nur von dem Gedanken ausgehen konnten, daß der Brand in Ostasien nicht lokalisiert bleiben würde, Vorschläge, welche auf ein deutsch-russisches
Bündnis hinausliefen, die für uns gewiß vielversprechend waren, zumal sie mit unseren sonstigen Verpflichtungen den alten Verbündeten gegenüber nicht kollidierten. Me Zusammenkunft des Zaren in Wiesbaden und Wolssgarten mit unserem Kaiser hat, so wird versichert, nicht nur der Balkanfrage gegolten, sondern vor allem auch die drohenden Verwickelungen im fernen Osten im Auge gehabt. Me Leiter unserer Politik haben sich durch die großen Vorteile, die ihnen die russischen Vorschläge in Aussicht stellten, aber nicht über die schweren Gefahren täuschen lassen, in die uns die gar nicht zu übersetzenden Kriegseventualitäten verwickeln könnten. In diesem Sinne gilt für uns das Bü- lowsche Wort, daß wir in der Mandschurei absolut nichts zu suchen haben. ------ -------- ....
Du Politik.
. — Auf dem Festmahl des Deutschen § a N d w i r t - ^a.Usrats, der in Berlin tagte, hielt Reichskanzler Bmow eine bedeutsame Ansprache über seine Stellung ;u den Forderungen der Landwirte. Er bekannte sich als Anhänger der Landwirtschaft, weil er überzeugt ist, daß Port ™r allem das Mark und die Kraft des deutschen Volkes steckt. Dre Perbunbeten Regierungen, so fuhr Graf Bülow wörtlick fort, haben den ernsten Willen, den neuen Zolltarif sobald us möglich in Kraft treten zu lassen. Sie möchten vor allem unserer Landwirtschaft^ sobald als irgend angängig den stärkeren Zollschutz zuteil werden lassen, den ihr unser neuer Zolltarif gewährt. Andererseits sind die öerbünbeten Regierungen der Ueberzeugung, daß die Kontinuität unserer handelspolitischen Beziehungen zum Auslande möglichst gewahrt werden muß, damit sich der Uebergang von den alten zu den neuen Verträgen glatt und ohne Erschüterung vollziehen kann. Deshalb ist bisher davon Abstaiid genommen worden, die bestehenden Handelsverträge zu kündigen. Sollten sich jedoch wider Erwarten die Dinge so gestalten, daß aus eme befriedigende Einigung mit den anderen Vertragsstaaten in gegebener Zeit nicht gehofft werden könnte/so werden die verbiindetne Regierungen mit dem Bewußtsein zur Kündigung schreiten, daß die daraus sich ergebenben mach- teiligen Folgen nicht Deritschland allein und nicht einmal vorzugsweise Deutschland treffen wiirden. Die stellenweis humoristisch gehaltene,, im wesentlichen aber tiefernste Ansprache wurde mit großem Beifall ausgenommen.
♦
6" Vom Herero-Aufstand liegt heute nichts neues vor. Dagegen kommen aus unserem ostafrikanischcn Kolonial- gebict beunruhigende Meldungen, die zeigen, daß es auch dort gärt. Nach einer Depesche des Gouverneurs von Kamerun ist der Leiter der Station Ossidinge, Graf P ü ck - ler , in einem Kampfe mit Eingeborenen bei Basso gefallen. Eine Strafexpedition befindet sich unterwegs. Der gefallene Graf Pückler war der einzige Sohn des im Jahre 1902 verstorbenen bayerischen Majors Grafen Hermann Pückler-Limpurg.
^Aus einem dem Herrenhaus zugegangenen Bericht über die Schulden Preußens entnehmen wir folgende interessante Daten: Die Staatsschuld belief sich am 31. März 1902 aus 6 865 304 545 Mark. Dazu traten im Laufe des Etatsjahres 23 610 073 Mark hinzu, so daß sich die Staatsschuld am 31. März 1903 auf 6 888 914 618 Mark belief.
Dänemark.
Hl Eine Angelegenheit, die auch deutsche Leser interessiert, beschäftigte das Parlament in Kopenhagen: der Patriotismus des Herrn Jacobsen. Der bekannte Brauer und Millionär Karl Jacobsen befand sich vor einigen Jahren im Badehotel auf der Insel Fanö; eines Tages sah er deutsche Kinder kleine Hügel in den Sand graben und kleine deutsche Flaggen daraufstecken. In einem chauvinistischen Anfalle lief er hin, entfernte die Flaggen und warf sie in die See. Die wackere Tat wurde ruchbar und die deutschen und englischen Gäste verließen das Badehotel, um nicht wieder zurückzukehren. In den folgenden Jahren stand das Hotel leer und der Besitzer wurde ruiniert. Er wandte sich vergebens mehrmals an Herrn Jacobsen, um eine Entschädigung zu erhalten, und ersuchte schließlich die Staatskasse, ihm einen Ersatz von 10 000 Kronen zu gewähren. Trotzdem die Redner des Folkething den „Patriotismus" des Herrn Jacobsen gebiihrend ins Lächerliche zogen, konnten sie dem ruinierten Hotelwirt nicht helfen; er wurde mit seinem Ersuchen ab- und auf den Klageweg verwiesen. . ______
CnglancL
=1= Die englische Regierung hat noch immer Sorgen um Transvaal. Der Mangel an Arbeitern ist dort bekanntlich so groß, daß man zu ch i n e s i s ch e 11 Arbeitskräften Zuflucht nehmen mußte. Dagegen erhoben in der gestrigen Sitzung des Oberhauses mehrere Abgeordnete nachdrücklich Stellung. Der Unterstaatssekretär des Kolonialamts erklärte jedoch, die Regierung sei überzeugt, die einzige Lösung der Frage sei die Einführung chinesischer Arbeiter. — Dem vernichteten armen Burenvolke hat es an Arbeitskräften nie gefehlt!
Spanien.
Li Trotz der Popularität König Alfons hört bie repnblika. nifd)c Bewegung nicht auf. In Madrid wurden gestern mehrere Versammlungen von Republikanern abgehalten, in denen heftige Reden gehalten wurden. Vier Abgeordnete wurden verhaftet; von der Volksmenge wurden Versuche gemacht, sie zu befreien. Auch in Barcelona fanden Versammlungen von Republikanern statt, bei denen die Polizei einschreiten mußte.
Balkan-Staaten*
-* Außer klingender Münze, hat die Türkei noch andere Schulden. So schuldet sie noch den kompromittierten Mazedoniern die feierlich versprochene Amnestie. Vom Goldenen Horn wird heute die Verzögerung der Amnestie wenn auch nicht zu entschuldigen, so doch zu erklären versucht: .die buk garische Regierung sei an der Verzögerung schuld, denn das auf die Amnestie bezügliche Jrade sei bereits fertiggestellt Die bulgarische Regierung habe indessen bisher das Verlangen der Pforte, vorher gewisse loyale Zusicherungen zu geben, nicht beantwortet, deshalb seien die Ausnahmemaß- cegelen gegen den Verkehr aus Bulgarien nicht gänzlich sistiert worden. Die Gerüchte über türkische Kriegsvorbereitungen and bevorstehende Truppentransporte aus Kleinasien werden entschieden für unbegründet erklärt.
EiirkeL
+ In Konstantinopel erregt wiederum die Flucht eines Paschas ungeheures Aufsehen. Es handelt sich um Ahmed Djeladeddin Pascha, der einst der erste Günstling und allmächtige Vertraute des Sultans gewesen, aber vor zwei Jahren in Ungnade gefallen war. Ahmed Djeladeddin ist mit einer egyptischen Prinzessin, der Nichte des ehemaligen Khedive Ismail Pascha verheiratet, seine Gattin bezieht dreihunderttqusend Mark jährliche Renten. Bei seiner Flucht ging der Pascha verkleidet an Bord eines englischen Dampfers, auf dem er nach Egypten floh, wohin seine Frau angeblich krankheitshalber vorausgereist war. Der Sultan hatte ihm einen Urlaub nach Egypten abgeschlagen. Ahmed Djeladeddin Pascha, der in Konstantinopel fünfzehntausend Pfund persönliche Schulden hinterläßt, wird von seinem Sekretär Gumuschdjian, einem ehemaligen Mitglieds des armenischen Revolutionskomitees, begleitet.
Dos und Gesellschaft.
*** $ie uns zuverlässig aus Berlin berichtet wird, wird der Kaiser, nachdem er endglltig vom Antritt der Mittel- meerreise Abstand genommen hat, nunmehr bestimmt zur Vereidigung der Anfang Februar eingestellten Rekruten in den ersten Tagen des März in Wilhelmshaven eintreffen. Der Kaiser wird während seines dortigen Aufenthaltes an Bord des Linienschiffes „Kaiser Wilhelm II." wohnen, das zu diesem Zweck aus Kiel Ende Februar eintrifft. Am Tage nach j er Vereidigung wird der Kaiser wie in den Vorjahvetk mit dem Linienschiff „Kaiser Wilhelm II" eine Fahrt nach Helgo- l mb unternehmen und von dort über Bremen, wo .kurzer Vifenthalt genommen werden soll, die Rückreise nach Berlin .ultreten.
Deutscher Reichstag.
(31. Sitzung.) CB Berlin, 12. Februar.
Mühselig und fruchtlos schleppt sich die wieder aufgenommene Debatte über das Kapitel Reichsgesundheitsamt vor leerem Hause fort. Die wenigen Anwesenden halten viele Reden und äußern noch mehr Wünsche. Allein fast alle Wünsche haben nur mehr oder minder lokale Bedeutung, so daß sie die Allgemeinheit nicht interessieren. Der langen Reden knapper Sinn ist rasch wiedergegeebn: Abg. Mugdan (freis. Vp.) plaidierte für freie Arztwahl bei den Krankenkassen und für Entschädigung der Opfer gewerblicher Vergiftung, wie z. B. durch Blei. — . Abg. Becker- Hessen (nat.) wünscht Förderung des Verständnisses für freiwillige Invalidenversicherung und erklärt für möglich und erforderlich, daß die Altersrente, schon bei 65 Jahren zu zahlen sei. — Abg. Spahn (Zentr.) setzt sich mit dem Grafen Posadowsky über dessen vorgestriger setzt sich mit dem Grasen Posadowsky über dessen vorgestrige Rede auseinander. Der sozialpolitische Ksdestro^. scheint vorläufig noch unerschöpflich.
Hessischer Landlag.
Darmstadt, 12. Februar 1903.
Zweiter Präsident Dr. Schmitt eröffnet die Sitzung um 6 Uhr 15 Minuten.
Es [beginnt die Spezialberatung des Staatsvoranschlags für 1604.
Ohne Debatte wird genehmigt Kapitel 1, Reste aus früheren Jahren.
Eine längere Debatte entsteht bei Kapital 2, Kamerafi und Forstdomänen des Großh. Hauses, in der verschiedene Wünsche in Bezug auf die Jagdverpachtungen, Abhaltung der Holzveisteigerungen, Aufstellung der Waldkulturpläne, Bekanntmachung der Versteigerungen, Waldkulturarbeiten u. s. w. geäußert werden Es be-