Nr. 135. Erstes Blatt.
Samstac!, den 11. Juni 1904
13 Jahrgang.
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Gießener
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, S e ltersweg M ^ernsprechanschruß Nr. 362.
Neueste Nachrichten
(Gießener Gagevtatt)
MnaöySugige Tageszeitung
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Der Krieg in Ostasien.
Bisher will noch immer keine Aufklärung über die Vorgänge bei Port Arthur kommen. Im Gegenteil, die wilden Gerüchte werden nur noch durch neue verbesserte Auflagen vermehrt.
Admiral Skrydlow in Port Arthur?
Eine dieser Tartarennachrichten will wissen, daß Admiral Skrydlow sich nach Port Arthur hineingeschlichen habe. Aus Petersburg wird berichtet:
Admiral Skrydlow ist in Port Arthur eingetroffen, hat die Verteidigung des Platzes übernommen und rechnet auf wirksame Unterstützung des angeblich schon über 30 000 Mann verfügenden, die Belagerer bedrohenden Generals Stakelberg, sowie eventuell auf ein Zusammenwirken der Generäle Mischtschenko und Nennenkampf, um die Verbindung zwischen der ersten und dritten japanischen Armee zu stören. Kuropatkin seinerseits ist darauf vor- bereitet, daß gleichzeitig mit dem Hauptangriff auf Port- Arthur auch ein japanischer Vorstoß gegen Liautschang erfolgen werde.
Von einigermaßen zuverlässigen Nachrichten liegt nur eine über den
Vormarsch der Armee Kurokis B vor. Die russischen Vorposten sind im Gebiet von Mamadzy (Mamagai?) und Tienschan auf beträchtliche japanische Streitkräfte gestoßen. Jeden Tag finden Scharmützel zwischen den beiderseifigen Vorposten statt. Die russischen Truppen gehen langsam vor den überlegenen feindlichen Streitkräften zurück.
Die Politik. v
* Die Hroßnnkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine m Hamburg nimmt immer größeren Umfang an. Im letzten (10.) Geschäftsjahr hatte sie eine Zunahme um 58 G^ell- jcha^ten 311 verzeichnen; die Zahl der angeschlossenen Vereine erhöhte sich dadurch auf 305. In Geschäftsverbindung ficht die Gesellschaft mit 1301 Vereinen. Der U m s a tz stieg v^n 21 568 549 Mark auf 26 445 888 Mark; das ist eine Vermehrung gegen das Vorjahr um 4 877 340 Mark, gleich 21,61 Prozent. Das Königreich Sachsen ist an diesem Rie- senumsatz allein mit 10 261 638 Mark beteiligt. Lager befinden sich in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Chemnitz, Mannheim. Im Hamburger Lagerhause ist im letzten Jahr ein Kaffeerösterei - Großbetrieb eröffnet worden, der 36 Personen beschäftigt. In Aken a. Elbe wird eine eigene Seifenfabrik eröffnet. Der Reingewinn betrug 115 815 Mark. Das „Frauengenossenschaftsblatt", welches der Agitation für das Genossenschaftswesen unter den Frauen dient, erscheint in einer Auflage von nicht weniger als 136 000 Exemplaren! Unter diesen Umständen ist es begreiflich, wenn die Detailhändler aller Branchen über die Konkurrenz der billig einkaufenden Konsumvereine klagen.
Spanien,
A Wie vorauszusehen war, hat das Madrider Kabinet die vom Grafen Nomanones leichtfertig in die 28elt gesetzte Behauptung von der zeitweiligen Zugehörigkeit Spaniens zum Dreibund umgehend dementiert. In der Madrider Kammer erklärte Ministerpräsident Maura die Behauptungen des Grasen Nomanones über den Eintritt Spaniens in den Dreibund als eine frei und obenein schlecht erfundene Phantasie. In Deutschland hat wohl kein Mensch an die Möglichkeit der Wahrheit der Schilderungen Nomanones' geglaubt.
> Balkan-Staaten»
O Es scheint erst der Empörung der öffentlichen Meinung Europas bedurft zu haben, um die serbische Negierung zu veranlassen, dem schamlosen Treiben der Konigsmörder Halt zu gebieten. Die Verschwörer gedachten bekanntlich, am Jahrestage der Ermordung des Königspaares ein F r e u - denkonzert in Belgrad zu veranstalten. Jetzt hat die serbische Regierung die Abhaltung des Konzerts im Belgrader Offizierkasino verboten. Einen besseren nnb würdigen Eindruck hätte es gemacht, wenn die serbische Regierung da- tnit nicht so lange gezögert hätte.
' Hfriha.
® Der Konflikt zwischen England und dem Kongostaat spitzt sich immer mehr zu. England hat, wie bereits berichtet, dem Kongostaat die Einsetzung einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Zustände im Kongo- gebiet vorgeschlagen. Die Regierung des Kongostaates hat diesen Antrag jetzt als einen Eingriff in ihre staatliche Selbstständigkeit zurückgewiesen. Im britischen Unterhause kam die Sache gestern aufs Tapet. Verschiedene Redner unterzogen die im Kongostaat verübten Grausamkeiten und die Verletzung der Rechte der dort Handel treijnmbcn britischen Staatsangehörigen einer scharfen Kritik und forderten die Einberufung einer internationalen Konferenz zur Regelung der Verhältnisse im Kongostaat. Recht interessant ist, was Herr Percy, der Unterstaatssekretär im Kolonialamt, in der Angelegenheit zu sagen hatte. Er erklärte, England habe stets das Recht der Intervention in Angelegenheiten des Kongo
staates beansprucht. Was die Haltung anderer Mächte kv- trifft, so hätten die italienische, amerikanische und türkische Negierung (Heiterkeit) sämtlich versichert, daß sie Englands Vorstellungen „in ernste Erwägung ziehen" (Heiterkeit), Aber die englische Negierung fürchte, die übrigen Regierungen hegen die ganz unverständliche Ansicht, daß ihre materiellen Interessen in dem Kongobecken nicht genügen, um eine aktive Teilnahme zu rechtfertigen. Man sieht,. die Engländer ärgern sich, weil die am Kongostaat nicht weiter interessierten Mächte nicht mit ihnen gemeinsame Sache machen wollen. Es hat eben niemand Lust, fiir englische Interessen sich ohne zwingende Veranlassung einzusetzen. Und das ist gut so.
Hmertka.
^ Neues Blutvergießen wird aus dem Anfruhr- bczirk in Colorado gemeldet: In der Nähe des Ortes Dun- ville erstürmte die Staatsmiliz von Colorado ben Lagerplatz der st reikendenUnionbergleute, von denen fünf getötet und fünfzehn gefangen genommen wurden. Weitere Gefechte werden erwartet, obwohl der „Record", das anerkannte Organ der aus- und aufständischen „Western Federatton of Miners", btn Streikenden dringend empfiehlt, den nutzlosen Widerstand auf- zugeben. ____________
Kok und Gescllsc'a...
V* Das Kaiserpaar begab sich geftrm früh 6 Uhr, vom Neuen Palais zu Pferde nach dem Boruß bter Felde, wo das erste und dritte Gardeulanenregiment in P. de ausgestellt waren. Der Kaiser besichtigte die beiden Regi neuner.! Hierauf fand ein Exerzieren im Feuer statt, wozu 6 Compagnien vom ersten Garderegiment zu Fuß, das Gardeschützenbataillon und zwei Batterien des zweiten Gardefeld- artillerieregiments herangezogen waren. Sodann wurde die Kritik abgehalten, an die sich ein Parademarsch sämtlicher Truppenteile schloß. Dem, militärischen Schauspiel wohnten die fremdherrlichen Offiziere bei. Nach Beendigung der Besichtigung setzte sich der Kaiser an die Spitze des dritten Garde-UlanenregimentS und führte es nach der Kaserne. Dort ließ er das Regiment noch einmal bei sich vorbeidefilieren und nahm dann am Frühstück des Offizierkorps teib
Peer und flotte.
Fangnetze für Unterseeboote werden z. Zt. in den englischen großen Manövern bei Portsmouth erprobt. Es sind das etwa 60 Meter lange und entsprechend breite feinmaschige Netze aus Stahldraht, welche unter Beihilfe von Schleppern so gelegt werden, daß sich nähernde Unterseeboote darin festgelegt werden. Auf das Ergebnis dieser Proben ist man natürlich in den britischen Marinekreisen höchst ge- spannt, da, wenn kein Mittel zur Abwehr dieser unheimlichen Boote gefunden würde, damit die Seeherrschaft Englands in gewissem Umfange in Frage gestellt würde. „
Deutscher Reichstag.
(95. Sitzung.) CB Berlin, 10. Juni.
Einen recht interessanten Verlauf nahm sowohl mit Bezug auf die Reden als hinsichtlich der Absttmmungen die heutige Sitzung. Die zweite Beratung des Gesetzes betreffend die Kaufmannsgerichte wurde fortgesetzt und hüben und drüben wurde mit denselben Argumenten gekämpft wie gestern. Die Konservativen, das Zenttum und die National- liberalen, die Kompromißanträge eingebracht haben, um den Wünschen der Regierung bezüglich des Frauenwahlrechts und der unteren Altersgrenze für die Wahlbefähigung entgegenzukommen, bekundeten theoretisch Wohlwollen für den Standpunkt, den die Linke mit den Antisemiten auch in der Praxis vertrat. Mit einer sehr witzigen, wiederholt schaltende Heiterkeit erweckenden Rede wurde die Diskussion von dem freisinnigen Abgeordneten Träger eröffnet, dem dann der Zentrumsabgeordnete Trimborn, der bekanntlich den Geist dazu hat, in derselben Art und mit der gleichen Wirkung antwortete. Seine temperamentvollen Ausführungen interessierten die auf der Tribüne anwesenden zahlreichen Mitglieder des zurzeit in Berlin tagenden Frauenweltbundes offenbar nicht minder, als die seines Widersachers im weißen Barte, obwohl er das von diesem eifrig verfochtene Wahlrecht ihres Geschlechtes preisgab, um nicht die ganze Vorlage preisgeben zu müssen. Denn daß die verbündeten Regierungen den Beschlüssen der Kommission in dieser Frage und der Altersfrage ihre Zustimmung versagen würden, erklärte der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky noch einmal mit aller erdenklichen Deutlichkeit. Die Entscheidung hing an des Messers Schneide, wie sich zeigte, nachdem noch die Abgg. Lipinski, Böckler, Dove, Müller-Meiningen, Singer und Mommsen unter steigender Unruhe des Hauses gesprochen hatten. Es mußte bei der Abstimmung die Gegenprobe gemacht werden, ehe sich das Bureau einigen konnte, ob die Mehrheit ober die Minderheit stehe. Das Ergebnis, für das die Antisemiten den Ausschlag gaben, war schließlich die Ablehnung aller Abänderungsanträge und die Annahme der von der Regierung für unannehmbar erklärten Kommissionsbeschlüsse. Zu beachten ist dabei allerdings, daß das
Resultat nur durch eine Zufallsmehrheit herbeigeführt wurde, da die Bänke der Kompromißparteien viel spärlicher besetzt waren, als die der anderen. Gelingt es, für die dritte Lesung ein beschlußfähiges Haus zusammen zu bringen, dann könnte die Vorlage doch noch eine für die Regierung annehmbare Gestalt erhalten. Im weiteren Verlauf der Sitzung wird auch der Rest des Gesetzes im wesentlichen nach den Beschlüssen der Kommission angenommen.
preussischer Landtag.
Haus der Abgeordneten.
(79. Sitzung.) RR Berlin, 10. Juni.
Zwei Gesetzentwürfe, die der Regierung sehr am Herzen L'.gen, hat die preußische zweite Kammer gestern — abge- khnt. In dritter Lesung, also endgültig, sollte das Hans über den Gesetzentwurf betr. die D i e n st a u f s i ch t bei den größeren Amtsgerichten befinden. Mit den Aenderungen, die das Haus an der Vorlage in zweiter Lesung vorgenommen, erklärte die Regierrmg, sich nicht befreunden zu können, sie machten das Gesetz unannehmbar. Aber das Haus gab nicht nach, und da an eine Einigung! mit der Regierung nicht zu denken war, lehnte das Haus das Gesetz rundweg ab. Genau dieselbe Geschichte wiederholte sich bei dem Gesetz über die Regelung der Nichtergehälter, das ebenfalls in die Binsen ging. Der ©efepentmurf wegen Verlegung der braunschweig-preußischen Grenze in der Provinz Hannover wurde der Agrar-Kommission übervüesen. Dann vertagte sich das Haus.
N^h ipd ^m.
^ Die AassteSung der deutschen 'ßttntmktfcs;^ schaft in Danzig wurde gestern vom Prinzen Friedrich Heinrich eingehend besichtigt. Sein besonderes Interesse er^c^t^ die elektrische Schafschur. Mittags wurde unter Führung des Oberpräsidenten eine Weichselfahrt unternommen, woran der Prinz mit dem Direktorium der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und die Spitzen der Behörden teilnahmen. Die Ausstellung wurde am ersten Tgge von 4120 Personen besucht. I
□ Attentat auf den russischen Gesandten in Bern. Schon wieder ist ein Attentat auf einen hohen russischen Würdenträger verübt worden, bei dem augenscheinlich politische Leidenschaft die Hand geführt hat. Der Pole Jlnicky, früher russischer Offizier, gab auf den russischen Gesandten in Bern b. Jadowsky einen Revolverschuß ab und verwundete ihn schwer. Der Täter wurde verhaftet.
^ Hinrichtung. In Bochum wurde gestern der Arbeiter Ernst Schomburg durch den Scharfrichter Engelhardt aus Magdeburg enthauptet. Schomburg war am 21. Januar vom Bochumer Schwurgericht zum Tode verurteilt worden, weil er in der Nacht zum 29. November 1903 den Rechnungs- führer Schellenberg ermordete und beraubte.
□ Aufruhr im Zuchthause. Im Krankensaal des Zuchthauses zu Münster i. W. fand ein Aufruhr statt, an dem auch die Insassen der Jrrenstation teilnahmen. Die Aufseher mußten, um der Meuterer Herr zu werden, von der Waffe Gebrauch machen.
. M= Untat eines Rasenden. Eine furchtbare Tragödie ereignete sich in der Arbeiterkaserne zu Schackenthal bei Bernburg. Ein arbeitsscheuer Lki.jch, dem Ausweisung drohte, tötete in einem Anfall von Raserei zwei kleine Ènder eines Aufsehers durch Beilhiebe und verwundete ein achtjähriges Mädchen eines anderen Aufsebers schwer. Nach der Tat erhängte er sich.
c? Eine ungeheuere Fenersbrnnst brach zu Antwerpen in den Holzlagern am Hafen aus. 40 000 ^Kubikmeter Holz standen gleichzeitig in Flammen, über 20 schuppen wurden eingeäschert. Infanterie und Genietruppen wurden zur Lösch'!'.g hinzugezogen. Mehrere Neugierige wurden bei dem Brande schwer verletzt. Das Feuer ist zwar eingedämmt, wird aber noch tagelang fortbrennen. Der Schaden übersteigt bereits 1% Millionen Francs.
*i* Diebe als Mönche verkleidet. Eine böse Erfahrung mußte in Paris ein reicher Italiener namens Vitelli machen. Er besuchte die Basilika der. „®acré Coeur" von Mo-^- martre, als er von zwei Mönchen in italienischer Sprache angeredet wurde. Sie sagten, sie hätten ihn als Landsmann erkannt, und da sie in Paris nicht Bescheid wüßten, so baten sie ihn, sie in ein für Geistliche paßendes Gasthaus zu führen. Vitelli machte sich mit den Mönchen auf den Weg, und zum Dank für seine Dienste schenkte ihm der eine Pater ein Ska- pulier, das der Sttfter seines Ordens geweiht haben sollte. Er bestand darauf, die kostbare Reliquie dem Führer selbst zwischen Hemd und Weste auf die Brust hängen zu dürfen, und hierauf gingen sie weiter bis zur Rue Ramey. Dort rief der andere Mönch: Da sind wir ja in der Rue Ramey, und nun kenne ich mich aus. Vitelli verabschiedete sich, fand aber später, daß ihm ein Taschenbuch mit 1200 Franken und seine goldene Uhr fehlten. Es gelang der Polizei, die Diebe zu finden und festzustellen, daß es zwei englische Gauner waren, die sich als Mönche verkleidet hatten.
T Ein merkwürdiger Schiffsnnfall ereignete sich in Queenstown. Dort ging ein der Regierung gehörender Dampfer, der Tender „Tbistle", während der Fabrt bnrdâ