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die Seele den einzigen Refrain nur dazu hat: kein Endel So hinleben, so weiterträumen, ewig, ewig!
Wie einzelne Lichtblitze taucht es dann auf in diesem wonnigen Helldunkel: eine Spazierfahrt auf zwei großen Wagen, auf der Hinfahrt eine ungeheure Lustigkeit, Kaffeekochen im Walde, allgemeines Bekränzen mit Eichenlaub; wie entzückend sah der ernste grüne Kranz auf den Haaren Helenens aus! Auf der Rückfahrt bei dem mangelhaften Licht bunter Lampions, die sehr oft auslöschten, eine sentimentale Stimmung, verbunden mit Absingung trauriger Volkslieder, — nun, es war eben eine Waldpartie, wie tausend andere auch. Wirklich? Aber war es denn nichts besonderes, daß sich zwei ganz zufällig von den anderen getrennt hatten und tief in den Wald hineingegangen waren? Und daß es dort so schön und heimlich war, rings umher stark duftendes Nadelholz, dazwischen verstreut schlanke, zierliche Birken, von denen Fritzens Begleiterin sagte, das wären die Jungfrauen des Waldes? Er hatte sich so gefreut über das poetische Wort; er mutzte fortan stets daran denken, wenn er eine Birke sah. Und dann hatte sie ihm gebeichtet, warum sie ihn so oft und ausführlich nach englischem und amerikanischem Leben und nach der Stellung, die die Frauen dort einnehmen, ausforschte; sie wollte ihr Examen als Lehrerin machen und wollte dorthin, ja, ganz bestimmt, ob er sie auch noch so erstaunt ansähe. Sie mutzte ja! Ein Paar Jahre sei sie daheim noch notwendig, dann aber verlange die Erziehung der drei Brüder immer mehr Mittel, die ihr Vater, ein vermögensloser pensionierter Major, doch nun einmal nicht habe. .Da müsse sie helfen verdienen, und sie wolle es auch gern und sei Herrn Norden so dankbar, datz er geduldig ihre zahlreichen Fragen beantworte und ihr unermüdlich Schilderungen von Land und Leuten entwerfe. Er hatte sie nur groß angesehen und gesagt: „Sie werden niemals nach drüben kommen!" und als sie verwirrt fragte: „Aber warum nicht?" hatte er nur gelächelt und sie abermals angesehen.
Während der Heimfahrt, als rund um sie her all' die sentimentalen Lieder erklangen und der nächtliche Sommerwind die bunten Flämmchen immer so rasch auswehte, da hatte seine im Dunkel umhersuchende Hand ein weiches kleines Händchen eingefangen; das bebte zuerst erschrocken, aber dann fügte es sich und lag still in seiner starken Rechten, und um die beiden schwebte das Glück und fächelte mit seinen goldenen Schwingen.
Kein Ende! Kein Erwachen aus diesem Traum!
Zuweilen schrak Fritz Norden doch daraus empor, das war, wenn er an Roland von Triberg dachte; er wußte es längst, daß dieser sein ganzes Glück ebenfalls auf das schöne, blonde Mädchen setzte, und er wußte auch, daß diese Liebe hoffnungslos war. Uebrigens — was wollte Roland denn eigentlich? Ein blutarmer adeliger Sekondeleutnant und ein gleichfalls blutarmes adeliges Fräulein, — das ging doch nimmermehr! Er war doch klug genug, sich das zu sagen! Warum tat er denn das nickst, sondern umwarb Helene geradezu, stellte sich mit ihm — Fritz Norden — geflissentlich in die Schranken? Wem Helene den Preis reichen würde, das schien kaum zweifelhaft; nur Noland selbst schien merkwürdigerweise dennoch daran zu zweifeln. Nun, das wäre lächerlich gewesen, hätte Fritz ihn nicht seinen Freund genannt und ihn lieb gehabt; er tat ihm leid, aus. feinen blauen Augen sprach oft in unbewachten Momenten ein so hoffnungsloser Gram, dann wieder hatte seine Lustigkeit etwas Krampfhaftes, sein Lachen klang unwahr und erzwungen. Was sollte Fritz tun — sich mit ihm aussprechen? Aber Roland vermied das ersichtlich; es würde auch seinen sehr empfindlichen Stolz verletzt haben. Das Opfer seiner Liebe natürlich wollte und konnte Fritz seinem Freunde nicht bringen, es wäre auch ganz gewiß nutzlos gewesen; denn, gesetzt, Helene entschloß sich, ihren Vetter zu erhören, wovon sollten die beiden existieren? Hundertmal besser doch, sie heiratete einen tüchtigen Kaufmann, der für sie und die Ihrigen, die sie so rührend liebte, sorgen konnte. Freilich, mit einem Einkommen, wie das in London oder Newyork gewesen war, würde Fritz Norden das nicht können; das hatte kaum für ihn selber zugereicht und ihn nicht einmal vor Schulden bewahrt; er hatte sich an das Leben im großen Stil gewöhnt, und nur ein solches wollte er Helene bereiten.
.(Fortsetzung folgt.),
Eine Hausfrau, r
Novellette von B. Rittweger.
(Nachdruck verboten.^'
I.
Ein leichter offener Wagen rollte an einens Hellen Oktobermorgen die Landstraße entlang. Seine Insassen patzten zu dem Sonnenschein ringsum: die Augen des jungen Paares leuchteten in frohem Glanze, und während der Herr erklärend dahin und dorthin deutete, verrieten die Züge seiner bildhübschen Gefährtin reges Interesse an einer ihr offenbar noch unbekannten Umgebung. Doch alles Erklären und Umschauen hinderten die zwei Menschen nicht, sich bisweilen nach einem prüfenden Blick auf den Rosselenker, einem alten, verwitterten Gesellen, eng aneinanderzuschmiegen und Kuß um Kuß zu tauschen. Hervorragende Menschenkenntnis gehörte nicht zu der Behauptung: Das junge Paar ist auf der Hochzeitsreise. So war es in der Tat. Oder noch weit schöner. Die Hochzeitsreise lag hinter den bethen Glücklichen und jetzt sind sie auf der Fahrt ins eigene Heim. „Noch eine halbe Stunde, Lotte, dann siehst du schon das Forsthaus. Dort, hinter jenem Gehölz, liegt's am Abhang eines Buchenwaldes."
„Ein freundliches Haus, nicht allzu groß, aber behaglich, von zwei stattlichen Fichten bewacht, die zu beiden Seiten ihre Aeste recken, ein fruchtbarer Garten, der gewiß unter den Händen meiner Lotte reiche Ernten bringen wird, ein Brunnen" — „Spötterin du! Das fordert Rache, da, da und da."
„Nun ja, du Böser, Lieber, so, wörtlich so hast du mir geschrieben in deinem ersten Brief, nachdem du als wohlbestallter Oberförster deinen Einzug gehalten hattest. Es muß dich doch freuen, wie gut ich das gemerkt habe. Wirklich, im Ernst, Hans, du glaubst nickst, wie die Beschreibung mich angemutet hat, wie ich die Stelle immer und immer gelesen habe. Mein Heim, unser Heim! Tausendmal hab' ich das Wort wiederholt, tausendmal. Mein Hans, wie dank' ich dir's! Wie könnt' ich dir's je genug danken, daß du mich, mich unbedeutendes Wesen gewählt hast, die arme „Stütze", die ohne Anhalt, ohne Heimat in der Welt stand. Aber ich werde dir's danken, Lieber, so sehr ich kann. Eine tüchtige 'Hausfrau sollst du an mir bekommen, das verspreche ich dir. Alles, alles will ich tun, unser Heim zu einem Orte des Behagens, der Ordnung zu machen. Und ich freue mich, daß ich in guter Schule gewesen ptn. Die Frau Oberamtmann steht nicht umsonst im Ruf, eine ganz vorzügliche Hausfrau zu sein."
„Na, Kleine, nur langsam! Mir ist sie zu vorzüglich, diese ewig schaffende, nie rastende Frau, die ihre Umgebung gar nickst zu dem Gefühl rußigen Behagens kommen läßt. Alle Achtung vor ihr! Und dankbar bin ich ihr auch, daß sie mein Lieb so mütterlich behütet hat und daß sie es sich nicht nehmen ließ, uns die Hochzeit auszurichten; aber ein anderes Ideal von meiner künftigen Hausfrau schwebt mir doch vor" — „O, Hans, wie kannst du so sprechen! Gelänge es mir nur, so zu werden wie Frau Schreiber! Aber ich fürchte, das werd' ich nie erreichen."
„Sollst du auch nicht, Lieb! Ein gemütliches Heim sollst du mir bereiten und hübsch ordentlich soll's auch bei uns zugehen; aber ob nun einmal da oder dort ein Stäubchen liegt, das soll mir gleich sein. Ich verstehe unter Behagen etwas anderes, als die Frau Oberamtmann. Eine Gattin, eine Gefährtin will ich, keine bloße Wirtschafterin. Nun, ich weiß, meine Lotte findet schon das Rechte."
Die junge Frau, deren Antlitz sich unter den Worten des Gatten etwas verdüstert hatte, sah ihn fast ängstlich fragend an und wollte eben ein Wort erwidern, als ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde. Die Straße her, dem Wagen entgegen, kamen zwei männliche Gestalten. Ein Gendarm mit geschulterter Flinte geleitete einen in zerlumpte Kleider gehüllten Menschen, dessen Hände gefesselt waren. „O, Hans — sieh dort, wie schrecklich!" Der Oberförster zuckte beim Anblick der beiden leicht zusammen. Da der Weg anstieg, fuhr der Wagen langsam. Der Kutscher drehte sich um und sagte, wobei er mit dem Peitschenstiel auf den Gefesselten deutete: „Der Lumv ist jetzt erst transportabel, wie Sie sehen, Herr Oberförster." In diesem Augenblick begegneten sich Wagen und Fußgänger. Lotte bemerkte nun, daß der Verhaftete eine Bind«
um die Stirn trug. Mit rauher Stimme schrie dieser, wobei er trotz der Fesseln die Fäuste ballte: Schön guten Tag, Herr Oberförster. Na, haben Sie eine junge Frau heimgeholt? Ich bedank' mich auch schön für das Loch im Kopf. Wenn ich erst wieder frei bin, nachher treffen wir uns schon wieder und dann mach' ich's wett, so wahr ich Valentin Meffert heiße!" Der Gendarm bemühte sich, den Wütenden zum Schweigen zu bringen. Der Kutscher trieb die Pferde an, und die scheltenden Worte verhallten unter dem Rollen der Räder. Lotte sah ängstlich fragend den Gatten an.
„Du bist erschrocken, Kleine, ich kann mir's denken. Aber es hat nichts zu bedeuten. Der Kerl ist ein berüchtigter Wilderer. Ein paar Tage, bevor ich zur Hochzeit abreiste, traf ich ihn im Revier, als er eben im Begriff war, einen Rehbock auszuweiden. Ich rief ihn an und forderte ihn auf, sein Gewehr abzugeben. Er legte sofort auf mich an, und in der Notwehr galt's, nicht zu zögern. Ich sah's ihm an, daß es sich um Tod und Leben für mich handelte. Unsere Schüsse knallten zu gleicher Zeit. Der seine ging fehl, meiner traf. Obgleich ich in meinem Recht war, fühlte ich's doch bitter, einen Menschen vielleicht tötlich verwundet zu haben. Zum Glücke stellte es sich bald heraus, daß die Wunde nicht lebensgefährlich war. Ich hatte aber viel Lauferei und Unruhe von der Geschichte, und beinahe hätte ich nicht zur Hochzeit reisen können. Ich wollte dich nicht mit der unerquicklichen Angelegenheit beunruhigen. Nun hast du's doch erfahren. Es ist mir leid, Lotte, daß dir diese Begegnung nicht erspart geblieben ist. Vor den wüsten Drohungen brauchst du dich nicht zu ängstigen; der wird jetzt auf ein paar Jahre unschädlich gemacht."
„Ach, Hans, wie könnt' ich das, mich nicht ängstigen! Wie der Mensch dich ansah, es war furchtbar" — „Ba ! Solche Kerle, die führen das große Wort, sind aber im Grunde doch feig wie die Hunde, wenn man ihnen den Meister gezeigt hat. Komm, Lieb, laß uns nicht mehr daran denken. Schau, dort liegt das Forsthaus. Dorthin wende den Blick, Liebste. Unser Heim! O, Lotte, wie glücklich bin ich!"
Die Wolke vom Antlitz der jungen Frau verschwand. Voll Spannung ruhte ihr Auge auf dem roten Ziegeldach, das am Waldesrand schimmerte. „Und dort sind die beiden Fichten, ich seh' sie genau, o Hans, wie herrlich! Ja, laß uns glücklich sein im Schutz dieses Hauses, du liebster, bester aller Männer." _
Am Abend — der Oberförster hatte noch einen notwendigen Gang ins Revier machen müssen, stand Frau Lotte in der Haustür. Tiefe Stille herrschte ringsum. Da kam die Erinnerung an die Worte, die Hans während der Fahrt heute zu ihr gesprochen hatte über die Hausfrauentugend der Frau Oberamtmann, ihrer früheren Prinzipalin. Sonderbar, daß er an dieser etwas auszusetzen fand. Konnte es denn wirklich zu vorzügliche Hausfrauen geben? Nein, darin irrte Hans, ganz sicher, und sie wollte nach wie vor Frau Schreiber als ihr Vorbild betrachten und ihr nacheifern. Dann würde Hans gut versorgt sein und es nicht zu bereuen brauchen, daß er ein Mädchen ohne alle Mitgift heimgeführt hatte. Der Hausstand würde gedeihen, und das sollte ihre Freude, ihre Genugtuung sein. So beruhigte, sich Frau Lotte, und dann wanderten ihre Gedanken noch einmal rückwärts zu dem Wilderer, an heu sie nicht wieder gedacht hatte in den Stunden, die vergangen waren seit dem glückseligen Augenblick, da Hans sie über seine Schwelle führte. Ein unheimlicher Gesell, dieser Wilderer! Daß er ihnen auch gerade heute begegnen mußte! So gab's denn doch einen Schatten an diesem herrlichen Tage. Einennur? War denn nicht Hansens Urteil über Frau Schreiber, die Verschiedenheit ihre Ansichten über diesen Punkt auch ein solcher gewesen? Gab's kein wolkenloses Glück? Auch dann nicht, wenn man auf der Höhe desselben angekommen zu sein meint? Ach was! Der Wilderer sitzt nunmehr hinter Schloß und Niegel, und das andere, bah, was versteht Hans davon, Don Hausfrauentugend! Die junge Frau will ihm ja alles zuliebe tun, dem Mann, dem sie so viel Glück verdankt, aber darin muß er sie ihre eigenen Wege gehen lassen und —
„Lotte!" — „Hans!" — „Endlich!" — Der letzte Ausruf tönt aus beider Mund und alle Erwägungen, die eben noch Kopf und Herz der „Hausfrau" durchzogen haben, schwinden vor dem Glück des Augenblicks.
^ II.
Drei Jahre sind vergangen. Vom Herbstsonnenschein beleuchtet, von buntem Laub umgeben, zu dem die beiden immergrünen Fichten einen wundersamen Gegensatz bilden, der Hof belebt von gackerndem Federvieh, vom Plätschern des Brunnens, von geschäftig t Menschen, so liegt das Forsthaus da. Die Fenster glänzen vor Sauberkeit; blendendweiße Gardinen prangen hinter den Scheiben. Auch das schärfste Auge fände keinen Anlaß zum Tadel. Und wie von außen, so von innen. In keinem Raum Unordnung, überall peinlichste Reinlichkeit. Man könnte das ganze Haus für unbewohnt halten, so makellos ist alles. Nur das Zimmer des Oberförsters macht eine Ausnahme; auch hier herrscht allerdings größte Sauberkeit, aber zugleich eine gewisse Unordnung, die jedoch gar nicht unangenehm wirkt, weil sie dem Zimmer etwas Eigenartiges, das Gepräge einer Persönlichkeit gibt. Alle übrigen Räume wirken fast wie Salons oder vielmehr wie „gute Stuben". Davon macht selbst die Kinderstube keine Ausnahme. Ein ^’inberroagen steht hinter der spanischen Wand, dem Auge verborgen; und wenn der Papa mit seiner kleinen Hanna scherzen und tändeln will, muß er erst einen großen Bogen um das Hindernis herum beschreiben. Aber dafür sieht es in diesem Gemach auch gar nicht wie in einer Kinderstube aus, sondern ganz fein und ordentlich.
Frau Lotte hatte tüchtig zu schaffen; ein ganzes Haus, etwas Landwirtschaft, das kleine Kind ist zu versorgen, und nur ein Dienstmädchen dazu. Ihr Mann wollte ihr ja gern ein zweites halten, aber sie hat das Anerbieten entrüstet abgelehnt. Jst's doch ihr ganzer Stolz, eine vorzügliche Hausfrau zu sein. Das muß ihrem Mann genügen, das ist doch das höchste Lob, das einer Frau erteilt werden kann. So oft versichert sie das ihrem Hans, das er beinahe selbst daran glaubt und kaum noch einen Versuch macht, seine abweichende Ansicht zur Geltung zu bringen, nach der ein gebildeter Mann noch etwas mehr in seiner Frau sucht, als eine Haushälterin. Freilich über diesen Punkt können sich die zwei Menschen nicht einigen, die einander so innig lieben und doch nicht glücklich sind, weil Frau Lotte eine gar zu gute Hausfrau ist und keine Zeit hat, ihrem Gatten mehr zu sein.
Wie schön hat der Oberförster es sich gedacht, des Morgens, ehe er ins Revier geht oder die Bureauarbeit beginnt, mit seiner jungen Frau beim Kaffee ein halbes Stündchen gemütlich zu verplaudern und sich durch ein solches Zusammensein zu des Tages Arbeit zu stärken. Er hat aber bald eingesehen, daß er es nicht $u erzwingen vermag. Lotte hat nie Zeit und Ruhe dazu. Wagte er einen sanften Vorwurf, so hieß es: „Aber Hans, wie du nur sprichst. Wie könnte ich mir die Zeit nehmen, morgens müßig zu sitzen, zu plaudern ohne Zweck. Nein, Morgenstunde hat Gold im Munde, das mußt du doch einsehen." Nun, er sah es zwar nicht ein, aber er gewöhnte sich allmählich daran, beim Kaffee die Zeitung zu lesen oder gar im Bureau bei den Akten Ersatz zu suchen für die Gesellschaft seiner Frau. Wie morgens, so ging's den ganzen Tag über. Die Hausfrauenpflichten über alles! Das war Frau Lottes Wahlspruch, nach dem sie handelte, wobei als leuchtendes Vorbild Frau Oberamtmann Schreiber stets vor ihren Augen stand.
Lotte kannte keine Ruhe und kein Behagen. Den ganzen Tag schaffte sie und war tief gekränkt, als sie wahrnahm, daß Hans ihr diese emsige Tätigkeit nicht einmal dankte. Der Oberförster wurde es müde, den Kampf fortzusetzen; er gab sich darein, allein zu frühstücken, mittags mit dem letzten Bissen seine Frau verschwinden zu sehen und abends, beim Vorlesen, alle paar Minuten unterbrochen zu werden, weil Lotte immer noch etwas einfiel, was gerade jetzt besorgt werden mußte. Schon seit langer Zeit hatte er das Vorlesen aufgegben, auf das er sich vorher so herzlich gefreut hatte; schweigsam saß er allein mit seinem Buch in der Sofaecke. Auch verlernte er es nach und nach, sein junges Weib zu einem Waldspaziergang aufzufordern, denn er kannte die Antwort im voraus: „Heute hab' ich keine Zeit, ein andermal." Spazierengehen schien Frau Lotte das Unnötigste, was es nur geben kann. Allenfalls zu einem Besuch in der Nachbarschaft war sie zu überreden, denn sie meinte, das gehöre zu ihrer Stellung, und es hätte also einen Sinn, deshalb einmal eine Arbeit zu verschieben. Aber spazieren gehen? Die Frau Oberamtmann war auch nie spazieren
gegangen.
(Schluß folgt.)