Nr. 8.
Montag, den 11. Januar 1904.
Ja rgang
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Gin deutscher Diplomat
über die Lage in Ostasien.
Krieg oder Frieden in Ostasien? Seit Wochen schon wird biefe Frage in allen möglichen Nuancen durch die Presse aller Nationen variiert, ohne daß bisher irgend ein greifbares Resultat zutage getreten wäre. Rosig gefärbte Botschaften lvechseln mit düsteren in bunter Reihe ab und beleben oder yemmen den Pulsschlag des Welthandels und der Industrie. Nicht einmal die Ueberreichung der russischen Antwortnote an Japan hat an diesem Stand der Dinge etwas geändert. Denn ihr Wortlaut wird von beiden Seiten bisher streng geheimgehalten. Bei dieser Unsicherheit wird eine Unterredung unseres Berliner ^.-Mitarbeiters mit einem durch langjährigen Aufenthalt in Ostasien über hie einschlägigen Verhältnisse aufs beste unterrichteten deutschen Diplomaten einen dankenswerten Ariadnefaden durch das Labyrinth von Kriegs- und Friedensgerüchten bieten. Der Gewährsmann unseres Mitarbeiters schneidet darin die Grundfrage an:
Wem nützt ein Krieg in Ostasien?
Wenn Japan die Hoffnung hegen könnte, Rußland dauernd aus Asien zu vertreiben und die gelbe Rasse dort zum alleinigen Herrn der Situation zu machen, dann wäre es nur vernunftgemäß, wenn es den Krieg mit aller Macht vorbereiten würde. So liegen aber die Verhältnisse bei weitem nicht. Japan kann höchstens Rußland zur Zeit an einem weiteren Vormarsch hindern und kann sonach Korea gegen eine Invasion der Russen schützen. Ganz aussichtslos aber ist das Unterfangen, Rußland von jeglicher Mitwirkung bei der Aufteilung Chinas auszuschl'c'ßen. Sowohl seine militärischen, wie seine finanziellen Hilfsmittel sind den Japanern weit überlegen. Rußland hat wegen seines reichen Domanialbesitzes und wegen der Entwickelungsfähigkeit seines wirtschaftlichen Lebens bei allen europäischen Märkten ziemlichen Kredit. Japan aber hat nicht einmal annähernd so viel Aussichten für das Gelingen einer Anleihe, als sein Gegner. Schon in friedlichen Zeiten werden seine Anleihen weit unter Pari — meist zur Hälfte des Nominalkurses — aufgelegt. Es würde sich aber nicht ein einziger Staat finden, der eine Kriegsanleihe finanzieren wollte. Nicht einmal England wird dies tun. Unter diesen Umständen stehen die Verhältnisse für die Japaner folgendermaßen: Gelingt es ihnen wirklich, durch große militärische und finanzielle Anstrengungen Rußland zurückzudrängen, dann ist nach Beendigung des Krieges ihre Finanzkrast erschöpft und die ganze wirtschaftliche Entwickelung gehemmt.
In ähnlicher Weise aber hat auch R u ß l a n d ein Interesse an der Fortdauer des Friedens, einmal weil ein zu hohes Engagement im Osten seine Stellung im europäischen Orient und in Mittelasien ganz erheblich gefährdet, weiterhin aber, weil hierdurch die Umwandlung seines Geldwesens in die Goldwährung, sowie die innere Kultur und zwar die Vervollkommnung des landwirtschaftlichen Betriebs und die Heranbildung einer leistungsfähigen Industrie um Jahrzehnte Zurückgeworfen wird. Also nicht allein die Friedensliebe des Zaren, sondern auch ausgesprochene materielle Interessen bedingen notwendigerweise in Rußland eine friedliche Haltung.
Von den sonstigen Interessenten kämen noch England, der angebliche Bundesgenosse Japans, Amerika und China in Bedacht. England ist erfahrungsgemäß stets mit seinen internationalen Plänen am besten gedeckt, so lange die Kriegs- rllistungen dauern. Ein wirklicher Krieg aber liegt nicht in seinem Interesse, weil dadurch — wenigstens für eine gewisse Zeit hinaus —• die Vormachtstellung in Ostasien zu gunften der einen oder der anderen Macht entschieden ist und weil die größere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß nicht Japan, sondern voraussichtlich Rußland, Englands ge- fährlichster Gegner, der obsiegende Teil sein würde. Für Amerika fallen hauptsächlich Handelsfragen entscheidend ins Gewicht. So lange Japan und Rußland einander kampfbereit gegenüber stehen, wird jeder der beiden Staaten bemüht sein, durch entgegenkommendes Verhalten in Verkehrsfragen moralische Eroberungen zu machen. Also auch Amerika wird trotz der Sympathien der Bevölkerung für Japan keine zum Krieg treibende Macht sein, noch weniger aber dürfte dies bei C h i n a der Fall sein, denn das Reich der Mitte weiß, daß es selbst beim Friedensschluß den Hauptanteil an der Zeche zu tragen hat. So kommt man denn zu dem Ergebnis, daß alle Interessenten an der Fortdauer des Friedens festhalten müssen, wenn sie nicht wichtige Dinge aufs Spiel setzen wollen.
Zu verkennen ist freilich nicht, daß die Volksstimmung in Japan der Regierung die Friedenspolitik außerordentlich schwer macht. Der rasche und verhältnismäßig billige Erfolg bei dem Kriege mit dem in den alten Kulturformen förmlich erstarrten China hat den Nationalstolz und das Kraftgefühl des Volkes in vielleicht übertriebener Weise gehoben. Aber in der Reaieruna sitzen kluge Rechner, die da willen.
was bei dem blutigen Würfelspiel eingesetzt werden müßte und daß doch immer nur ein periodischer Erfolg ZU erreichen ist. Die beiden Feinde begegnen sich also in dem Interesse, auf dem Wege einer friedlichen Verständigung die Machtverteilung herbeizuführen, und darin liegt, wenn nicht die Kriegspartei in Japan übermächtig wird, selbst jetzt im kritischen Stadium des Konfliktes immerhin noch eine große Friedenssicherung.
Diese Auffassung des deutschen Diplomaten findet ihrc B e st ä t i g u n g in den neuerdings eingegangenen Meldungen. Zunächst hat die japanische Regierung offiziell das Gerücht, daß eine Expedition nach Korea demnächst abgeher solle, für unbegründet erklärt. Dieses Dementi scheint am zudeuten, daß die russische Note das Uebergewicht Japans in Korea anerkennt. Damit wäre die Hauptforderunc Japans erfüllt, und so ist es denn nur natürlich, daß das Tokioter Kabinett, wie eine weitere Meldung besagt, so gw wie beschlossen hat, die Verhandlungen mit Rußland fort zusetzen. Japan ist zwar mit den Bedingungen Rußlands nicht zufrieden, fühlt sich jedoch nicht berechtigt, ein Ultima- ium zu erlassen oder die Verhandlungen abzubrechen. Japan will nochmals versuchen, eine Abänderung der Vorschläge Rußlands zu erwirken. Die Verhandlungen dürften einige Wochen dauern; es gilt als sehr unwahrscheinlich, daß der Frieden in der Zwischenzeit gestört werden könnte.
Aussichten auf eine gütliche Lösung der 'Krise eröffnet auch eine offizielle Erklärung der japanischen Gesandtschaft in Paris, daß die japanische Regierung nach- wie vor alle ihre Anstrengungen auf die Erhaltung des Friedens richtet.
Was indessen am sichersten dafür spricht, daß Japan mit der Aufrechterhaltung des Friedens rechnet, ist die Tatsache, daß Japan bisher kein Ausfuhrverbot für Dampfkohle erlassen hat, obwohl diese russischerseits auch weiterhin in großen Mengen in Japan angekaust mnö. Auch in England, wo der Krieg noch vor wenigen S unden als unvermeidlich erklärt wurde, tritt man jetzt aumä'üch den Rückzug an. Nach neueren Reutermeldungen halten die englischen Regierungskreise den Krieg nicht mehr für gm ermeidlich, wenn sie auch den auf dem -Festlande fortdaun <o gezeigten „Optimismus" in der Beurteilung, der Lage st n nicht zu eigen machen wollen. Die Sensationsblätter Old- 'nglands machen natürlich nach wie vor gruselig: Nach dem .Daily Expreß" sollte es schon zu einem Gefecht zwisa der russischen und der japanischen Flotte in der Mee? ac von Asushima gekommen sein. Selbstverständlich ist da- m kein wahres Wort. Das gleiche gilt von den fortgesetzt. ' Verdächtigungen der Haltung Deutschlands, insbesondere nor der neuerdings in englischen Blättern auftauchenden Meldung, Deutschland habe mit Rußland über die ostasiatische Frage einen Vertrag abgeschlossen. Zwischen Deutschland und Rußland ist nicht die geringste Vereinbarung getroffen.
Russisch-japanische Rüstungen.
Selbstverständlich sind beide gegnerischen Mächte nach dem Grundsatz Toujours en veâette unablässig bestrebt, ihre Rüstungen zu vervollkommnen. Ueber die weiteren Rüstungen Rußlands wird gemeldet: In der Mandschurei sind jetzt wieder 6000 Kosaken an gekommen; Rußland hat jetzt 100 000 Mann in der Mandschurei. Außerdem bemüht sich Rußland, von^der Türkei die Erlaubnis zur Durchfahrt der russischen Schwarzmeerflotte durch die Dardanellen zu erhalten, die eventuell nach Ostasien abgehen soll. Der Sultan soll dazu geneigt sein, wenn Rußland ihm gewisse Garantien in der mazedonischen Frage und besonders die Gewähr gibt, daß es in einem türkisch-bulgarischen Kriege neutral bleiben
werde. Rußland hat ferner in zehn Wagenladungen Rindfleisch schleunigst geliefert werden sollen.
Japan macht z. Zt. in den stellungen auf Kavalleriepferde;
den Vereinigten Staaten in Büchsen bestellt, die
Vereinigten Staaten Be- mehrere Wagenladungen
sind bereits gekauft. Auch aus einen türkischen Kreuzer hat Japan ein Gebot abgegeben.
/ Die Politik.
' 6" Der Gesetzentwurf wegen Entschädigung unschuldig Ve'k-» hastetcr, der in der Thronrede angekündigt war, ist im Bundesrat noch nicht endgültig durchberaten. Die Abgrenzung der Entschädigungsfälle verursacht ein ungewöhnliches Maß von Schwierigkeiten, eine Einigkeit darüber war Rsher im Bundesrat nicht zu erzielen. Der Bundesrat wird erst in der nächsten Woche sich über diesen Punkt schlüssig machen. Auch die finanzielle Tragweite des Gesetzes hat die Vorarbeiten sehr erschwert.
□ Die Meldung, daß der Fürsterzbischof von Böhmen, Frhr. v. Skrbensky eine Audienz bei Kaiser Wilhelm nachgesucht hat, und von diesem empfangen worden ist, lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf die etwas verzwickten kirchen- rechtlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich. Kirchlich hängt, soweit die katholische Konfession in Frage kommt, die preußische Provinz Schlesien noch immer mit Oesterreich zusammen. Wie dem Fürsterzbischof von Prag preußische, so sind dem Fürstbischof von Breslau öster-
reichische,Gebietsteile unterstellt geblieben. Alle Verstiche, diesen „kirchenpolitischen Zweiteilungen" etwa durch einen Austausch der beiden Diözesenanteile zu beseitigen, sind oornehmlich an finanziellen Gründen gescheitert, trotz der Mißstände, die diese Zweiteilung im Gefolge hat. Der Anlaß der Reise des böhmischen Fürsterzbischofs nach Berlin ist die Erfüllung einer Pflicht, der Frhr. v. Skrbensky bisher nicht,nachgekommm ist: Während der Fürstbischof V^n Breslau sich regelmäßig nach seiner Bestellung und nach ber Ablegung des Huldigungseides gegenüber dem König von Preußen nach Wien begibt und dort in gleicher Weise nach dem Huldigungseid die Bestätigung für den österreichischen Anteil seiner Diözese erhält, haben die Prager Erzbischöfe bisher sich nicht dazu verpflichtet geglaubt, auch dem König von Preußen den Huldigungserd zu leisten. Frhr. von Skrbensky will dies übrigens auch nicht tun, sondern sich dem preußischen Hofe nur vorstellen. Falls er bei dieser, Gelegenheit nicht doch noch den Huldigungseid leistet, ist, wie in Hofkreisen verlautet, die preußische Regierung entschlossen, allen künftigen Breslauer Erzbischöfen die Ableistung des Huldigungseides vor dem österreichischen Kaiser zu untersagen.
*$< Dieser Tage fand im Reichsschatzamt eine Besprechung der Frage stait, welche Maßregeln bei der Begebung von Reichsanleihen im Interesse der Vermeidung von Störungen des Anleihemarktes zu ergreifen seien. An der Konferenz nahmen Vertreter des Reichsschatzamts, der Reichsbank, des. preußischen Finanzministniums, der Seehandlung und,mehrere Großbanken teil. Die Besprechung, die einen streng vertraulichen Charakter trug, wird in mehreren Blättern als der Vorbote einer «cucn Rcichsanleihe angesehen. Dazu liegt wie unser Berliner ^^.-Mitarbeiter aus zuverlässiger Quelle hört, gar keine Veranlassung vor. Vor der Hand ist eine solche Anleihe nicht erforderlich.
O» Eine neue Mittelstandsvereinigung ist unter dem Namen „Allgemeiner Verein der Gewerbetreibenden Deutschlands" in Berlin ins Leben getreten. Ihr Zweck ist hatipt- fächlich die Bekämpfung der Warenhäuser, der.Konsum-,- Beamteneinkaufs- und der Rabattsparvereine.
^ Die Eröffnung be£ preußischen Landtages wird am 16. d. M. im Weißen Saale des Berliner Schlosses biirct) den König Persönlich vorgenommen werden.
# Von einer entgegenkommenden Haltung des Bischofs Korum von Trier wird aus Neuwied berichtet. In der paritätischen städtischen Lehrerinnenbildungsanstalt wurde bisher von der katholischen Geistlichkeit die/Erteilung des Religionsunterrichts an die Seminaristinnen verweigert, so daß die katholischen Schülerinnen «genötigt waren, sich die zum Examen erforderlichen Kenntnisse durch Privatunterricht zu erwerben und sie später durch ein besonderes Examen nachzuweisen. Verhandlungen mit dem Bischof Korum haben jetzt zu dem Ergebnis geführt, daß vom nächsten Schuljahre ab die Erteilung des katholischen Religionsunterrichts in der Anstalt gestattet wird. Im Interesse des konfessionellen Friedens kann man dieses Entgegenkommen des Bischofs nur mit Genugtuung begrüßen.
A Nach einem Erlaß des Preußischen Kultusministers ist, da bei der Prüfung von Lehrerinnen an mittleren und höheren Mädchenschulen die Anforderungen in Deutsch, Geschichte und Französisch höher sind, als bei der Prüfung von Lehrerinnen an Volksschulen, bei der nochmaligen Prüfung einer Volksschullehrerin für mittlere und höhere Mädchenschulen (Ergänzungsprüfung) die Prüfung in sämtlichen Fächern abzinegen, in denen die Anforderungen höhere sind, also auch in Deutsch und Geschichte. _
Hmerika.
cT Von ganz merkwürdigen „Staatsausgaben" im doppelten Sinne des Wortes weiß der Bericht des Sekretärs des Washingtoner Senats zu berichten. Unter „Nebenausgaben" wird da mitgeteilt, daß die Senatoren der Vereinigten Staaten im letzten Jahre 300 000 Dollars Staatsgelder zum Ankauf von Handschuhkästen, Pompadours, Taschenbüchern, Füllfedern, Manicure-Bestecken und ähnlichen zur Gesetzgebung unbedingt erforderlichen Singen ausgegeben haben. Weiter verbrauchten die 90 Senatoren im abgelaufenen Jahr 25 000 Chinin-Pillen, hunderte von Paketen Kaugummi und ähnliche Sachen. In einem Jahre hat der Senat dem Lande 500 000 Dollars Gehälter und Meilengelder für die Senatoren, 500 000 Dollars für die Beamten des Hauses und 500 000 Dollars für „Nebenausgaben" wie die obigen gekostet! ________ ______ _______
Psab und fern.
£ Politisches Duell? In Hannover sind merkwürdige Gerüchte über ein politisches Duell im Umlauf. Ein Berliner Blatt, dem wir die Verantwortung für die Meldung überlassen müssen, macht sich zum Sprachrohr der Hannoverschen Fama. Es berichtet, zwischen dem hannoverschen Stadt- direktor (d. h. Oberbürgermeister) Tramm und dem vor einigen Monaten plötzlich unter aufsehenerregenden Umständen aus dem Amt geschiedenen bisherigen hannoverschen Regierungspräsidenten v. Brandenstein habe ein Pistolem duell stattgefunden. Stadtdirektor Tramm soll dabei durch einen Schuß in den Unterleib schwer verwundet worden sein. Ueber die Vorgeschichte des Duells erzählt das Blatt: -Die