Nr. 109
Dienstag, den 10. Mai 1904.
13. Jahrgang
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschlnst Nr. 362.
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Neueste Dachrichten
(Gießener Uageötatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grohh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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Koloniale Sorgen.
Eme neue, schwere Gefahr droht uns in S ü b - Westafrika : Oberst L e u t w e i n ist, so wird in Bestätigung der Mitteilungen unseres Berliner L'L-Mitarbeiters jetzt auch von einer dem Gouverneur nahestehenden Seite gemeldet, fest entschlossen, unmittelbar nach der II eher gäbe der Geschäfte an General v. Trotha seine gesamte Tätigkeit in der Kolonie ein zu stellen und sich unverzüglich nach Deutschland zu begeben. - Damit ist die nicht holl) genug einzuschätzende Gefahr eines Abfalls der Witboois und der anderen treugebliebenen Negerstämme, vor allem aber auch eine neue Empörung der kaum noch zur Ruhe gebrachten Vondelzwarts gegeben! ,
Der Abfall her treugebliebenen Negerstämme wäre von doppelter Tragweite. Einmal sind diese Stämme, die jetzt mit uns gegen die Herero fechten, von dem Gouvernement ausgezeichnet bewaffnet worden, würden also einen gefährlichen Gegner abgeben. Zum andern verlöre unser Expeditionskorps in ihnen das Treiber- und Wächterpersonal, das durch seine Landeskenntnis uns unentbehrlich ist. Man denke, welche Aussichten ein Zusammengehen der Witboois, Vondelzwarts usw. mit den Herero und den dann zweifelsohne auch sich empörenden Ovambo für uns eröffnet!
Unter diesen Umständen wird, wenn Lentwein sich nicht selbst noch eines andern besinnt, nichts übrig bleiben, als daß der Kaiser dem Gouverneur den gemessenen Befehl erteilt, seines Amtes in der Kolonie weiter zu walten. Geht Leutwein, so ^aben wir einen Kolonialkrieg, gegen den alle bisherigen Ereignisse in der Kolonie ein Kinderspiel waren.
Ein Unglück sammt selten allein. Das alte Sprichwort bewahrheitet sich auch wieder in unserer Kolonialpolitik: Neben dein Aufstand der Herero, der uns so viele und so große Opfer an Blut und Gut gekostet hat, ist ein kaum minder gefährlicher Aufstand in K a m e r u n ausgebwochen. Es hat sich herausgestellt, daß die schon mehrfach erwähnte Rebellion der C r o ß n e g e r weitaus größer und bedrohlicher ist, als man bisher annahm. Berichte aus dem Schutzgebiet, die jetzt eingetroffen sind, stellen das leider außer allem Zweifel.
Der Aufstand begann im Croßgebiet. Die trotz der Warnungen der besten Kenner des Landes unternommene unvorsichtige Expedition des Grafen P ü ck l e r gegen die Croßleute war das Signal zu einer Erhebung der Stämme nördlich vom Croßfluß, mit denen die dortigen Kaufleute übrigens im besten .Einvernehmen standen. Graf Pücklers Expedition wurde mit ihrem Führer völlig vernichtet. Nach diesem Erfolg bemächtigten sich die Eingeborenen der Faktoreien, zerstörten sie und ermordeten die Faktoristen. Der Aufstand griff dann um sich und dehnte sich auf die Nachbar- gssbiete aus, die man seit Jahren für ganz friedlich gehalten hatte. . Auch über die englische Grenze griff der Aufstand, und die Engländer sollen in ihren Kämpfen mit den Auf- stän di schen recht empfindliche Verluste an Offizieren und Soldaten gehabt haben. Bei diesem großen Umfange des Aufstandes sind die Maßnahmen, die von deutscher Seite zu seiner Bekämpfung getroffen wurden, ganz unzulänglich. Zur Niederwerfung des Aufstandes im deutschen Croßgebiet wurde zuerst Oberleutnant Nitschmann entsandt. Dann marschierte Hauptmann Langheld nach Banyang, und in das eigentliche Aufstandsgebiet bei Nssanakanq begab sich der Kommandeur der Schutztruppe selbst, Oberstleutnant Müller. Was hat dieses militärische Aufgebot der Schutztruppe gegen die Aufständischen — 15—20 000 Krieger — bisher ausgerichtet? Niemand weiß darüber etwas. Und der Grund ist klar: Die Handvoll Schutztruppler haben eben gegen einen so starten Feind vor der Hand gar nichts ausrichten und vor allem auch fast gar nichts unternehmen können.
Nun wird zwar Lieschwichtig end versichert, eine größere Aktion der Schutztruppe in Kamerun sei überhaupt nicht nötig, der Aufstand sei schon erloschen. Das ist nach zuverlässigen Mitteilungen leider ein Irrtum: Das Croßgebiet ist nach wie vor in hellem Aufruhr, und die Schwarzen denken gar nicht daran, die Waffen zu strecken. Es dürften noch Monate vergehen, ehe dieses Ziel erreicht wird. Und es wird, davon sind Kenner des Landes fest überzeugt, nur erreicht werden rannen, wenn die Kameruner Schutztruppe ähnlich verstärkt wird wie die südwestafrikanische.
Einstweilen — zumal angesichts der Kosten für die süd- westafnkanische Expedition — dürfte die Regierung wenig Aust verspüren, der Volksvertretung mit Anträgen wegen Truppennachschiiben für Kamerun zu kommen. Indessen
Notwendigkeit sie dazu zwingen. So ist denn mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß spätestens nach derBe - w i l l t g u n g des dritten Nachtragsetats für Sudwest eine Vorlage wegen
Entsendung eines Hilfskorps für Kamerun dem NmckMage zugehen wird. Auch steht zu erwarten, daß bei dieser Gelegenheit vom Reichstage Mittel zur Ent - a o i g u n g der durch den Croßnegeraufstand um ihr ^erwogen gekommenen Deutschen gefordert werden. Hoffent- NM aelinat es. mit Lilie der ^erfiärfnnnpn des Ausstandes
in für3er Frist Herr zu werden und den Croßleuten einen Denkzettel zu erteilen, der ihnen und allen anderen Kamerun- stämmen eine Warnung vor neuer Rebellion ist.
Der Krieg in Ostaiun.
Die starke Stellung, welche die Russen nach Aufgeben der Jaluposition bei Fönghwanghtscheng eingenommen hatten, ist ohne eigentlichen Kampf in die Hand der Japaner gefallen. Damit steht diesen der Weg in das Tal des Liaoho, in dem die mandschurische'Bahn von der Küste des Golfs von Liau- tung, von Niutschwang, über Liautschang nach Mukden läuft, und gegen den Kern der Halbinsel Liautung offen.
Die russische -Heeresleitung scheint immer mehr davon überzeugt zu sein, daß sie den andringenden Japanern erst auf ihrer Hauptverteidigungsstellung zwischen Liautschang und Mukden wirksamen Widerstand entgeaenseben kann und daß es unnütze Opfer bringen hieße, wollte sie ihre vorgeschobenen Korps in einen ernstlichen Kampf verwickeln lassen. Aus diesem Grunde erklärt es sich, daß das starke
Fönghwanghtscheng ohne Schwertstreich aufgegeben wurde. Zwar fanden Zusammenstöße zwischen den beiderseitigen vorgeschobenen Kavalleriemassen bei Eritaitsu, San- t.utsn und anderen Orten statt. Um die eigentliche Position aber kam es zu keinem Kampf, da die Russen abzogen. General Kuropatkin berichtet darüber vom 7. Mai:
Wie General Sassulitsch unterm 7. Mai meldet, besetzten die Kavallerie und die Vorhut des Gegners am 6. Mai Fönghwanghtscheng. Zwei Schwadronen und zwei Kompagnien der Japaner rückten nach Daliandiapusa vor. Die russischen Kavallerieabteilungen zogen sich auf Seliudjan zurück. Streifwachen von Fönghwanghtscheng melden, daß zwei japanische Divisionen am 6. Mai sich auf dem großen Wege von Pjamin Fönghwanghtscheng näherten. Die dritte Division, welche durch das Tal des Aiho vorgerückt war, hatte bei Kijandiapusa Stellung genommen und Batterien zur Beschießung von Fönghwanghtscheng ! aufgefahren, in der Erwartung, dort russische Truppen zu 1 finden. Die Japaner rückten langsam und äußerst vorsichtig nach Fönghwanghtscheng vor.
I Vor dem Verlassen Fönghwanghtschengs sprengten du Russen das Magazin in die Luft, ließen aber große Mengen Lazaretteinrichtungsgegenstände zurück, die von den Japanern m den Lazaretten verwendet werden.
I Die russischen Verluste in den Jalukämpfen ' sonach ^n neuesten Feststellungen sehr hoch. Wie der japa- Ä.N^^F'^neral Kriroki meldet, kommen fortwährend russische Flüchtlinge aus den Wäldern und Dörfern bei Fönghwanghtscheng und ergeben sich. Die Eingeborenen berichten, daß ore Zahl der russischen Verwiindeten, welche Fönghwanghtscheng in Tragbahren passierten, sich auf 800 belief. Der Gesamtverlust der Russen dürste nach Kurokis Rechnung 3000 Mann übersteigen. Nach der offiziellen rufsischen Darstellung betragen die Gesanllverluste am 30. April und 1 Mai an Toten 6 Stabsoffiziere, 20 Oberoffiziere und 564 Mann, an Verwundeten 2 Stabsoffiziere, 36 Oberoffiziere, 1 Geist-
Kapellmeister und 1081 Mann. Auf dem Schlacht- felde sind an Truppeii geblieben, von denen es unbekannt ist, ob sie tot oder verwundet sind, 1 Stabsoffizier, 5 Oberoffi- und 679 Mann. Der Gesamtverlust beträgt 70 Stabs- und Oberoffiziere und 2324 Mann.
Blutige Siegesfeier in Tokio. ^^^
Der Enthusiasmus der Japaner über die großen von ihren wackeren ^.ruppen errungenen Erfolge ist natürlich groß und allgemein, lleberall wurden Siegesfeiern veranstaltet und besonders in der Hauptstadt Tokio herrschte großer Jubel, der aber , durch furchtbare Vorkommnisse gedämpft werden sollte. Ein Telegramm vom 9. d. Mts. meldet:
Gestern abend wurden zu Ehren der japanischen Siege in Tokio große Kundgebungen veranstaltet, wie sie niemals zuvor in Japan gesehen wurden. Männer, Frauen und Kinder nahmen daran teil. Auch englische und amerikanische Fahnen wurden umhergetragen. Bei den Kundgebungen wurden 21 Personen getötet und etwa 40 verletzt. Die Getöteten sind meist Knaben, welche im Gedränge erdrückt wurden oder in das Wasser fielen.
Die Vorgänge auf der Liantnnghalbinsel.
Die Abschließung Port Arthurs ist vollständig. Sechzehn Kriegsschstfe haben die Landung bei Kintschau überwacht Ihr Feuer säuberte die dort schmale Landenge. 75 Verwundete sind nach Niutschwang gebracht worden. Am Donnerstag und Sonnabend haben die Japaner in Kintschau 10 000 in Futsck)au ebenfalls 10 000 und in Pitzewo 7000 Mann gelandet. Sie haben Wafangtien und Port Adams lvsetzt und die. Eisenbahn meilenweit zerstört. Bei Kaitschau, wo man früher Transportschiffe gesehen hatte, wurde heftiges »wuer £«bört. Die Russen räumen den westlichen Teil der
Halbinsel Liautung und ziehen sich nach Haitscheng an der mandschurischen Bahn vor Liautschang, dem Hauptquartier Kuropätkins zurück.
Nach einer weiteren Meldung des Reuterschen Bureaus aus Söul sind Drahtmeldungen aus Antling zufolge Trllppen der zweiten japanischen Armee außer auf der Halbinsel Lian- tung auch bei Takuschan an der Küste der Mandschurei ge- landest
Die Sperrung der Hafeneinfahrt von Port Arthur hat die Japaner beträchtliche Opfer gekostet. Der Gesamt- tomlengehalt der acht Sperrschiffe betrug 17 313 Tonnen. Die Schiffe waren 18 bis 25 Jahre alt. Die Gesamtzahl der Besatzung belief sich auf 159 Mann, von denen 36 unversehrt zurückgekehrt sind, während 18 Mann verwundet und 15 getötet wurden. 90 Mann werden vermisst.
Des näheren wird dazu aus Tokio gemeldet: Zur Sper- nmg des Hafens von Port Arthur gingen die Kriegsschiffe „Akaschi" und „Tschokai", ferner die zweite, dritte, vierte und fünfte Torpedojägerflottille sowie die neunte, zehnte und oierzehnte Torpedobootsflottille mit den Dampfschiffen am 2. Mai ab. Der bald aufspringende starke Wind war der Operation hinderlich, so daß der Kommandant Befehl gab, diese ein^uftellen. Jedoch erreichte der Befehl die Schiffe nicht mehr, so daß acht Dampfschiffe vorgingen und in den Hafen hineindampften, ohne sich durch die feindlichen Scheinwerfer oder das Feuer von den Forts zurückhalten zu lassen oder auf die feindlichen Minen Rücksichten zu nehmen. Fünf Dampfschiffe ereilten den Hafen eingang ; besonders gelang es der „Mikawa-Maru" und der „Totomi-Maru", die russischen Sperrvorrichtungen zu durchbrechen unb weiter ins Innere einzudringen. Torpedoboot 67 erhielt einen Schuß in seine Dampfröhre, und da es manövrierunfähig war, wurde es durch Torpedoboot 70 ins Schlepptau genommen. Vom Torpedoboot „Aotota" wurde die Backbordmaschine beschädigt, doch ist das Schiff sonst unversehrt.
Niutschwang von den Russen geräumt
Allem Anscheine nach beabsichtigen die Russen, Niutschwang zu räumen. Die Forts sind geschleift worden. Eine große Zahl Truppen ist bereits abmarschiert. Die russische Zivilbevölkerung verläßt Niutschwang. Die ansässigen Fremden sind in Schreckeii versetzt. Man fürchtet hier, daß, wenn die Russen die Stadt verlassen und die Japaner nicht sofort ein- cücken, Räuber über den Fluß setzen und die Stadt plündern würden. Die Fremden sind zum Widerstände bereit. Der britische Konsul hat um die Entsendung eines Kanonenbootes zebeten.
Die Politik.
• D Die in Diisseldorf abgehaltene Hauptversanimlung des Bundes der Landwirte für Rheinland und Westfalen nahm eine Resolution an, in der sie sich energisch gegen die Kanalvorlage in ihrer jetzigen Gestalt ausspricht und erklärt: Wenn die Kommission nicht diese schwerwiegenden Bedenken gegen die Vorlage beseitige, müsse der Bund auf die Ablehnung des Kanals bestehen. .
Oesterreich -Ungarn* - ■
c? Der ehemalige ungarische Ministerpräsident Varon V a n f f y will bekanntlich eine neue positifdje Partei in dem an Parlamentsfraktiönchen so reichen Ungarlande gründen. Ueber diese Partei der Zukunft hat sich Banffy dieser Tage in einer Wahlrede in Szegedin ausgesprochen. Sie soll u. a. die Einführung der ungarischen Konrmandwsprache unter • Beobachtung einer Uebergangszeit und die Aufhebung des Zollbündnisses mit Oesterreich fordern, das heißt: die Partei arbeitet auf den Untergang der Donaumonarchie hin!
v Balkan-Staaten*
G In Serbien und über dessen Grenzen hinaus sind neuerdings Gerüchte laut geworden, eine Ministerkrisis stehe, bevor. Ja, man wollte sogar von Abdanknngsgelüsten König Peters erfahren haben. Offenbar entstanden diese Gerüchte dadurch, daß die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Lage in Serbien den weitesten Kreisen zum Bewußtsein gekommen ist. Der König hat die Mächte mit der Komödie der Bestrafung der Königsmörder zum Narren gehabt, ein neuer diplomatischer Konflikt bereitet sich vor, und diese Unerquicklichkesten können kein Ende nehmen, solange der König die Verschwörer nicht völlig kalt stellt. Das aber kann er nicht, wenn er mcht Thron und Leben riskieren will. So läge es denn nahe, daß Peter sich aus dem Dilemma zieht durch Abdankung zugunsten seines Sohnes. Indessen ist kaum anzunehmen, daß der persönlich ehrgeizige KöniA sich dazu verstehen sollte. ,
HHen.
^ Die englisch-tibetanischen Scharmützel mehren sich: Nach einer Reutermeldung aus K a l o t s e in Tibet griff eine Abteilung der englischen Expedition am vergangenen Freitag 1500 Tibetaner unterhalb des Kharo-Passes an und schlug sie nach sechsstündigem Gesellst in die Flucht. Die Engländer verloren 25 Tote und Verwundete, darunter einen Kapitän, die Tibetaner hingegen an 2000. Ob man in Londoner Regierungskreisen auch jetzt noch, nach diesem englischen Angriff auf die Tibetaner, den „ausschließlich friedlichen Charakter" der britischen Tibetexpedition betonen wird? j
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