Nr. 108.
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Montag, den 9. Mai 1904.
Gießener
__________________13. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
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Yeueste Yachrichten
(Hießener Gagevkatt) Unabhängige Tageszeitung (Hießener Iett««g)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Der Krieg in Ostarten.
Die Belagerung von Port Arthur hat in aller Form begonnen. Die Japaner sind zu gleicher Zeit bei Pitsewo gegenüber den Elliotinseln und in der Kintschaubucht, an der schmälsten Stelle der Liautrmghalbinsel, gelandet und haben somit die Verbindung Port Arthurs mit der russischen Hauptarmee auf der Linie Kaiping —Liautschang— Mukden völlig unterbrochen.
Daß General Kuropatkin imstande sein sollte, von Mukden aus einen Vorstoß zum Entsätze der schwer bedrohten Festung zu unternehmen, ist möglich, wäre aber unter Umständen ein großer strategischer Fehler, da er seine Truppen zersplittern müßte und nicht weiß, ob er sie nicht selbst gegen die ausFönghwanghtscheng vorrückende erste japanische Armee unter General Kuroki sehr nötig braucht. Geht doch schon das
Gerücht einer Eroberung Fönghwanghtschengs um, vorläufig allerdings nur auf japanischer Seite. Aus Antung wird gemeldet:
Hier verlautet, daß Fönghwanghtscheng nach heftigem Kampfe gefallen sei. Beide Parteien erlitten schwere Verluste.
Auch in Paris ist eine Meldung verbreitet, die von einem Vorstoß Kurokis auf Fönghwanghtscheng zu berichten weiß. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ordnete General Kuroki den Marsch des Gros seiner Truppen gegen Tang- changtscheng an, wo mörderische Kämpfe um eine Hügel- -stellung enorme Opfer auf beiden Seiten forderten. Nach den letzten Nachrichten aus Söul soll das russische Hauptquartier von Fönghwanghtscheng am Donnerstagmorgen rückwärts verlegt worden und Kurokis Vortruppen um dieselbe Zeit nur wenige Kilometer von Fönghwanghtscheng enh, fernt gewesen sein. — Tangchangtscheng liegt an der großen Straße Antung—Liautschang, etwa halbwegs zwischen dem Schlachtfelde vom 1. Mai und Fönghwanghtscheng, wohin sich die fliehenden Russen zurückzogen.
Aber selbst, wenn Fönghwanghtscheng vorläufig noch den vordringenden Japanern Stand halten sollte und wenn später nach seinem Fall ihre Heereswogen an dem Felsendamm des Motienpasses von neuem zurückstauen müßten, Kuropatkin muß darauf gefaßt sein, daß sie mit überlegener Macht über kurz oder lang seine Hauptstellung bedrohen, und wird daher für eine Schwächung seiner Armee kaum zu haben sein. Der Kommandant von Port Arthur, General Stößel, wird sich also Wohl mit der Notwendigkeit abfinden müssen, sich nun auf seine eigene Kraft zu verlassen, wenn er auch jetzt noch auf Ersatz hofft.
Ein Tagesbefehl General Stößels vom Freitag spricht diese Erwartung aus. Das Dokument, das die Lage sehr ernst schildert, lautet:
Am 30. April und 1. Mai überschritt der Feind den Jalu in großer Stärke; die unsrigen zogen sich auf vorher ausgewählte Stellungen zurück. Gestern bewerkstelligte der Feind eine Landung in großem Maßstabe südlich Pitse- wo und in der Nähe der Kintschaubucht. Nun beginnt für uns die Arbeit. Natürlich wird der Gegner den Bahnverkehr unterbrechen und sich bemühen, unsere Truppen bis Port Arthur zurückzudrängen und diese Festung, Rußlands Schutzwehr im fernen Osten, zu belagern. Verteidigt sie bis zum Eintreffen der Truppen, welche uns zu entsetzen kommen. Ich halte es für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß Ihr unablässig wachsam, umsichtig und bereit sein müßt, dem Gegner überall in einer der ruhmvollen russischen Truppen würdigen Ordnung entgegenzutreten und, welche Zwischenfälle auch eintreten, den Kopf nicht verlieren dürft. Seid eingedenk, daß im Kriege alles möglich ist, und daß wir mit Gottes Hilfe imstande sein werden, die uns auferlegte schwierige Aufgabe zu erfüllen’
General Stößel wird gut tun, sich auf keine Hilfe von außen zu verlassen. Daß er mit Tatkraft und soldatischem Mut die schwere Aufgab-e, die seiner harrt, erfüllen wird und and) dem Aeußersten mib trotziger Stirn entgegenti'eten dafür birgt seine Vergangenheit und sein Charakter.
Die japanischen Landungen
hatten sich zum Hauptpunkt Pitsewo erwählt. Dieser Ort an der Ostküste der Halbinsel auf 39 Grad 25 Min.
,?nd 122 Grad 27 Min. östl. Länge von Green- wlch. ^n flachen kahlen Wellen, die durch breite sanderfüllte hiervon einander getrennt sind, fällt das Gebirgsland hier zur Küste ab und senkt sich langsam in das Meer hinein. Der Hafen ist dadurch sehr seicht, und bei Ebbe liegt der Grund mehrere Kilometer weit trocken, jedoch schützen kleine Inseln
Hafyi einigermaßen. Die Straße von hwr Nach Westen zieht sie anfangs durch welliges Gelände und tritt bann bei Jungtitien in das Sft- welches die Halbinsel erfüllt, und schwenkt nordwestlich ab. Nach Suden läuft eine Straße nach dem
100 Kilometer Weges entfernten Port Arthur. 1894 ist hier die 2. japanische Armee unter Marschall Oyama gelandet worden. Sie bestand aus 1% Divisionen und einem Ve- lagerungspark, 19657 Mann, 5120 Pferde und 20 000 Kuris, die auf 38 Schiffen verladen waren. Die Flotte mußte 7 bis 11 Kilometer vom Strand entfernt bleiben und da der Unterschied der Gezeiten 4 Meter betrug, mußten lange Brücken auf Dschunken hinausgebaut werden und die Kulis viel Material kilometerweit tragen, während die Truppen an Land wateten. Das Ausladen der Truppen dauerte fünf, der Pferde 12 Tage. Die Japaner kennen also die Eigen- tümlichkeit des Ortes genau und werden alles vorbereitet haben, um die Landung schnell zu bewerkstelligen. Auf den Transportdampfern führen sie eine ganze Menge flacher Boote, Sampans, mit sich, die von den Dampfschaluppen an die Küste geschleppt werden.
"Das mitwirkende japanische Geschwader
ist, da es infolge der Sperrung des Hafeneingangs von Port Arthur für die Sicherheit der von ihm geleiteten Truppentransporte nichts von feiten der russischen Kreuzer zu besorgen hatte, sogleich wieder umgekehrt und hat sich dem Hauptgeschwader wieder angeschlossen. Wie aus Port Arthur gemeldet wird, erschienen dort, 14 Kilometer von der Festung entfernt, neuerdings sechs japanische Panzerschiffe, „Mikasa", „Hatsuse", „Asahi", „Schikischima", „Jaschima" und „Fuji", sowie die Kreuzer „Jwate", „Asama", „Jdzumo" und „Ad- zuma". Sie manövrierten auf zwölf Kilometer Entfernung von den Miautau-Jnseln und bei der Taubenbucht. Die japanischen Panzerschiffe warfen einige Bojen aus, was stets vor einem nächtlichen Angriff geschieht. Zugleich mit dem letzten Angriff auf Port Arthur legten die Japaner ein Kabel zwischen einer der Elliotinseln und dem Festland zur Verbindung mit dem Landungsort. r . .
Ein russischer Held. -
Die russischen Blätter sind voll von Erzählungen über den Heroismus ihrer Soldaten. Von einer schier übermenschlichen Willenskraft und Aufopferung zeugt folgende Heldentat eines russischen Schiffsingenieurs während der letzten Kämpfe vor Port Arthur. Eine feindliche Kugel fiel in den Maschinenraum eines russischen Schiffes und beschädigte ein Dampfrohr. Der Dampf begann aus der beschädigten Stelle auszuströmen, da griff der Tagesingenieur Blinow ganz energisch ein, indem er die Oeffnung mit seinen beiden Handflächen zudeckte und so lange geschlossen hielt, bis Hilfe nahte und ein Pflaster auf die schadhafte Stelle gelegt werden konnte. Obgleich die beiden Handflächen Blinows total verbrüht waren, so blieb er bis zum Schluß des Gefechtes auf seinem Posten und bediente die Maschinen. Nur dazwischen ging er an Deck, um die ihm wie Feuer brennenden Handflächen an der frischen Luft zu kühlen.
Srief eines Deutschen aus Port Arthur.
Ein Apenrader Bürger hat von seinem in Port Arthur angestellten Sohn einen Brief erhalten, worin es heißt: „Bis jetzt habt ihr euch mit Ansichtskarten begnügen müssen, weil Briefe der Zensur halber nicht durchgehen. Aus unserem Geschäft sind viele junge Leute fortgegangen. Das Geschäft geht großartig. Gleich nach dem ersten Bombardement verkauften wir in acht Tagen von der Eisen-Abteilung für 300 000 Mark, und fortwährend laufen Aufträge ein. Es ist sehr interessant hier: Sobald die Japaner uns beschießen, schließen wir die Geschäfte und laufen auf die Berge, um von dort aus das Schauspiel zu betrachten. Bis jetzt (der Brief ist vom 1. April, datiert) ist in der Altstadt nur ein Haus demoliert worden, in der Neustadt dagegen mehrere, aber niedergebrannt ist noch kein einziges. In der Altstadt haben wir beim Geschäft eine Höhle machen lassen, falls es sehr schlimm werden sollte; in der Neustadt werden wir in einen Keller flüchten. Wenn die Beschießung zu Ende ist und die Japaner abgefahren sind, geht das Geschäft seinen gewöhnlichen Gang; dann weiß man nicht, daß eigentlich Krieg ist. Hätten die Japaner das erste Mal des Nachts Port Arthur besser angegriffen, so hätten sie es nehmen können, denn nirgends war klar zum Gefecht gemacht. Leider sieht man auf den Straßen viele betrunkene Matrosen und Soldaten, doch das ist nun einmal russische Art. Es werden sehr viele japanische Spione abgefaßt, welche chinesische Kleidung tragen." Der Schreiber bittet seinen Vater zum Schlüsse, ihm „Eingeschrieben" eine S^âlkarte vom Kriegssckauvlatz zu schicken.
Die Schwarzemeerflotte.
In Wiener diplomatischen Kreisen verlautet, daß trotz allen gegenteiligen Nachrichten Rußland zur Verwendung seiner Schwarzenmeerflotte in Ostasien entschlossen sei und dieselbe bereits in Kriegszustand setzen lasse. Bezüglich der Durchfahrt durch die Dardanellen sei eine Verständigung mit der Türkei erfolgt.
Die politih. . . . -
C* Aus Deotsch-Südwestafrika liegt heute eine Meldung des Gouverneurs Leutwein vor, die besagt: Der Feind steht bei Onjatu; Estorfs wird bis Otjikuokrl vorgehen. Die Postierungen im Distrikt Gobabis werden durch eine fliegende
Kolonne unter Oberleutnant Winkler von der Kolonne Glasenapp verstärkt. Sonst erfährt unser Berliner ^-Mitarbeiter noch, daß der Höchstkommandierende von Deutschsüdwestafrika, Generalleutnant v. Trotha, vorläufig nur von seinem Stabe begleitet nach dem Aufstandsgebiet abgehen wird. Von der sofortigen Absendung weiterer Verstärkungen ist abgesehen worden; die Nachschübe werden vielmehr inzwischen organisiert und dann je nach Bedarf nachgeschickt werden. General v. Trotha verlangt erheblich mehr Truppen als Leutwein. Er wird übriaenâ völlig selbständig in der Kolonie operieren und über feine Maßregeln direkt dem Kaiser — unter Uebergehung aller amtlichen Instanzen — Bericht erstatten. — Die Nachricht, Kolonialdirektor Dr. Stübel trete von seinem Posten zurück, wird von einigen Blättern bezweifelt. Unser Berliner ^-Mitarbeiter kann demgegenüber versichern, daß Herr Dr. Stübel seine Demission angeboten hat. Ueber das Demissionsgesuch ist noch nicht entschieden, und die Vorgesetzten des Kolonialdirektors bemühen sich, ihn zum Bleiben zu bewegen. Im günstigsten Falle wird Dr. Stübel indessen jein Amt nur noch wenige Wochen behalten. _
0 Der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, bon dem in jüngster Zeit mehrsach die Rede war, soll jetzt endgültig begründet werden. 9Zad) dem Satzungsentwurf hat der Verband die Bestimmung, alle kaisertreuen Deutschen ohne Unterschied ihrer religiösen und politischen Stellung zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie zu einigen. Der Sitz des Reichsverbandes ist B e r l i n. Der Jahresbeitrag, soll mindestens eine Mark betragen. _ , v r _
T 9lu§ Gmunden, der Residenz des Herzogs von Cumberland, verlautet neuerdings, der Herzog sei persönlich ebensowenig wie seine Gemahlin abgeneigt, auf Hannover zu verzichten. Nur seine Umgebung bestimme ihn immer wieder, diesen Schritt zu unterlassen, indem sie ihm einrede, auch nach der Verzichtleistung aus Hannover werde er den braunschweigischen Thron nicht erhalten; Preußeu würde es nie zulasten, daß ein Welse deutscher Landessürst werde — Wie der Herzog solchen Einflüsterungen Gehör schenken kann, bleibt unverständlich; Preußen kann, selbst wenn es wollte, die Thronbesteigung des Herzogs in Braunschweig gar nicht Ordern, sobald der Herzog den 1866 geschossenen staatsrechtlichen Zustand bezüglich Hannovers anerkennt.
□ Es scheint nicht mehr zweifelhaft, daß der Leipziger Acrztestrelk mit dem Siege der Aerzte enden wird. Zwischen der Kreishauptmannschaft und bem ärztlichen Bezirksverein ist nämlich ein Vertrag zustande gekommen, wonach die freie Arztwahl bei der Ortskrankenkasse unter Erhöhung des Honorarpauschales zugestanden ist. Mit den neuangestellten Distriktsärzten sollen gütliche Vereinbarmigen wegen ihres Wiederausscheidens angestrebt werdeu. Der Kassenvorstand hat bereits im Prinzip seine Zustimmung zu diesem Abkommen erklärt und nur noch einige weniger wesentliche Bedingiingen gestellt. Danach ist anzmiehmen, daß binnen kürzester Frist dieser Leipziger Aerztestreik der Vergangenheit angehören wird.
Cin Erlaß der Kreishauptmannschaft hat denn auch formell dein Streik ein Ende gesetzt. Sämtliche Forderungen der Aerzte wurden bewilligt.
C2 Die Klagen der Zivil musiker über die zu ausgedehnte Konkurrenz der Militärkapellen haben an maßgebender Stelle ein Echo gefunden. Es ist ein kaiserlicher Erlaß ergangen, der die Private Erwerbstätigkeit der Kapellen regelt. So sind die Vorgesetzten verpflichtet, darauf zu achten, daß weder der militärische Dienst noch das Ansehen der Militärkapellen durch die gewerbliche Beschäftigung leidet. Verboten sind unter auderm humoristische Konzerte, bei denen Verkleidung notwendig ist, öffentliche Anpreisung des gewerblichen Spiels und die Verstärkung der Militärkapellen durch Reservisten für solche Zwecke. Für öffentliche Tanzmusiken soll die Erlaubnis nur dann erteilt werden, wenn mindestens die Hälfte der Kapelle daran beteiligt ist. Für die einzelnen Orte sollen nach Möglichkeit Mindesttarife aufgestellt werden, um den Klagen der Zivilmufiker wegen der Konkurrenz der Militärkapellen die Spitze abzubrechen.
Italien*
* In aller Naivetät schildert ein Freund des sehr ehrenwerten Herrn Nasi in der Presse, wie er diesen auf seiner Flucht aus Rom begleitete. Er sagt: „Dienstag ersuchte mich Nasi um eine Zusammenkunft. Wir stiegen in eine Droschke und fuhren vor die Tore der Stadt. Als es weiter ging, fragte ich, wohin er wolle. „Nach Tivoli," sagte Nasi, „um mich derUntersuchllngshaftzuentziehen. Im Gefängnis könnte ich mich nicht verteidigen; ich würde dort sterben!" In Tivoli bat er mich, ihn nach Castellamare und Bologna zu begleiten. „Gib mir diesen letzten Beweis deiner Freundschaft," flehte er. In Castellamare stieg ein Unbekannter zu uns ein, der eifrig mit Nasi verhandelte. In Mailand verlor ich beide zu meiner großen Befriedigung aus den Augen, und ich kehrte nach Rom zurück." Auf den Gedanken, daß er sich der Begünstigung der Flucht eines großen Gauners schuldig gemacht habe, scheint Nasis braver Freund gar nicht zu kommen.