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Nr. 58.

Mittwoch, den 9. März 1904.

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Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Gießener

__________________13. Jahrgang.

J«sertio«SpreiS r Die einspaltige PetitzeUr -für ganz.LHW heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. s^ Reklamen die Petitzeile 30resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Selt^rS weg 86

Fernsprechanschlnst Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

(Gießener Hagevkatt) MaSHLWige Tageszeitung (Gießener Wertung)

für Oberheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lskalauzeiger für Gieße« und Umgebung- Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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piuss ein Weltkrieg kommen?

Die verschiedentlich verbreiteten Gerüchte, als ob Japan , nicht bloß mit Korea, sondern auch mit den übrigen ostasia- i tischen Nationen eine Schutz- und Trutzvereinbarung gegen eine europäische Invasion vorbereitet habe, und als ob die japanisch-russische Kriegsfackel leicht einen Weltbrand ent- ? Zünden könne, veranlaßten unseren ^.-Mitarbeiter, sich bei einem bekannten deutschen Diplomaten über diese Fragen zu ; informieren.

Der befragte Staatsmann stammt noch aus der alten • Schule, und seine Anschauung ist unverkennbar von einem großen Zuge beherrscht. Er faßte in seiner Antwort zunächst den Punkt ins Auge, inwieweit

der politische Instinkt

die Nationen unaufhaltsam vorwärts drängt. Es ist der Ausgang ans Meer, der von jeher die Kulturzüge der Völker geleitet hat. Auch Rußland ist von diesem instinktiven Drang beherrscht und sucht nach zwei Seiten hin seine Auf­gabe zu erfüllen: Zunächst durch eine Ausführung des an­geblichen Testaments von Peter dem Großen, der als hei­liges Vermächtnis seiner Nation die Aufgabe hinterlassen haben soll, das goldcüeiByzanz zu erobern und zu besetzen. Von Hi?r aus soll dann unter Führung Rußlands die slavische K«fse ihren Siegeszug über die Erde nehmen. Da in- Wen die Eifersucht der Mächte eine Ausbreitung Rußlands cinf der Westseite hemmt und hindert, so wendete sich die Aufmerksamkeit seiner Diplomaten schon seit den Tagen der si^ltivierung Sibiriens Ostasien zu. In aller Stille schob es seine Etappen weiter, und diese Entwickelung hätte ohne Konflikt noch jahrzehntelang, wenn auch überwacht von der Eifersucht Englands, fortdauern können, wenn nicht

Japan als Vormacht der Mongolen

msi den Schauplatz der Geschichte getreten wäre. Dieses kleine Jnselvolk hat sich in verhältnismäßig kurzer Zeit euro­päische Kultur angeeignet. Durch die.Armut des Landes war es gezwungen, sich eine Ausdehnung nach seiner Westseite hin zu suchen, und so ist dieses asiatische Mischvolk seit Jahr­zehnten schon zum Bedränger und Bedrücker Koreas geworden, mit dem es heute das Schutz- und Trutzbündnis abgeschlossen bat. Das alles spielte sich aber auch in aller Stille ab. Erst der Krieg mit China hat die allgemeine Aufmerksamkeit aus die in diesem Volke schlummernden Kräfte aufmerksam ge­macht. Diese sind vorwiegend geistiger Art. Die Japaner der fügen über einen großen Verstand, mit dem sich aller­dings unsympathische moralische Eigenschaften paaren. Ihre Hauptforce aber ist ein großes Nationalgefühl und eine höchst opferwillige Vaterlandsliebe. So ist der Japaner tatsäch­lich in dem ostasiatischen Karpfenteich der Hecht, der das Leben bringt. Seinem Selbstbewußtsein würde ganz ent­schieden die Parole

Asien d^ 9{ünf m entsprechen. Allein die mongolische Nasse in sich ist nicht so einig, als man glaubt. Die Chinesen haben seit Jahrhunderten ein zu abgeschlossenes Dasein geführt, als daß sie mit einem Schlage zu einem kriegerischen oder kulturellen Wettbewerb mit den abendländischen Völkern zu gewinnen wären, und die Koreaner werden sich weigern, mit den Japanern aus die Dauer gemeinsam vorzugehen. Dagegen spricht auch nicht das jetzige Bündnis, das ohne Zweifel nur das Er­gebnis eines auf die Koreaner ausgeübten militärischen Druckes gewesen ist. Japan hat erst die offene Abneigung ihr Koreaner und das Mißtrauen der Chinesen zu über­winden, ehe es ernsthaft an die Durchführung eines solchen Planes gehen könne. Wie wenig aber die Chinesen folchen immerhin doch idealen Zielen zugänglich sind, beweist die Tatsache, daß sie schon zufrieden sind, wenn die Mandschurei, die doch ein Teil ihres Staatsgebiets ist, als neutrale Zone erklärt wird. Aber selbst wenn die Japaner alle diese üieibungswiderstände beseitigen konnten, so würde die Durch­führung dennoch an dem

Widerstand der großen Weltmächte

Oertern. Für den Fall eines russischen Sieges wäre zweifel­los Japan der Schützling von England und Amerika, sollte aber Japan den Sieg davontragen, so wird sein jetziger Bandesgenosse sich in seinen Gegner verwandeln, und Amerika insbesondere wird unter keinen Umständen ein Großmongolen- Mm entstehen lassen. Die Vereinigten Staaten haben durch Eroberung der spanischen Inseln förmliche Forts gegen Asien hin in den Stillen Ozean vorgeschoben. Kuba ist voll- ftcindig in ihrer Hand, die Philippinen und einzelne Inseln öer Marianengruppe, sowie auch des samoanischen Gebietes Ab für sie förmliche Etappen auf dem Wege nach Ostasien. Dazu kommt noch, daß Amerika durch die Selbständigkeit von Panama die Möglichkeit gewinnt, mit Hilfe eines Durchstichs am Isthmus eine Verbindung zwischen dem Atlantischen und sein Stillen Ozean, oder mit anderen Worten,

Lie Vermittelung zwischen Abendland und Morgenland herzustellen. Für das Eingreisen dieser Großmächte ist also unbedingt die Erlangung einer Vormachtstellung in Ost­

asien durch eine der Beiben Kriegsparteien die Voraussetzung. So lange der Krieg in der Schwebe bleibt, ist es nicht zu be­fürchten. Diese Frage wird erst in einem späteren Stadium akut werden. Es ist deshalb auch schwer, zu prophezeien, ob wir mit der Möglichkeit eines Weltbrandes zu rechnen haben, oder nicht. Die Gefahr größerer Verwickelungen ist vorhanden, und sie steigt und fällt je nach der Konjunktur des Krieges.

Der Krieg in Ostasien.

Die japanische Flotte hält weiter die Wacht vor Wladi­wostok und zeigte sich einmal in gefahrdrohender Nähe, ohne jedoch das Bombardement wieder zu eröffnen.

Der Hasenkommandant meldet darüber vom 7. März an den Statthalter Alexejew nach Mukden:

Heute mittag ist der Feind wieder in die Ussuri-Vai eingedrungen, hat sich dem Orte genähert, von dem aus er gestern das Feuer auf den Hasen eröffnete, und ist dann auf die offene See hinaus gefahren.

Die Ussuri-Vai bespült den Ostrand der langgezogenen Landzunge, aus der

die Festung Wladiwostok

liegt. Der Westrand erstreckt sich längs der Amurbai. Die Landzunge gabelt sich an der Spitze in der Mitte, und das dadurch gebildete Becken ist der eigentliche Hasen von Wladi­wostok. Der Hauptteil der Stadt liegt auf der westlichen Gabelung der Landzunge und wird von Westen durch die Amurbai, von Osten durch das Hafenbecken begrenzt. Als Verlängerung dieses Teils der Landzunge ist eine Inselkette anzusehen, welche sich noch weiter in die See hineinschiebt, stark befestigt ist und die Außenforts von Wladiwostok trägt. Die Amurbai ist mit dem Hafenbecken durch einen für die größten Schiffe befahrbaren Kanal verbunden. Er existiert ausschließlich für die Zwecke der Kriegsmarine. Die Garnison von Wladiwostok ist sehr bedeutend und wird auf mindestens 15 000 Mann geschätzt.

Ueber die Absichten der Japaner

sind jetzt keine weiteren Zweifel möglich. Die in und um Wladiwostok stehenden russischen Truppen werden durch die Angriffe auf die Stadt vollständig engagiert und können den aus dem Marsche nach Korea begriffenen oder schon in Korea stehenden Kolonnen feine weiteren Nachschübe leisten, wäh­rend das in der Plaksinbucht ans Land tretende japanische Expeditionskorps, das den Russen den Weg verlegen will, ununterbrochene Unterstützung durch die Japaner erhalten wird, die allen Berichten zufolge in Gensan in gewaltigen Massen — man spricht von GO 000 Mann — konzentriert sind, mir der Möglichkeit, sowohl zu Schiffe nach Norden, wie zu Lande gegen den Ualu hin geworfen zu werden. Von der Plaksinbucht bis nach Wladiwostok sind etwa 350 Kilometer Luftlinie. Am> ShMghai wird gemeldet, daß die Japaner vier Heereskole nneu zu bilden gedenken.

Die russischen Operationen scheinen sich ans das schon mehrfach erwähnte Tal des Tumen- flusses südli m k r Possjet-Bai zu stützen. Ein Telegramm aus Tokio 7. März besagt:

Es wird an a^nnnmen, daß das russische Wladiwostok- Geschwader si.b jetzt in der Nachbarschaft des Tränenflusses befindet zur Deckung der Bewegung der russischen Truppen von de. Poss ewai nach dem Tumental. Aus verläßlicher Quelle verlautet, daß die russischen Aufklärungspatrouillen bis etwa nach K öagsöng nach Süden vorgedrungen seien. Früher wurden die russischen Bewegungen in Nordostkorea als eine Diversion betrachtet, jetzt erscheint eine wesentliche Truppenmacht beteiligt. Man glaubt, die Russen wollen am Tumen eine starke Position besetzen und befestigen.

Nach Meldungen aus Söul lassen sich die russischen Truppen in Nordkorea viele Ausschreitungen zu schulden kommen. Am 4. März kam es zwischen koreanischem und russischem Militär zu einem Zusammenstoß in der Nähe von Kangge, bei dem etwa 30 Russen getötet sein sollen. Die Russen wurden über den Jalu Zurückgetrieben.

In Port Arthur ist weiter alles ruhig und vom Feinde nichts zu sehen. Vizeadmiral Makarow, dem an stelle des Statthalters Alexejew das Kommando in Port Arthur übertragen wurde, ist jetzt dort eingetroffen.

Die Politik.

A Die Novelle zum Neichsstempelgesetz ist dem ^mihoeèrax zugegangen. Wie verlautet, bezweckt sie in der Hauptsache eine stärkere Belebung des Arbitrageverkehrs an der Börse. Es soll beabsichtigt sein, für ausländische Wert­papiere fakultativ eine Art Steuerabfindung einzuführen, nach der diese Wertpapiere einer stückweisen Abstempelung bei chrer Einführung in den inländischen Verkehr nicht mehr unterliegen. Eine Ermäßigung des Steuersatzes für Wert­papiere ist nicht geplant. Was den Anschaffungsstempel an­

langt, so soll, abgelegen von einigen weiteren ^riemperungen für den Arbitrageverkehr, nur noch für den Verkehr in Reichs- und Staatsanleihen einschließlich der Schatzanweisun­gen aus finanzpolitischen Erwägungen eine Ermäßigung der Abgabe geplant sei. Man hofft, daß diese Ermäßigung keinen Ausfall an dem Ertrage der Abgabe, lvohl aber eine Besserung und Festigung der Kurse unserer soliden Wert­papiere zur Folge hüben wird.

[51 Zum Hereroaufstand liegen neue Nachrichten von irgend welchen: Belang einstweilen nicht vor. Nachträglich wird be- Fannt, daß im Khantal zwei der dort unter Aufsicht deutscher Truppen an den Bahnherstellungsarbeiten beteiligte Herero plötzlich sich aus dem Staube machen wollten. Als unsere Soldaten sie zusammen mit den übrigen 21 Herero, die unter chrer Bewachung standen, einholen wollten, rissen and) die 21 Herero aus. Darauf schossen die Soldaten 13 von ihnen nieder. Nur ein Herero wurde wieder eingebracht. Infolgedessen mußten die Arbeiten auf der Bahnstrecke ein­gestellt werden. —| Größere militärische Operationen sind vorläufig nicht zu erwarten, da man die Ankunft der in Ar­gentinien gekauften Pferde abwarten will, die auch noch aus­ruhen und beschlagen werden müssen. Die Kriegsführung ist schwierig und langwierig, tveil der Gegner in den Bergen mit Wasserstellen starke Stellungen findet. Er hat verniut- lich seine Hauptstärke in dem Gebiet von den Etjobergen (nordöstlick) von Onrburo) bis Waterberg. Major v. Estorff wartet daher, bis ein konzentrisches Vorgehen gegen die ^rümar^en möalicb ist

Deutscher Reichstag.

(52. Sitzung.) CB. Berlin, 8. März.

Die Beratung des Militäretats hat offenbar ihren Höhe­punkt überschritten. Das Haus ist noch schwächer besetzt, als in den letzten Tagen.

Vor Fortsetzung der Militärdebatte wird der Gesetzentwurf betr. die Rechtsstellung des

herzoglich holsteinischen Fürstenhauses in erster und zwefter Lesung angenommen. Es handelt sich darum, bi es ein Fürstenhause dieselben Vorrechte zu verleihen, in deren Besitz sich die Mitglieder der fürstlichen Familie Hohenzollern und der hannöverschen, kurhessischen und nassauischen Fürstenhäuser befinden.

Gegen die Vorlage spricht nur der Sozialdemokrat Stadthagen, der nebenbei auch die Besorgnis äußert, es könnte dem holsteinischen Fürftenharsie auch ein Sonder­recht auf strasrechtlichem Gebiet gewährt werden. Staats­sekretär Nieb erding widerspricht dem unb erklärt weiter­hin noch, daß die Annahme der Vorlage kein Eingreifen in bereits rechtsanhängige Prozesse zur Folge haben könne.

Zum

Militäretat

spricht dann zunächst Abg. Dr. Sattler (natl.), welcher die Streichung der Oberstleutnantszulagen und der neuen Unteroffizierstellen bedauert und weiter erklärt: Die Ver­sicherung Bebels, daß die Sozialdemokraten in einem ge­rechten Verteidigungskriege für das Vaterland kämpfen würden, sei ja erfreulich; nur sei zu befürchten, daß die Herren sich vorbehielten, selber zuvor zu entscheiden, ob ein Krieg ein „gerechter Verteidigungskrieg" sei. .

Nachdem Abg. ^ebebonr Doz.) nochmals Beschwerden über Soldatennüßhandlungen vorgebracht hatte, nahm der militärische Bundesratsbevollmächtigte Sachsens, General z u r R i b b a , das Wort, um eine vom Abg. Bebel gestern zur Sprache gebrachte „Militäraffäre" aus Bautzen auf Grund amtlichen Materials als „erstunken und erlogen" hin­zustellen. Abg. Dr. Müller- Meiningen Weis. Vp.) for­derte den Kriegsminister auf, ausdrücklich zu erklären, ob es wahr sei, daß der Erbprinz von Meiningen vom Kaiser rektifiziert worden sei, weil er als kommandierender Ge­neral in einem Erlaß gegen die Soldatenmißhandlungen aufgetreten sei. Kriegsminister v. Einem erwidert, daß er es auch heute ablehnen müsse, hieraus eine direkte Ant­wort zu geben. Der Kaiser allein habe zu bestimmen, ob ein General befördert oder versetzt werden solle. Wohin solle es führen, wenn über derartige oder ähnliche Willensäuße­rungen des Kaisers in diesem Hause verhandelt werden würde? Abg. Stöcker beginnt mit einer Kritik der anti­militärischen Romane. Redner wendet sich dann den Sozial­demokraten zu und erklärt ihnen, daß er von Kritikern in Militärangelegenheiten fordern müsse, daß sie etwas von dec Sache verständen. Unter Heiterkeit des Hauses fängt Redner alsdann mit einer Rundfrage an: „Herr Bebel, haben Sie gedient? Herr Ledebour, haben Sie gedient?" Der Prä­sident macht den Redner darauf aufmerksam, daß es nicht anginge, die einzelnen Abgeordneten fortgesetzt anzusprechen. Abg. Stöcker fährt dann fort: Kein anderes Volk würde ein Heer, das, wie das unserige, großes geleistet hat, so behan­deln, wie es hier von den Sozialdemokraten geschieht. Die Sozialdemokraten verhielten sich ruhig. Nur am Schluß der Rede, als Abg. Stöcker Zitate , aus dem Bebelschen Buche „Me Frau" vorlas, kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Stöcker und Bebel. Bebel warf Stöcker in wieder­holten Zwischenrufen Fälschungen vor. Allein die Glocke des Präsidenten kämpfte bald den Sturm nieder.