Nr. 7
Erstes Blatt
Samstag, den 9. Januar 1904
13. Jahrgang
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_____ Sieg und Sbre.
. ‘ ^Politische W 0 chenscha u.l ' ^---
Wenn demnächst die Reichsboten wieder zu löblichem Tun am Königsplatz zu Berlin zufammentreten, dann wird schon der erste Tag einen heißen Streit unb ein heftiges Ringen der Gegensätze bringen. Auf der Tagesordnung steht nämlich die Interpellation über die Kündigung der Handelsverträge, die von dem Grafen Kanitz begründet wird. Da aber der Ton die Musik macht, so läßt sich ein großer Tag erwarten. Graf Kanitz hat selbst bereits öffentlich angekündigt, daß er es „an Deutlichkeit nicht fehlen lassen werde", und von seinem früheren Auftreten im Parlament weiß man ja, daß bei der Erörterung wirtschaftlicher Fragen auf seiner Laute keine Mollakkorde erklingen. Die rechte Seite des Hauses hält noch immer daran fest, daß die Regierung durch eine Kündigung der Handelsverträge die fremden Staaten vor die Entscheidung stellen müsse, ob sie mit uns einen vertraglich geregelten Handelsverkehr unterhalten wollen oder nicht. Äe Legierung will indes darauf nicht eingehen. Nach ihrer Ueberzeugung kann nicht eine aggressive Handelspolitik, sondern nur ein maßvolles Diplomatisieren Sieg und Ehre bring eit.
Um „Sieg und Ehre" dreht es sich auch bei dem Crimmitschauer Weberstreit', der nach dem Scheitern der Ausgleichsverhandlungen in ungeschwächter Schärfe fortbauert. Wer immer aber auch .der obsiegende Teil sein mag, er muß die Niederlage seines Gegners mit eigenen schweren Opfern erkaufen. Die ganze Textilindustrie in Crimmitschau steht vor der Gefahr einer vollständigen Vernichtung. Allerdings hat der Weberstreik auch ungewollt technische Fortschritte gebracht. Das Maschinensystem und die Betriebsmeise im Ausstandsgebiet war teilweise veraltet, und daraus erklärt sich auch die geringe Neigung der Unternehmerschaft auf eine Aenderung in ben Lohnbedingungen und in dem Arbeitssystem ein zu gehen. Auch den Lohnkämpfen wohnt also die Tendenz inne, technische unb ökonomische Fortschritte zu erzeugen, denn je höher die Lohnliste des einzelnen wächst, um so mehr muß der Unternehmer darauf be dacht sein, durch Arbeit imb Geld sparende Maschinen das Anwachsen der Betriebsausgaben zu verhüten. Wenn nach Beendigung des Crimmitschauer Weberstreiks der Betrieb wieder ausgenommen wird, dann werden die Unternehmer wohl, um die Verluste auszugleichen, einem besseren System sich zuwenden müssen und dies um so mehr, als die Konkurrenten in verschiedenen Teilen Deutschlands schon jetzt mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Das ist das ver- [öb nenbe Moment, das in dem Lohn kämpfe liegt, daß der Gegensatz zwischen den Arbeiter- und Unternehmerinteressen druch die technischen Fortschritte ihren Ausgleich findet. Aber immerhin bleibt der Kampf bedmwrlich, weil durch ihn die nienschlicheir Leidenschaften in einem höheren Grade entfesselt worden sind, als es je vorher der Fall war. Die wirtschaftlichen Interessen sind bei diesem Ringen vollständig zurtWgetreten hinter der Machtfrage. Für beide Parteien handelt es sich nicht mehr um ökonomische Vorteile, sondern um Sieg und Ehre.
Auch in unserem benachbarten und verbündeten Kaiserstaat Oesterreich-Ungarn spielt augenblicklich der imaginäre Ehrbegriff der ^Nationalitäten eine maßgebende Rolle. Der österreichische Ministerpräsident Dr. v. Koerber hat sich den Negierungsgrundsatz erwählt, daß in den gemischsprachigen Landesteilen keine Veränderungen zu gunsten einer Nationalität ohne die Zustimmung der anderen eingeführt werden können. Nur so k>nn das ^Hnzw der streuest^" ^""^''"' "'
Der Wildhirt.
Eine oberhessische Dorfgeschichte von J. Becker.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Tiophel mochte sich sofort an das Ausbrechen und Zerwirken des Tieres, während Hangcurt in die mondhelle Nacht htneinlugte, um das mögliche Herannahen eines Forstlaufcrs zu vermelden. Die Burschen hatten jedoch Glück, denn es blieb fern und nah alles still.
Endlich war Tiophel mit dem Hirsch fertig und beide schafften ihn nach der alten Lehmkaute, wo sich Tiovhel eine Grube angelegt hatte, in der er die Stücke des' zerlegten Tieres verbarg. Sie befand sich unter einigen großen auf einen Haufen gewälzten Steinen neben einem Dornbusch. Ec entfernte jene und nachdem er das Fleisch hübsch sorgfältig hineingebettet, überdecke ec die Grube wieder, stampfte die Erde über ihr fest und wälzte die Steine darauf.
„So, nun mag einer lammen und sehn ob m’r den Zwölfender geschossen," sagte er befciedigt.
Mittlerweile war die Dämmerung des kommenden Tages angebrochen und Hangcurt hielt es daher auch für geraten, nach Hause zu gehen, um wenigstens nicht am hellen Tage ins Dorf zu kommen. Nachdem er dem Tiophel sein Wiederkommen am anderen Tage versprochen, ging ec eiligen Schnittes nach dem Dorfe, in dessen Nähe angelangt, ec seinen Weg durch die Gärten nahm, bis er den Hausgarten seines elterlichen
durchgeführt werden, während die frühere RegwrungSpoUtu des Grafen Taaffe, der bald der einen, bald der anderen Nationalität in blinder Wahl ■$;geuä gemacht hat, systematisch zur Lahmlegung des konstitutionellen Wegimcnk geführt hat. Denn je nach bem Wechsel der Zugeständnis löste eine Nationalität die andere in der Obstruktion ab und es ist nun dahin gekommen, daß das österreichische Parlament nur noch ein Sprechsaal für öffentliche Angelegenheiten ist, aber kaum noch als ein Faktor der Staats- oerwaltung gelten kann; seit Jahr und Tag wird in Cis- leithanien auf Grund des 8 14, d. h. auf dein Wege bei Verordnungen und nicht mehr auf dem Wege garlamcnta- rischer Beschlußfassung regiert. Der österreichische Ministerpräsident will indes die Verfassung allmählich wieder in .Kraft setzen, indem er die Derselbe beiten Nationalitäten zwingt, durch außerparlamentarische Verständigung einer Ausgleich zu staube zu bringen. Es scheint aber, W^ mar im Volke für die Bedeutung und den Wert des Parlamentarismus kein Verständnis mehr hat, denn bis jetzt sind alle Verhandlungen ergebnislos verlaufen. Die Nationalitäten kämpfen nicht mehr für das allgemeine Interesse, sondern nur um Sieg und Ehre. Hier gilt so recht das War: Uhlands „Töricht Herz, das Sieg und Ehre mißt nach den Erfolg des Augenblicks, des ewig wechselnden!"
Von ähnlichen Beweggründen durchdrungen ist auch bu Wirksamkeit des ungarischen Abgeordnetenhauses, wo bat Magyarentum bemüht ist, dem ganzen Staatswesen feinen Stempel aufzudrücken. Wenn nicht alles trügt, schein' leider auch die Widerstandsfähigkeit unseres nationalen Außenpostens, des sächsischen Bruderstammes nämlich, gebrochen zu sein. Nachdem er sie jahrelang einen verzweifelten Kampf um die nationale Ehre geführt hat, sind jetzt bii sächsischen Abgeordneten wieder der liberalen Partei beigetreten und haben somit die Taktik eines vereinigten Kampfe- der nichtmagyanischen Volksteile gegen die Vornnacht bet ungarischen Staates aufgegeben.
Während in Oesterreich-Ungarn der Kampf der Gegen sätze vorzugsweise politischer Natnlr ist, ringen in Englant die wirtschaftlichen Parteien um Sieg und Ehre. Chamber lein ruft unausgesetzt, ein moderner Peter von Amiens das Volk zum Kampf für den Schutzzoll auf, es scheint aber daß in der Regierung, bezw. bei dem König, seine Gegnei die Oberhand behalten haben, denn das Königspaar hat un mittelbar, nachdem der Herzog von Devonshire, der Führer der Gegenpartei, aus feinem Agitationsfeldzug heimgekehr: ist, diesen in ostentativer Weise vor allem Volke durch einer feierlichen Besuch ausgezeichnet. England will offenbar einen Uebergang zum Schutzzoll vermeiden, um mit destc größerem Nachdrrick in der Welt und insbesondere in Ostasien für die Politik der offenen Tür eintreten zu können Bislang war diese gewährleistet durch den Gegensatz zwischer Rußland und Japan, der jetzt zu offenem Zwist drängt. Wird es den Diplomaten gelingen, durch maßvolle Besonnen heit das Aeußerste zu vermeiden oder sind die Würfel schor unaufhaltsam im Nollen zu einem blutigen Spiel um Siec und Ehre?
Die Politik.
* „Aus unanfechtbarer Quelle" will die „Soz. Prax." erfahren haben, daß die Frage der Rechtsfähigkeit der Bernfs- oereine seit einigen Monaten amtlich geprüft werde. Die Erteilung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine ist bekanntlich ein alter und allgemeiner Wunsch der Arbeiter. Auch die iünast vom Reichskanzler empfangene nichtsozial-
AH oies erreichte, der an die hintere Seite des Wohnhauses grenzte, ivo* das Fenster seiner kleinen Schlafkammer offen stand. Ec holte sich Dom Hofe eine Leiter, welche ec an lernte, so daß ec ein steigen konnte. Nachdem dies geschehen, stieß er die Leitec mit dem Fuß zurück. Sie fiel , an dec Wand des Hauses hinab. Lo wurde man doch so lei ' t nicht gewahr, daß er eingellkeaen nw
Tiophel streckte sich draußen in seiner Einsamkeit auf das weiche Lag-r aus dem Boden der Hütte nieder und schnarchte dem Sonntag entgegen.
Am andern Morgen schien die Sonne hell und freundlich. In dem umwaldeten Feldeirrschnitt, dem sogenannten „Lichten Holz", an dem die Wildhütte stand, war es wie in einem Paradiese. Rings in den Zweigen, in denen sich hie und da schon das Grün hervorwagte, ertönte ein lebhaftes Vogelkonzert, der Kuckuck schrie und die Wildtauben girrten, dann und wann spielte ein leises Morgensiutchen — allenthalben mächtiges Treiben in der schaffenden Natur. Man konnte es dem Wildhirten nachfühlen, daß er mit Liebe an seinem Amte hing.
Da kam ein robust aussehendes Weib um die Waldecke vom Felde daher uub schritt auf die Hütte zu. Es war Tiophels Mutter, die an der Hand einen Korb trug, in dem sie ihrem Sohne mancherlei Sachen brachte.
„Ich muß doch sehen, was Du machst", meinte sie, als sie in die Hütte trat. „Wie geht Dir's da?"
demokratische Arbeiterdeputation unterbreitete ihm diesen Wunsch als eine ihrer drei Hauptforderungen.
G Ohne Angabe von Gründen ist der deutsche Reichstags- abgeordnete Pfarrer Delsor-Nordheim aus Frankreich ausgewiesen worden, als er vor 800 Personen, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, in Luneville einen religiössozialen Vortrag halten sollte.
=4= Die vielfachen Klagen der ländlichen Lehrer wegen zu niedriger Bewertung der Dienstwohnung haben dem preußischen Kultusminister Anlaß gegeben, die Bezirksregie- Nmgen zu beauftragen, im Jahre 1904 eine neue Einschätzung der Lehrerdienstwohnungen vorzunehmen.
O Abgesehen von der großen „wasserwirtschaftlichen Vorlage", der K a n a l v o r l a g e und der Ergänzung des schlesischen Hochwasserschutzgesetzes, wird sich der preußische Landtag noch mit anderen wasserwirtschaftlichen Vorlagen zu beschäftigen haben. Es wird von der Regierung beabsichtigt, durch ein besonderes Gesetz die rechtlichen Grundlagen für die dem Bedürfnis entsprechende Freilegung des Überschwemmungsgebietes der Oder zu schaffen. Aber auch in den übrigen Strömen und Flüssen haben sich die geltenden gesetzlichen Bestimmungen über die Freihaltung der Hochwasserabflußgebiete als nicht mehr ausreichend erwiesen. Ein für das gesamte preußische Staatsgebiet geltendes Gesetz über die Freihaltung der Ueberschwemmungs- gebiete wird daher dem Landtage in der nächsten Tagung ziu gehen.
Oefterretcb-Ungam,
d Merkwürdige Dinge kommen in österreichischen und ungarischen Blättern angesichts der Bileker SoldlUenmcutc- reien zu Tage. Auf Grund eines von dem Führer der nnga- rischen Liberalen, Banffy, herrührenden Artikels im „Magyar Szo" äußern die Blätter den Verdacht, daß die Soldatenausschreitungen in Bilek von jenen ungarischen Politikern geschürt wurden, die schon früher auf dem Wege über Frankreich r u s s s ch e s Geld verdient hätten und nun auf dem Wege über Serbien in Bosnien Unruhe stiften wollten. Sind) das Kriegsministerium habe einen solchen Verdacht ausgesprochen. Gemeint ist mit diesen Andeutungen offenbar der ungarische Abgeordnete U g r o n , der bekanntlich früher für einen Anschluß an die französisch- russische Allianz tätig war unb dafür bezahlt worden sein sott. Jedenfalls wird dieser Preßfeldzug noch stürmische rarla- mentarische Szenen in Budapest zur Folge haben. — Übrigens sind schon wieder n e u e M e u t e r e i e n 311 verzeichnen: Eine Anzahl drittjährige Honvedhnsarcn durchzogen in Baja mit gezückten Säbeln die Straßen und zertrümmerten viele Fenster, bis Patrouillen einschritten. Die Kasernen wurden gesperrt.
# Der Erzbischof von Olmütz, Dr. Kohn, wurde nach Rom berufen, wo er wegen seiner Übergriffe gegen Geistliche, namentlich wegen Verletzung des Beichtgeheimnisses, von der Kurie abgeurteilt werden soll. Der Papst hat ihm nun befohlen, auf den Erzbischofssitz freiwillig zu verzichten. Falls der Erzbischof sich weigert, so würde ein großer Prozeß die Folge sein. Ein Erzbischof ist nach dem Kirchengesetz unabsetzbar. ,
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~ d Im Anschluß an den allgemeinen englisch-französischen schiedsgerichtsvertrag wollen beide Länder jetzt auch noch ein besonderes enalisch-franewfisches Kolmnal-U Übereinkommen
„O, mir gefällte ganz gut", erwiderte Tiophel, indem er sich vom Lager erhob und die Arme reckte, wobei er gähnte.
„M'r meint, wärst noch müb’."
Tiophel nickte. „M'c haben heut' Nacht 'n guten Fang getan."
„So, ei was habt'r da?" fragte die Gänsehannessin neugierig.
„'n schweren Hirsch — ich und der Hangcurt!"
„O was! Ei, wo habt'rn da?"
„Dort drüben in dec Lehmkaut. Da hab' ich m'c die Nächte her so'ne Grube ang'legt, wo ich alles 'nein- thu', was m'c nit finde soll. Ich hab auch da 'ne Keule unter den Dörnern im Moos liegen. Die will ich Euch mitgeben, Mutter, die könnt Ihr zu Haus gleich braten und 'rausbringen, denn es is möglich, daß der Hangcurt heut Nachmittag 'rauskommt und dann wollen m'c uns mal was Guts thun."
Die Gänsehannessin wac über diese Geschichte sehr erfreut, denn sie wac eine große Freundin von gebratenem Fleisch, noch dazu, wenn es W ldpcet war, das nichts kostete. Sie packte darum auch die Keule, als^der Tiovhel sie ihr gegeben, sorgfältig in den Korb und ging damit nach ihrer Hütte oben am Ende des Dorfes zurück, in der bald ein lustiges Feuer loderte, über dem es lebhaft briet.
(Fortsetzung folgt.)