Nr. 6
Freitag, den 8. Januar 1904
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Vr«1i-Heilag-«: QberheMche Familie»-»"««- (täglich) Sherhèfsts'Äe Zeitschrift für La«dwirtschaft, Obst- u»b »rte«ba«, sotviebte •itiwr Seife«blase« (wöchentlich).
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«r Overhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metze» mck umgehn, GM«t eie »»tlich« Bekauutmachungeu der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden Ne OberheF«.
Im Zächen des Verkehrs.
CB. Der preußische Eisenbahnminister erweist sich je länger je mehr als Ler rechte Mann auf seinem Posten. Er setzt seine Reformtätigkeit aus den verschiedensten Gebieten des Verkehrswesens mit unvermindert regem Eifer, mit weitsichtigem Blick und praktischem Verständnis fort. Eine Reihe neuerer Erlasse Les Ministers legt davon erfreuliches Zeugnis ab.
Zunächst hat Herr Budde eine Anordnung getroffen, die namentlid) in den abseits des großen Verkehrsnetzes gelegenen Mittel- und Kleinstädten und auf dem Lande mit großer Befriedigung begrüßt werden wird. In einem Erlaß an Lie Eisenbahndirektionen weist Ler Minister diese an, im Interesse der Bedürfnisse Les Verkehrs, insbesondere auf Neben eisenbahnen, der Verwendung von Motorwagen oder leichteren Personenzügen näher zu treten. Die ' Eisenbahndirektionen sollen prüfen, ob und auf welchen Strecken ihres Bezirkes die Verwendung solcher oder ähnlicher Fahrzeuge zweckmäßig ist. Dabei sollen nicht nur die Erleichterung gewisser Verkehre, wie beispielsweise des Schul - und Arbeiterverkehrs zu bestimmten Tagesstunden, sondern auch die Ausfüllung von Lücken im Fahrplan auf kürzeren Strecken in Betracht gezogen werden. In letzterer Beziehung soll besonders der Verkehr mit den wirtschaftlichen und politischen Hauptyrten eines Bezirkes und die V e r b e s s e r u n g der A n s ch l ü s s e nach und von Len durchgehenden Hauptbahnen berücksichtigt werden. Ueber das Ergebnis der Prüfung haben die Eisenbahndirektionen innerhalb dreier Monate dem Minister zu berichten. Bei Ler Verwirklichung Lieser Verkehrserleichterung und Verbesserung wird nicht nur Las Publikum in jedem Sinne des Wortes „gut fahren", sonLern auch Ler Eisenbahnfiskus.selbst wird baüon Vorteile haben.
Zwei weitere Erlasse des Ministers tragen ein mehr sozialpolitisches Gepräge. In dem einen weist er die Eisenbahndirektionen darauf hin, Laß die Vorstände der B a h n - und K a s s e n a r z t v e r e i n e , die in allen Direktionsbezirken bestehen, in erster Linie dazu geeignet erscheinen, bei , Meinungsverschiedenheiten zwischen Len EisenbahnLirektionen ; oder den Vorständen der Betriebskrankenkassen einerseits und Bahn- und Kassenärzten andererseits zu vermitteln. Der Minister betont, daß die Vorstände dieser Vereine das Vertrauen der Bahn- und Kassenärzte genießen und auch aus die dienstlichen Bedürfnisse der Staatseisenbahnverwaltung regelmäßig die notwendige Rücksicht genommen haben. Man wird dieser Auffassung ohne weiteres beipflichten und in der Einschaltung der Vorstände der Aerztevereine als Vermittler bei Streitigkeiten namentlich zwischen den Krankenkassen und den Aerzten ein brauchbares Mittel sehen dürfen, den Frieden zwischen Aerzten und Kassen dauernd aufrecht zu erhalten.
Der dritte Erlaß nimmt sich ausschließlich der Eisenbahnarbeiter an. Er bestimmt, daß den Arbeitern Ler Staatseisenbahnen, die mindestens sechs Monate ununterbrochen im Dienste der Verwaltung beschäftigt sind und zur Ableistung der aktiven Militärdien st zeit aus der Beschäftigung ausscheiden, beim späteren Wiedereintritt, sofern die Arbeiter sogleich nach beendeter Militärdienstzeit um Beschäftigung nachsuchen, sowohl die vorher im Eisenbahndienste zugebrachte anrechnungsfähige Dienstzeit als auch die Militärdienstzeit selbst auf das Lohndienstalter anzu- rechnen sind. Bisher wurde die Militärdienstzeit auf das Dienstaller nicht angerechnet.
Schließlich sei noch ein vierter Erlaß erwähnt, der zwar nichts Neues bringt, aber in sozialpolitischer Hinsicht wohltuend wirkt. Er ordnet an, daß die den Kriegsinvaliden im vergangenen Sommer eingeräumten Fahrpreisermäßigungen zum Kurgebrauch unter denselben Bedingungen auch in diesem Jahre gewährt werden sollen. Die Ermäßigung besteht bekanntlich darin, daß sie bei Benutzung der zweiten und dritten Wagenklasse auf halbe Personenzugeinzelreise- oder halbe Rückfahrkarten befördert werden. — Herr Budde widerlegt mit seiner Tätigkeit als Minister in glücklichster Weise das Vorurteil, das in manchen Kreisen gegen die Ernennung von Militärs zu Ministern gehegt wird.............. -------------
Kriegseröffnung?
Immer mehr neigt sich das Zünglein an der Wage, in bei die Kriegs- und die Friedenslose ruhen, nach der Seite des Krieges hin. Zwar sowohl von russischer und japanischer Seite wird noch immer versichert, daß jeder der beiden Staaten den Frieden wolle, und auch die deutsche Diplomatie hält noch immer — wenn auch nicht mehr so zuversichtlich als bisher — an der Anschauung fest, Laß Ler Krieg sich vermeiden lasse. Aber trotzdem gewinnt angesichts der offenbar einen Krieg für unausbleiblich haltenden Auffassung der Kabinette in London, Paris und Washington und auch in Rom die Ueberzeugung mehr und mehr Verbreitung, daß die Eröffnung der Feindseligkeiten vor der Tür steht.
Zwar wird es allem Anschein nach zu einer formellen Kriegserklärung nicht kommen. Japan wird vielmehr gegen das Einbringen Ler russischen Truppen in Korea Waffengewalt anwenLen, und dann gibt es für keine der beiden Mächte ein Zurück mehr. Zu kleinen Konflikten ist es bereits gekommen: Rußland hat in Tfchemulpo eine aus 30 Mann bestehende Wache zum Schutze der russischen Gesandtschaft in Söul gelandet, Lie japanische Eisenbahndirektion weigerte sich jeLoch, sie nach Söul zu befördern.
Rußland sowhl wie Japan arbeiten mit fieberhaftem Eifer an der
Vervollständigung der Rüstungen, alle russischen Kriegsschiffe in Wladiwostock fin^ nad) Port Arthur in See gegangen. Japan chartert an Transportschiffen, was es bekommen kann. An der Ausrüstung her beiden in Genua für Japan gekauften Kriegsschiffe wird bort fieberhaft gearbeitet. Auch die Beschaffung von Geldmitteln wird von Japan eifrig betrieben; wie verlautet, will England eine japanische Anleihe übernehmen, um später mit.diesem goldenen Schlüssel sich Japan wirtschaftlich zu erschließen. Rußland scheint eine Anleihe, nicht nötig zu haben; nach neueren Meldungen verfügt es über einen vom Finanzminister Witte gesammelten baren Kriegsschatz von 980 Millionen Rubeln!
Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges wird auch durch die Haltung Koreas und Chinas
erhöht. Korea scheint sich auf Japans Seite schlagen zu wollen; es protestiert gegen die russischen Vorschläge an Japan, wonach Nordkorea neutralisiert werden soll, und schlägt einen ziemlich unfreundlichen Ton gegen Rußland an, das gehofft hatte, Korea im Kriegsfalle gegen Japan ausspielen zu können.
Nichts, Bestimmtes verlautet über Chinas Haltung. Nach der einen Meldung ist es zu einer Stellungnahme gegen Rußland geneigt, nach anderen Meldungen soll die Kaiserin- Witwe gewillt sein, zunächst neutral zu bleiben und dann sich auf die Seite des Siegers zu schlagen. Dabei wird China wohl keine Seide spinnen.
So ist denn die Lage in Astasien einem Pulverfaß vergleichbar, Las Ler geringste Funke zur Explosion bringen muß. Selbstverständlich benützen unsere englischen Vettern auch Liese Gelegenheit, um ein bißchen
englische Deutschenhetze zu treiben. Das Londoner Sensationsblatt „Daily Mail" Lischt der Welt folgende Tatarennachricht auf: Nach Meldungen aus Kiautschou erhielten die Russen von den Deutschen Kohlen, die Deutschen liehen den Russen auch Kanoniere! Ueberhaupt entfalteten die Deutschen in Schantung eine lebhafte Tätigkeit. Tausende von kleinen Bronzebildern Kaiser Wilhelms als Kriegsgott, wie er mit dem Schwerte zum Schlage ausholt, seien über ganz Schantung verbreitet und fänden ihren Weg selbst nach Japan. Prinz Adalbert habe erklärt, der Preis für Deutschlands guten Willen Rußland gegenüber werde der Besitz der ganzen Provinz Schantung sein. Selbstverständlich ist das alles Schwindel. '
Die Politik.
cf Der Bundesrat hat jetzt den Gesetzentwurf, betreffend die Einfiihrung von Kaufmannsgerichten genehmigt. Wie wir schon meldeten, bringt der Entwurf Lie Angliederung der Kaufmannsgerichte an die Gewerbegerichte, nicht, wie von anderer Seite verlangt war, an die Amtsgerichte.
C» Für Empfänger von Invalidenrenten ist eine Entscheidung des Reichsversicherungsamts von Interesse, wonach Invalidenrenten, falls eine Altersrente nach Bewilligung der Invalidenrente irrtümlich weitergezahlt worden ist, auf diese irrtümlich weitergezahlten Altersrentenbeträge verrechnet werden können. Zu diesem Zweck dürfen die Invalidenrenten zum vollen Betrage einbehalten werden, wenn der Rentenberechtigte damit einverstanden ist. Anderenfalls darf die Invalidenrente bei der jedesmaligen Monatszahlung nur bis zu einem Drittel einbehalten werden.
0 Der für die nächste Tagung des preußischen Landtages angekündigte Gesetzentwurf über die Regelung der Schul- uuterhaltungspslicht wird, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter hört, trotz eifrigster Tätigkeit der zuständigen Stellen nicht mehr soweit gefördert werden können, daß feine Einbringung noch in diesem Jahre zu erwarten ist. Die Hauptschwierigkeiten für den baldigen Abschluß des Entwurfes liegen auf finanziellem Gebiete. Voraussichtlich dürfte sich die Vorlage keineswegs aus die Neuordnung der äußerlichen Fragen der Sdjiihmterbaltiing^ftid)! beschränken, sondern es wird darin auch der Grundsatz der K o n f e s s i o n a l i t ä t Ler Volksschulen ausgesprochen sein. Dieser Grundsatz soll aber nicht bis in seine letzten Konsequenzen durch- geführt werden; die Simultanschuè soll nicht beseitigt, sondern für Posen, Westpreußen und Nassau beibehalten und ausgebaut werden.
W Die sächsische Regierung hat jetzt den Jammern bic Denkschrift zugehen lassen, die den Wahlrechtsreformplan des sächsischen Ministeriums enthält. Danach schlägt bic Regierung im wesentlichen folgende Reform vor: Es sotten
48'Abgeordnete durch direkte Äbteilungsioaylen und geordnete durch berufsständische Wahlen gewählt werden. Die Abteilungswahlen werden in 16 durch das ganze Staatsgebiet ohne Unterschied von Stadt und Land gebildeten Wahlkreisen von jeder SIbtcitimg besonders vorgenommen. Es wählen unter Voraussetzung der sächsischen Staatsangehörigkeit und des vollendeten 25. Lebensjahres a) in der 1. Abteilung alle diejenigen, welche an Staats-, Grund-, Einkommen- oder Ergänzungssteuer zusammen mindestens 300 Mark entrichten, ober ein abgeschlossenes Hochschulstudium hinter sich haben; b) in der 2. Abteilung alle diejenigen, welche in derselben Weise weniger als 300, aber mindestens 38 Mark Staatssteuer entrichten ober bei geringerer Steuerleistung die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst erlangt haben; c) in der 3. Abteilung alle übrigen, sofern sie überhaupt Staatssteuer entrichten. — Die berufsständischen Wahlen werden in eben derselben Weise von allen Unternehmern der drei Hauptproduktivstände, Industrie, Landwirtschaft und Handel, vollzogen. Im übrigen bleibt es bei dem bisherigen geheimen Wahlverfahren, bei de;n Erfordernis absoluter Mehrheit bei den ersten und relativer Mehrheit bei den Stichwahlen. Bei der Einführung des neuen Wahlrechts würde eine völlige Erneuerung der zweiten Kammer nicht zu vermeiden sein, sväter müßte alle zwei Jahre eine Eindrittelerneuerung der Kammer erfolgen. Von der Vorlegung eines Gesetzentwurfes hat die Regierung zunächst abgesehen, da sie abwarten will, wie weit die Kammern mit der Wahlrechtsreform sich einverstanden erklären.
Oefterreicb-Ungarn»
4= Der Fürsterzbischof von Böhmen, Kardinal Freiherr o. Skrbeusky, ist zu einer Audienz bei Kaiser Wilhelm nach Berlin abgereist. Er beabsichtigt, demnächst den auf preußischem Gebiet gelegenen Teil seiner Diözese zu bereisen, und hat die Audienz erbeten, um sich bem Kaiser vorzu'stellen und einige Wünsche im Interesseseiner preußischen Diözesanen oorzubringen.
Italien,
A Papst Pius X. hat jetzt im Saale des Konsistoriums die Heiligsprechung der ungarischen Märtyrer Marius Grisino, Stefan Poncraez und Melchior Groberz und gleichzeitig einen Erlaß verkündet, durch den der Heldenmut unk die Tugenden der Jungfrau von Orleans anerkannt werden. — Tie Frage der Errichtung eines amerikanischen Primats soll demnächst aufs neue erörtert werden Die Spitzen des katholischen Klerus der Vereinigten Staater treten zu diesem Zweck am 31. Januar in Washington zusammen. Als einziger in Betracht kommender Kandidat gilt Kardinal Gibbons.
Oürkei.
□ Den Posten des Kommandanten der mazedonischen Gendarmerie, auf den jetzt der italienische General d e G i o r g i s - berufen ist, ist nicht nur eine Ehrenstellung, sondern auch ein sehr einträgliches Amt. General de Giorgis erhält — wenigstens soll er erhalten — von der Pforte ein Jahresgehalt von 3000 türkischen Pfund in Gold, außerdem 2000 Pfund Dienstaufwandsgelder. Das sind alles in allem nicht weniger als 92 000 Mark. De Giorgis ist übrigens auf diesen Posten berufen worden, weil er neben seiner italienischen Muttersprache nicht nur das Türkische/ sondern auch das Deutsche, Französische und Englische völlig beherrscht. Leicht wird Herrn de Giorgis sein Amt übrigens nicht gemacht werden. Die Komitatschis rüsten sich bereits zur Frühjahrskampagnc. Herr Bons Sarafow, der z. Zt. . in Bern weilt, erklärte einem Zeitungsmann: „Unsere Bewegung ist eine heilige Bewegung. Wir werden nicht ruhig sein, bis sie von Erfolg gekrönt ist. Wir wissen, daß wir auf die Bevölkerung von ganz Mazedonien rechnen können. Sobald der Frühling kommt, wird's wieder losgehen!"
Hmeriha.
^ Die von uns schon als wahrscheinlich bezeichnete Eim Mischung der europäischen Mächte in die Wirren in Santo Domingo wird jetzt offiziell angekündigt. Nach einer Meldung aus Newyork telegraphierte der Kommandant des amerikanischen Kriegsschiffes „Detroit" dem Washingtoner Marinedepartement aus Puerto Plata (Santo Domingo), er und der Kommandant des englischen Kreuzers „Pallas" hätten dem militärischen Befehlshaber in Puerto Plata eine gemeinsame Note überreicht, in welcher sie ihn für fernere Ruhestörungen verantwortlich machen und für den Fall von Nuhestönlngen ein entsprechendes promptes Vorgehen androben. Ob die Mulatten sich das ad notam nehmen werden?
Hfriha.
£• Es ist kein Geheimnis, daß in manchen Gegenden des löblichen Kongostaats die Menschenfresserei noch stark im Schwange ist. Neuerdings schildern einige englische Missionare einen neuen Fall von Kannibalismus im Kangostaat, der darum besondere Erwähnung verdient, weil sich unter den Menschenfressern auch Soldaten der Kongoregierung befanden. Die Missionare befanden sich an Bord eines den Kongo hinauffahreitden, Missionsdampfers. Der Kapitän wollte eines Abends bei einem Dorfe vor Anker gehen, an dem er bereits oft angelegt hatte. Da wurde ihm van zwei belgischen Kongostaats-Offizieren am Ufer bedeutet, er dürfe dort nicht anhalten, da die konaostaatlicken Truppen gegen