schmeckte ihm nicht recht stilgemäß. Im Hauptzimmer trank eine Gruppe wohlbeleibter älterer Herren Sekt in erheblichen Massen. Gotthold fühlte eine geheime Notwendigkeit, es ebenfalls mit diesem unerhörten Getränk zu versuchen; er ließ eine halbe Flasche kommen und trank sie ohne merkliche Gewissensbisse. Jetzt fühlte er sich zu Hause und unermeßlich wohl.
Nach Vollendung dieser Genüsse machte er noch einen vergnügten Gang durch die Straßen und strich an dem stattlichen Hause des Kommerzienrats vorüber. Strahlendes Licht floß aus allen Fenstern wie ein warmer Festgruß, und ein freudiges Brausen drang dumpf in die nächtliche Stille hinaus.
Der Nachtschwärmer kam sich vor wie ein irrender Ritter, der im Begriff steht, ein Königsschloß zu erobern und die reizende Prinzessin im Sturm zu gewinnen. Die Brust von heißer Siegesfreude geschwellt, kehrte er endlich nach Hause zurück. Als er im Bett lag, kreisten die Sterne des Himmels um sein Haupt in so hitzigem Wirbeltanz, daß er sie ordentlich zischen hörte.
5. Kapitel.
Am nächsten Morgen besaß Gotthold einen Katzenjammer, doch nicht der schlimmsten einen, sondern in vernünftigen Grenzen, wie ihn ein anständiges Getränk erzeugt. Er fühlte sich immer noch sehr gehoben und glücklich. Es war Sonntag, und das war ihm lieb.
Als er aufgestanden war und sich seinen Kaffee über der Spiritusflamme gebraut hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein Paar alter Handschuhe, welche sich bei näherer Durchforschung als sehr sorgsam geflickt erwiesen.
Da ergriff ihn eine Rührung. Er wußte, wer dieses Werk der Barmherzigkeit vollbracht hatte. Er hatte Helene lange vernachlässigt, und das reute ihn jetzt. Ihre ehrliche Freundschaft hatte eine bessere Aufmerksamkeit verdient. Freilich hatte sie seit langem ein gewisses madonnenhaftes Wesen angenommen, das ihr nicht stand und das ihm nicht behagte. Ein kleiner Heiligenschein schien beständig ihr schönes Haupt zu umschweben. Seit wann eigentlich? Unverkennbar seit dem Tage, da er in Fräulein Leinemanns Institut den großen Triumph gefeiert. Warum gönnte sie ihm den nicht? Bloß weil sie das Gegenteil vorausgesagt und ihn vor dem Schritte gewarnt hatte, der ihn nun seinem höchsten Glück entgegenführen sollte? War sie so eitel auf ihre Klugheit, so rechthaberisch? Er mußte immer wieder den Kopf schütteln; diese Eigenschaften paßten noch weniger zu ihrem Wesen als der Heiligenschein.
Jedenfalls fühlte er heute das herzliche Bedürfnis, ihre Freundschaft wieder zu suchen, sich mit ihr auszusprechen, sie vielleicht ganz ins Vertrauen zu ziehen. Eine gewisse Unklarheit der Empfindungen, die sich trotz aller Siegesfreude immer wieder heimlich geltend machte, ließ ihn nach einem teilnehmenden Herzen verlangen. Und er selbst fühlte sich heute so weich und feierlich gestimmt, daß er bereit war, jedes Vertrauen zu geben.
Zu geeigneter Besuchsstunde machte er den Damen seinen Besuch. Die Mutter wirtschaftete in der Küche; er fand Helene allein.
Sie sah aus, als ob sie ihren Heiligenschein für den Sonntag frisch geputzt habe, vornehm, mild, zurückhaltend. Das verstimmte ihn, und er verlor sofort die Vertrauensfreudigkeit, die ihn hergetrieben hatte. Es prickelte ihn sogar, sie zu ärgern, zu demütigen, ihr zu erzählen, daß er gestern Herrn von Bodungen kennen gelernt habe und wie flott derselbe Fräulein Alma den Hof gemacht. Dabei kam er selbst sich merkwürdig erhaben vor, daß er so gar keine Eifersucht gegen gefährlichen Nebenbuhler verspürte; er fühlte sich seiner Sache offenbar mathematisch sicher.
Indem er nach einer schicklichen Anknüpfung suchte, erinnerte er sich des Gesprächs, das er mit jenem gehabt über Pistolen und Duelle, und der unverständlichen Bemerkung über Schießübungen hinter dem Hause.
„Sagen Sie, Fräulein Helene," begann er schnell, „ich wollte Sie schon immer fragen: pflegt hier jemand auf Ihrem Hof oder sonst in nächster Nähe mit Pistolen oder Flinten zu schießen? Ich hörte es oft und wurde gestern noch besonders aufmerksam gemacht durch Herrn — durch einen Herrn —"
Er stockte doch und brachte den Namen nicht über die Äppen. Er schämte sich seiner boshaften Anwandlung. Er schämte sich auch noch aus einem anderen Grunde: warum
mißgönnte er es ihr denn, daß sie jenen Mann gelieb! hatte, vielmehr noch liebte? War das etwa eine anständige ehrliche Eifersucht? Machte er selbst denn etwa Ansprüche! War das etwas anderes als der gemeine, niedrige Neid bei Eitelkeit? Er begriff sich selbst nicht und schämte sich sehr
Helene war bei seiner Frage offenbar sehr verlegen ge> worden. So sah er sie zum erstenmal; der Heiligenschein war zerflossen wie ein Regenbogen; sie machte ein fehl menschliches, sehr mädchenhaftes, schuldbewußtes und dock zugleich halb schelmisches Gesicht. Sie gefiel ihm ausgezeich net fo. Merkwürdig, ja, sie erinnerte ihn mit dieser Miem geradezu an Alma. Das war es, darum gefiel sie ihm offen bar jetzt so gut.
„Ach Gott," stotterte sie, „das wäre ja schändlich, wenn hier jemand schösse — aber ich denke, es wird wohl der Decke' von unserem Ausguß sein, der knallt ganz hörbar, wenn mar ihn zufällig zuklappen läßt. Aber bitte, sagen Sie das nich; weiter, nein?"
„Warum denn nicht?" fragte er verwundert.
Sie ward noch verlegener.
„Ich meine nur — es ist ja ganz gut, wenn die Leute denken, man schießt hier, Sie zum Beispiel — wir sind dann sicherer vor Dieben."
Er war nicht ganz überzeugt; ihre Unsicherheit machte ihn stutzig.
„Ich weiß nicht," sagte er nachdenklich und sah dabei sehr grimmig aus, „ich habe manchmal das Gefühl, als ginge hinter meinem Rücken etwas vor, irgend etwas ganz Uw klares, wie ein Raunen und Zischeln, das ich nicht höre und doch auf geheimnisvolle Weise wahrnehme, ohne es gleichwoh! zu begreifen . . ."
„Das ist ohne Zweifel nur eine Einbildung Ihrer erregten Phantasie," entgegnete Helene schnell.
„Ich möchte es selbst gern glauben," sagte er, „und doch — erstens habe ich noch nie eine sehr lebhafte Einbildungskraft bei mir beobachtet; wie käme ich auch als Mathematiker zu solcher Neigung? Und dann — was veranlaßt zum Beispiel selbst den Herrn Bürgermeister, den alle Welt als sackgrob verschreit, mich, einen neuangestellten, völlig unbedeutenden Schullehrer mit der ausgesprochensten Höflichkeit zu behandeln?"
„Ei," rief sie, „das ist doch ganz einfach: der Herr Bürger, meister fürchtet sich genau so wie alle seine Untertanen vor Ihrem bösen Gesicht."
Gotthold blickte ernst und unruhig vor sich hin.
„In diesem Fall," sagte er nach einer Pause, „wäre es offenbar meine Pflicht, die Leute über meine unfteiwillige Maske aufzuklären."
„Eine solche Pflicht kann ich durchaus nicht einsehen. Ebensogut könnten Sie sich verpflichtet fühlen, Ihren Schü- lern zu sagen: Kinder, ich bin gar nicht der strenge Despot, für den ihr mich haltet; wenn ihr Lust habt, könnt ihr mir getrost auf der Nase herumspielen".
„Das ist doch etwas anderes. Den Kindern gegenüber ist eine gewisse Verstellung sogar einfach Pflicht; die ganze Erziehungskunst beruht zuletzt auf dem großen Schwindel, daß wir alten, erwachsenen Schlingel mit unseren brutalen Fehlern, Dummheiten, Sünden uns der lieben Jugend mit bewußter Heuchelei als fleckenlose Vorbilder sittlichen Wandels, als unbeschränkte Meister alles Wissens, kurz als möglichst ideale Wesen hinstellen; diese Lüge übt jeder Vater, jeder Erzieher, und muß es tun, will er nicht die Pifftät und den Gehorsam im Keim ersticken. So weit also bin ich vollkommen in meinem Recht; aber mich von den Erwachsenen mit Bewußtsein in einem falschen Licht sehen zu lassen, streift denn doch hart an die Rolle eines Betrügers."
„Und wenn die Erwachsenen sich nun selbst zu Kindern machen?" rief sie eifrig. „Oder sind sie nicht rechte Kinder, wenn sie sich vor einem strengen Gesicht fürchten und dahinter auch gleich allerlei Abenteue-r vermuten? Wahrhaftig, Herr Doktor, es ist mein voller Ernst, Sie wären ein Pedant und ein Tor, wenn Sie den Nimbus selbst zerstören wollten, der Ihnen so wohltätig ist und nach Ihrem eigenen Geständnis Ihnen erst Ihre Lebensstellung sicher gegründet hat."
„Und doch wußten Sie es einst warm zu rühmen, daß ich Ihnen gegenüber meine Maske sogleich abnahm."
„Weil ich darin einen Beweis eines edlen Vertrauens erblickte," versetzte sie warm, „dessen würdig zu sein ich mich seither ehrlich bemüht habe — durch Schweigen."
(Fortsetzung folgt.^ :
Ein Wörtleix zähmt jeden Uebermut,
Wenn man^s nur richtig brauchen tut,
Macht kleinlaut und bescheidentlich,
Das Wort: „Es geht auch ohne dich!"
Die Genossen.
Skizze von MaximGorkij.
(Fortsetzung folgt.)
Den einen von den beiden nannten sie Tanzfuß und den anderen Unverzagt, und in ihrem Berufe waren sie beide Diebe.
Sie lebten außerhalb der Stadt in alten aus Lehm und halbverfaultem Holz gezimmerten Hütten.
Ihr Wirkungskreis waren die der Stadt am nächsten liegenden Dörfer.
Tanzfuß war ein Mann von vierzig Jahren, groß, sehnig. Er ging vornübergebeugt, den Kopf nach unten gesenkt und die langen Arme über dem Rücken gekreuzt. Sein linker Fuß war kürzer als der rechte und wenn er ging, bewegte sich der linke Fuß seltsam in der Luft, dieser Eigentümlichkeit seines Ganges verdankte er seinen Namen.
, Unverzagt war fünf Jahre älter als sein Kamerade, nie- riger und breiter in den Schultern. Er hustete oft und dumpf und sein Gesicht war von einer krankhaft gelben Farbe.
Man sah sie immer zusammen und die Bauern sprachen bei ihrem Anblick:
Die „Genossen" sind wieder da. Nimm dich in acht!
Ach diese Spitzbuben!
Wann wird sie endlich der Teufel holen!?
Die Freunde gingen gewöhnlich irgendwo auf der Dorf- straße immer auf der Hut und jede Begegnung vermeidend. Oder sie lagen irgendwo am Rande des Waldes und besprachen leise, wo es was zu stehlen gäbe und wie hungrig sie wären.
Eines Tages im April gingen die Freunde durch die Landstraße, drehten sich Zigaretten und plauderten im Rauchen.
Immer öfter hustest du . . ., sagte ruhig Tanzfuß zu seinem Kameraden.
Das hat nichts zu sagen, wenn die Sonne wärmer wird, werde ich wieder aufleben.
Mm. . . Möchtest du nicht ins Krankenhaus gehen?
Wozu das? Wenn ich sterben muß, so werde ich auch so sterben.
Das ist gewiß. .
Das Laufen fängt an dir schwer zu fallen? sagte nach kurzem Schweigen Tanzfuß.
Das macht die Luft, erklärte Unverzagt. Sie ist jetzt dick und feucht, und ich kann nur schwer atmen.
Und er schüttelte sich in einem furchtbaren Hustenanfall, rieb die Brust mit den Händen und sein Gesicht war blauunterlaufen.
Dann gingen sie weiter.
Links am Wege befand sich ein Wald. Am Rande tum- melte sich ein kleines, zottiges Pferdchen. Es war so mager, daß man seine Rippen durch.das Fell zählen konnte. Die Kameraden betrachteten es.
Wenn wir es den Tartaren bringen, werden wir vielleicht noch sieben Rubel bekommen, sagte nachdenklich Tanzfuß.
Bekommen wir nicht! Was haben sie davon?
Das Fell.
Was für ein Fell hat es denn? Ein alter Lappen ist es, aber kein Fell.
Man wird doch etwas geben.
„Ja, das ist gewiß.
Treiben wir es in den Wald und erwarten dort in der Schlucht die Nacht. In der Stacht treiben wir es heraus und bringen es den Tataren.
Gut, nickte Unverzagt. Wir halten den Vogel in der Hand. . . . Nur daß man nicht . . .
Nichts wird man! sagte sicher Tanzfuß.
In der Schlucht war es feucht und still. Die Freunde faßen hier schon lange in der feuchten Dunkelheit. Vor innen brannte ein kleines Feuer. Unverzagt saß und bftif fein Kamerade hatte Weidenruten gesammelt und flocht au^ ihnen einen Korb. Die wehmütige Melodie des Bachlemv
und das leise Pfeifen des enterbten Menschen flossen in einem Akkord zusammen und verschwanden in der Lautlosigkeit des düsteren Waldes.
Gehen wir? fragte Unverzagt. .
Es ist noch zu früh.
Unverzagt feufzte auf und fing an zu husten. .
Ist, dir kalt? fragte der Kamerade. ' .
Nein, traurig bin ich. ' Y
Ach du! denke nicht daran! *
Woran denn? " , .
An das alles.
Siehst du. — Unverzagt belebte sich plötzlich wieder — ich kann nicht, nicht denken. Ich blicke auf das Pferdchen und denke. Auch ich hatte solch eins. Ich habe damit in meiner Wirtschaft viel geschafft.
Und was hast du erarbeitet? sagte kurz und trocken Tanzfuß. Das gefällt mir nicht von dir: Beginnst ein Liedchen zu singen und seufzst dann ohne Ende. Man muß die Sache einfach so betrachten: Hast du was zu essen, ist's gut. Nein? dann klage, aber dann höre auf. Das hat doch keinen Zweck. Aber wenn du anfängst ist es widerlich anzuhören. . . . Muß wohl von deiner Krankheit kommen.
Es muß wohl von der Krankheit kommen, gab leise Unverzagt zu; und fügte dann nach einer Weile hinzu:
Und vielleicht kommt es vom schwachen Herzen.
Ach wer ein schwaches Herz hat, ist auch nicht gesund, er- klärte kategorisch Tanzfuß.
Er biß mit den Zähnen einen Reisig durch und ließ ihn durch die Luft pfeifen. Dann sagte er streng:
Ich bin gesund, ich leide nicht daran.
Unverzagt blickte bald auf ihn, bald auf das Pferd, bald auf den nächtlichen Himmel und sagte endlich mit seltsamer Stimme:
Wenn der Bauer plötzlich merken wird, daß das Pferdchen ihm fehlt. Wie wird er herumlaufen, um es zu fuchen!
Und er ahmte mit den Händen die Verzweiflung des Bauern nach.
Was willst du damit sagen? fragte trocken Tanzfuß.
Nur so . . . mir fiel eine Geschichte. Einmal ist einem Bauern aus meinem Dorf auch ein Pferd verloren gegangen. Als er es merkte, wurde er wahnsinnig, warf sich auf die Erde und schrie! Ach, wie hat er geheult! Und wie brach er zusammen! Als ob ihm die Füße gebrochen wären.
Was geht das dich an?
Unverzagt rückte bei der scharfen Frage des Kameraden von ihm ab und antwortete schüchtern:
Nur so, mir fiel es gerade ein. . . Ohne ein Pferd ist der Bauer verloren!
Höre mir doch damit auf, begann streng Tanzfuß. Was du sagst ist Unsinn. Hörst du?
Man hat doch Mitleid, erwiderte Unverzagt mit den Achseln zuckend.
Mitleid? Aber mit uns hat niemand Mitleid.
- Darüber lohnt sich nicht zu sprechen! . . .
Nun, dann schweige! Wir müssen bald gehen.
Unverzagt rückte näher ans Feuer und mit einem schielen- den Blick auf Tanzfuß, sagte er leise und bittend:
Wollen wir's nicht lieber lassen?
Was für einen niederträchtigen Charakter du hast! rief Tanz fuß bekümmert.
Wie du willst! Aber besser wäre es, wenn wir es ließen...
Es ist schon halb krepiert.
Und wie viel wird man denn schon dafür geben, begann er eigensinnig nach einer kurzen Weile wieder. Wir könnten jetzt in das Dorf gehen, dort würden wir schon was passendes finden. . r
Tanzfuß, der in seine Arbeit vertieft war, war ärgerlich.
Alles lebt jetzt in der freien Natur ... in den Sumpfen werden wir Gänse haben. r r ,
Ob du wohl bald fertig bist? Teufel! fragte wütend
Bei Gott! Aergere dich nicht Stepan. Wollen wir es zum
Teufel schicken. Wirklich!
Hast du heute gefressen? schrie Tanzfuß.
Nein, antwortete verwirrt Unverzagt. Meinetwegen vertrockne. . . Ich pfeif' darauf.
Unverzagt wandte sich ab und feufzte schwer auf.
Tu was du willst, aber wenn du so fortfahren willst, sage ich dir, mußt du auf meine Gesellschaft verzichten.
An wen denke ich denn, wenn ich so rede? Doch nur an uns. Man könnte uns leicht mit dem Pferdchen sehen . . .