Nr. 106.
Freitag, den 6. Mai 1904.
13 Jahrgang.
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Ubs«eme«tSpre1S: in Gießen, abgehslt monatlich 50 Pfg., in*- HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mk. 1.50.
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Gießener
J«fertio«SpreiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg, Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expeditton: Gießen, Seltersweg 83. Fer«sprecha«schluß Nr. 362.
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Neueste Machrichten
(Gießener Ungevratt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gieße« und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Bekanntmachung.
Für den Dienst in Südwest - Afrika ist ein weiterer Bedarf an Mannschaften erforderlich geworden.
Freiwillige der Reserve aller Waffengattungen, welche bereit sind, sich für ein Jahr zum Dienst dortselbst zu verpflichten, wollen sich bis spätestens V. Mai behufs Vsrnahme einer ärztlichen Untersuchung auf dem Bezirks- lommando, Seltersweg 55, persönlich anmelden.
Auskunft über die Gebührnisfe u. s. w. wird hier erteilt. Bezirkskommando Gießen.
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Die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, vorstehende Bekanntmachung ortsüblich zu veröffentlichen.
Gießen, den 5, Mai 1904.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. B reidert.
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Bekanntmachung.
8 e t r.: Den Wasenmeisterdienst in Großen-Linden.
Jakob Kröck von Großen - Linden ist für die Gemeinde Großen - Linden zum Wasenmeister bestellt und von uns amtlich verpflichtet worden.
Gießen, den 3. Mai 1904.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I V.: Dr. Kranzbühle r.
Bekanntmachung.
Betr.: Den Wasenmeisterdienst zu Birklar.
Christian Habermehl von Birklar ist für die Gemeinde Birklar zum Wafenmeister bestellt und von uns amtlich verpflichtet worden.
Gießen, den 3. Mai 1904.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
J. V.: Dr. Kranzbühl er.
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System wechsel in unseren Kolonien.
Die Ernennung des Generalleutnants v. Trotha zum Oberkommandierenden in Südwestafrika ist der Vorbote einer Reihe von Maßregeln, die einen völligen Systemwechsel in unseren Kolonien zur Folge haben werden. Unser ^-Mitarbeiter ist in der Lage, auf Grund von Informationen, die ihm von unterrichteter Seite geworden sind, folgende eingehenden Mitteilungen über die Vorgeschichte der Ernennung und ihre voraussichtlichen Wirkungen zu machen: Daß Generalleutnant v. Trotha zum Oberkommandieren, den ernannt wurde, ist auf
persönliche Entschließung des Kaisers zurückzuführen. Der Reichskanzler und das Kolonialamt hätten die Erhaltung des Obersten Leutwein gern gesehen, und der Kaiser hatte auch in Karlsruhe bereits dementsprechend entschieden. Zwar wird dem Oberst Leutwein zum Vorwurf gemacht, daß er durch falsche Behandlung der Farbigen, vor allem aber durch die Anerkennung der Häupt- lingschasten und die Einrichtung eines sogenannten Volt'srates einen Teil der amtlichen Autorität aufgegeben habe. Man kann aber nicht bestreiten, daß sein System sich bei den Wit- bois bewährt hat, die heute die getreuesten Vasallen des Reiches sind. In amtlichen Kreisen ist man jedenfalls der Meinung, daß weder Leutwein Persönlich, noch sein System an den unerfreulichen Verhältnissen schuld ist. Zu seiner Entlastung spricht auch die Tatsache, daß der deutsche Reichstag in der Bewilligung von Mitteln außerordentlich sparsam war und daß infolgedessen der Oberst Leutwein die Entwickelung unserer Kolonien nur durch die Aufzucht der Eingeborenen zu höheren Kulturaufgaben erreichen konnte. Wenn er sich in der Beurteilung der Schwarzen geirrt hat, so ist das jedenfalls die am wenigsten verhängnisvolle Seite der Kolonialfrage. Nicht zu leugnen ist, daß die Händler durch ihr rigoroses Vorgehen und vor allem fremde Hetzer die Wirren verschuldet haben.
। Der Hauptvorwurf gegen Leutwein.
c Viel verhängnisvoller als Leutweins verwaltungstechnischer Irrtum war die falsche Ausmessung der zur Niederwerfung des Aufstandes erforderlichen Streitkräfte, und diesen Jrrtuni ■ haben ihm auch hauptsächlich die militärischen Berater des Kaisers zum Vorwurf gemacht. Außerdem scheint die Taktik semer Kriegsoperationen nicht gebilligt zu werden. Bekanntlich verfolgte Oberst Leutwein den Plan, die aufständischen Hauptgruppen unter Maharero, Riarua und Tjetjo durch ebenso viele deutsche Kolonnen zusammentreiben zu lassen, und sie dann in einem entscheidenden Angriff aufzureiben. Me Taktik hat sich allerdings nicht bewährt. Die deutschen ötreitirafte wurden dadurch vollständig verzettelt und ver- wrem wie wir an der Kolonne Glasenapp sehen, sogar die
Fühlung miteinander. Man scheint in massgebenden Kreisen zu fürchten, daß Leutwein sich in seine Sirategie verbeißen und neue Fehler zu den alten machen könnte. Unter diesen: Gesichtspunkte bedeutet die Ernennung des Generalleutnants V. Trotha zugleich
die Aenderung des Kriegsplanes.
Daß ein solcher bevorsteht, ergibt sich auch aus der Verteilung der Nachschübe auf die einzelnen Waffengattungen, ^m ganzen werden 1500 Mann aufgeboten, unter denen das Fußvolk den geringsten Teil, nur etwa ein Drittel, ausmacht. Darin liegt aber unseres Erachtens auch eine Entschuldiaung für Leutwein, weil er mit den vorhandenen geringen Machtmitteln erst zu einer entscheidenden Offensive übergehen konnte, wenn ihm die feindliche Macht nicht mehr in Form konzentrischer Kreise gegenüber stand. Gewiß wünscht man dem General V. Trotha den besten Erfolg, man möge c« aber vermeiden, Leutwein unter allen Umständen zum Sundenbock stempeln zu wollen. Die Aufklärung dariiber, ob und wie weit ein Verschulden vorliegt, wird später festgestellt und mitgeteilt werden. Einstweilen bleibt Leutwein als Gouverneur dem Kolonialdienst erhalten, und damit ist auch der Anfang gemacht zur
Trennung der Zivilverwaltung und der Militärgewalt.
So ist man einem Ziel näher gerückt, das in kolonialen Kreisen beharrlich verfolgt wird. Gerade jetzt während der Kriegsoperationen hat es sich gezeigt, daß durch die Personalunion der Zivil- und der militärischen Gewalt stets eines der beiden Interessen leiden mu& Beispielsweise hat Oberst Leutwern seine letzten amtlichen Meldungen aus Windhuk datiert, ein deutlicher Beweis dafür, daß ihn die Verwal- tungsgeschaste doch erheblich in Anspruch nehmen. Wenn Nicht alle Voraussetzungen trügen, dann bedeutet die Er- nenUung v. Trothas einen gründlicher: Systemwechsel in den Kolonien.
Errichtung einer Koloninlarrnce.
. Vor allen Dingen hat sich auch bei den jetzigen Kriegs- Wirren gezeigt, daß dem Kaiser zur Uebertragung des Ober- vesehls nur ganz wenige im Monioldicnft erprobte Offi- aiere zur Verfügung standen. Es kamen ernstlich nur die Herren v. Trotha und v. Gayl in Betracht. Die maßgeben- den Kreise der Reichshauptstadt glauben diesem iinerfrem Iidjcn Zustand für etwaige Wiederholiiiigsfälle dadurch begegnen zu können, daß für den Tropendienst eine eigene Kolonialarmee geschaffen wird. Wir befinden uns offenbar auf dem Wege zu dieser Entwickelung.
Punkt mehrerer aus dem Süden kommender Straßen. Das Gelände jener Gegend ist für die Verwendung von Reiterei viel geeigneter als der bisherige Schauplatz der Operationen in den Onjatibergen.
Angesichts des Operationsplans Leutweins, der auf ein allgemeines und energisches Vorgehen gegen die schon sehr geschwächten Herero hindeutet, liegt die Wahrscheinlichkeit vor,, daß der Ausstapd in der Hauptsache, d. h. militärisch, bereits niedergeworfen sein wird, wenn der neue Oberkommandierende General v. Trotha auf dem Kriegsschauplatz erscheint. Der General reist erst Mitte Mai ab, tonn also erst Mitte Juni bei Okahandja erscheinen. Wie verlautet, würde dann dem General v. Trotha die Aufgabe bleiben, die in kolonialen Kreisen als unerläßlich betrachtete Unterwerfung der Ovambo herbeizuführen, die zwar in deutschem Gebiet wohnen, aber noch nicht unter deutscher Aufsicht und Herrschaft stehen.
Die militärische Lage in der Kolonie.
Zwei neuere Meldungen des Obersten Leutwein geben Aufschluß über die augenblickliche militärische Situation auf dem Schauplatz des Hererokrieges. Die v < >
Kriegsgliederung unserer Truppe , ist danach zur Zeit folgende:
Die Abteilung Estorff steht marschbereit in Otjosasu mit 4 berittenen Kompagnien, 2 Batterien K. 96, 4 Maschinengewehren und der Bastardabteilung, zusammen 706 Mann. Die Hauptabteilung steht an der Bahn gestaffelt verwendbar, sobald die noch im Anmarsch befindlichen ostpreußischen Pferde zur Verfügung stehen, mit sechs berittenen Kompagnien, drei Batterien K. 96 und der Abteilung von Hendrik Witboi, zusammen 964 M a n n. Die Nordabteilung steht in einigen Tagen lnarschbereit in Karibik mit einer Kompagnie, zwei Geschützen K. 96, zwei Maschinengewehren, zusammen 176 M a n n. Die Ostabteilung .(Glasenapp) liegt in Quarantäne in Otjihaenena mit drei Kompagnien, vier Maschinengewehren, vier Feldgeschützen, zusammen 209 Mann außer den Kranken. Auch bei den anderen Abteilungen sind die Kranken nicljt, mit eingerechnet.
Wetter berichtet die Depesche über
Leutweins Operationsplan.
Der Gouverneur meldet:
Der Feind geht anscheinend nordwärts zurück. Estorfs hat Befehl, zu folgen und womöglich die östliche Flanke des Gegners abzugewinnen. Die N o r d - abteilung geht über Owaltjo mit Proviant nach Groot- fontein.
Ein weiteres Telegramm des Gouverneurs bringt noch nnige Ergänzungen zu dieser ersten Meldung. Es besagt:
Die Hauptmacht des Feindes geht anscheinend nack Otjiamangombe, nordwestlich Katjapia, zurück. E st o r f s folgt mit marschbereiten, berittenen Truppen am 4. Mai über Okatumba einer vorausgeschickten Eingeborenen- Kavallerie. — Bei Katjapia waren versammelt die Kapitäne: Samuel Maharero, Assa Riarua, Kajata, Tjetjo, Mambo. Nach Aussage von Ueberläufern war der Verlust der Herero bei Onganjira groß. Bei Ovumbo (Okatumba) sind wieder viel Herero gefallen, darunter ein Vruder des Großmanns Paul. Samuel Maharero selbst rft verwundet. Die Herero binden nachts die Bastarde und Hottentotten an. Samuel soll angeblich nach dem Ovamboland marschieren wollen.
Das in dieser Mitteilung erwähnte Otjimangombe liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Okahandja am Kreuâungs-
Der Krieg in Ostasien. ~ \ ,
Die Japaner scheinen alles Ernstes einen entscheidenden Angriff auf Port Arthur zu planen. Der Sperrungsver- such der Hafeneinfahrt, den sie mittelst Branderschiffen ausführten, scheint doch nicht so harmlos verlaufen zu sein, wie. die ersten russischen Berichte es darstellten. In Tokio behauptet man, daß die Sperrung im Gegenteil vorzüglich geglückt sei, und der letzte vorliegende russische Bericht ist durchaus geeignet, dieser Behauptung als Stütze zu dienen.
Das Telegramm, datiert aus Port Arthur vom 4. d. M. abends, spricht die Besorgnis aus, daß der am Horizont kreuzende Feind einen neuen Neberfall beabsichtige, und schildert die Sperrungsversuche
in folgenden Worten
Wie festgestellt ist, waren 12 Sperrschiffe in Aktion. Die Stelle, an welcher acht derselben untergingen, ist genau bestimmt, dagegen diejenige des Unterganges von zwei andern noch nicht. Zwei Sperrschiffe hielten dem mörderischen Feuer nicht Stand und machten kehrt. Nach den eingezogenen Informationen waren es Schfffe von je über 2000 Tonnen, mit Ausnahme des „Sakura", der 3000 Tonnen groß war.
Dadurch, daß die russische Hafenverteidigung eingesteht, daß sie die Lage von zwei japanischen Sperrschiffen bisher noch nicht kenne, gibt sie der Annahme freien Spielrauni, die Japaner könnten doch recht haben mit ihrer Behauptung, zwei gefundene Schiffe lägen direkt vor der Hafeneinfahrt. Sollte das der Fall sein, so würde Port Arthur sich recht bald als unhaltbar erweisen, da
japanische Landungen in großem Maßstabe, ungestört von der russischen Flotte, dann sicher ms Werk gesetzt werden oder bereits wurden.
Unser »^-Mitarbeiter macht darauf aufmerksam, daß am aalu nur das erste japanische Armeekorps unter General luroki ins Treffen gelangte. General Okus' zweite Armee Armeekorps) befindet sich auf den längst signalisierten und ngeblich gegenwärtig bei Takuschan südlich von Antung ;re Truppen landenden Transportschiffen. Sie warteten or Tschemulpo auf die Entscheidung am Jalu. Okus' Mf- abe ist, die Stellung der Russen bei Fönghwangtscheng ns deren rechten Flanke zu umgehen und möglichst von der äkraße nach Liautschang abzuschneiden, während die nach- Drängenden Garden mit der 2. und 12. Division unter Kuroki ihre Umzingelungstaktik wiederholen. Die dritte Armee inter General Nogi soll unweit dUutschwang resp, auf der Halbinsel von Liautung landen. Sie soll Oku auf seinem ^orinarsche gegen Liautschang die Hand reichen. Dann Irbe die rechte Flanke und der Rücken der russischen tellung auf der Linie Kaiping —Liautschang— Mukden ' 'nstlich gefährdet. Eine so großzügige Aktion der Japaner - ärde freilich geraume Zeit in Anspruch nehmen, so daß entuell Wochen vergehen werden, ehe dieser Kriegsplan, r in militärischen Kreisen als sehr wahrscheinlich ventiliert vird, zur Ausführung gelangen wird.
Aus Tokio wird berichtet, daß nach dem Versenken der Dampfer zur Sperrung des Hafeneingangs von Port Arthur die japanische Flotte am Dienstag die Forts und die Stadt bombardierte und die Beschießung am Mittwochmorgen rtsetzte.
General KuroPatkin hat jetzt auch seinerseits einen aus- s ihrlichen Bericht über die Gefechte am Jalu eingesandt, der den bereits bekannten Einzelheiten im allgemeinen nichts wcientliches hinzufügt. Nur schätzt er die russischen Verluste Wecker höher ein, als es bisher geschah. Nach Kuropatkins Angaben verloren die Russen 2000 Vkann und etwa 40 Offi- ; 'ne. Die Verluste der Japaner seien ungeheuer gewesen.
Ein deutscher Knisersohn auf dem Kriegsschauplatz.
Prinz Adalbert, der dritte Sohn Kaiser Wilhelms, der fc t längerer Zeit im fernen Osten zur Ausbildung als See- morn wellt, hat an Bord des großen Kreuzers „Hertha" je ne erste Fahrt nach dem russisch-japanischen Kriegsschauplatz angetreten. Das Ziel ist die koreanische Westküste, wo T chcmulpo anaelaufen wird. Von dort aus dürfte' der