Nr. 55. Erstes Blatt.
Samstag, den 5. März 1904. __
13. Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Selt^rS weg « ^ernsprechanschlnß Nr. 362.
Neueste Nachrichten
(chietzeirer T^geSkatt) N«aöyL«Kise Tageszettung (Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung, Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Der Rassenkrieg.
VW lPolitische Wochenscha u.l '' ''
Im preußischen Herrenhause, das als der Versammlungs- ort der hohen und höchsten Herrschaften, wie die offizielle Anrede lautet, in der Regel die Stätte der abgeklärten Verkehrsformen ist, wurde vorgestern zum ersten Male in gellendem Tone das Wort „Rassenkrieg" in das Haus geworfen. Es handelte sich hierbei um die Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Gründung neuer Ansiedelungen, der ausge- Jochen ermaßen den Zweck der Germanisation befolgt. Daß die Polen die gesamte Abwehrbewegung des Deutschtums mit anderen Augen ansehen, als die Deutschen selbst, ist nur natürlich. Man hat die Grenzen ihres Vaterlandes verwischt, aber in ihrem Herzen ist dessen Bild und in ihrem Geiste dessen Geschichte noch nicht erloschen. Eine Sprache und ein gemeinsames Staatsideal bildet den zerrissenen Landesteilen ein festes Band, und sobald der Traum von der Wiedererweckung des alten Reiches beginnt, sich in Taten zu äußern, ist er eine Gefahr für den inneren Frieden derjenigen Staaten, denen die Polen jetzt als Untertanen angehören. Es ist aber unverkennbar, daß die polnische Bewegung tatsächlich die Initiative in diesem Rassengegensatz darstellt, der in seinem letzten Ende nichts anderes ist, als eine Kulturfrage, wie denn überhaupt die Zertrümmerung des polnischen Reiches ebenfalls eine Kulturnotwendigkeit gewesen ist. Dem stabilen Volkselement wohnt eben in einem weit geringeren Maße als dem germanischen die staatenbildende Kraft 'inne.
Hier giebt es nur zwei Kategorien von Bürgern, von denen die eine die Rolle des Reiters und die andere die Rolle des Pferdes spielt.
Von diesem Gesichtspunkte aus muß man auch die sogenannte konstitutionelle Bewegung in Rußland betrachten. Die mit der westlichen Kultur in Berührung gekommenen Zemente haben die größere persönliche Freiheit kennen und fchatzen gelernt, sie übersehen aber dabei, daß das Slaven- Wm und speziell das Russentum noch lange nicht für jene "'^r^ge,istige Freiheit reif ist, auf welcher eine konstitutio- nâe Verfassung sich aufbaut. Würde Rußland tatsächlich den Absolutismus aufheben, dann würden mit der Zeit ähnliche Verhältnisse entstehen, wie in Oesterreich-Ungarn. So lange das Russentum noch den Kampf für seine äußere Machtstellung zu führen hat, kann es sich den Luxus innerer Nationalitatskämpfe, bei denen das Polentum als das vom Westen aus am meisten befruchtete Element zweifellos die maßgebende Rolle spielen würde, noch nicht leisten Damir sollen selbstverständnlich nicht die russischen Maßnahmen gegen die Finländer und die Deutschen entschuldigt oder gar gerechtfertigt werden. Die letzteren sind zweifellos das überlegenere Kulturelement, und ihre Unterdrückung kann Dißland überhaupt nicht zum Segen gereichen. Die sogenannte Valtenpolitik, die von einer Wiedervereinigung der Stammesgenossen träumt, ist eine reine Literatenpolitik. ^ie deutsche Diplomatie hat kein Verlangen nach dem Belitz jenes Teiles der Ostsee, weil dadurch sofort der Rassen- lneg mit dem Hinterlande hervorgerufen würde. Dagegen erleichtert sich der Handelsverkehr zwischen dem Nord- und Ostgesiade der Ostsee, wenn die Stammverwandtschaft unb die Spracheinheit eine Verbindungskette darstellt. Außerdem Maren seither die Balten das unerschöpfliche Reservoir, aus dein Rußland hervorragende Kräfte für die Diploniatie und die Wissenschaft gewonnen hat. Wenn es die Deutschen politisch entmannt, dann gewinnt es keine treueren Untertanen, es zerstört aber die Brücke zwischen Ost und West Die Deutschen in den Ostseeprovinzen nehmen ungefähr Rußland gegenüber die gleiche Stellung ein, wie Rußland sie für sein Verhältnis zu Ostasien beansprucht und durch die Waffen zu erzwingen sucht.
Dieses Waffenspiel auf der Kriegsbühne im fernen Osten hat nicht bloß bei den beiden gegnerischen Parteien den Charakter des Rassenkrieges angenommen; auch im Parket der zuschauenden Nationen zeigen sich die ersten Symptome für den Aufmarsch der Rassen. England und Amerika rücken enger aneinander an. Beide befestigen ihre Stellung im Stillen Ozean, um im Bunde miteinander die Vorherrschaft einer der beiden Kriegsparteien zu verhüten. Gerade dieser Nassenkrieg gibt dem ostasiatischen Kampfe das interessante Gepräge. Wenn Japan siegte, dann würde es keinen grimmigeren Feind haben, als England und Amerika. D?r jetzige Bundesgenosse insbesondere würde bald seine Krallen zeigen. Sollte sich allerdings im letzten Akt des Dramas tue Gunst des Kriegsgottes auf die russische Seite neigen, dann darf Japan daraus rechnen, daß ihm bei einem etwaigen Friedensschlüsse die Diplomatie der Angelsachsen zur Seite steht. Die Ziele derselben sind sehr leicht zu erkennen. Eng- land will seine Position in Ostindien behaupten, und Amerika, das in den Philippinen einen starken Stützpunkt für seine Nacht gewonnen hat, beansprucht, wie Präsident Roosevelt vor längerer Zeit ausdrücklich betont hat, die Vormachtstellung im Stillen Ozean.
Hinter diesem großen Völkerringen treten allerdings die nationalen Gegensätze in der alten Welt weit zurück. Die Germanen, die Romanen und die Slaven sind schließlich doch, wie der Anthropologe Chamberlain die ethnologische Gruppie- riing auch. tatsächlich ausfaßt, die.Teile eines .gemeinsamen
ninrurzenrrums, Die mir Der yeir, namentlich wenn Da* Schicksal und die Stellung eines Volkes mehr als bisher von dem Einfluß in der großen Welt abhängig wird, ^einander in ihren Interessen immer näher treten werden' So wird der Rassenkrieg im großen Stil schließlich den Rassen- krieg im kleinen beseitigen.
Der Krieg in Ostasien.
Wie Londoner Blätter wissen wollen, stehen in allernächster Zeit große Ereignisse bevor. Sie schließen das auch aus der Tatsache, daß die Schar der in Tokio zurückgehaltenen Kriegskorrespondenten endlich vom Kriegsamt die Erlaubnis erhalten hat, sich den vorrückenden japanischen Truppen anzuschließen.
Erfreulich wäre es, wenn die japanische Heeresleitung endlich einmal den fremden Korrespondenten gestattet, sich aus eigener Anschauung über die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz zu informieren, damit man zuverlässige Nachrichten schnell und sicher erhalten kann. Allerdings befinden sich unter den 53 Berichterstattern nur 2 Deutsche, während allein 29 Engländer den japanischen Truppen folgen werden. Vorläufig müssen wir uns allerdings weiter mit unkontrollierbaren Nachrichten begnügen.
Der Mittelpunkt der koreanischen Operationen scheint vorläufig Phöngjang und dessen Umgegend zu sein, wo die Japaner sich festgesetzt haben und von wo sie ständige telephonische Verbindung mit der Hauptstadt Söul unterhalten. Phöngjang liegt etwa auf halbem Wege zwischen Söul und dem die Nordgrenze des Reiches gegen die Mandschurei bildenden Jaluflusse, kaum 50 Kilometer von der westlichen Meeresküste der Halbinsel.
Die Russen richten sich inzwischen nördlich von der japanische Stellung häuslich ein. Aus Söul wird gemeldet:
Die Russen haben den Vizepräfekten von Andschu fest genommen und nötigen die Koreaner, ihnen Neis, Futtei und Brennmaterial zu liefern; sie stellen eiligst in Antuno Befestigungen und ausgedehnte Erdwerke mit der offenbaren Absicht her, den Japanern den Uebergang über den Aalu streitig zu machen.
Die Haltung der Koreaner.
Eine weitere Meldung besagt, daß 1500 Russen den Tumanfluß bei Horyong überschritten und von den Amtsbureaus des Bezirks Besitz ergriffen haben. Sie verwenden naturalisierte Koreaner als Spione. Ueberhaupt scheint man im russischen Hauptquartier stark auf einen Umschlag in der Stimmung der Koreaner zu rechnen. Aus Port Arthur verlautet darüber:
Ein Kenner Koreas spricht im „Nowy Krai" die Ansicht aus, daß die Koreaner, die zur Zeit gegenüber Japanern und Russen das gleiche Verhalten zeigten, bei der geringsten Niederlage der Japaner ihrem alten Haß gegen ihre Bedrücker Ausdruck geben und den Japanern in den Rücken fallen würden, nicht offen, als^ Verbündete Rußlands, sondern auf eigene Faust.
Diese Auffassung der Russen scheint ihre Bestätigung in der Nachricht von einem
Bombenattentat in Söul
zu finden, das seinen Grund in der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem japanifcM'oreanijd)en Vertrag haben soll. Aus Söul wird dazu gemeldet:
Nachts wurden in die Wohnungen des Ministers des Auswärtigen und seines Sekretärs Bomben geworfen. Beide entkamen ohne Verletzung. Die japanische Polizei verhaftete fünf Händler, die verdächtig erschienen, ließ sie aber hernach frei. Die wirklichen Täter sind bisher nicht ergriffen. Man glaubt, der Widerstand gegen den Vertrag sei jetzt unterdrückt. Der japanische Gesandte ist bei Wiederherstellung der Ordnung behilflich.
Die Lage in Port Arthur wird in Petersburg als verzweifelt angesehen. Sollen doch russische Strategen von der Bedeutung eines Dragomirow die Räumung Port Arthurs durch Heer und Flotte als unbedingt notwendig erklärt haben, wenn ein ferneres großes Unheil vermieden werden solle. Einem Angriff der Japaner von der Landseite aus soll Admiral Makarow entgegentreten, der in Port Arthur angekommen ist. Dazu wird gemeldet:
General Makarow hat die Aufgabe, gegen die von den Japanern geplante gleichzeitige Landung im Golf von Liaotung und an der North-Saddlebay Maßnahmen zu treffen. Sechs japanische Kreuzer und zehn Transportschiffe sollen schon in der Richtung auf den Golf gesichtet worden sein.
Ein großes Hindernis für den von den Russen beabsich- tigten K a p e r k r i e g ist die Sperrung des Suezkanals für von den Russen genommene Prisen. Bei dem großen Umweg um das Kap wird es sich für sie nicht lohnen, weitere Jagd zu halten.
Die Politik.
# Wie aus Christiania gemeldet, beabsichtigt die norwegische Regierung, über den Abschluß eines neuen dcutscl)-nvrwegischen Handelsvertrages mit Deutschland in Verbindung zu treten.
l^ In her Frage der Kaufmannsgerichte erklärten die Vertreter von Bayern, Württemberg, Sachsen und Baden in der zuständigen Reichstagskommission, daß der Entwurf mit dem neu beschlossenen aktiven Frauen st immrecht für ihre Regierungen unannehmbar sei. Die Kommission blieb trotzdem bei ihrem Beschluß.
Belgien*
W Was König Leopold selbst nicht zu empfinden scheint, das empfinden seine Untertanen doppelt: Daß er sich durch den Prozeß mit seinen Töchtern wegen des Nachlasses der verstorbenen Königin große Blößen gibt, die die ohnehin nicht sehr beträchtlichen Sympathien des Volkes für ihn noch mehr verringern müssen. Viele politische Persönlichkeiten unternehmen Anstrengungen, um den Erbschaftspro- z e ß durch einen Vergleich zu beenden. Man besorgt in den monarchistischen Kreisen von den fortgesetzten Angriffen auf den König eine Rückwirkung auf die republikanische Pro-' vaganda. Ob ein solcher Vergleich jedoch bei dem Charakter Deé Königs möglich ist, wird bezweifelt. Man nennt den König nicht umsonst den „gekrönten Geschäftsmanns .
Oesterreich-Ungarn*
0 Die Angelegenheit des Erzbischofs von Olmütz, Kohu^ ist noch immer nicht völlig geregelt. Die eigentliche Anklage gegen Kohn hat sich ja bereits als gegenstandslos erwiesen, irotzdem aber dürfte der Erzbischof noch längere Zeit in Rom festgehalten werden. Es sollen nämlich auch noch die um ;ähligen gegen ihn eingelaufenen Beschwerden geprüft werden. Wahrscheinlich wird ihre Prüfung dasselbe Eraeünis haben, wie die der Hauptanklage. . .
Amerika.
— Die Revolution in Uruguay scheint sich ihrem Ende zu nähern. Die Negierungstruppen haben das Heer der Aufständischen nach sechsstündigem Kampfe gänzlich geschlagen. Es fragt sich nur, ob die Meldung, die von der Negierung von Uruguay verbreitet wird, wabr ist.
Deutscher Reichstag.
(49. Srtzmig.) —..... CS. Berlin, 4. Mörz.
„. . . . Mars regiert bie Stunde . . ." Heute beginnt die Beratung des Hauptstücks des deutschen Reichsbudgets,
des Militäretats.
Die Kommission hat darin ordentlich herumgestrichen ; im ganzen beziffern sich die von ihr vorgenommenen Abstriche auf 4% Millionen. Gestrichen ist u. a. die von der Negierung verlangte Vermehrung der Unteroffiziersstellen. Der Referent der Budgetkommission, Abg. Müller- Fuld a (Ztr.) kündigt für nächsten Winter eine neue Militär-Präsenz-Vorlage an und hofft, daß nicht eine langfristige Präsenzbewilligung verlangt werden wird. So viel Vertrauen, meinte er, sollte doch die Negierung zum Reichstage haben, daß dieser jederzeit alles wirklich Erforderliche bewilligen werde.
Dann spricht Abg. Bebel. Er beginnt mit bem Thema Soldatenmißhandlungen und wendet sich dann den Kritiken inaktiver Offiziere über Heereseinrichtungen u. s. w. zu. Warum soll gerade die Armee gegen solche Kritiken geschützt werden? Sie seien heute umsomehr am Platze, als sich die Armee heute nicht mehr wie vor 30 Jahren vorwiegend aus landwirtschaftlichen, also inferioren Elementen (Lachen rechts) zusammenfetze. Die Sozialdemokraten seien, wie schon Caprivi anerkannt habe, gute Soldaten, denn um Sozialdenwkrat zu sein, müsse man schon eine höhere Intelligenz besitzen. Dieser klassische Ausspruch ruft stürmische Heiterkeit hervor. Dann wendet sich der Redner gegen das Verlangen nach Kadavergehorsani und unter Berufung auf Auslassungen des Generals v. Meerscheidt-Hüllessem gegen die „erstarrte Ausbildungsmethode". Er zitiert die „Erstklassigen Menschen" des Grafen Baudissin. Wäre nicht wahr, was dieser Mann geschrieben (Zuruf: Ein Lump!) — Ich konstatiere, daß Sie einen Mann aus einem der ältesten Adelsgeschlechter einen Lumpen nennen! Wäre nicht wahr, was derselbe über Zustände in Offizierskreisen schrieb, müßte doch der Kriegsminister sofort eine Anklage herbeiführen (Ruf: Ist nicht Militär!). Weiter verbreitet sich Redner über Luxus in der Armee, Schulden, llniformänberungen, Kummerfalte, „elektrische Helm spitze", R^anöver u. s. w., um schließlich das Milizsystem zu empfehlen.
In seiner Erwiderung betont Kriegsminister V. Einem, der Vorredner habe olle Kamellen vorgebracht. Niemand hat mehr Interesse daran, den Mißhandlungen abzuhelfen, als Die Heeresverwaltung selbst. Andererseits hat keine Partei weniger Interesse daran, im Heere bessere Zustände zu schaf- fen, als die sozialdemokratische Partei (Widerspruch links).
Die hierauf folgende Debatte konnte sich naturgemäß ent- weder an die Rede Bebels oder an die Erwiderung des Kriegsministers anlehnen. Sie bot darum nur wenig Bemerkens- wertes.