Nr. 30.
Freitag, den 5. Februar 1304.
__________________13. Jahrgang.
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Die berero auf der flucht!
Sozusagen über Nacht ist ein völliger Umschwung der Lage in Deuffch-Südwestafrika eingetreten: Aus den schwarzen Bedrängern der deutschen Niederlassungen sind hasen- füßige Flüchtlinge geworden. In wilder Hast sind die Herero vor der deutschen Hilfsexpedition auf und davon gegangen, noch ehe ein Mann der Expedition den Fuß auf Afrikas Boden gesetzt, ja noch ehe überhaupt ein deutsches Truppentransporffchiff die Flagge vor Swakopmund ge= zeigt. Allein das bloße Gerücht von der bevorstehenden Ankunft deritscher Hilfsmannschaften aus der Heimat hat die Schwarzen in Angst und Schrecken versetzt und zu eiligstem Rückzüge gezwungen. Die Gefährdung der deutschen Stationen in der Kolonie hat ihr Ende gefunden; Angriffe der Herero sind nicht mehr zu befürchten.
Deshalb aber ist die deutsche Hilfsexpedition nicht etwa überflüssig: gilt es jetzt auch gottlob nicht mehr, den Deutschen in der Kolonie Hilfe und Rettung zu bringen, so gilt es doch ein nicht minder wichtiges Werk: die strenge B e st r a f u n g der aufrührerischen schwarzen Mordbuben. Sie ist nötig im Interesse der künftigen Sicherheit der Deutschen in der Kolonie, sie ist nötig im Interesse des Ansehens Deutschlands bei den Niggern und beim Auslande. Der schnelle Zusammenbruch des Aufstandes, der vor allem auf die Energie unserer südafrikanischen Truppenführer z-urückzuführen ist, kann unserem Prestige nur dienlich sein, die Bestrafung der Herero wird es noch erhöhen.
Die neuesten Erfolge.
Wahrlich, wir haben allen Grund, auf unsere Afrikaner mit Stolz zu bliesen. Der preußische, der deutsche Lertt- nant hat sich in dieser kritischen Lage auf der Höbe seiner moralischen und militärischen Leistungsfähigkeit gezeigt. War schon der Durchbruch der Kolonne v. Zülow durch Tausende von Hereros nach Okahandja eine Leistung ersten Ranges, mar die Verteidigung dieses Platzes durch Zülow und die Verteidigung Windhuks burd) Oberleutnant Tech 0 w ein erhebender Beweis deutscher soldatischer Tatkraft, so ist ?s nickt minder das Vorgehen des Leutnants Franke, der mit einer ganzen Feldkompagnie — sage und schreibe 80 Mann — und zwei Geschützen nicht nur die Tausende von Herero, die Windhuk belagerten, sondern auch die nicht minder zahlreichen und gut bewaffneten L-chwarzen vor O k a h a n d j a zu Paaren trieb und beide - Stationen entsetzte. Und das mit einer strategischen Umsicht, die ihm jeden Verlust an Mannschaften ersparte! Mit dem Entsatz Okahandjas, der nach der Befreiung Windhuks am Geburtstage des Kaisers erfolgte, hat der Leutnant Franke mit seinen 80 Mann dem Kaiser und dem deuffchen Volke ein Geburtstagsgescheuk gemacht, für das die Nation ihm dankbare Anerkennung schuldet.
Die Schlacht am Kaiser Wilhelmsberg.
Eine rühmliche Waffentat war auch die am 28. Januar, am Tage nach der Befreiung Okahandjas von Franke im Verein mit der Besatzung Okahandias unternommene und glücklich zu Ende geführte E r st ü r m u n g des Hauptlagers der Herero am Kaiser Wilhelmsberg bei Okahandja. In einem s e ch s st ü n d i g e n Gefecht gegen einen wohlverschanzten und gut bewaffneten, an Zahl vielleicht zehnfach überlegenen Feind nur vier Verwundete zu haben und das feindliche Lager mit stürmender Hand nehmen, das ist eine militärische Muster- und Meisterleistung, vor der alle Welt den Hut ziehen muß. Die Bedeutung dieser Waffentaten beschrankt sich obenein nicht auf den augenblicklichen Erfolg, den sie hatten: Ihre Folge war auch, daß die gesamten Hererohorden sich mit ihrem eigenen und dem erbeuteten Vieh in die Otjisangati- Berge geflüchtet haben.
Nach diesen Erfolgen, denen sich noch der inzwischen erfolgte Entsatz von Omaruru anschließt, bleibt der Hilfsexpedition aus der Heimat, wie gesagt, nur noch die Aufgabe, einen frostigen
Denkzettel an bte Herero
zu erteilen. Diese Aufgabe ist freilich keineswegs leicht, und sie wird an die Leistungsfähigkeit unserer Truppen bedeutende Anforderungen stellen. Um den flüchtenden Herero zu folgen und ihnen das Vieh abzujagen, was ihre Bezwingung erst besiegeln würde, haben die Truppen beträchtliche Schwierigkeiten zu überwinden. Zunächst bedarf die Expedition, um den Herero zu folgen und ihnen die Fluchl über die Grenze des Schutzgebietes zu verlegen, gut ed- Pferdematerial. Nach der Ansicht eines alten AfN' kaners, der lange Jahre in Südwestafrika Offizlersdienstk tat, bedarf es giir Abfangung der Herero nur etwa emei Truppe von 1000 Mann mit den nötigen Geschützen. Abei man braucht Pferde und Zugtiere für Geschütze u. s. w., um nicht nur für diese 1000 Mann, sondern auch für bie stck nicht unmittelbar an der Verfolgung beteiligende übrige Truppe, die doch auch jederzeit marschbereit bleiben muß Es müßten daher nicht 1000, sondern sofort 3000 Pferdi und Zugtiere beschafft werden. Denn das Expeditionskorps wird mit großen Verlusten zu rechnen haben, nicht nm während der Seetransporte, bei der Landung, während der
Marsches durch die Sandzone, und bevor die Tiere überhaupt akklimatisiert sind, sondern auch während der Aktion selbst, durch die Sterbe. Die Pferde müßten aber möglichst vor Ende April schon in Swakopmund gelandet sein, denn schon in der zweiten Hälfte des April beginnt die Brandung dort stark und die Landung noch schlechter zu werden. Bekanntlich steht die Regierung im Begriff, für das Expeditionskorps argentinische Pferde zu saufen. Ob diese sick ^"Smi werden, erscheint zweifelhaft; der erwähnte Kenner Südafrikas empfiehlt statt des argentinischen das mexikanische Pferd, während von anderen südafrikanischen Offizieren, die die Chinawirren mit durchlebt haben, der m o n - gotische Pony, den unsere ostasiatische Brigade reitet als das beste Pferd auch für Südafrika bezeichnet wird. Hoffentlich erhält unsere Truppe in jedem Fall Pferde, du sich als brauchbar bewähren.
Auch Lie
Einrichtung des Trains
ivird bei den Schwierigkeiten der Verpflegung eine wichtige Kolle spielen. Die Ochsenwagen, die bisher bei der Schutztruppe als Train benutzt wurden, sind infolge des Vieh- raubes der Herero knapp geworden. Von sachkundiger Seite wird empfohlen, man solle einen Versuch mit dein von Oberleutnant Troost gerade für unsere südwestafrikanische Kolonie konstruierten Motor machen, der Windtrommelkrastwagen genannt wird, aber weit gelenkiger und behender ist, als sein langer Name vermuten ließe. Ein derartiger Wagen, der die Leistungsfähigkeit von 15 Ochsenwagen repräsentiere, aber dabei bequem mit einer trabenden Kolonne Tempo halten könnte, würd^ eine so ausgerüstete Truppe natürlich viel unabhängiger machen und, abgesehen von sonstigen Borzügen, ökonomischer im Betriebe sein, als diese 15 Ochsen- wagen.
Außer den in der letzten Meldung aus Swakopmund gemachten Angaben über die
Zahl der ermordeten Weißen
ist einstweilen über diese Frage nichts weiter bekannt geworden. Außer den 44 Ansiedlern, Frauen und Kindern, deren Ermordung und Verstümmelung sicher ist, werden bisher 50 andere Weiße vermißt. Die Meldung nimmt ihren Tod an, mrd diese Vermutung dürfte in der Tat zutreffen. Mit den 26 im Kampfe gefallenen Angehörigen der Schutztruppe hätten wir bis jetzt also einen Verlust von 120 Laichsleuten zu beklagen. Der Sachschaden, der in der Kolonie angerichtet ist, beziffert sich auf Hunderttausende: Sämtliche Farmen und Bahnhöfe in den Distrikten Windhuk, Oka- handja, teilweise auch Karibik, haben die Herero verwüstet, ebenso die Kaserne der Gebirgsbatterie in Johann Albrechtshöhe.
Während diese Zeilen dem Leser zu Gesicht kommen, ist der Gouverneur L e u t w e i n bereits wieder in Swakopmund, wo der erste Schutztruppenersatztransport unter Leutnant Winkler, 230 Mann stark, bereits vorgestern cm- gekommen ist. Oberst Leutwein, der seine nach dem Süden gegen die Vondelzwarts geführte Streitmacht dort gelassen hat und nur von einigen Offizieren seines Stabes begleitet ist, wird aller ^Voraussicht nach die Leitung der Hilfsexpedition und des (Ltraffeldzuges gegen die Herero übernehmen. Die Namen der ihm beigegebenen erfahrenen Offiziere, Oberst Dürr und Oberstleutnant v. Estorfs, bürgen dafür, daß diese an Schlvierigkeiten überreiche Kampagne mit Umsicht und Geschick zu gutem Ende geführt werden wird. . . .
Weise, daß den Offizieren ein neues, innerhalb 10 bis 15 Jahren zu tilgendes Darlehen zu billigem Prozentsatz gegeben wird. Jeder Offizier, der nach nüchterner Berechnung seine Schulden innerhalb 10 bis 15 Jahren zu tilgen imstande ist, hat das Recht auf eine Konvertierung derselben im Wege der neuen Bank. Auf diese Weise werden viele Offiziersexistenzen gerettet werden. Im gemeinsamen österreichisch-ungarischen Kriegsministerium arbeitet man fetzt an den Plänen, wie die Tilgungsquoten von den monatlichen Gagen abgezogen werden sollen. Die neue Bank wird sich ausschließlich mit der Konvertierung der Offiziersschulden and mit der Verzinsung der Kapitalien der Offiziere befassen. Man wird abwarten müssen, wie sich diese neue Kreditbank in der Praxis bewähren wird.
73 Item
=4= Noch kriegerischer als gestern lauten heute die Nachrichten aus Ostasien. In Japan herrscht auch unter den bisher zum Frieden neigenden Ministern höchste Erbitterung wegen der Saumseligkeit Rußlands in der Beantwortung der japanischen Note. Ein geheimer Staatsrat wurde in der Nacht zum Donnerstag abgehalten, er dauerte sieben Stunden. Der japanische Ministerpräsident und der Minister des Auswärtigen wurden während der Sitzung mehrmals zum Mikado entboten. Man nimmt an, daß die Beschlüsse, die hier gefaßt wurden, den Krieg bedeuten. Auch in Petersburg scheint die kriegerische Stimmung plötzlich die Oberband gewonnen zu haben. Die russischen Zeitungen bringen Mobilisierungsberichte aus dem Osten, und aus dem Hofball am 1. Februar hat der Zar einem Diplomaten, der seine Befriedigung über die friedliche Haltung Rußlands aussprach, erwidert: „Ja, aber alles hat feine Grenze n." Im Munde des friedeseligen Zaren hat dieses Wort besondere Bedeutung.
Aus den Parlamenten.
* Die Budgetkommission des Reichstags hat in Sachen der Erhöhung der Oberstleutnantsgehälter auf einen Antrag des Abg. Spahn (Zentr.) beschlossen, unter Ablehnung der im Militäretat geforderten Gehaltserhöhungen, der Erhöhung des Servis und der Erhöhung des Wohnungsgeldzuschussos für patentierte Oberstleutnants dem Reichstag folgenden Antrag zu unterbreiten: „P wn tierte Oberstleutnants der Infanterie und des' I n - g e n i e u r - und Pionierkorps erhalten eine Pensums- fähige Zulage von 1150 Mark." Die Regierungsforderung verlangte die Bewilligung von Gehalts-, Servis- und Goh- nungsgeldzuschußerhöhungen für sämtliche Oberstleutnants.
* An dem Festmahl, das Graf Ballestrem zur Eröffnung des neuen Hauses für den Reichstagspräsidenten gab, nahm auch der K a i s e r teil. Politische Themata wurden in der Unterhaltung nicht berührt. Der Kaiser sprach bei Tisch und nachher mit den anwesenden Reichsbeamten, insbeson bere mit dem Reichskanzler und dem Grafen Posadowsky, über Verwaltungssachen, für die er sich interessiert, mit den Abgeordneten über persönliche und lokale Angelegenheiten, beispielsweise mit bem Abg. Schmidt-Elberfeld über Elberfelder Verhältnisse, die dortige Schlvebebahn u. s. W.
Deutscher Reichstag.
Die Politik.
6" Mehrere interessante Aeußerungen des Kaisers werden neuerdings bekannt, die sich mit dem Leben unb Treiben der Offiziere beschäftigen. Ueber den Luxus im Heere soll der Kaiser gesagt haben: „Ich wünsche, daß der Luxus im Heere eingeschränkt wird. Der Preuße mutz sparsam leben. DerPreutze hat das Beste,geleistet, wenn er hungerte." Ueber die schrift - stellerische Tätigkeit der Offiziere, gegen die sich bekanntlich eine jüngst erlassene Kabinettsorder richtet, soll der Kaiser gesagt haben: „Ich wünsche nicht, daß meine Offiziere m i t T i n t e u n d F e d e r spielen. Bei inaktiven Offizieren ist es vielleicht begreiflich, datz sie als ältere Herren ihrem jungen Kriegsherrn ratgebend zur Seite stehen wollen. Ich wünsche dies aber nicht. I ch will mir meine Ratgeber selb st aussuchen." Beide Aeußerungen sind, wenn sie nicht wahr sind, mindestens gut erfunden.
OeTterrdeb-Hngar
r53 Um den finanziellen Schwierigkeiten, die sich aus der militärischen Laufbahn für weniger bemittelte Offiziere ergeben, zu begegnen, beabsichtigen militärische Kreise in der Donaumonarchie eine große Kreditbank für Offiziere zu gründen, deren Hauptaktionär der Kaiser selbst sein soll. Die habsburgischen Familienfonds zeichneten einen namhaften Betrag; es heißt, daß bereits ein Aktienkapital von zehn Millionen Kronen aufgebracht sein,soll. Vor der Oeffentlichkeit figuriert Generalmajor Fürst Wrede als Gründer der Bank. Nach dem Prospekte wird die Bank die Offiz- rerssckul.den konvertieren, und zwar in der
(24. Sitzung.)
CS. Berlin^ 4. Februar.
Das Haus war bei dem gestrigen Festmahl zum Einzuge des Präsidenten Grafen Ballestrem in das neue Präsidialgebäude jedenfalls ungleich stärker vertreten —. trotz des Diätenmangels —, als in der heutigen Sitzung, in welcher die erste Beratung des Gesetzentwurfs betreffend
Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft fortgesetzt wurde. Als erster Redner erklärt
Abg. F r o h m e , daß er mit seinen sozialdemokratischen Freunden alle Beschränkungen der staatlichen Entschädigungs- Pflicht ablehne, und zog dann scharf gegen die Staatsanwälte los, deren Anklagemonopol geradezu gemeingefährlich sei.
Staatssekretär N i e b e r d i ng wies diese Angriffe zurück. Können Sie, sagte er, dem Reichskanzler Anzeige machen von Fällen gewissenlosen, rechtswidrigen, übermütigen Vorgehens von Staatsanwälten, so bin ich überzeugt und bürge dafür, daß der Reichskanzler für Abhilfe sorgen wird. Ueber Einzelheiten der Vorlage werde sich reden lassen. Daß aber Leute, welche nach der Herzensmeinung des Volkes trotz ihrer Freisprache noch verdächtig bleiben, die Tat begangen zu haben, eine Entschädigung erhalten, das werden die verbündeten Regierungen niemals zugeben.
Abg. Stadthagen (Soz.) tritt dem Urteil seines Fraktionsgenossen Frohme über die Staatsanwälte durchaus bei. Was heiße das im § 2: „Verstoß gegen die guten Sitten"! Im Kwilecki-Prozeß würden die Richter sicherlich auch einen solchen Verstoß gegen die guten Sitten angenommen haben, denn die Angeklagte habe sich ja unterstanden, noch in relativ so hohem Alter DJhitter zu werden. (Heiterkeit.) Es sei Praxis, politisch mißliebige Leute so lange als