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Nr. 103.

Dienstag, den 3. Mai i904.

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Die Maifeier'.

Von einem Fabrikwerkmeister wird uns geschrieben: „Al­im Jahr 1890 zum ersten Mal der sozialdemokratische Partei beschluß, den ersten Mai als einen allgemeinen Arbeiter seiertag festlich zu begehen, in verschiedenen gewerbliche: Mittelpunkten ausgeführt wurde, war ich in Mährisch-Ostrm in Stellung. Dort war ein großer Umzug geplant, der it einem Volksgarten seinen Abschluß finden sollte. Die Preß auseinandersetzungen über den 1. Mai wurden von beider Seiten in einer sehr heftigen Sprache geführt, so daß es be greiflich ist, wenn die Behörde für diesen Tag unliebsam« Ueberraschnngen erwartete und dementsprechende Vorberei. Ringen traf. In aller Stille natürlich, so daß niemand ein« Ahnung hatte, wie ernst die Situation war. Durch einen reinen Zufall war ich selbst in den Umzug hineingerisser worden, weil ich beim Ueberschreiten einer Straße der heran- brängenben Menschenwelle nicht widerstehen konnte. Wir mochten ungefähr % Stunde gegangen sein, als wir auf dem Wege zum Volksgarten freies Gelände erreichten, und hier bot sich uns ein ganz seltsamer Anblick. An der einen Wegseite stand eine größere Abteilung Infanterie ernst und schweigent mrt Gewehr zu Fuß und in einiger Entfernung davon war eine Batterie Kanonen aufgefahren.

| An diesen 1. Mai erinnere ich mich immer, wenn ich mit Die veränderten Zeitverhältnisse und die unverkennbare Mb Gerung in unseren sozialen Gegensätzen klar machen will. Der 1. Mai vom Jahre 1890 hatte einen entschiedenen revolutio­nären Charakter. Die geplante war eine Demonstration der nach einer besseren Stellung im Staate vormarschierenden proletarischen Bevölkerung gegen die bestehende Gesellschafts­ordnung, die gestrige Maifeier aber war — das wird jeder eingestehen, der ohne Vorurteil Augeir und Ohren offen hält, — in weit höherem ÄRaße das, was die Maifeier über­haupt sein soll, ein Festtag für das lohnarbeitende Volk. D'e Form der Feier hat sich entschieden nach der bürgerlichen Seite hin verändert. Es werden parteipolitische Festreden gehal­ten, und die Versammlungslokale werden mit den Emblemen der Sozialdemokratie geschmückt, aber die Feier selbst ent­wickelt sich doch in der Form eines Familienfestes. Indem sie so,mehr und mehr ihres demonstrativen Charakters entkleidet wird, wird auch vielleicht für die Arbeitgeber allmählich bei Grund schwinden, diesem Feste Widerstand zu leisten, und ich halte es durchaus für keine Illusion und keinen unerfüllbaren Traum, wenn ich der Möglichkeit und sogar der Wahrschein­lichkeit entgegensehe, daß mit der Zeit der 1. Mai unter volle: Billigung und Teilnahme der Unternehmerschaft der allge­meine Festtag für das werktätige Volk in Deutschland wird Gerade deshalb aber, weil er als Gradmesser für bi( - Entwickelung unserer sozialen Verhältnisse dient und weil e: der unwiderlegbare Maßstab für die Milderung der Gegen- . sätze in beiden Lagern der Industrie geworden ist, hat bei erste Maientag entschieden eine gewisse soziale Bedeutung, unè es ist immerhin gerechtfertigt, wenn man alljährlich feinen Verlauf beobachtet und einen Vergleich zieht mit jenem Tag von Mährisch-Ostrau im Jahre 1890."

Soweit die Zuschrift. Der Einsender übersteht das eine i dabei, daß, selbst wenn ihr jeder revolutionäre Untergrund ; allmählich entzogen werden sollte, die Maifeier an sich nu: ein Symptom der geschäftlichen Lage ist. Je nach dem Grade , ihrer Stettgkeit und Ergiebigkeit wird diese auch die Maifeier günstig beeinflussen.

* *

1 Die sozialdemokratischen Maifeiern haben sich, soweit bis. her bekannt geworden ist, sowohl im Jnlande wie im Aus­lande durchaus ruhig vollzogen. Selbst in dem allezeit un­ruhigen Spanien kam cs bei den Umzügen der Arbeiter zu keinen Ruhestörungen. Auch in Belgien, wo die sozialen Gegensätze zwischen Arbeitern und Unternehmern mindestens Iebenso scharf zugespitzt sind wie in Spanien, vollzog sich die Maifeier ohne jeden Zwischenfall. In allen Großstädten Westeuropas fanden Massenumzüge der Arbeiter statt, die durchweg ohne Störungen ober Ausschreitungen verliefen.

Der Krieg in Ostasien.

i Die Japaner haben èen Uebergang über Len Jalu mit . größeren Truppenmassen glücklich durchgesetzt, und zwar, wie vir von vornherein annahmen, in der Richtung auf Kiu- 'ientscheng, wo sie sich festsetzten.

Allerdings glückte es ihnen diesmal nicht so leicht, wie im hinesischen Kriege. Es fanden

eine ganze Reihe blutiger Gefechte

fott, über die in Tokio folgender amtlicher Bericht ausgegeben . worden ist, der sich auf einer Meldung des Kommandierenden !>er ersten japcmischen Armee, General Kuroki, aufbaut.

Abteilungen der kaiserlichen Garde und der 2. Division griffen, um Vorbereitungen für das Brückenschlägen treffen ZA können, am 26. April den Feind auf den kleinen Jnsel- Hen im Jalu an, vertrieben ihn und besetzten die Inseln. Von d-er Garde wurden 9 leicht und 16 schwer verwundet, die 2.,, Division hatte keine Verluste. Der Feind nahm beim Rückzug viele Tote und Verwundete mit nach Kiulientscheng. Ein gefangener russischer Kavallerist sagt aus, daß die

22., 23. und 27. Infanterie-Regimenter von den ostsiln- rischen Scharfschützen die Avantgarde bildete. Leutnant Senyloff, Kommandeur der berittenen Schützen des 22. Re­giments, wurde tot aufgefunden und in Widschu begraben. Auch wurden 95 tote und 6 lebende Pferde gefunden. Vom Mittag bis zum 27. feuerte der Feind mit Unterbrechungen auf Widschu, aber das Feuer wurde nicht beantwortet. Am 26. gingen 2 Kanonenboote und 2 Dampfer, die vom Ge­schwader des Admirals Hosoya detachiert waren, den Jalu aufwärts, wechselten Schüsse mit dem Feind bei Antrushan und brachte sein Feuer zum Schweigen. Diese Abteilung erlitt keinen Schaden. Am 28. April unternahmen zwei Infanteriekompanien der Garde eine Rekognoszierung auf Hu-shan und eine detachierte Sektion auf Sitzuguen, von wo der Feind floh, 5 Tote Zurücklassend. Der Feind feuerte aus großer Entfernung aus der Nachbarschaft von Kiulientscheng auf Widschu, ohne viel Erfolg auf unsere vorbereitenden Arbeiten. Am 29. April fing die 12. Di­vision an, bei Sukuchin Brücken zu schlagen, und war am frühen Morgen des 30. damit fertigt worauf die Armee mit dem Uebergang begann. Von 10 Uhr 40 Min. vor­mittags bis 1 Uhr 20 Min. nachmittags wurde heftig von allen Seiten geschossen, aber der Feind war bald zum Schweigen gebracht. Unser Verlust betrug 5 Offiziere leicht verwundet, und von den Unteroffizieren und Mannschaften waren 2 getötet und 22 verwundet. Um 8 Uhr abends desselben Tages war die Brücke über den Hauptstrom fertig, die Kolonne ging hinüber und gegen Aufbau vor. An dem- . selben Tage ging die Abteilung des Geschwaders des Admi­rals Hosoya bis unterhalb Antungsien vor und focht mit 400 Mann Infanterie und Kavallerie auf nahe Distanzen. Ebenso wurden sie von Artillerie heftig beschossen; aber nach einer Stunde zog sich der Feind zurück. Auf unserer Seite hierbei kein Unfall. Mit Tagesanbruch des 1. Mai be­schossen wir und brachten zum Schweigen die feindliche Artillerie aus einem Hügel im Nordwesten von Hushukou. Um 7 Uhr 30 Min. gingen alle Divisionen zum Angriff oor und besetzten um 9 Uhr 30 Min. die Höhen von Kiu­lientscheng bis nördlich von Nakou und Hushukou.

Die Verluste

in Toten und Verwundeten halten sich auf beiden Seiten, vorausgesetzt, daß der offizielle Tokioter Bericht streng bei der Wahrheit bleibt, ziemlich die Wage. Die Russen ver- 'oren 800 Mann, die Japaner 700 Mann. Dagegen haben Üe Riffen einen schweren Verlust an Artillerie und Munition erlitten — Kuroki spricht von 8 Maschinengewehren, 28 schnellfeuergeschützen, einer großen Anzahl Gewehre und viel Munition —, auch sind zwanzig Offiziere und eine ganze Menge von Unteroffizieren und Soldaten in die Hand der Japaner gefallen. Die Generale Sassulitsch und Kaschtalinski Erden verwundet. Die russischen Streitkräfte umfaßten sie ganze dritte Division, zwei Regimenter der sechsten Di­vision, eine Kavallerie-Brigade und ungefähr vierzig Schnell- 'euergeschütze.

Wie im Bericht des Generals Kuroki kurz erwähnt ist, ging sie Einleitung der Feindseligkeiten unter zielbewußter

Mitwirkung japanischer Kriegsschiffe

vor sich, über die noch folgende spezielle Meldung interessant Einzelheiten bringt:

Eine Abteilung, bestehend aus den Schiffen „Maya", „Njo" und Torpedobooten, ist am 1. d. Mts. den Jalu hinaufgefahren und hat den Feind beschossen. Während sie zurückkehrte, griff die russische Artillerie plötzlich die Torpedoboote an. Letztere brachten jedoch die feindlichen Geschütze nach einem halbstündigen heftigen Feuer zum Schweigen. Die ganze Abteilung ist darauf ohne Verluste nach Dönampho zurückgekehrt. Die armierten japanischen Barkassen erreichten Antung an demselben Morgen und zwangen die feindliche Infanterie und Artillerie nach einem halbstündigen heftigen Gefecht zum Rückzüge. Man hat gesehen, wie in der Stadt Feuer ausbrach. Ein Einge­borener berichtet, der Feind sei von Antung geflohen, nach­dem er Feuer angelegt habe.

Es wäre verkehrt, diesem japanischen Erfolg mehr als nne vorübergehende Bedeutung beizumessen-

f Die allgemeine Kriegslage ist, wie unser »^-Mitarbeiter uns schreibt, durch das Ueber- schreiten des Jalu für die Japaner durchaus nicht hoffnungs­voller, für die Russen nicht schlechter geworden. Von vorn­herein war es klar, daß die russische Oberleitung kein beson­deres Gewicht auf die ernstliche Haltung der Jalulinie legte. Sonst hätte sie längst dafür sorgen können, daß den ungefähr 200 000 Mann, über die die Japaner am Jalu verfügen, eine stärkere Truppenmacht als die jetzt dort befindlichen 30 000 Russen entgegengeworfen werden konnte. Der russi­sche General Kuropatkin erwartet die Entscheidung ganz wo anders, im Herzen der Mandschurei auf der Linie Kaitsching- Liaotschang-Mukden. Dort hat er, soweit es sich übersehen läßt, auf verhältnismäßig engem Raum und in einem äußerst günstigen Gelände etwa 150 000 Mann versammelt. Diese Zahl würde vollkommen genügen, um den Japanern, falls

sie sich aus ein Abenteuer ä la Napoleons Zug im Jahre 1812 einlassen sollten, ein Paroli biegen zu können. Ja, die Russen­würden hier den Japanern ivahrscheinlich bedeutend über­legen sein, da diese zur Deckung ihrer langausgedehnten Rück- Zugslinie sich an Truppen schwächen müßten, während die Russen einen großen Teil ihrer bisher dâchierten aus die Hauptstellung zurückziehen könnten.

Außerdem sind die Russens indem sie die Jalulinie auf­geben und sich um Liaotschang, wo Kuropatkin sein Haupt­quartier aufgeschlagen hat, gruppieren, in der Lage, der gefürchteten Landung der Japaner bei Niutschwang erfolgreich entgegenzutreten.

Die Politik.

A Auch Elsaß-Lothringen hat jetzt seine Kanal- vorlage. Die Straßburger Negierung hat dem reichsländischen • Landesausschuß soeben das Projekt eines Rheinkanals unter- , breitet, der zwecks Regulierung des Oberrheins gebaut wer- den soll. Der Entwurf schätzt die Kosten für den Kanal Straß­burg-Lauterburg auf 22 Millionen, für die Abzweigung nach Maximilansau auf 25,5, nach Sondernheim auf 30 Mil­lionen. Die reichsländische Negierung wünscht den Kanalbau bis Sondernheim. Sie macht den Bau des Kanals von der Erhebung von Kanalabgaben, sowie von der Gewäh­rung von Beiträgen der Interessenten abhängig. Die Kom­mission des Landesausschusses, die sich mit der Vorlage bereits beschäftigt hat, empfiehlt der reichsländischen Regierung, sie solle bei der bayerischen Regierung anklopfen, ob und unter welchen Bedingungen bayerischerseits der Bau des Kanals von Straßburg nach Sondernheim von Lauterburg ab auf pfäl­zischem Gebiete gestattet werde.

kü Aus telegraphisches Ersuchen des Obersten Leutwein werden demnächst, wie unser Berliner ^S-Mitarbeiter von gut unterrichteter Seite hört, zwei Bataillone — rund 1500 Mann — und Zwei Feldöatterien als Verstärkung nach Dentschsüdwestafrika gesandt werden. In amtlichen Kreisen rechnet man mit einer einjährigenDauer desAuf - st a n d e s , im günstigsten Falle mit einer halbjährigen. Nochmals wird unserem Mitarbeiter bestätigt, daß Oberst Leutwein die Oberleitung der Operationen in der Kolonie behält. — Wie von der Kolonne Glasenapp ver­lautet, sind die Typhuserkrankungen unter den Mannschaften der Kolonne zwar noch nicht zum Stillstand ge­kommen, die Krankheitsfälle nehmen aber einen günstigeren Verlauf. Von der Kolonne liegen 90 Typhuskranke in Wind­huk und 45 in Otjhaënena. Wie weiter verlautet, sind die Herero über die ihnen von der Kolonne Glasenapp im Gesechi bei Okaharui zugefügten schweren Verluste sehr niedergedrückt,

lD Die Gleichstellung der nichttechnischen mit den technischen Eisenbahnsekretären im Anfangsgehalt und in den Gehalts­stufen ist für 1905 in Aussicht genommen. Ferner ist eine Verschmelzung der zur Zeit bestehenden 21 Eisenbahn- betyiebsk ranken küssen zu 3 Zentralkassen (nach dem Vorbilde der Arbeiterpensionskasse in Berlin) mit dem Sitze in Berlin, Köln, Breslau geplant. Zu stellvertretenden Vorsitzenden sollen künftig statt Eisenbahnsekretären nm Assessoren bestellt werden.

Oesterreich-Ungarn

# Die tschechischen Obstruktionistcn versuchen es jetzt mit einer neuen Methode, das österreichische Abgeordnetenhaus beschluß­unfähig zu machen. Wenn die Sitzung beginnt,, ist nur ein einziger Tscheche im Saale, und der bezweifelt, die Beschluß­fähigkeit des Hauses. Stellt sich dann die Beschlußunfähig­keit heraus, so mich die Sitzung vertagt werden.. Die anderen Parteien bemühen sich selbstverständlich, dies tschechische Ma­növer zu durchkreuzen, indem sie ihre Mitglieder verpflichten, bei Beginn der Sitzung im Saale zu sein. Ueber diese Ver­eitelung ihrer Obstruktionspläne herrscht bei den Tschechen selbstverständlich große Erbitterung, die sich in fast jeder Sitzung in lärmenden Schimpfreden Luft macht.

- Türkei.

X Im türkisch-griechischen Konflikt wegen des Zwischen­falls in Smyrna hat Griechenland die Entscheidung der Mächte darüber angerufen, ob die türkischen Behörden in Smyrna zu ihrem Auftreten gegen den griechischen Konsulatssekretär berechtigt gewesen seien oder nicht. Die Pforte erklärte näm­lich auf Grund der Darstellung des Wali von Smyrna, die ganze Schuld an dem Vorfall trage der griechische Konsulats- sekretär. Die Griechen drohen übrigens, heißspornig, wie sie sind, der Türkei mit kriegerischen Maßnahmen, wenn sie ihnen nicht Genugtuung geben wolle.

£ Hmeriha.

-Q- Endlich kommt die leidige Geschichte mit der Aufstellung des Denkmals Friedrichs des Großen in Washington zur Ruhe. Nach einer Meldung aus der amerikanischen Bundes-. bauvtstadt soll das vom Kaiser den Vereinigten Staaten ae-