Nr. 51.
Dienstag, den i. März 1^U4.
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W»Wtts-eil«geA: Oberhefstfche FamMenzeitung (täglich) und die Gießener Geifenblase« (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Gießener
__________________13, Jahrgang.
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Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88
FerAsprechiNtschlust Nr. S6S.
Neueste Nachrichten
(chießener Gagevtatt)
MaßhärrKige Tageszeitung
(Hießener Weitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
6in schweres Gefecht mit den Berere hat am 25. Februar in der Nähe von O m a r u r u statt- gefunden. Zwar war es für die deutschen Waffen erfolgreich, indessen kostete der zehnstündige Kampf auch unserer Truppe beklagenswerte Verluste: Ein Offizier, Oberleutnant Schulze, ist gefallen, drei andere Offiziere und zwei Gefreite sind schwer und ein Ser- gvant und zwei Gefreite leicht verwundet. Wahrscheinlich sind diese Verluste erfolgt bei einem Bravourstück der Kompagnie Franke, die bekanntlich z. Zt. Oma- ruru trotz großer Schwierigkeiten, die dem entgegenstanden, Entsatz brachte, bei diesem neuen Zusammenstoß mit dem starken, gut bewaffneten und wohlverschanzten Feinde durch einen Sturmangriff den Ausschlag zu gunsten der deutschen Waffen gab.
Die amtliche Mitteilung über das Gefecht, ein Telegramm des Gouverneurs Leutwein vom 28. Februar, besagt:
Die Kolonne des Majors v. E st o r f f hatte am 25. Februar ein zehnstündiges schweres Gefecht an der Wasserstelle Otjihinanaka, 50 Kilometer östlich Omaruru, gegen zahlreiche und tapfer fechtende Herero in vorzüglicher Stellung, gegen die Artilleriewirkung unmöglich war. Abends wurde die feindliche Stellung durch Sturm der Kompagnie Franke durchbrochen, worauf die Herero sich in östlicher Richtung zurückzogen. Verluste des Feindes unbekannt. Erbeutet wurden 500 Stück Großvieh und 2000 Stück Kleinvieh.
Die deutschen Verluste sind:
Tot: Oberleutnant Otto Schulze aus Krosien.
Schwer verwundet: Oberleutnant Mrhr. v. Schönau- Wehr, Schußwunde am linken Knie. Oberleutnant Hannemann vom Seebataillon, Leutnant v. Stülp- nagel, beide Schuß durch rechten Oberarm, Gefreiter Vollrath Friedrich aus Coßwig, Kreis Zerbst, Quer- fchuß durch Unterkiefer, Gefreiter Ernst Binder aus Holzgerlingen in Schwaben, Schuß durch linke Lunge und linken Oberarm.
Leicht verwundet: Sergeant Bernhard Becker aus Brackupönen, Ostpreußen, Streifschuß an der rechten Backe, Gefreiter Bruno S p u t h aus Schönefeld, Kreis Leipzig, Streifschuß am linken Unterarm, Gefreiter Reinhoild! Meusel aus Wald, Kreis Zittau (Königreich Sachsen), Streifschuß am Kopf.
Der Rückzug der Herero ist, nach der Erbeutung so großer Viehbestände zu schließen, eine eilige Flucht gewesen. Ihre Verluste an Kämpfern dürften bei der guten Deckung, die sie hatten, kauin bedeutend gewesen sein. Sonst hätten sie wohl wenigstens die Toten zurückgelassen.
Einigermaßen auffällig berührt die weiter aus der Kolonie vorliegende und von Berliner amtlichen Stellen bestätigte Leibung, bag der Kommandant des in Swakopmund liegenden Kanonenboots „Habicht", Korvettenkapitän G u d e w i l l, plötzlich i n d i e ^H e i m a t zurückberufen worden ist, er ist bem Chef der Nordseestation zur Verwendung überwiesen worden. Sein Nachfolger im Kommando des „Habicht"'ist Kapitänleutnant Kühn e. Korvettenkapitän Gudewill war bekanntlich bis zum Eintreffen des Gouverneurs Lerttwein in Swakopniund Leiter der Operationen gegen die Herero und hat als solcher außerordentliche Umsicht und Tatkraft entwickelt.
Bisher unverbürgte Gerüchte, die gestern an der Berliner Börse im Umlauf waren, wollten von
großen Unruhen im Kamerungebiet
Wissen. Angeblich habe ein Börsenbesucher die Mitteilung erhalten, vier ihm bekannte Weiße in Kamerun hätten vor aufständischen Gingeborenen die Flucht ergreifen müssen. Zugleich wurde, wie unser Berliner ^.-Mitarbeiter uns meldet, erzählt, der in Potsdam wohnhafte Vater eines in Kamerun tätigen Deutschen habe von diesem ein Telegramm des Inhalts erhalten: „Bin wohlbehalten." Eine solche Meldung würde allerdings darauf schließen lassen, daß etwas in Kamerun nicht in Ordnung ist. Hoffentlich sind die amtlichen Stellen bald in der Lage, Licht in die Sache zu bringen.
Der Krieg in Ostasien*
Die Absicht der Japaner, vor allem Port Arthur, den russischen Hauptstützpunkt, niederzukämpfen, sei es vom Meer, sei es vom Lande her, wird jetzt auch von der russischen Heeresleitung in ihrer vollen Bedrohlichkeit erkannt. General Stößel, der Kommandant von Port Arthur, spricht in einem Tagesbefehl offen aus, daß
die Lage von Port Arthur äußerst gefährdet
iei und an den Heldenmut der.Besatzung die höchsten Anforderungen stelle.
Das interessante Dokument trägt das Datum vom 27. Februar und richtet sich sowohl an die Verteidiger der Festung wie des befestigten Lagers, als auch an die Bevölkerung.
Die Japaner — so erklärt General Stößel — halten die Besitzergreifung von Port Arthur für eine Frage der nationalen Ehre. Aus den hartnäckigen Angriffen der Japaner und der Beschießung der Festung und der verschie- bcncn Buchten folgere ich, daß der Feind beabsichtigt, auf der Halbinsel zu landen, und den Versuch maclM wird, von der Festung Besitz zu ergreifen und im Falle eines Mißerfolges die Eisenbahn zu zerstören. Der Feind irrt sich aber. Unsere Truppen wissen, und der Bevölkerung tue ich kund, daß wir nicht weichen werden. Wir müssen bis aufs äußerste kämpfen, da ich, der Kommandant, niemals Befehl zum weichen geben werden. Ich richte daraus die Aufmerksamkeit der weniger Mutigen und fordere alle auf, sich durchdringen zu lassen von der Ueberzeugung, daß es notwendig ist, bis auf den Tod zu kämpfen. Wer ohne zu kämpfen fortgeht, wird sich nicht retten. Es gibt keinen Ausweg, auf drei Seiten ist das Meer und auf der vierten wird der Feind sein. Es bleibt nur übrig zu kämpfen.
Trotz der mannhaften Worte, die der General gebraucht, liest man zwischen den Zeilen seiner Kundgebung eine gewisse trübe Vorahnung, als würde es ihm trotz des Vertrauens auf seine wackeren Soldaten nicht gelingen, Port Arthur vor dem übermächtigen Feind zu retten. Ja, man ist fast versucht, daraus zu folgern, daß dem Feind an irgend einer Stelle der Liaotunghalbinsel die Landung schon geglückt sein müsse, da der General den Landangriff als bevorstehend bezeichnet. Aber auch, wenn dies nicht der Fall sein sollte, gefahrvoll muß die Lage im höchsten Grade sein, wenn der Kommandant sich gezwungen sieht, einen Aufruf zu erlassen, der alles andere, nur keine Beruhigung herbeiführen kann.
Die Erregung in China
wächst von Tag zu Tag. Unter der chinesischen Bevölkerung ist das Gerücht verbreitet, daß die Japaner bestimmt am .1. März einen entscheidenden Sturm auf Port Arthur unternehmen werden. Die Sympathie für die Japaner ist groß. Eine russische Meldung besagt:
Prinz Tsin erklärte dem Pekinger japanischen Gesandten, daß die Haltung der in China lebenden Japaner, welche seit mehr als einer Woche lügenhafte Gerüchte verbreiteten, leicht einen Aufruhr der chinesischen Bevölkerung gegen die Europäer hervorrufen könne. Der Prinz ersuchte daher, entsprechende Maßnahmen zu treffen. — Die Konzentrierung chinesischer Truppen westlich von Mukden im Rayon von Koupangtse im Hsinmintun erscheine sehr verdächtig. Die chinesischen Truppen verstärkten ihre Posten und schafften Kampfvorräte herbei. Die Haltung der Bevölkerung sei nicht überall zuverlässig, an manchen Punkten verweigere sie den Verkauf von Produkten.
Von neuen Unternehmungen ist wenig zu melden. Die russischen Kosakenvorposten fehln armen über die Jalulinie in verwegenen Patrouilleritten nach Korea hinein und hatten mehrfache Zusammenstöße mit japanischen Truppen. Doch kann diesen Gefechten keinerlei Bedeutung beigelegt werden. Wichtiger sind die
Operationen zur See, die sich jetzt auf einen größeren Raum zu verteilen beginnen. Die Russen scheinen sich, da sie offene Seeschlachten gegen die Japaner vorläufig nicht aufnehmen können, auf den Kaperkrieg werfen zu wollen, um dem japanischen Handel möglichst viel Abbruch zu tun. Im Roten Meer übt ihre dort liegende Flotte eine strenge Kontrolle über alle Kauffahrteischiffe aus und untersucht namentlich Engländer sehr streng auf Kriegskontrebande. Auch in der Nähe von Ko- loinbo kreuzt ein russisches Schiff.
Vor Port Arthur halten die Japaner weiter aufmerksame Seewacht. Die Lichter ihrer Aufklärungsschiffe sind ständig Dam Hafen aus sichtbar. Die russische Flotte in Port Arthur hat einen empfindlichen Schlag erlitten: Der „Retwisan", ihr stolzestes Schiff, ist nicht wieder flott zu machen. Das Stück, welches eingesetzt war, um den von dem Torpedo gerissenen Leck zu stopfen, hat nicht gehalten. Aber auch die Japaner haben Verluste zu verzeichnen. Wie jetzt von amtlicher russischer Seite festgestellt ist, wurden in der Nacht vom 25. Februar ein japanisches Torpedoboot in die Luft gesprengt und ein anderes versenkt. Den Rmnpf des letzteren spülten die Fluten an das Ufer.
Die Politik.
*^ Neue Gerüchte von einer bevorstehenden Auslöhnnua zwischen den Häusern Hohenzollern nnd Welf toerben ans Kopenhagen verbreitet. Der Herzog von Cumberland werde Ende März seinen Schwiegersohn in Schwerin besuchen, um
Dann mit diesem zum Geburtstage stüiug ^yrquun» nuJ; Kopenhagen zu fahren, wo man wohl auch dcm deutschen Kronprinzen als Gratulanten sehen werde. Inwieweit dieses Gerücht auf Tatsachen beruht, läßt sich natürlich nicht kontrollieren, ebensowenig wie das bereits gemeldete, daß der Kaiser an der Hochzeit des Großherzogs von Schwerin teil»
nehmen wird.
*
# Was bereits seit dem ersten Tage der Debatte über das bayerische Wahlrechtsgcsetz feststand, ist erfolgt: _ In der Münchener Abgeordnetenkammer ist das Gesetz gestern mit 96 gegen 60 Stimmen abgelehnt worden. Für das Gesetz stimmten das Zentrum unb die Sozialdemokraten, dagegen die Liberalen und die Freie Vereinigung. Die Folge dieses Beschlusses ist, daß es bei dem bisherigen bayerschen Landtagswahlrecht bleibt, nur mit dem Unterschiede, daß die Re- gierung auf dem Verordnungsweae eme Reueinteilung der Wahlkreise gemäß der im" Entwurf vorgesehenen vor-
nehmen wird.
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«n Der vom Preußischen Handelsminister angekündigte Erlaß betr. das rechtzeitige Einschreiten der Behörden in Streitfällen zwischen Aerzten und Krankenkassen ist jetzt den preußischen Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten zugegangen. Hiernach sind die Kassenvorstände mindestens 14 Tage, bevor die Aerzte ihre Tätigkeit niederzulegen beabsichtigen, aufzufordern, den Nachweis zu führen, daß ihnen am Ablaufstage der Verträge mit den bisherigen Aerzten eine bestimmt zu bezeichnende Anzabl anbe^r Aer.U^ wr V^- fügung stehe. Anderenfalls soll den Kassenvorständen die Beschaffung des erforderlichen Aerzteperwuats dur^ me Uu<- sichtsbehörden angedroht werden. _ ......—
Oefterreicb-Öngam»
G Der Ministerrat hat beschlossen, die österreichisch-ungarische Zollkouferenz, zum 2. März einzuberufeu. Die Konferenz wird die Vorschläge feststellen und ausarbeiten, die der deutschen Regierung zum Zwecke der Abänderung des bestehenden Handelsvertrages mit Deutschland übermittelt wer-
den sollen.
Amerika.
4= Die Yankees sind wieder einmal außer sich über die unverschämten Europäer. Diesmal sind's die britischen Freunde, auf die Onkel Sam ärgerlich ist. Nach einer Meldung aus Washington trafen sechs britische Schlachtschiffe und sechs Kreuzer vor La Guapra (Venezuela) ein. Flugs deutet das Washingtoner Staatsdepartement die Anwesenheit der Kriegsschiffe als einen Versuch einer B e d r o h u n g Venezuelas, um es zur Zahlung der vom Haager Schiedsgericht Deutschland, England und Italien zuerkannten Summen zu veranlassen. Warum sich doch die tugendsamen Amerikaner den Pelz der Venezolaner zerreißen!
Rof und Gesellschaft.
In Kiel fand in Gegenwart des Kaisers die Beisetzung des jungen Prinzen Heinrich statt. Nachdem der Kaiser am Bahnhof seinen Bruder aufs Herz, tichste begrüßt und geküßt hatte, begab er sich direkt ins Schloß. Während der Trauerfeier, die vom Propst Bäcker abgehalten wurde, der den verstorbenen Prinzen auch getauft hatte, feuer- ten die im Hafen liegenden Flaggschiffe „Hildebrand", „Prinz Heinrich", „Pelikan" und „Wittelsbach" einen Trauersalut von 21 Schuß ab. Abends setzte der Kaiser von Kiel aus die Reise nach Oldenburg, Wilhelmshaven, Helgoland, Bremerhaven und Nordenham fort. Am 5. März gedenkt er wieder in Berlin einzutreffen.
Deutscher Reichstag.
(45. Sitzung.)
CB. Berlin, 29. Februar.
Während bei Port Arthur in dem heißen, zähen Ringen das nun schon seit Wochen unter dem ehernen Donner bei Schiffsgeschütze und Festungsbatterien um die Beherrschung der Seesiatrsindet, jeden Augenblick eine folgenschwere EM- scheidung fallen kann, und während der Aufmarsch bei Gruppen die Entscheidungsschlacht zu Lande immer nähet rückt, harrt in Tokio eine Brigade englisä)er Korrespondenten enttäuscht und ungeduldig der Erlaubnis, auf den Kriegs- ichauplatz eilen zu dürfen und dort-gleichsam von der Tribüm die auch für ihre eigenen Landesinteressen so bedeutsamen Ereignisse verfolgen zu können. An diese Situation wurde man gemahnt, wenn man während der heutigen Sitzung des Reichstags die Wandelhalle und ihren Vorhof gefüllt sah von Angehörigen der Berliner russischen Kolonie, meist Studenten und Studentinnen, die vergebens die Abgeordneten um Einlaßkarten zu den Tribünen bestürmten, um der „Russen- debatte" beizuwobnen. Als es sich am Schluß der Samstag- sitzung herausstellte, daß die Debatte heute ihren Fortgang nehmen würde, innren in kurzer Zeit sämtliche Tribunenplätze vergriffen. Eigentlich hätte es des grausamen Spiels genug fein können, nach den ausgiebigen Debatten im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhause. Die beteiligten preußischen Minister hatten, um der L>ache ein Ende zu machen und den Sozialdemokraten die Möglichkeit zu nehmen, ihr Rückzugsgefecht als einen Erfolg auszugeben, ihre ursprünglichen Komverenwedenken zurückaestellt, waren am Soun-