Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
»beirng: ,iir oen Mona» L— Mk. bei 'etter duitellunn ».nMhfMeÄt obzehot' 1.SII Str. Tur» sie Veit monatlich 2J*>Sif ÄÄ? duftellunqaaebitbr. Merlan und «ehafdon Stblaihinoiftnme 2h/8i. 7nrrt?«?.rJÄ»r""fl 052. Mt unnerlanai elnaefanbie tBeiträne kann oie äie« “J L’’ eJ.. 4?j”a2,*y»r'una Obet toeroaht in reinem ,lalle übernehmen. Rück- "ber Ansprüche »eien erroataer nicht or»nuna#mäftiger
t f «ttfl »ff n. i<o^fff>e/ffonfn r^ranffnr* o. Mai- ^hrmmcr ß.SM*
--- ■ - - ■ ... - — J
Hessische Abendzeitung
».metaenereue.tStnbeimtltbe ;Seidiaii8««ieigen deiieilu »tu. aug.narttae meicbätt#. antetaen delle io i$fa„ ,taniuieiia:ueiaen detie -jn tffg., »Leute ametgen oas Wort 4 *'6- .Ueflamen Die dede 75 Sig. £?>1enäebiihr 2 > Sta. *bet dincnba. her C^erten SiSta.i diecbiiunaBbeträae sind innerhalb 5 Taten ,u beiahlen. ttür die Diidtda- fett aller »urL Fernsprecher aume-iebe ien flr «eiaen. tomie dir flufnahmebaten «ni> i-IStze fann nitb' ara,Itter' »erben t>itr Änieiaen mit besonderem ichwie» riaem Sap t'“t fro ent i'lnffttilaa. Trnderei: 'SMtrbtf'Oiftrafie ’h/sii. (SetdiättS. stelle ffSI-iftbe $"ane 5 »eoen’tber 'er SniV’rtt'a&e ^er tvrecher 051 vnb 05:
Eouvabend, 5. Dezember 1925
Einzelnummer l(> Pf.. SointagS >5Ps. 15*
Numwer 284. Einzelnummer 1(1 Ps. S-onntaaS 15 Pf.
Ein Kabinett ohne Gehler: Lange Krise.
Sieg 6er Vernunft.
Auch die Lügenmärchen verblasse».
Etwa» bat sich in London begeben, daS wie ein freundlicher Lichtstrahl in all daS Dunkel der haltlosen Versprechungen hineinleuchtet, di« uns anstelle von Taten bis jetzt liebenswürdig überreicht wurden Herr Chamberlain hat sich in der letzten Unterhaussttzung bereit gefunden, durch eine offizielle Erklärung die Haltlosigkeit der schamlosen Ra« daverge schichten amtlich festzulegen. Der englisch« Minister hat damit einer Anstands- Pflicht genügt, die erfreulicher und für die friedlichen Beziehungen dereinst feindlichenJl-ttonen wirksamer gewesen wäre, wenn er sich schon vor Jahren dazu bereit gesunden hätte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Die Art und Weis«, wie er seine offizielle Kundgebung ummantelt«, ist zwar recht kühl und bat jeder Wärme. Eine Entschuldigung an da- durch die ekle Propaganda so schwer gekränkte deutsche Volk hat er nicht für nötig gefunden. Immerhin, es ist ein Anfang, nun endlich jenes Lügengewebe eir.zureihen. durch daS man ei verstanden hatü, das Dcutfche Reich in der gesamten Welt als ein« Bereinigung von Banditen, Kindermördern und Wegelagerern zu bezeichne». Aber nur ein Anfang. Was für Chamberlain gut war, wäre für Herrn vriand und den anderen Verantwortlichen Ententeländern nur reicht und billig Ma» hat dem deutschen Volke gütigst die GMtid>bered)tigune im Bunde der Rationen zuerkannt. Jetzt, meine Herren in Paris, London und Brüssel ist die Zeit gekommen, nun endgültig den verhetzenden Lügen den Garaus zu machen, die sich wie ein« unübersehbar« Wand zwischen den Völkern noch immer aufrichtet. DaS Seichenfettmärchen war eine recht garstig« Erfindung. Unterscheidet eS sich wirk- Ilti allzusehr von der albernen Kriegsschuld lüge, bl« man immer noch dem deutschen Volke aus die Schulter legt? Höchstens in du Sinnlosigkeit und Beschränktheit, die ein so niedriges Niveau der Gesinnung zeigt«, daß besonnene und anständige Menschen auch im gegnerischen Lager ihm sicherlich wenig Glau- btn schenken konnten Aber der besonnenen und fingen Menschen, di- sich ihr klares UrteU über di ritsche Kultur auch in den Kriegszeiten bewahren konnten, gab «S in der Feindeswelt nicht Wenige.
Ein weiteres recht klärendes Kapitelchen lieferte da dieser Tage ein amerikanischer Professor in einer Abhandlung über die Kriegsschuldfrage. Herr Harry Elmer Barnes ist einer der wenigen Amerikaner, die sich bisher ernsthaft und wissenschaftlich mit der Kriegs- schuldsrage beschäftigt haben. Seine soeben veröffentlichte Artikelserie leitet der Verfasser mit folgenden bemerkenswerten Sätzen ein: »In keiner Richtung haben die neu aufgebcdten Informationen umwälzender gewirkt, als hinsichtlich der ausdrücklichen und direkten Schuld Serbiens an dem AuSbnich bei Weltkrieges. Er spricht über di- Kenntnis der serbischen Regierung von den Vorbereitungen des Atten- tats gegen den österreichischen Tbronsolger, er sieht es als einen Schulobeweis der serbischen Regierung on, daß fi- 'eine freiwillige Untersuchung über die Veiantwortlichkeit für den Mord unternommen hat usw „Alle diese Tat- Jacken", so schließt Barnes, »machen es gewiß, >aß auf Serbien die volle Verantwortlichkeit für die verruchte Verkchwörung füllt, die schließlich die Bedingungen schuf, die die gante Welt in den tragischen Jahren 1914 18 nah« an den Ruin brachte.' Zusammenfaffeud fällt der Verfasser folgendes Urteil: „Oesterreich wünschte keinen europäischen Krieg, Serbien verdient« di« angebetene Strafe. Die österreichisch« Politik war wesentlich für die Sicherheit d»r Doppelmonarchie und eS bestand keine Berechtigung für die russische Mobil- ut a ch u n g zugunsten Serbiens Die Tatsache besteht daß der serbische Zwischenfall von 1914 nicht- anderes war. als ein Ereignis im Balkan, auf das Frankreich und Rußland zumin« besten zwei Jahre gewartet hatten, in der Hosf- »ung auf einen glücklichen Zeitpunkt zum Ausbruch allgemeiner europäischer Feindseligkeiten. Diesem Urteil haben wir Deutsche recht wenig hi izuiufüge». Es deckt sich durchaus mit den Verlautbarungen amtlicher deutscher Stellen Unteren Worten bat man nicht geakaubt Vielleicht wird man sich doch ieksseits her deutschen Grenzen dazu beguemen, jetzt den Feststellungen eigener Landsleute einen größe
ren Wert beizumessen. Zur Befriedung würde daS unbedingt mehr beitragen, als die schönsten Reden Ützer die Bereitwilligkeit an der Versöhnung tratguarbeiten.
Auch Geßler nmtsmüSe.
Sein Eintritt in die neue Regierung?
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 4. Dezember.
Einer Korrespondenzmekdung zufolge soll Roichswehrminiftcr Dr. Gehler dem Reichspräsidenten mitgeteilt haben, daß er bei der Neubildung des Kabinetts nicht mehr mit einem Amt« betraut werden wolle.
Es kann lange bauern.
Noch fein Ausweg in der Regierungskrise.
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 4. Dezember.
Rach dem bevorstehenden Rücktritt der Reichsregierung erwartet man zunächst, daß Reichskanzler Dr. Luther mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt wird. Die Wiederkehr eines Kabinetts LutHer würde demnach au> jeden Fall bedeuten, daß die neue Regierung genau dieselbe Außenpolitik treiben wird, die sie in den letzten Monaten auf dem Wege der Lorarno-Politik eingeleitet hat. Die Rückkehr Dr. Luthers wird namentlich von der Volkspartei gewünscht, die damit das Ziel verfolgt, die Faden der Zusammenarbeit mit den Deutschnationalen in der Land zu bebalten, Da ihr der Weg der großen Koalition nicht gegeben crfajelnt Die Besprechungen der letz- len Tage galten immer noch der Frage Der große« Koalition, es ist aber auch gestern ein Fortschritt dabei nicht zu verzeichnen gewesen. Vor ouSflchiliche Beswlüsie sind vor der Sonnabend Sitzung deS Kabinetts Luther nicht zu erwarten. Die innere Krise dürfte noch di« ganze kommende Woche über anbauetn. Tenn auch auf der andern Seite will die Sozialdemokratie nichts dazu tun, um die Verlegenheiten der Regierungsparteien zu erleiüstern, sondern ist nach wie vor gegen ein Kabinett Luther. Eine Regierung, die weder auf die Unterstützung von rechts noch von links rechnen tarnt, wird schwerlich auch nur einen Tag am Ruder fein könne«, sodaß man v-irläufia nod» nicht zu sehen vermag, auf welcher parlamentarischen Ba- iS ein neue« Kabinett Luther ruhen könne.
Wenn bas so Wetter gebt.
Keine Tawesgelder bei Einfuhrsperre.
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 4. Dezember.
In einer deutschnationalen ReichstagSan- rage heißt eS u. a.: Seit der Ratifizierung der Dawesgeietze erfuhr die englische Handelspolitik Wandlungen zum Nachteil Deutschlands, welche die Durchführbarkeit immer nnwahr- ckeinlicher machen. Ta auch die meisten übrigen Stanten ihre Absperrungspolitik gegenüber der deutsche» Einfuhr entweder verschärft oder nicht gemildert haben, fragen wir die Reichsregie- rung, ob sie den ausländischen Stellen den Beweis liefern soll, daß es Deutschland in steigendem Maße unmöglich gemacht wird, einen wirtschaftlichen Ueberlchutz" im Sinn» des Dawesgutachtens als Voraussetzung für jede Reparationsleistung zu erarbeiten.
*
Immer neue Sinfudrzvlle.
London, 4. Dezember. (Privattelegramm.) DaS Unterhaus nahm mit 213 gegen 129 Stimmen den Antrag der Regierung betressend Auferlegung einer Einfuhrabgabe von 33% Prozent auf Handschuhe an. Weiter wurde die Regierungsvorlagr angenommen, bet gleichen Einfuhrzoll auf Messerschmiebewaren legt. Auch der Einfuhrzoll für Glühlampen ging durch.
*
Englands lSumm'q tellen.
London, 4. Dezember. (Eigener Drahtbericht.) Das Koioniolomt teilt mit, daß Der Prozentsatz der Durchschnittserzeugung von Gummi, der auf Ceylon und den malay- ischen Inseln ausgeführt werden darf, für das nächste Vierteljahr auf hundert Prozent erhöht werden kann.
Meterhoher Schnee.
Unfälle und Abenteuer auf dem Vogelsberg.
(Privat-Telearamm.)
Lauterbach, 4. Dezember.
Im Vogelsberg hat die Schneedecke ungewöhnliche Maße angenommen. Ein Meter bis
1,20 Meter sind keine Seltenheit. Zahlreiche Kraftpostverbindungen wurden eingestellt. Bei Zeilbach blieb ein Gastwirt vor Erschöpfung irnDchneestecken und mußte die Nacht unter einem Baum verbringen. Erst am nächsten Morgen konnte er von einer Rettungsexpedition geborgen werden. Auch sonst werden zahlreiche Unfälle gemeldet. So machte die Schützer Kraftpost eine R u t s ch p a r- t i e in den Straßengraben die glücklicherweise ohn« Schaden für die Insassen verlief.
Em Geschenk für Beamte.
Ein halber Monatsgehalt am 15. als Abfindung (Privat-Telearamm.)
Berlin, 4. Dezember.
Mehrere Blätter melden, daß in parlamentarischen und amtlichen Kreisen die Absicht bestehe, den Beamten angesichts der Notlage am 15. Dezember einen halben Monatsgehalt als einmalige Winterbeihilfe auszuzahlen. Dieser Zuschuß soll eine Abfindung bis zum 1. April 1926 darstellen. Ein dahingehender Vorschlag soll im 24er Ausschuß gemacht werden. Vorher wird am Dienstag abend die Berliner Beamtenschaft eine öffentliche Kundgebung für die Behebung der Notlage, in der sie sich befindet, veranstalten.
Di« 2Irbe tft’.ofen bis so. Sun) besorgt.
Wien, 4. Dezember. (Eigener Drahtbericht.) Der Nationalrat hat gestern die B e r l ä n g e- r u n g des ArbeitSlosenunterflützungSgefetzes bis 3u Juni 1926 beschlossen mit der Maßgabe, daß beim Anwachsen der Zahl der Mehraufwand über den Beitrag von rund zwölf Millionen Schilling auS Beiträgen der Arbeiter, Unternehmer und Gemeinden fließt.
*
Fürst B smarck bei Soostdge
Washington, 4. Dezember. (Funkdienst.) Der Reickstagsabgeordnete Fürst Otto von Bismarck wurde gestern in Gegenwart deS deutschen Bot- 'ckafters vom Präsih-nten Coolidge in längerer Privataudienz im Weißen Gaus empfangen.
Alles öorwett so teuer.
Die Valutakrise in Polen.
(Eigene Drodtmelduna.)
Warschau, 4. Dezember.
Trotz der neuerlichen Befestigung des Zlotykurses geht durch ganz Polen eine heftige T e u e r u n g S w e l l e, die fast alle Artikel des täglichen Bedarfs umfaßt. In den Lebensmittelgeschäften werden die Waren mit einem Aufschlag bis zu hundert Prozent verkauft. Die Sozialdemokraten fordern die Bekämpfung deS Lebensmitelwuckers mit den allerschärfsten Mitteln, unter anderem durch ein Getreide - Ausfuhrverbot.
Abgeschlagener Drusenfturm
Das Orakel des OberkommiffarS.
(Eigener Drahtberichk.)
Paris, 4. Dezember.
Havas berichtet aus Beirut: Ein heftiger Angrif fder Drusen gegen den Wefiokckani; Angriff der Drusen wurde mit beträchtlichen Verlusten für die Drusen zurückgeschlagen. Es gelang aber den Drusen, die Vereinigung Dieser französisck?en Abteilnugen mit den vom Süden anrückenden zu verhindern. — Oberkommissar b« Jouvenel sagte bei seinem Amtsantritt: •-riebe für biejenigen, die Frieden wünschen. Krieg für diejenigen, die Krieg wünschen! Das ist Frankreichs Grundsatz.
DanderveldkS Lroft.
Briand will erleichtern. — Ei» Kreditgeschäft. (Eigen« Drobtberickn.)
Brüssel, 4. Dezember.
Bandervelde erklärte nach feiner Rückkehr auS London Pressevertretern, die Deutfchen hätten in London verfucht, für die besetzt bleibenden Geriet« eine wirkliche Erleichterung der Besetzungslaften zu erhalten. Er habe den Eindruck, daß Briand geneigt sei, darauf einzugehen — Der belgische F i n a n z Minister erhielt in London die zur Stabilisierung der Währung erforderlichen Kredit«.
*
Fort mit btn SamUlrntrotz!
Paris, 4. Dezember. (Eigen« Drabtmrldung.) Einem Blati zufolge soll General Guillau- m a t ersucht worden fein, zur Verminderung der Bosetzunaslasten dafür zu sorgen, daß nur -in gewisserProzentsatz deSBesatzungs- Heeres verheiratet sein darf.
GünMina örs SMcks.
Ernstes und Heiteres von dem großen Briand.
Von Le-atm
Sei« GeselllSattsraoa in London. — 8Be Briand hetitamml. — (Sin zärtliches Sntermezzo. — Der Advokat als Streit!)eiter. — In sieben Jahren em diel. — Frankreichs bester Redner. — El» Llcb- baber des zarten Geschlechts. — In alle« Sätteln gerecht.
Herr Aristide Briand hat sein Meisterstück gemacht, denn er ist als M inisterpräsi- bent über den Kanal zur Unterzeichnung gefahren und nicht nur a'S einfacher Minister deS Aeußern. So etwas ist durchaus nicht gleichgültig; denn auch in den modernen Demokratien des 20. Jahrhunderts gibt es Rangunterschiede, und Herr Briand rangiert bei den Londoner Feierlichkeiten nunmehr auf glei- cker Stufe wie Baldwin und Luther. Man sage nicht, daß der gesetzte, ein wenig behäbige Herr mit dem nicht sonderlich disziplinierten und nicht sonderlich gut geschnittenen grauen Haar und mit dem herabhängenden Schnurrbart, der in seinem Aeußern bis zum heutigen Tag noch einen Stich in8 Provinzielle hat, angesichts der ihm innewohnenden Machtfülle auf solche Aeußerlichkeiten keinen Wert lege. Herr Briand hat Zeit seine» Lebens immer genau gewußt, was er wollt«, und wenn er auch sicherlich niemals ein gewöhnlicher Streber war, so hat dieser beste Men- schenkenner unter den derzeitigen französische« Staatsmännern doch immer das Rechte getan, um feinen Rang und sein Ansehen zu vermehren. Er hatte, indem er mit
geheimen Abgesandten Kaiser Karls - über den Frieden verhandelte, später unter bent*«,, Kabinett Clemcnceau Kopf und Kragen riskiert;^ aber während der Tiger wegen des gleichen „Verbrechens" Caillanx und Malbh verhaften und den Prozeß machen ließ, wagte sich der Gewaltige an Aristide Briand nickt heran, obwohl sich die einstige Freundschaft der Beiden langst in bittere Feindschaft verwandelt hatte. Frank» reichs derzeitiger großer Mann hat es freilich in den Anfängen seiner politiscken Laufbahn noch viel schwieriger gehabt», stammt er doch aus äußerst bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater war ein
kleiner Gastwirt in Ranies, der mit der Mütze auf dem Kopf hinter dem Schanktisch stand und der in der französischen Ptovinzstadt eine jener WinkelvergnügungSstät- ten unterhielt, die man in Deutschland Ani- mierkneipe mit Varietebetrieb nennt. Mit dem elterlichen Lokal war eines der kleinsten Hotels verbunden, in denen die Gäste selten allein abzusteigen pflegen. Allzu sehr mit ethischen und moralischen Grundsätzen beschwert, wird der junge Briand von seinen Eltern also wohl nicht in die Welt entlassen worden sein, immerhin, sie taten etwas für ihren Sprößling und ließen ihn Jura studieren, so daß sich Aristide Briand in Saint-Nazaire als Advokat niederlassen konnte. Eine unangenehme Affäre machte ihn in der kleinen bretonischen stadt unmöglich; ein Feldhüter hatte ihn in einer allzu zärtlichen Situation — nebenbei bemerk, mit der Gattin eines Appellationsgerichtsrates — überrascht und dergleichen wirb in Frankreich mit Gesang ni s bestraft. Bri- and ging nach Paris und setzte schließlich i« dritter Instanz auch seinen Freispiuch durch. Aber das änderte nichts daran, daß eS ihm einige Jahre hindurch außerordentlich schlecht ging. In Saint Storni re hatte er sich dem Syndikalismus uud radikalen S»;ialis- mus in die Arme gewcr en und als er nach Pa- riS kam ging ihm bereits ein Name als Agitator voraus. Er wurde der
Verkünder be8 Generalstreiks.
er organisierte die Verbände der Gewerkschaf, ten, und als sozialistischen Generaksekre- t ä r wählte ihn im Jahr- 1902 die Fabrikkia vt Saint-Etienne in die Kammer. Der anarchi- stlsch-sozialiftische Heuer wurde il§b ilb Bericht- erstattet über das Geletz der Trennung von Kirche und Staat und Briand zeigte bei dieser Gelegenheit vor der breitesten Oes- fentlichkeit seine parlamentarischen Fähigkeiten. Als das Trennungsgesetz in Kraft «rat, wußte man zu dessen Turchkühruna keinen geeignete, ren Mann als Briand zu finden; so wurde er un Jahre 1906 Unterrichtsminister und drei Jahre später im Juli 1909, Minister- Präsident. Sieben Jahre nur hatte dieser Mann gebraucht, um vom neugebackenen Deputierten bis zum höchsten Amt in der Republik aufzusteigen. Die Gabe, der Briand seine Kar- riere verdankt, ist neben seiner Menschenkenntnis seine Beredsamkeit. Seit Jaures Tod ist cr der b e fi e R e d n e r im Palais Bourbon,