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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

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Sonnabend, 7* Nodember 1925 Einzelnummer M Pf Sonntags 15 Pf.

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Rümmer 261. Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf.

Gu Seheilllvertrag rwischenRom und Moskau?

Verschwörernetze um Mussolini.

Aufgedeckte Attentat-- und rimsturzpläne der Antifaschisten.

Ei» Schreckschutz in Rom. Abgeordneter und General verhaftet. Die sozialistische Partei aufgelöst. Der Dittator mahnt zur Besonnenheit. Stotztrupps im In» und

Ausland. Die Geheimzentrale in Frankreich. In Italien herrscht Ruhe.

ES ist sonnenklar.

Deutschlands Rechte aus Locarno.

Der . Rat der Deutschen Gesellschaft für Völ­kerrecht hat in Berlin einmütig der Auffassung Ausdruck gegeben, .daß mit dem Schlußproto- koll von Locarno jede Streitigkeit zwischen Deutschland und Frankreich sowie zwischen Deutschland und Belgien über die Auslegung der zwischen ihnen bestehenden Verträge ein­schließlich des Versailler Vertrages und des Rheinlandabkommens dem schiedsgerichtlichen Verfahren unterworfen wird/ Offenbar aus innerpolitischen Gründen hat man in den alli­ierten und affoziierten Ländern, soweit sie an den Locarno-Verträgen beteiligt sind, einer sol­chen Auslegung widersprochen. Man hat aus jener Seite erklärt, daß die bestehenden Verträge und vor allem der Versailler Vertrag von diesem in Locarno festgelegten Schiedsver- trage unberührt bleiben. Dieser Auffassung widerspricht jedoch Artikel 1 der westlichen Schiedsverträge, der besagt, daß »diese Bestim­mungen (Unterwerfung aller Streitfragen jeg­licher Art unter ein Schiedsverfahen) keine An­wendung aus Streitfragen findet, die aus Tat­sachen entsprungen sind, die zeitlich vor diesem Abkommen liegen und der Vergangenheit ange­hören/ Damit ist ist indirekt ausgesprochen, daß auch die Bestimmungen des Versailler Ver­trages und des Rheinlandabkommens bei künf­tiger Anwendung oder Auslegung der Entschei­dung durch ein Schiedsverfahren unter­breitet werden könne. In seiner Rundfunkrede hat Reichsaußenminister Dr. Stresemann scharf hervorgehoben, daß dir Alliierten durch die deutsche Delegation in Locarno über das Min­destmaß treffen unterrichtet worden sind, was das deutsche Volk als Ausdruck deS neuen Gei­stes erwartet. Die deutsche Regierung hat aus begreiflichen Gründen Mitteilungen darüber ab- gelebnt, welche Wünsche sie den Allierten hin­sichtlich der Art der Rückwirkungen im einzelnen unterbreitet haben. Man weiß daher nicht, ob hierzu auch die Frage der Abkürzung der Besetzungssristen gehört. Man sollte aber an­nehmen, daß die Alliierten, umeine moralische Entspannung zwischen den Rationen hrrbeizu- füchren und den Frieden und die Sicherheit in Europa zu festigen*, selbst die Notwendig- Zeit einsehen werden, daß die Aufrechterhal­tung der Besetzungsfristen, nicht vereinbart wer­den können mit dem Geist, der angeblich ous Grund der Besprechungen in Locarno die euro- Hälschen Völker in Zukunft erfüllen soll. Nach Inkraftsetzung der Locarnoer-Verträge hat aber Deutschland ein v e r t r a g l ich e s Recht darauf, d-ie Auslegung des Artikels 431 des Versailler Vertrages einem neutralen Schiedsverfahren zu unterwerfen. Dieser Artikel bestimmt nämlich, daß die Besatzungstruppen sofort zurückgezogen werd-n müssen, falls Deutschland vor Ablauf der vorgesehenen fünfzehn Jahre allen ihm aus dem Versailler Vertrag erwachsenden Verpflich­tungen Genüge leistet. Die Frage der deutschen Wiedergutmachung, wie sie in Versailles ausge­stellt wurde, läuft letzten Endes in den Repa­rationsleistungen und in der Ent­waffnungsverpflichtung Deutschlands zusammen. Die Reparationsfrage hat durch Annahme des DawesplaneS auf der Lon­doner Konferenz eine Regelung erfahren, wo­durch diese Frage als erlediat zu betrachten ist. Die Frage der deutschen Abrüstung unter­liegt in diesen Tagen der letzten Entscheidung, der Botschafterkonferenz. Einr offizielle Mittei­lung über den Bericht FochS liegt noch nicht vor, man erwartet jedoch allgemein, daß dieser Be­richt die Botschafterkonferenz zu dem Beschluß veranlaffen wird. Deutschland als im wesent­lichen im Sinne der Versailler Bestimmungen als ab g e r ü st e t zu betrachten, sodaß der Be­fehl zur Räumung der Kölner Zone gegeben werden kann. Französischerseits wird /war ge­meldet, daß Foch mit dem deutschen Abrüstungs­stand noch immer nicht zufrieden sei, sodaß er die Beibehaltung der interalliierten Militär­kontrolle in Deutschland vorgeschlagen babe. Man wird eine Bestätigung dieser Meldungen abwarten müssen.

Selbst aber, wenn diese Nachrichten zu- totfen, könnte eine neutrale Instanz nur zu der Auffassung kommen, daß Deutschland als im Sinne von Versailles entwaffnet gelten müsse. Das würde rechtlich bedeuten, daß die Bestim­mungen des Artikels 431 in Anwendung zu kom­men hätten. Es ist natürlich damit zu rechnen, daß die Alliierten auf Grund der französischen Militärpartei zu der Auffassung sich bekennen, daß die deutsche Entwaffnung noch nicht als beendet gelten könne und somit eine vorzei­tige Räumung der besetzten Gebiete nicht in Frage stehe. In diesem Falle hätte Deutschland das Recht, auf Grund der schiedsvertraglichen Bestimmungen von Locarno diese Streitfrage zur Entscheidung einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Bei einer völlig neutralen Zu­sammensetzung eines Schiedsgerichts könnte die

Rom, 6. November. Laut Pressenotiz wurde in Rom der ehemalige sozialistische Abgeordnete Zaniboni verhaftet, der Vorbereitungen zu einem Anschlag auf Mussolini getroffen habe. In einem Befehl Mussolinis heißt es: Die Ordnung darf nicht im geringsten gestört werden. Der mißlungene Versuch bestätigt die Verzweiflung der trübsten Elemente der Oppo­sition, welche ihren Kampf unrettbar verloren sehen. Die Regierungsmaßnahmen, bestehend in der Besetzung aller Logen und der Auflösung der sozialistischen Einheitspartei müssen weitere Unternehmungen Einzelner ausschließen.

Der Sturm beschworen.

Mussolini warnt vor Repressalien.

(Eigene Drahtmeldung.)

Rom. 6. November.

Bei zahlreichen Kundgebungen für Bruffolini wurde unter Hochrufen aus Mussolini und Ab­singen faschistischer Lieder unter dem bekannten Balkon des Palazzo-Chigi demonstriert. Musso­lini forderte in einer Ansprache eindringlich auf, jeden individuellen Racheakt und alle Repres­salien zu unterlassen und sagte, wenn ein Attentat gegen ihn geplant gewesen sei, so müsse er sagen, daß er nie ein Tyrann, sondern nur der Diener des italienischen Volkes ge­wesen sei. Der Faschismus werde ohne Rücksicht ans alle Schwierigkeiten sein Ziel erreichen. Auf seine Auftorderung versprach dann die Menge, sich ohne Zwischenfall zu zerstreuen, was auch in voller Ordnung geschah. In allen Straßen und öffentlichen Lokalen erneuerten sich die Kund­gebungen der hin- und Herslutenden Massen.

*

Sr sollte am Schreibtisch erschossen werden.

Rom, 6. November. (Eigener Drahtbericht.) Ueber den Mordanschlag gegen Mussolini wird berichtet: In einem Zimmer deS gegenüber dem Regierungspalast gelegenen Hotels hatten die Verschwörer bereits ein Gewehr bereitgestellt, mit dem sie durch das Fenster Mussolini in sei­nem gegenüberliegenden Arbeitszimmer am Schreibtisch hätten erschießen können. Musso­lini hatte fein Arbeitszimmer im ersten Stock­werk des Palazzo Chigi nach der Straße zu.

General gegen Diktator.

Capellos Berschwörernetz in Frankreich.

(Eigener Drahtbertcht.)

Rom, 6. November.

Durch das ausgedeckte Mussoliniattentat ist bis- her die Ordnung in ganz Italien nicht gestört

Entscheidung im Vergleich zu den Rüstungen unserer Nachbarn kaum zweifelhaft sein. Es kann sich dabei nicht «m die Frage handeln, cd tatsächlich einige unwesentliche Ueberschrei- tungen der in Versailles ausgestellten Ist- stärke für die deutsche Heeresmacht sestzustel« len sind, sondern lediglich darum, ob die Ent­waffnung Deutschlands in einem Maße durch­geführt ist, das dem Grundgedanken der Ao- rüstungsforderungen der Alliierten in Versailles entspricht.

Die Frage der Verkürzung der Besetzungs- ftisten würde somit mit dem Inkrafttreten der Locarno-Verträge in ein Stadium treten, das je nach der Entwicklung des neuen Geistes von Locarno aus der Gegenseite eine baldige Klärung dieser Frage zuliehe. Wenn man auch nicht so optimistisch zu sein braucht, um zu glmiben, daß eine Entscheidung über die Ab­kürzung der BesetzunaSfristen sich schon im Ver­lauf etwa des nächsten halben JahreS herbeige­führt werden wird, so lassen die Bestimmungen der westlichen SchiedSvertrSge auf jeden Fall die Möglichkeit zu, daß Deutschland diese Frage nicht nur zur öffentlichen Besprechung, sondern zur schiedsgerichtlichen Enffcheidung stellt.

Wie weit sind wir?

Fortschritte für die ReichStagSmehrheit.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 6. November.

Die Initiative zu den Besprechungen für eine Mehrheitsbildung im Reichstag liegt beim Zen­

worden. Der verhaftete Zaniboni, einer der Hauptagitatoren in der Ausschlachtung der An­gelegenheit Matteotti gegen den Fazismus hat in letzter Zeit in enger Verbindung mit dem ebenfalls verhafteten General Capello, dem Organisatior der autifazistischeu Stoßttup- pen und dem Verbindungsmann zwischen den italienischen Antifaziften und in Frankreich an­sässigen Verschwörern gestanden. Von einer g t- Heimen Nachrichtenzentrale in Frank­reich werden die fremden Länder mit Nachrich ten versorgt. In Frankreich werden antisazisti- sche Stotztruppen ausgebildet, um im geeigneten Moment in Italien einzugreisen. In Ita­lien ist insgeheim eine Anleihe für die Freiheit herausgegeben worden. Verhaftet wurden u. a.: ein Journalist, der als Sekretär Zanibonis gilt, und zwei Personen in Mailand.

* * *

Glückwünsche nach der Gefahr.

Rom, 6. November. (Privattelgramm.) Sämtliche Mitglieder des diplomatischen Korps haben Mitssolini ihre Glückwünsche für seine Errettung aus drohender Gefahr dargebracht.

Rom mit Moskau im Bunde

Ein Geheimvertrag gegen die Türken?

(Eigener Drahtbericht.)

London, fi. November.

Ein in einem Newyorker Blatt veröffentlich­ter Geheimvertrag zwischen Italien und Ruß­land enthält folgende Verpflichtungen: Italien verpflichtet sich für den Fall eines russisch- türkischen Konflikts nicht zur Entsen­dung von Truppen, wohl aber zur Unterstützung Rußlands auf diplomatischem Wege. Weiter ver­spricht Italien Rutzland so gut wie freie Hand in Rumänien. daS als Gebiet bezeichnet wird, wo keine Interessengegensätze bestehen. Rußland verpflichtet sich für den Fall eines ita­lienisch-türkischen Konfliktes zur militärischen Unterstützung Italiens. Die Entwicklung der italienischen Donderintereffen in Jugoslawien werben durch diesen Vertrag nicht behindert.

*

Dichtung oder Wahrheit?

London, 6. November. (Eigener Drahtbe­richt.) Ein Blatt bemerft zu dem angeblichen Wortlaut eines GeheimverttageS zwischen Ita­lien und Rußland, eS habe ihn bisher nicht ver­öffentlicht, da er nicht amtlich in Umlauf ge­bracht wurde. Nachdem aber der Wortlaut von anderer Seite veröffentlicht worden sei, werde eS notwendig fein, daß offen erklärt werde, ob der Geheimverttag echt fei oder nicht.

trum. Es kann gesagt werden, daß die Sozial­demokraten dem Vorschläge deS Zentrums nachgekommen sind. Unter gewissen Voraus- setzungen will die L i n k S p a r t e i aus die A u f- lösnngdeSReichStagSverzichten und einer Beteiligung an der großen Koalition zu- stimmen. Bon der Bvlkspartei wirb ein An­schluß an bie Sozialdemokraten nicht prinzipiell abgelehnt. ES würbe aber immer wieder ein Kabinett ber Mitte in ben Vordergrund gestellt. Bor ber Verabschiedung der Locarno- vertrüge durch den Reichstag dürfte kaum eine Einigung über die Regierungsbildung ober die große Koalition getroffen werden. Heute findet zwischen der Deutschen Bolkspartei und ben So­zialdemokraten eine neue Besprechung statt.

Syrien ben Syriern.

Frankreich hat versagt.

(Durch Funkspruchs

Kairo, 6. November.

In einem Aufruf zur Syrienhilfe erklärt der vormalige Premierminister Zaglul Pascha, Frankreich hat als Mandatsmacht nicht, wie es behauptet, im Interesse des beherrschten Volkes, fondern im eigenen Interesse gehandelt. Die Fehler können nur durch strenge Be­strafung der Verantwortlichen gesühnt werden und durch die Anerkennung des Rechtes der Einwohner, sich nach eigenen Gesetzen zu re­gieren. Zaglul Pascha spendete hundert Pfund.

Bel den Kalmüken.

Krupp als Landwirt in der Steppe.

8. Reisebrief unseres Mitarbeiters K. Himmī

Im Kosake»dors. Ochse» statt Kosakeuvferbe. H«ae»«räber in tret Steppen» iiste. Ei» ster­bendes Boll. Söhne der weihe» Armee. Am Laad der Salzsee». Krapps Siieseagaishos. Deatsche Krnvv-Pioaiere. Im Leninheim.

ProletarSkaja, Ende September.

Früher hieß es WielikoknajeSkaja, d. h. etwa Großfürstenort. Dem bei der Einführung deS Sowjetregimes allgemein üblichen Brauche der Namensänderung von Städten, Straßen usw. mußte auch dieser von Kosaken bewohnte Ort folgen, und er wurde zuProletarSkaja" um» getauft. ProletarSkaja liegt zu beiden Seiten der Straße von Astrachan. In zirka fünf- zehnstündiger Bahnfahrt erreicht man die Sta­tion. Dann fährt man mit demJswoschtschik" (Pferdedroschkenkutscher) noch etwa eine halbe Stunde, wobei man gründlich die berühmte rus­sischeRasputitza", d. h. Wegelosigkeit, abwechselnd in Sand, Pfützen oder Schlamm versinkend, kennen lernt, bis man in dieSta- nitza", wie jedes Kosakendors heißt, gekommen ist. Das war einst eines der bedeutendsten Ge­biete der Pferdezucht, der die Kosaken aus- schließlich oblagen. Sie waren ja nicht nur selbst die besten Soldaten des Zarenheeres, son­dern lieferten der Armee auch das beste Pfer­dematerial. Von der Regierung bekamen sie große Ländereien als Viehweiden und haben dafür einen bestimmten Prozentsatz an Pferden abliefern müssen. In dem Dorf die typisch rus- fischen strohbedeckten niedrigen Häuschen und kleinen Gehöfte. Hier und da ein freundliches villenartiges Gebäude. Ein solches Haus ge­hörte ftüher dem Großpferdezüchter, Gestütsin- haber. Der Sturm der Bolschewisten-Revoluti-m hat auch sie hinweggefegt. Die Revolution mit ihren wechselvollen Kämpfen zwischen Roten, Weißen und Schwarzen mit dieser Farbe wurden die Anarchisten bezeichnet, die beson­ders auch in dieser Gegend auftraten hat auch der Pferdezucht ein Ende gemacht, und die nicht wohlhabenden GehöstSbesitzer fristen jetzt ein karges Leben, und statt prächtiger flinker

Kosakenpferde ziehen Ochsengespanne

ihr Gefährt träge dahin. Von ProletarSkaja geht eS ostwärts in eine unabsehbare Steppen­wüste hinein. Die Kalmüken herrschten hier emst. Zahlreiche Hünengräber, die sich aus der weiten Ebene emporheben, deuten dar- auf hin, daß es ein Boden ist, über den Völker in alten Zeiten dahingezogen sind. Man be- zeichnet die Kalmüken als Nachkommen der Hunnen, und neben ihren mongolischen Rasseeigentümlichkeiten haben sie manche Sitten und Gebräuche bewahrt, die den Hunnen eigen waren. U. a. ist bei ihnen der Brautraub auch heute noch allgemein üblich, daß also jeder seine künftige Frau regelrecht rauben muß. Wird er dabei ertappt, so wird et von den An­gehörigen der Braut verprügelt und muß oben­drein noch ein Bußegeld zahlen. Jetzt sind die Kalmüken ein im Aus st erben begriffenes Volk, das im ganzen noch ein paar Hundert- taufend Stammesgenossen zählt und sich in der Hauptsache von Viehzucht nährt. Oestlich von Manutzch, einem linken Nebenfluß des Don, nordwestlich des Kaspischen Meeres ist ihr Reich", jetzt als ein kleiner Sowjet-Staat im großen Reiche der U. S. S. R. mit B a s ch a n t a als Hauptort, wo der frühere Häuptling auch unter dem neuen Regime feinen Platz behauptet hat. Die Kalmüken haben also am Altherge­brachten festgehalten. Während der Revolution waren sie vielfach auf der S e i t e der Weißen und haben in diesen Zeiten stark gelitten. Un- gefähr eine Stunde mag das Pferdegespann von ProletarSkaja durch die Steppe getrappt haben. Das monotone Bild der mit dürren, in herbst­licher Reife gelblich schimmernden wilden Grä­sern bedeckten Fläche, auf der kein Baum und kein Strauch zu finden ist, wird ab und zu von kleinen Seen unterbrochen. Es sind Salz- feen, wie im übrigen alles in diesen Gebieten vorkommende Wasser und die Erde selbst salz- haltig sind. Ehemaliger Meeresboden, dessen Wasser in vorhistorischen Zeiten nach dem Kas­pischen Meere zurückgeflossen sind. An einzel- nen Stellen ragen in der Steppe ummauerte Rundungen empor. Es sind Brunnen, die aus großer Tiefe der Erde Süßwasser spenden, das die Menschen oft aus Entfernungen von vielen Kilometern sich heranholen. Dann be­ginnt mit einem Male die Steppe ihr Kleid zu wechseln. Weite Flächen sind beackert, Kulturen mit Sonnenblumen folgen, Rhizinuspflanzun- gen, aus denen wertvolles Maschinenöl gewon­nen wird, Maisfelder und Getreideboden, auf dem in gewaltigen Schobern die Ernte zusam-