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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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SQtttttHtCT 234. Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf.

Mittwoch, 7. Oktober 1925

Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf.

15. Jahrgang

Ost gegen West in Locarno.

Der faule Kern.

Chamberlains Ouvertüre in Locarno.

Das Geschehen auf der großen Bühne von Locarno, das hoffentlich nicht eine Tragödie werden wird, sondern ein Drama mit gutem Ende, ist durch eine Ouvertüre eingeleitet wor­den ,die aus den verschiedenen Instrumenten der Presse gespielt worden ist und in der die Motive der Entwicklung schon recht deutlich angeschlagen worden sind. Regiemäßig haben es England und Frankreich im Lause der jüngsten Zeit ver­standen, sich als Einberufer und einladende Mächte nach vorn zu schieben, was formal ja auch richtig ist, während sachlich der Anstoß zu den gegenwärtigen Verhandlungen natürlich von Deutschland ausgegangen ist. Chamberlain berührt in seiner Eröffnungsrede den Kern des Problems, leider aber nur Theo­rie. Dort, wo er aber praktische Wege weist, setzt er sich über seine eigenen Feststellungen mehr als kühn hinweg.

Für die Form der Verhandlungen stellt Chamberlain nochmals die völlige Gleichbe­rechtigung als richtiggehend hin. Wenn er aber betont:Hierher kommt niemand mehr mit irgendwelchen Forderungen und mit irgend welchem Zwangswillen-, so hat diese Versiche- rung doch nur rhetorischen Wert. Zwischen Frankreich und England sind bereits seit lan­gem unmitelbare Verhandlungen gepflogen wor­den, die auch zu gewissen Bindungen ge­langt sind. DerZwangswille- ist in Locarno also keineswegs in dem Maße ausgeschaltet, wie Chamberlain es darzustellen beliebt. Allerdings hat et recht, wenn er seststellt, daß in der langen Reihe der Kongresse allmählich eine gewisse Besserung der Methoden festzustellen ist. Daß die Verhandlungen selbst sounformell und privat- fein sollen, wir nur irgend möglich, ist ebenfalls zu begrüßen. Deutschland wird sich auch niemals mehrVerhandlungen- gefallen lasten, bei denen die Szene zum Tribunal wird und bei denen Deutschland aus dem Armesün- derbänkchen abgeurteilt wird. Von allergröß- tem Wert ist die in Frankreich sicherlich nicht gern gehörte, aber unstreitbare Feststellung, daß die Welt, alle Länder, auch diejenigen, die nicht im Kriege waren, an den Zuständen leiden, die seit dem Friedensschluffe in der Welt Herr« schen". Das ist das vernichtend st e Urteil über Versailles und k-ine Folgeerschei- nungen, das je von einem maßgebenden Enten­tediplomaten über daS Machwerk der Europa zerstörendenVerträge- ausgesprochen worden ist. Diese freimütige Erklärung gäbe wirklich Verhandlungsgrundlagen für Locarno. Ver- nunftsgemäß fordert diese Feststellung, daß man sich zur Herbeiführung der Sicherheit und des wirklichen Friedens in Europa nicht damit be­gnügt, technische Vereinbarungen zu treffen, sondern daß man die Dinge in ihrer ganzen Wesensbedeutung behandelt. Wenn Chamberlain mit dieser Forderung meint, daß der Geist des Haffes und der Rach- sucht, der Wille zur Zerstörung und Niederhal­tung des Gegners, in Zukunst ausgeschaltet sein soll, so wird gerade daS deutsche Volk begei­stert und ausrichtig hinter ihm stehen. Wie will man aber eine Zukunst schaffen, wenn man eine Vergangenheit, die nach Chamberlains Eingeständnis selbst fortwirkend ein Fluch für den Frieden ist, nicht umzugestalten versucht?

Alles Geschehen entwickelt sich in zwangsläu­figer Ursächlichkeit. Ohne die sogenannten Frie­densbedingungen in der von den Siegern in der Vergangenheit diktierten Form würde auch die Gegenwart anders auSsehen. Die Gegenwart ist die Brücke zu jener Zukunft ohne Haß und Rachsmht, wie sie Chamberlain erstreben will. Es zeigt sich hier sofort unwiderleglich, daß die in der Verbalnote geäußerten deutschen Vorbehalte in der Kriegsschuldfrage, in der Räu­mungsfrage usw. aufs engste mit dem Kern­problem zusammenhängen. Dadurch, daß man einfach, noch da»u in schroff verletzender Form, wie eS geschehen ist, diese Dinge beiseite schiebt, schafft man nicht Vorbedingungen für eine er­trägliche Zukunft. Die Geschwüre am Körper Eu- ropas müssen aukaeschnitten und nicht überpfla­stert und mit über den Tag hinaus unwirksamen Tränklein und Medizinen aus der Herenküche der Siergerdiplomatie behandelt werden. In diesem Zusammenhänge gehören Vergangenheit, Gegen­wart und Zukunft aus engste zusammen.

Man wird gespannt sein dürfen, welche Wir­kung diese Warnung Chamberlains vor der Ver­gangenheit aus die deutsche Delegation auSüben wird. Noch immer ist in den deutschen politi­schen Kreisen die Auslassung vorherrschend, daß die Reichsregierung nur so lange in der Krieg s schuldfra ge Stillschweigen bewahren kann, wie die Gegenseite es unter­läßt, daß Problem der namentlich von Frankreich

immer wieder gefordertenUnverletzlichkeit und Unabänderlichkeit der Friedensverträge- in den Vordergrung der Debatte zu stellen. Die deutsche Delegation dürfte also in eine sehr delikate Situation geraten, wenn aus die Einwen­dungen in der Besatzungssrage oder bei anderen grundsätzlichen Erörterung-« über die Abände­rung des Versailler Friedensvertrages von französischer Seite das Argument vorgebracht wird, die Friedensverträge dürften in keiner Weise auch nur die geringste Revision erfahren. In einem solchen Moment müßten die Deutschen unbedingt ihre Kampfstellung wie­der aufnehmen und die Erklang wiederholen, daß Deutschland nichr daran denken kann, den jetzigen Zustand als u n a b ä n d e r l i ch für alle Zeiten Muterfennen, sodaß es im Anschluß daran auch zweifellos zu neuen Auseinanderse­tzungen über dieKriegsschuldfrage kommen müßte.

Ein schlechter Tausch.

Briand spielt Osten gegen Westen aus.

(Eigener Drcktd<richt i

London, 6. Oktober.

Einem Berichterstatter zufolge würde ein Scheitern der Konferenz die letzte Hoffnung auf eine Entente beseitigen. Das sei die tn bri­tischen und kranzösischen Kreisen ausgedrückte Ansicht. Die Meldung über den russisch-deutschen Handelsvertrag scheine durchausnichteineähnliche Einwirkung erzielt zu haben, wie seinerzeit die von dem Abschlüsse des Vertrages von Rapal­lo in G r n u a. wenn auch Frankreich noch Miß­trauen hege. ES seien vorläufig keine über­raschenden Ereigni^'e in Locarno zu erwarten. Weder Stresemann noch Briand machten endgültige Versprechungen. Briand sei aber bereit, bedeutsame Zugeständnisse zu machen. Es verlaute, Briand habe Strese­mann und Luther versprochen, daß Frankreich den jetzigen Charakter der Rheinlandbesatzung abändern, der

Räumung Kölns zustimmen und schließlich sogar mit der Volksabstim­mung im Saargebiet und einer Vermin­derung der dortigen Streitkräfte sich einverstan­den erklären werde. AlS Gegenleistung werde Frankreich verlangen, daß Deutschland einen Schiedsgerichtsvertrag mit Polen ab schließe und den Danziger Korridor garantiere und daß die bestehenden Grenzen nicht mit Gewalt geändert werden dürften. Ein ähnlicher Vertrag sei mit der Tschechoslowakei abzuschließen, wahrend Frankreich auf einem Pakt zur gegenseitigen Unterstützung mit den öst­lichen europäischen Staaten beharren werde.

Klippen im Osten.

Chamberlain bindet sich nicht.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 6. Oktober.

Ein Sonderkorrespondent inLocarno erklärt, man sollte auf die Fortschritte des ersten Tages keine allzu großen Erwartungen setzen. Die deut­sche Delegation sei entschlossen, die westlichen und östlichen Verträge ge s o n d e r t zu behandeln und keiner Verbindung zwischen beiden zuzu- ftimmen. Diese Auffassung sei natürlich der der Franzosen entgegengesetzt. Das Blatt Lloyd Georges sagt, Chamberlains vorsichtige Wal­lung sei eine Genugtuung, da es für Großbri­tannien gefährlich fein würde, zu weitgehende Verpflichtungen zu übernehmen. Ein Berichter­statter erklärt zu den Ostfragen, Chamberlain be­stehe daraus, keinerlei neue Garantien bezüg­lich Polens, außer dem Artikel 16, zu geben. Man hoffe, daß eine Vereinbarung über den westlichen Pakt erreicht und ein klarer Fortschritt in Richtung auf Herstellung von östlichen Schiedsverträgen erzielt werden -vürde.

Rur nicht daran rühren.

Was man in Locarno nicht hören will. lEigene Drahtmeldung.)

Paris, 6. Oktober.

Ein Blatt schreibt, daß der Reichskanzler die gleiche Achtung sür alle Nationen in Locarno verlangt habe. Das bedeute zweifellos, daß die moralifche Belastung, die aus Deutsch­land wegen der Verantwortung sür den Krieg liege, beseitigt werden soll. Mutz man, so fragt das Blatt, darin die Entdeckung sehen, daß die deutschen Minister aufS neue die Frage der Kriegsverantwortung, die doch endgültig durch Artikel 231 des Versailler FriedenSvertrages geregelt lei. (!) auswerfen willen? Der Reichskanzler müsse wissen, daß es nicht den in Locarno versammelten Mächten

zustehe Deutschland von den Verpflichtungen zu entbinden, die sich aus irgend welchen Völker­bund-Artikeln für alle Mitglieder ergeben. Die deutsche Stellung müsse also als ziemlich schwach befunden werden. Einem anderen Blatt zufolge habe Luther in verkleideter Form gewisse Forde­rungen der Nationalisten wiederholt. Alles was die Verantwortung der deutschen Regierung von 1914 betrifft, soll vergessen sein. Wir glauben, fn lagt das Plrft. daft die olliier'en Minister in Locarno es nicht zulassen, daß sich die Diskus­sion auf dieses Gebiet verirren wird.

Ke?n Hatten mehr.

Die letzte Riszuflucht vor dem Fall.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 6. Oktober.

Aus den heutigen Funknachrichten ergibt sich, daß gegenwärtig in Marokko ein allgemeiner Vorstoß unternommen wird, um die OverationS- basiS weiter nach Norden zu verlegen und vor allem das Senhadja-Massiv, den letzten Zufluchtsort dxr in diefer Gegend kämpfenden Ristruppen zu nehmen. Die fran­zösischen Truppen sind, wie bereits gemeldet, bis Bab Risab vorgerückt und darüber hinaus vor- gestotzen. Havas meldet auS Fez, daß die Rif­leute den Vorstößen energischen Widerstand leisten, aber überall unter schwersten Ver­lusten zurückgetrieben worden seien. Die ganze Gegend sei vom Gegner gesäubert.

Den Westpalt in der Tasche.

Englands allzurofiger Optimismus.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 6. Oktober.

Die heutigen Morgenblätter heben die opti­mistische und herzliche Stimmung hervor, die auf der Konferenz herrsche. Die Nachricht von StresemannS leichter Erkrankung erregt Bedauern. Doch hofft man, daß er heute wieder an den Beratungen tcilnehmen kann. Ein Reuterkorrespondent erfährt, eineS der be­merkenswertesten Anzeichen der Konferenz fei bisher der offenbare Wunsch der Franzosen und der Deutschen, zu einer E i n i g u n g zu ge­langen. Ein anderer Korrespondent vermutet, daß die Konferenz ihre Verhandlungen über den WestpaktbereitSdieserWoche beenden könne. ES werde noch viel von dem möglichen Einfluß der Bolschewisten gegen Deutsch- landS Bölkerbundeintritt gesprochen. Aber Bef­and zeige soviel guten Willen zum Entgegen­kommen, daß dieser Gedanke nicht ernste Erwä­gung finde. ES habe

schwerlich jemals solch ein Optimismus bei Beginn einer Konferenz geherrscht. Man spreche jetzt allgemein davon, daß in Locarno nur der Westpakt unterzeichnet wer­den solle, und daß die öst li ch e n Verträge einer späteren Konferenz Vorbehalten bleiben würden.

Der Rhein in Washington.

Entmilitarisierung auf beiden Ufern.

(Durch Fuikspruch^

Washington, 6. Oktober.

In der interparlamentarischen Union erflärte Reichstagsabgeordneter Dr. Gildemeister zur Frage der entmflitarisierten Zonen: Cs be­stehe die einmütige Auflassung, daß die Bestim­mungen des Artikels 42 und folgende des Ver­sailler Vertrags keine Anerkennung als allgemeine Grundsätze verdienen, weil sie die Prinzipien der Freiwilligkeit, Gegen­seitigkeit und Gleichwertigkeit »er- letzten. Er stellte zu der Resolution einen Zu- satzantrag, worin verlangt wird, daß eine ent- militarisierte Zone gleichmäßig das Gebiet auf beiden Seiten der Grenze zu umfassen hat. Die Berechttgung zur K o n t r o l l e einer solchen Zone bestehe nur solange, als mit einer Ver­letzung zu rechnen sei. Auch gegen hie Einsetzung ständiger Kommissionen wird protestiert.

Noch schlimmer als bel uns.

Blutige Krawalle in Florenz.

(Eigene Drahtmeldung.)

Rom, 6. Ottober.

In Florenz kam es zu Zusammenstößen zwischen Faschisten und Freimaurern, bei denen es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gab. Die Behörden haben die strengsten Maßnahmen getroffen, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Ein fliehender Faschistenmörder wurde eingehott und von der Menge gelyncht.

Berg der Wahrheit.

Wie sie in Locarno einzogen.

(Von unserem Schweizer Berichn'ssatter.) Mit Bahn und Aut». Das Ri«i-naevLck der Amerikaner. Ein Nattenkönig von Probleme«. Blick aus dem Koniereuriaalfeufter. Die ft»Ix« Kleinstädter. Das Sinnbild.

Locarno, 3. Oktober.

Die Gotthardwagen spien sie zu Hunderten aus. Ein Auto nach dem anderen kam längs der Piane bei Magadino durch die überreichen Rebgehänge nach Socarnp hineingesaust und machte schon am Eingang der Stadt mit dem schlechten Autopflaster unliebsame Bekanntschaft. Briand ist mit seinem Wagen nach Locarno ge­fahren. Aber nicht er allein hat sich dieses Ver­gnügen geleistet, von Norden, Süden, Osten und Westen haben die Kraftwagen ihren Weg nach dem Lago Maggiore gefunden. Speziales Aus­sehen erregten die amerikanischen Jour­nalisten, die in Vorahnung des stillen Locar­nos sich schon tn Parisversehen hatten- und einen ganzen Harem von Boulevard­schönheiten mitgebracht. Ihre Autos waren bepackt, tote wenn es zu einem vierzehntägigen Ball ginge und nicht zu einer Konferenz..

Hutschachteln und Schrankkosser,

noch einmal Hutschachteln und noch einmal Kof­fer und darunter Schleiern und verstaubten Brillen die Preffcleute und die Begleiterinnen. Locarno staunt. Die ganze Heine feine alte Stadt ist auf den Kops gestellt. Sie ist plötz- lich mitten aus -ihrer verschlafenen Ruhe in dir Mitte des Weltgeschehens gerückt und kann sich noch nicht in ihre Rolle finden. Es toird vom menschlichen Standpunkt aus ein großer Reiz dieser Konferenz sein, den Gegensatz zwischen diesem stillen Städtchen, seinen Bewohnern und der überarbeiteten, abgehasteten, zerschlagenen und doch so müden Welt zu fein. Alle Uebel der Welt werden in diesem Seenest auggebreitet werden: Rheinpakt, Ostgrenzenschutz, der polnische Korridor, Danzig, Abrüstung, Kriegs- sackeln aus dem Osten und Sanktionen. Die ganze Qual der Welt wird in dieses stille Gemach des Gerichtssaales zusammenströmen, wo sonst ein biederer Landmann sich um eine Forderung von wenigen Franken zu wehren hatte. Man hat den Saal zwar neu gestrichen, es riecht noch nach Farbe und Kalk. Neue Vor­hänge verhängen die Fenster mit ihrer wunder­vollen Aussicht auf den Sangenfee, aus dem in nebliger Ferne die Jsola Bella austaucht und auf dem

Briand feine Nachtfahrten

machen wird. Die Aussicht aus dem alten Saal ist wie ein Märchenwunder. Hoffentlich bringt auch das, was unter dieser Saaldecke gesprochen und verabredet wird, daS Märchenwunder zu­stande, das eine zerschlagene Welt zu neuem Leben weckt. Man steht heute noch unter dem Eindruck des stillen Locarno. Wer es ge­kannt hat, bevor der erste Delegierte eintraf, der wird sich kaum mehr zurechtfinden. Und die Locarnesen finden sich auch nicht mehr zurecht. Sie stehen da mit großen staunenden Augen und lassen alles über sich hinfluten, was da auS der großen Welt in ihre kleine Stadt hinemrast. Sie sind stolz darauf, daß nun gerade Locarno fo wichtig geworden ist, und sie gönnen den Luga- nefen den Neid. Lugano ist sonst immer die bevorzugtere Stadt des Tessin gewesen. Nur wer wirklich unverfälschte südliche Sitten suchte, ging nach Locarno. Nun sehen die Suganefen neidisch um den SanDalvatore herum nach ihrer Schwesternstadt, und das freut niemand mehr als die biederen Locarnesen. Der Abend liegt über der Stadt. Die Ruhe der klassischen Land- chaft wirkt beruhigend auf die abgehetzten Leu­te, die der Gotthardzug hierher bringt. Es ist tote eine andere Welt. Edel und rein gezogen erheben sich die Linien der Berge über dem See. Und über allem thront die Zhpreffenkirche und der Monte Verita. Monte Verita ...

der Berg der Wahrheit!

Einen ganzen Berg von Wahrheit besitzt Locar- no. Er ist das Sinnbild über den engen Gäß­chen, dieser Monte Verita. Möge er für die Konferenz das Sinnbild sein und dazu leuch­ten, daß endlich die Wahrheit siegt über Lug und Trug und im friedlichen Locarno, tut Schatten der Palmen und des Wahrheitsberges ein Friedensblatt unterzeichnet toird, das dem Namen des stillen Städtchens auf Jahrhunderte hinaus in den Mittelpunkt des Friedens rückt. Das wünscht niemand mehr als die Locarnesen elbst und mit ihnen eine ganze leidende Mensch­heit. Cito Amberg.

21m roten Lisch

Einem Berliner Blatt zufolge hat Briand, der, während Dr. Luther eine kleine Bergbe-