Kasseler Neueste Nachrichten
Nr. 229.
Fünfehnter Jahrgang.
1. Beilage.
Donnerstag, 1 Oktober 1925.
Drunten im Unterland
Eine Wanderung durch das schottische Tiefland.
Edinburgh, M< schönste Stadt EurovaS- Maria Stuart nud ihr Geliebter. I (£in Seiteustück zur Berliner Siegesalle«, i Die Geburt im Gesäuguis. Abenteuerlich« Klucht. i Im «rmcumertel. I Der Halbgott der Schotte«. I Ausstieg ius Hochland.
Aus Balladen und Sagen kennen wir es. Sch o t t l a n d, den schönsten, aber am wenigsten bekannten Teil der Vereinigten Königreiche. Seine Hauptstadt E d i n b u r g h,' die Baedeker als „eine der durch Lage und Bauart schönsten Städte Europas" bezichnet, ist in ihrem alten Teil noch völlig unversehrt erhalten, wie zu der Zeit der Stuarts, Douglas, Hamiltons, der Athols, und wie die alten schottischen Geschlechter noch heißen mögen. Aus ansteigendem Hügel erstreckt es sich von dem Holyrood-Palast bis zv' dem Edinburgh- Castle. Dazwischen liegt Ca»,ongate, heute der Stadtteil der armen Leute, einst jedoch waren diese Häuser die Paläste des reichen Ad-ls Wie eine unwirkliche Kulisse, schwarz und grar bietet sich die Silhouette Alt-Edinburghs dem Besucher dar, der vom Tale aus emporblickt. Es ist eine Ansicht urgewaltig, unvergeßlich, tote sie kaum eine andere Stadt aufzuweisen hat.
Km Holyrood-Palast lebte Maria Stuart nach dem Tode ihres ersten Gemahls, und hier ging sie auch ihre zweite Ehe mit Lord Darnley ein. Beider Gemächer, die noch in ihrem damaligen Zustand erhalten sind, werden gezeigt, auch die Stelle, wo der Sänger Rizzio, der Sekretär der Königin, in ihrer Gegenwart auf Betreiben Darnleys emordet wurde. Neben dieser unheilvollen Stelle sieht man auch die Zimmer, wo die vier Marien, die Hofdamen Maria Stuarts, auch aus schottischen Geschlechtern stammend, bei ihrer Herrin gewohnt haben. Bemerkenswert ist das Schloß noch deswegen, weil dort ern Gegenstück zur Berliner Siegesallee, auch nicht geschmackvoller als diese, vorhanden ist. Die Gemäldegalerie enthält nämlich 110 Porträts der schottischen Könige. Der Kontrakt, durch den sich der Künstler Jacob de Witt zur Herstellung dieser Bilder verpflichtete, lautet: „Gacob de Witt verpflichtet sich zur Lieferung von 110 Porträts in zwei Jahren, sowie auch zur Beschaffung der dazu notwendigen Farben und Leinwand; das Gouvernemnt andererseits zahlt besagtem de Witt jährlich 120 Lstr. und macht sich verbindlich, ihm die nötigen Originale zu liefern."
Wir verlassen das Schloß Holyrood und kommen zu dem am entgegengesetzten Ende von Alt- Edinburgh liegenden Edinburgh-Castle. Dieses ist jetzt ein großer Gebäudekomplex, der Kasernen, Lazarette und andere Militärgebäude enthält. Auch hier sehen wir in einem Wachturm ein Zimmer, in dem Maria Stuart drei Monate nach jenem gewaltsamen Tode Rizzios einen Sohn, den späteren König Jacob IV., gebar. Aus dem Fenster dieses Raumes wurde das Kind, da- die Gegner Marias schon damals ir ihre Gewalt zu bekommen trachteten, wenige Tage nach seiner Geburt in einem Korbe ‘n die schwindelnde Tiefe herabgelassen, und unten am Fuße des Berges von Anhängern der Königin in Empfang genommen. Die Königin muß starke Nerven gehabt haben, daß sie nicht vor dem Gedanken erschrak, ihr Kind diese grauenhafte Luftreise machen zu lassen.
Nachdem wir nun diese beiden Schlösser gesehen haben, machen wir noch einen Gang durch den alten Stadtteil, durch Camengate. Es gehört große Ueberwindung dazu, sich heute dorthin zu wagen; denn in den engen Gassen, den sogenannten Clofles, ist ein gräßlicher Geruch, eine Mischung von Fisch und Hammelfell, der Hauptnahrung der armen Bevölkerung. Man wird aber dafür belohnt, da sich dem Beschauer ein reizvoller Blick auf winklige Gassen und Höfe bietet. Nicht zu sagen, wieviel Menschen heute in solch einem acht- bis zehnstöckigen, einstmaligen Palast hausen. Eingebettet in diese Quartiere der Edlen von einst und deS Elends von heute liegt die St. Giles-Kathedrale, in der der mutige John Knex predigte, der es wagte, dem bluttollen und sittenlosen Adel von damals, auch seiner schönen
Sie bandeln in Jf)tem und unterem Jntereffe, wenn Sie nicht nut anhand der findigen in den fia/felet Wedelten Wachrichten Jhre (Einkäufe betör gen, londern auch bei Jhren (Einkäufen erwähnen, daß Sie die betreffende Rnjeige in den äaffeier Weueften Wachrichten gele/en haben.
Königin Maria, die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern.
Der schönste Ausflug der Edinburgher gilt Äbbetsford, dem Schloß Sir Walter Scotts, das dieser Dichter sich in einer sonderbaren Mischung der verschiedensten Stile am lachenden Ufer des Tweed erbaut hat, und in dem er wahllos die kuriosesten Dinge sammelte. Walter Scott, der vorher als Jurist in Edinburgh gelebt hatte, hat uns durch seine Romane Jvanhoe, Waverley und viele Ändere mit seiner Heimat Schottland bekannt gemacht. Kaum wohl ist ein Schriftsteller so in die Seele seines Volkes eingedrungen wie er. Im höchsten Hochland kennt der einsame Wildwärter außer der Bibel seinen Walter Scott.
Nun sind wir aber lange genug im Tiefland gewesen und beeilen uns über Edinburgh hinaus ins hochgelegne Hochland zu kommen. Schroff und steil, nur am Fuße bewaldet, erheben sich die Bergriesen, ans den großen und langen Seen, den sogenannten Lochs, gigantisch und ernst. Nur selten trifft man ein liebliches Tal an. Hier liegt das Loch Kathrine, in seiner Mitte die Ellen-Insel, die im Gegensatz zu den schroffen Felsen V rer Umgebung so schön ist, wie die Frau einst war, nach der sie heißt, Ellen Douglas, die Heldin in Scotts „Lady of the lake". Diese Hochlandseen sind ereignisschwere Stätten der Geschichte. Kämpfe der Schotten untereinander u. gegen die Engländer haben hier Jahrtausende lang stattgefunden. Um Stirling, ein Hochlandstädtchen mit einem Schloß ähnlich dem Edinburgh-Castle liegen allein vierzehn Schlachtfelder. Unweit davon erstreckt sich der Lexen-See, auf dessen Insel kich ein altes Douglas-Schloß erhebt. Emst Schaeffer.
Aus alle» Welt.
Schwere Amtsvergehen.
Das Leipziger Gericht verurteilte den Postinspektor Dietze wegen Einbruchsdieb- stahls und Amtsunterschlagung zu vier Jahren Gefängnis. Dietze hatte als Vertreter des Amtsvorstehers Unterschlagungen begangen, dann, um sie zu verdecken, einen Einbruch im Postamt fingiert und etwa 15000 Mark entwendet. — Bei der Güterabfertigung D r e s - den-Altstadt wurden drei ungetreue Beamte wegen Unterschlagung von etwa 50 000 Mark verhaftet. — Vor dem Madrider Gericht steht ein Eisenbahnbeamter wegen Fälschung in 1185 Fällen und Unterschlagung von etwa 600000 Mark. Der Strafantrag lautet für jeden Fall auf neun Jahre, das macht zusammen 10 665 Jahre Gefängnis.
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Sin verwegener Raubzug.
Bei der Kaffe des Berliner Bezirksamtes T e m p e l h o f wurde bei Nacht der Tresor mittels Sauerstofsgebläses aufgebrochen und daraus 310000 Mark entwendet. Es hand-lt sich hauptsächlich um Geld, das für Gehaltszwecke für Beamte und Angestellte bestimmt war. Die Beamten des Berliner Magistrats erhalten ihr Gehalt am Monatsende im voraus für den kommenden Monat. Am Tage vor der Auszahlung der Gehälter werden die Beträge zu den Bezrrkskaffen gebracht. Die Kaffenräume von Tempelhos liegen in einem ehemaligen Schulgebäude. Der Magistrat ließ dort bei der Verlegung der Bezirkskaffe einen großen Panzerschrank aufstellen. Am Vormittag hatten die Beamten das Geld für die Gehaltszahlungen
in Höhe von 310000 Mark in der Stadthaupt- kaffe in Empfang genommen und über Nacht in dem Tresor eingeschloffen. Irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen oder Alarmanlagen befanden sich nicht in diesem Raum. Nachdem die Einbrecher die Fenster mit Tüchern verhängt hatten, um Vorübergehende nicht aus ihre Tätigkeit aufmerksam zu machen, gingen sie an die Arbeit und schnitten den Geldschrank mit einem Sauerstoffgebläse aus. In dem Schrank fanden sie das gebündelte Geld. Die Knacker raubten den gesamten Kassenbestand und sind unbemerkt mit dem Gelbe entkommen. Bei der Arbeit hatten sie Handschuhe angezogen, so daß der Erkennungsdienst keinerlei Fingerabdrücke vorgefunden har. Auf die Ergreifung der Täter sind 5000: Mark, für die Wiederherbeischaffung des gestohlenen Geldes 30000 MaA als Belohnung vom Berliner Magistrat ausgesetzt worden. Eine Spur von den Einbrechern ist noch nicht gefunden worden.
* Die älteste Ostpreußin gestorben. Die Leutnantswitwe Friederike Leu, die vor einer Woche unter Anteilnahme der Staatsregierung ihren hundertsten Geburtstag in voller geistiger und körperlicher Frische bei einem ihrer Enkel, dem Pfarrer Geusch, in Pliebischken (Ostvreu- ßens feiern konnte, ist acht Tase nach ihrem Ehrentage sanft und schmerzlos gestorben.
* Tragödien des Alltags. Ein stark angetrunkener Chauffeur belästigte in Weimar eine vor ihrer Haustür stehende Frau, verfolgte sie auch in ihre Wohnung, drang, als der Ehemann ihn hinausgeworfen hatte, nochmals ein und mißhandelte die Frau. Jetzt gab bei Mann zwei Schüsse auf den Chauffeur ab, die diesen so schwer trafen, daß er schon auf dem Trans - Port ins Krankenhaus starb. Die Frau des Getöteten ist erst vor wenigen Tagen mit ihrem neunten Kind niedergekommen.
* Vor Aufregung gestorben. Bei dem Rennen in Marseille ist der Starter, nachdem er viermal ein falsches Startzeichen gegeben hatte, infolge der Aufregung einem Herzschlag erlegen, als er das fünftemal die Fahne senfte.
* Nächtliches Autounglück. Ein schweres Autounglück ereignete sich um Mitternacht zwischen Ladenburg und Ilvesheim am Neckar. Das Auto des Verstcherunasdireklors Hans Mord aus Mannheim geriet infolge des Nebels in den Nekar. Der Sohn ist erttunken.
* Ein Habsburger als Hopfenhändler. Die Wiener Zeitungen veröffentlichen unter den Fir- menprotokollierungen, die im Handelsregister des Handelsgerichtts vollzogene Eintragung der nachstehenden Firma: Leopold Habsburg-Lothringen, Handel mit Hopfen en gros, Inhaber Leopold Habsburg-Lothringen, Kaufmann in Wien. — Leopold von Habsburg ist 1897 in Agram geboren, blieb mit seinem um zwei Jahre älteren Bruder Rainer in Oesterreich und verzichtete au1 alle Rechte und Titel.
* Das Massengrab der „S 51". Trotz schwersten Seeganges wurde durch einen Taucher die Leiche des Matrosen Gibson aus dem Batterie- raum des gesunkenen amerikanischen Unterseebootes „S 51" geborgen. Es scheint, daß die Geschützräume durchflutet sind und daß im Innern des U-Bootes sich Chlorgase entwickelt haben, so daß die Hoffnung, noch jemand am Leben zu finden, ausgegeben ist.
* Nächtlicher Unfall. Der zwischen den erz- gebirgischen Städten Wolkenstein und Olbernhau verkehrende Autobus fuhr in der Nacht
gegen einen Straßendamm, überschlug sich und stürzte die ziemlich steile Straßenboschung hinab. Im Wagen befanden sich 22 Per,orten, die alle mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Sie erlitten Schnittwunden und Quetschungen. Einer Frau wurde der Brusckorb eingedruckt.
* Brandstiftung und kein Ende. Im Westen Berlins hat sich schon wieder ein Dachstuhl- brand ereignet, der die nun schon sattiam bekannten Merkmale der Brandstiftung trug und infolgedessen auch schon sehr weil gediehen war, ehe er erstickt werden konnte. Aus der Rückfahrt ist eint der schweren Motorspritzen der Feuerwehr mit einem Straßenbahnwagen zusammen- Srallt, wobei verschiedene Feuerwehrleute r schwer verletzt wurden. Auch in dem be» nieu Bootsrcstaurant .Seeschloß" am Pichel- berg ist eine Brandstiftung durch Uebergietzen der Boote mit Benzin versucht worden.
Aus eigener Kraft.
Vom Stallburschen zum Millionär.
In Chicago ist dieser Tage einer von den ungekrönten Königen Amerikas gestorben. Seine Macht bestand, wie dies bei Königen dieses Schlages zu sein pflegt, in einem majestätischen Bankkonto, das sich auf die Kleinigkeit von so und so vielen Dollar-Millionen belief. Doch das ist nichts Besonderes mehr. Ungewöhnlich in hohem Maß war dagegen der Weg, der von den Anfängen Joe Miltons — so hieß er — bis zum fernen und hohen Gipfel seines Lebens führte.
Joe Milton war einst ein gewöhnlicher, kleiner und schmutziger Stallbursche bei einem Farmer im fernen Westen der Vereinigten Staaten. Sein Vater war ein bekannter englischer Jockei aewesen, der sich in sehr guten Verhältnissen befand, aber eines Tages am grünen Tisch all sein Hab und Gut verlor und sich daraufhin eine Kugel durch den Kopf schoß. Joe, dem die englische Heimat nun verhaßt war, ging nach Amerika und begann dort, wie gesagt, als Stallbur- sche. Auf die Dauer machte ihch das jedoch kein Vergnügen, denn er fühlte sich zu größerem berufen. Er sagte also seinem Dienstherrn die Arbeit auf und machte sich auf den Weg nach New- vork, wo er nach wockienlanger Wanderschaft — Fahrgeld hatte er keins — abgerissen und mit lächerlich wenigen Cents in der Tasche ankam. Doch er verzweifelte nicht, sondern warf sich auf den Handel mit Zeitungen und hausierte nebenbei mit Schnürsenkeln. Er muß offenbar ein sehr tüchtiger Verkäufer gewesen sein, denn er verkaufte jeden Tag seine bescheidenen Vorräte, und so ging es ihm denn verhältnismäßig gut. Auch das ist vielleicht nichts Besonderes. Aber nun kommt's. Eines Tages beschwerte sich einer seiner ständigen Abnehmer bei dem jungen Mann über die schlechte Qualität seiner Schnürsenkel. Joe Milton, der den Ehrgeiz hatte, als solider Hausierer zu gelten, was ja nicht immer ein Wilderspruch in sich selbst sein muß, war heftig gefranst, wurde aber nicht böse, sondern entschuldigte sich höflich und sagte: .Von jetzt ab werde ich nur noch die beste Qualität führen, die auf dem Markt ist!" Doch auch die „beste Qualität" erwies sich als minderwertig. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. „Wenn es keine wirklich guten Schnürsenkel gibt," sagte sich Joe Milton, „so mutz ich mir sie selbst machen!" Gesagt, getan. Nicht lange darauf präsentierte er seinen Kunden Schnürsenkel eigener Erzeugung, die aus Leder beseitigt und nahezu unverwüstlich waren, und da er Glück hatte, daß ihm ein wagemutiger Kavitalist über den Weg lies, der die praktischen Möglichkeiten des neuen Artikels erkannte, so schwang Joe Milton sich bald zum Fabrikanten großen Stiles aus. Durch geschickte Zeitungsreklame machte er seine Schnürriemen populär, und da er auf gute Preise hielt, hatte er verhältnismäßig schnell die erste Million zusammen. Die weiteren sprangen ihm dann, sozusagen von selbst in den Kasten.
Man sieht, es ist gar nicht so schwer; eine gute Idee, ein bißchen Fleiß und sehr, sehr viel Glück. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, muß es mit auch bestimmt zum Millionär bringen.
MW 30D6BIS ML
4) Roman von Hermann Weick.
... und wurde plötzlich gewahr, daß es nicht mehr die Steine waren, die seine Blicke gefeflelt hielten, sondern die Augen eines Mannes, der wenige Schritte hinter Carlotta stand. Groß, hager war seine Gestalt; das Gesicht finster; hart, scharsgeschnitten die Züge. Mit lohenden Augen sah er Eckert an, herrisch, wild, feindselig.
Der Fremde kam näher, warf im Vorüber- toretten einen kurzen Blick auf Carlotta, die bei seinem Anblick zusammenzuckte, und ging rasch weiter.
„Addis, Signore!" hörte Klaus die Italienerin sagen. Da riß er sich aus dem Bann, der ihn gefangen gehalten hatte. Und er sah, rote Carlotta dem Hageren nacheilie und dann an seiner Seite in einer Nebenstraße verschwand.
Verärgert durch diesen unfreundlichen Abschluß des Erlebnisses mit der Italienerin, auch etwas beklommen durch das Zusammentreffen mit dem fremden Mann, verließ Klaus Eckert noch am selben Tage Venedig . . .
Mit rasender Schnelligkeit war diese Erinnerung über Eckert hinweggejagt. Und plötzlich kam ihm die Erkenntnis, daß jener Mann, der wie ein Gespenst hinter Carlotta erschienen war und sie von seiner Seite getrieben hatte, und der Mann, der vor einigen Tagen wegen der Tänzerin Magda Jovany bei ihm auf de- Zeitung erschie.en war und ihn bedroht hatte - daß sie ein und dieselbe Person gewesen waren
Es konnte da gar keinen Zweifel geben Dieses kantige, brutale Antlitz, diese hagere, vorgebeugte Gestalt, diese tiefen, brennenden Augen vergaß man nicht.
Was aber suchte der Mann jetzt hier?
Was war ihm damals Carlotta gewesen?
Welcher Zusammenhang bestand zwischen ihm und Magda Jovany, die zurzeit int Win tergarten tanzte? . . .
Ein Gedanke sprang in Klaus Eckert auf. Er ergriff den Hörer des Fernsprechers.
„Fräulein, geben Sie mir, bitte, die Redaktion des Generalanzeigers!"
Er ließ sich mit dem Chefredakteur verbinden.
„Verzeihen Sie, Herr Kollege, daß ich so spät anrufe. Es interessiert mich aber aus begreif- lichen Gründen, zu hören, ob sich auf Ihre Besprechung der Tänzerin Jovany inzwischen jemand gemeldet hat."
„Leider nicht, lieber Doktor. Der ominöse Herc bat sich bisher bei uns nicht sehen lassen."
„Schade!"
„Vielleicht kommt er noch. Wir sind jedenfalls auf sein Erscheinen vorbereitet."
Als Klaus an sich heruntersah, bemerkte er erst, daß er im Mantel im Zimmer stand. Und der geplante Besuch bei Krell fiel ihm wieder ein. Nun hicß es, sich sputen, damit die Freunde nicht allzu lange auf sein Erscheinen warten mutzten.
*
„Willkommen. Klans!"
„Elfriede!"
Er küßte ihre schlanke Harr':.
„Wie sehr freue ich mich, daß Sie wieder da sind!"
Elftiede lauschte seiner Stimme wie einem lange entbehrten Klange.
«Sie sehen sehr gut aus. Elfriede!"
Lächelnd antwortete sie: „Daran ist die Wintersonne der Schweiz schuld!" Und ihr Herz ging in rascherem Söblag.
Ich bin dabeim! Wieder dabeim! durch- ftrömte es sie Nun erst fühlte sie es ganz.
„Hans wird erst nach acht Uhr kommen. Er mußte in einer dringenden Sache nochmals aufs Landgericht gehen."
„Er wird froh sein, daß Sie wieder daheim sind"
Darauf gab sie keine Antwort
Mit weiten, versonnenen Blicken saß Elfriede tbm gegenüber Die schmalen Hände hielt sie verschlungen im Schoß.
„Erzählen Sie mir von Davos!" bat Klaus. Sie wurde ernst.
„In der ersten Zeit meinte ich, ersticken zu müssen. Einige Male war ich nahe daran, ab- zureisen. Aber ich mußte bleiben. Ich war ja krank! Können Sie ermessen, wie grauenvoll das ist, wenn man auf Schritt und Tritt kranken, leidenden Menschen begegnet, denen der Tod schon seine Zeichen ins Antlitz geschrieben bat!"
Leidenschaftliches Weh durchzitterte Giftle» dens Stimme.
„Und dabei diese Sonne, diese grausame Sonne, die herniederlacht, die leuchtet und strahlt, als gebe es feine Schmerzen, keine Men- schennot! Dieser Himmel, der vom Morgen bis zum Abend leuchtet und so klar und verheißend ist — und auf der Erde, wohin man sicht, diese Not!"
Ihre Stimme wurde ruhiger.
„Der Mensch gewöhnt sich an viele-. Bald war mir der Anblick der vielen Kranken nicht mehr schreckenerregend. Ich gehörte ja selbst zu ihnen! Und allmählich ging mir auch der höhere Sinn dieses Ortes der Leidenden auf. Er ist ja auch »eine Stätte des Hoffens! Verstehen Sie, Klaus, wie ich das meine? Alle, die dort weilen, hoffen! Sie hofscn auf Linderung ihrer Schmerzen, auf Gesundung, auf ein neues Leden! Alles ist dort erfüllt von diesem zuversichtlichen Hoffen: die Straßen, die Plätze, die Hotels, bk Liegehallen, bet Walb und bie Wiesen."
Elfriede schwieg. Man hörte nur das Knistern der Flammen im Ofen.
„Da sind meine düsteren Gedanken gewichen, Klaus. Auch ich begann, zu hoffen. Auch ich sehnte mich . . nach Gesundheit . . . nach Freude . und Glück . . . Tag und Nacht . lehnte ich mich . . ."
Seltsam wurde Klaus von Elftiedens Wor- ten bewegt Er ergriff ihre Hand, die heiß in der feinen lag.
„Es ist die alte Sehnsucht, Elfriede. Der Glaube an Freude und Glück."
Eine leise Bitterkeit schwang durch ihre Stimme:
„Ja, aber es bleibt meist bei der Sehnsucht . . .'
Eine laute Stimme riß sie aus ihren Gedanken. Hans Krell trat ein. Flüchtig reichte er Elfriede die Hand. Dann zog er Klaus in ein längeres Gespräch.
Nach dem Abendessen bat Klaus Elfriede, etwas auf der Geige zu spielen.
Ein leichtes Rot trat in die Wangen bet Frau.
„Seit fünf Monaten habe ich bie Geige nicht mehr in ber Hanb gehabt. Ich Weitz nicht, ob es noch recht gehen wird."
Sie stanb int Licht ber Lampe, bas in dunkeln Strömen sie umflutete. Das zarte, fein- geschnittene Gesicht war auf bie Geige gesenkt. Geschlossenen Auges spielte Elfriede; als spiele sie einen Traum.
Andachtsvoll lauschte Klaus Eckert.
Was Elfriede Krell spielte, hatte er noch nie vernommen. Eine fremde Weise war es. Irgend etwas, das vielleicht in dieser Stunde in bet Seele bes jungen Weibes aufgesprungen war unb nun in Tönen sich verströmte . . .
Von Glauben unb Hoffen schien es zu singen
. von einem Glucksverlangen ohne Gnbe . . . ohne Ende . ..
Wie ein Hauch verwehte ber letzte Ton. Die Hand, die die Geige gehalten, sank hernieder. Wie erwachend schaute Elftiede umher.
In Klaus Eckerts Augen laS sie den Dank für ihr Spiel. Da wurde sie froh wie fett langem nicht mehr.
Kriminalkommissar Langstein erschien einige Tage danach auf der Redaktion.
„Meine Recherchen nach Murani waren M8- hcr leider ergebnislos Einige Mal- glaubte ich, eine Spur gefunden zu haben; sie erwieS sich aber als irrig. Murani ist verschwunden."
„Vielleicht ist er abgereift, weil ihm der Boden hier zu heiß wurde." (Forts, folgt);