KaM Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzettnng
Mittwoch, 12. August 1925
Das Programm der Londoner Konferenz
Einzelnummer 10 Sonntags 15 Pf. 15. JohkgaUg
Nummer 186. Einzelnummer 10 Pf. Sonntags 15 Pf.
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Londoner Kuhhandel
Der Sicherheitspatt und die öffentliche Meinung. Don
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Die aufständischen Drusen Var Damaskus.
Staatssekretär Freiherr v. Rhetnbaden.
Während man in England die Aussprache der beiden Ministerprästdenteu als eine Art „Vorerörterung- tat Gegensatz zu verantwortlichen Verhandlungen bezeichnet, hört man aus Parts, ähnlich wie in der Dorbereitungs- zett der vorjährigen ReparationSwnierenz die bekannte These, daß, bevor nicht möglichst unab- änderliche „Grundlagen der Verhandlungen" zwischen Frankreich und England festgelegt seien, Frankreich sich niemals auf dar Risiko einer Konferenz mit den Deutschen einlassen könne. Man sieht ohne weiterer, daß hier ein großer Spiel tm Gange ist, und daß feder versucht, seine letzten und entscheidenden Karten noch nicht auf den Tisch zu legen.
Die Gefahr der jetzigen Entwicklung ist, daß mehr und mehr die reine juristische Seite der Aktion in bezug auf Formulierung der Rhetnpaktes und der SchiedSverträge in den Vordergrund geschoben wird, während die bekannten deutschen politischen Forderungen inbezug auf EntwafsnungSnot«, Rheinlandräumung, Investigationen und gründ» sätzliche Ausrollung der Frage des künftigen Regime- in den Wetter besetzten Gebieten nach wie vor mit einer Handbewegung beiseite getan werden und so bisher satt völlig tm Hintergründe bleiben. Di« nächste Zukunft wird eS bald zei- C. ob die deutsch« Politik richtig handelte und
beit, Wenn sie in dem Bestreben, die Dinge »Wischen Frankreich und England möglichst rri- bungslos weiter laufen zu lassen, mit dem f ü r Deutschland Wichtigsten — in der Oessentlichtett wenigsten» — zurückhält. Die hierin liegenden Bedenken werden noch stärker, wenn man sich vor Augen hält, daß ebenso wie bet manchen früheren französischen und englischen Auseinandersetzungen die weltpolitische Lage auch diesmal wieder eine große Rolle spielt, oder mit anderen Worten: SS droht auch diesmal wieder ein großer Kuhhandel, bei dem England für die französische Unterstützung etwa in vstasten Konzessionen aus Deutschland» Kosten macht, oder bei dem die sranzösisch^nglischrn Schuldenverhandlungen in der Form eine Rolle spielen, daß das zur größeren Zahlung genötigte Frankreich nun erst recht „Erfolge- gegen Deutschland braucht!
Leider Haien wir in den letzten Wochen nicht allzuviel Zeit, un» über den weiteren Verlauf der SicherheitSverhandlungen, d. h. der nat o- nalen und politischen Zukunft Deutschlands überhaupt viele Gedanken zu machen. Der Außenminister hatte am Schlüsse seiner Reichs- tagsrede den Ausdruck von der „großen Friedensoffensive', die wir jetzt unternommen hätten, geprägt. Leider merkt man in der deutschen Oeffentlichkeit sehr wenig, mit welchen Mitteln diese Offensive weitergeführt worden ist und stellt sich hier und da auch Wohl unter „Offensive" etwas Anderes vor. In Pari? verging fett der Uebergabe der deutschen Note kein Tag, an dem nicht fast sämtliche großen Blätter in Leitartikeln sich mit der SicherheitSftage beschäftigten. London zeigte manchmal nicht ganz so viel Interesse, da die Kohlenkrise und andere innere Probleme neben dem Einsetzen der Sommerferien etwas ublrn- kend wirkten. Immerhin gibt e» auch dort gewisse Presseäußerungen, z. B. die des sogenano- ten diplomatischen Korrespondenten im „Daily Telegraph", die täglich auf beste Informationen gestützt fast die sämtliche europäische und einen Teil der Wcltmeinung über die englische maßgebende Auffassung informieren. Deutschland verzichtet — freiwillig oder unfreiwillig? — aus eine ähnliche Unterstützung seiner Außenpolitik durch die Presse. ES scheint, daß bei uns, beton- derS bei festlichen Anlässen, zwar große Reden über die wichtige Rolle der Presse gehalten werden, daß man eS aber vonseiten der Regierung bis zum heutigen Tage Immer noch nicht versteht, diese schönen Ziele auf dem für Deutschland wichtigsten Gebiete zu verwirklichen. So mußte man direkt von einem Versagen der Vorbereitung und Einstellung der öffentlichen Meinung in der Frage der Ausweisung der deutschen Optanten auS Polen sprechen und so lassen wir auch fetzt Franzosen un‘„ Engländer die ursprünglich deutschen Initiativ« entsprungenen Sicherheitsdorschläge in ihrem Sinne mehr und mehr wandeln, ohne daß das deutsche Volk erfährt, wie seine eigene Regierung zu diesen Dingen steht und war sie zur Verteidigung wicht'gster deutscher LebenSinteres- sen tut Das ist ein klarer Uebelstand. den wir beseitigen müssen — und zwar so. daß die Reme-
Ernste Lage in Syrien, — In Erwartung der HilfStruppen. — UebeMlle eines Truppentransportes in Tunis. — Panik- Stimmung. — Abd el Krims Bedingungen.
Damaskus, 11. August. (Durch Funkspruch.i i Handlungen eröffnen, wenn nicht die Unabhän- Die aufständischen Stämme sind bis achtztgjgigkeit deS Rifstaates vorher anerkannt würde. Kilometer an Damaskus herangerückt. Bedeu. tende franzöfifche Truppenverstärkungen werden im Laufe der nächsten Woche in Damaskus eintreffen. Rach der Räumung der Zitadelle von Sueida ist der Hauptteil des französifchen Heeres auf eine Linie südöstlich von Damaskus zurückgenommen worden.
Abb el Krim» Bedingung.
Er verlangt Unabhängigkeit des RiffiaateS.
(Eigene Drahtmeldung^
Paris, 11. August.
Ministerpräsident PainlevS hat rin Telegramm von Primo de Rivera erhalten, worin erklärt wird, daß ein Abgesandte Abd el Krims erllärt habe, dieser würde keine FriedenSver-
Dee Marsch auf $unl<.
Panikstimmung in der Hauptstadt.
(Eigener Drahtbericht.)
Tunis, 11. August.
Die französische Regierung hat die Häfen in Tunis unter scharfe militärische Kontrolle gestellt. Zur Niederhaltung der ernsten AufstandS- bewegung im Hinterlande von Tunis haben die französischen Garnisonen Berstärkungen aus dem Muterland erhalten. Im Kampf mit den Eingeborenen haben die Franzosen bereits eine neue schwere Schlappe erlitten. Die Aufstän- dtschen haben dreißig Kilometer vor Tunis einen französischen TruPpentranSportzu« über- faßen und fast gänzlich aufgerieben. In Tunis herrscht allgemeine Panikstimmung.
polnische Rückzugömanöver.
Deutsch-polnischer Notenwechsel über die Optantenfrage.
Berlin, 11. August. (Eigener Informationsdienst.) Zwischen Polen und Deutschland sind Noten in der Lpiantenfcoge gewechselt worden. Wie wir dazu erfahren, hat der polnische Gesandte in Berlin dem Außenminister Dr. Strese- mann gegenüber die Erklärung abgegeben, die polnische Regierung wünsche die grgenwärttg eingetretene Spannung zu beseitigen und mache daher den Vorschlag, die Optanten» frage durch eine beiderseitige Erklärung als erledigt zu betrachten. DeS weiteren wünscht die polnische Regierung die Wirtschaftsverhand- lungen mit Deutschland fortzuführen.
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Die Tluoweisunoen geben weiter.
Warschau, 11. August. (Funkspruch.) Minister Kraßki erklärte, daß der Notenwechsel keine Zurückziehung der bereits verfügten Ausweisungen zur Folge haben werde und daß er insofern die Optanten vor unbegründeten Erwartungen warnen müsse.
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Dir polnische Erklärung.
Berlin, 11. August. (Drahtbericht.) In der polnischen Erklärung zur Optantensrage wird behauptet, daß die polnischen Optanten zum bestimmten Termin Deutschland verlassen haben, während ein Teil der deutschen Optanten sich ven Bestimmungen deS Wiener Abkommens nicht gefügt und Polen bis jetzt nicht verlassen hoben. Diese deutschen Optanten seien damit Ausländer geworden, welche sich n-igrsetzlich aus hem polnischen Staatsgebiete aushalten und hiermit sämtlichen Maßnahmen unterliegen, oie nach internationalem Brauch solchen Personen gegenüber vorgesehen seien. Die polnische Regierung lehne jede Verantwortung für die Lage dieser deutschen Optanten ab, sei aber bereit, den deutschen Behörden jede Unter- bur für die SicherheitSverhandlungen noch recht- zeitig kommt!
Briand in London.
Englands Stellung zum Sicherheitspatt.
(Eigener Drahtdericht.)
London, 11. August.
Briand ist in Begleitung deS politifchen DirekwrS am Quai d'Orsay und eines Sachverständigen gestern abend hier angekommen. Die drei Herren wurden von Chamberlain un Auswärtigen Amt begrüßt. Briand wird heute früh mit Chamberlain zusammentreffen. Die gutunterrichteten „Times" schreiben, die Heber- nähme irgendeiner Verantwortlichkeit seitens Großbritanniens für den Fall von Schwierigkeiten zwischen Deutschland und den östlichen «ttiirrten Frankreich käme nicht in Frage. England wünsche auch nicht, in irgendeiner Weile in die Ausführung französischer Bertraasver- pflichtungen gegenüber P o I en und der Tschechoslowakei einzugreisen. Es liege jedoch im
stützung zu erteilen, damit deren Abreise, die in nächster Zeit erfolgen soll, in einer Form stattfinde, die Ungelegenheiten vermeide.
Deutschland klagt an.
(Eigener Drahtdericht.)
Berlin, 11. Augnst.
Die deutsche Antwortnote stellt fest, daß von den etwa 20 000 deutschen Optanten, die zum 1. August abwanderungspflichtig waren, tatsächlich ungefähr 17 000 die Grenze übersch.itten haben. Die übrigen 3000 Personen seien zum weitaus größten Teil solche, denen aus Grund besonderer Abmachungen zwischen der deutschen Gesandtschaft in Warschau und dem polnischen Ministerium deS Aeußern ein Aufschub zugebilligt worden ist. Dagegen verließen von den polnischen Optanten in Deutschland, deren Zahl zu Beginn des Jahre» noch ea. 15 000 betrug, bisher nur etwa 3500 das Reichsgebiet. Der Hauptteil der polnischen Optanten befindet sich also noch illegal im Reichsgebiet. Polen hat am 5. August dem Rest der dortigen deutschen Optanten die Aufforderung zugestellt, binnen 48 Stunden das Land zu verlassen und dadurch die deutfche Regierung zu den entfprechenden Gegenmaßnahmen gezwungen. Es liege nur in der Hand der polnifchen Regierung, der früheren deutschen Anregung auf einen beiderseitigen Verzicht der Ausweisung der Optanten noch für diejenigen Optanten stattzugeben, die am 1. November d. IS. und am 1. Jul» nächsten JahreS abzuwandern haben und damit der Wett daS beschämende Schauspiel noch zweimal sich wiederholender Massen- nusw-isungen zu ersparen. Die moralische Verantwortung für die Folgen aller otwendi- gen Zwangsmaßnahmen solle daher lediglich der polnischen Regierung zu.
Interesse Englands, daß jede Aussicht auf den Ausbruch von Feindseligkeiten in Osteuropa möglichst vermindert werde. Daher könne erwartet werden, daß die britischen Anstrengungen darauf gerichtet sein werden, die Franzosen zu veranlassen, der «ufsassung zuzustimmen, daß die vorgeschlagenen Schiedsverträge zwischen Deutschland und seinen östlichen Roch- barn einen möglichst weiten Spielraum haben.
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Belgien stehl abseits.
Pari», 11. August. (Drahtbericht.) Der beb gische Außenminister Bandervelde wird sich erst Ende deS Monat» nach London beoeben, um Ende des Monats nach London zu Chamberlain begeben. Die französische Antwort auf die belgische Rote vom 10. Juli über den politischen Standpunkt zum Sicherheitsvertrag ist gestern in Brüssel angekommen. Die Note Bandervelde Ist bekanntlich von her Presse nicht veröffenttichl worden, weil darin Bandervelde in verschiedenen Puntten sich dem deutschen Stand, punkt genähert hat. e
Der Orient erwacht.
Syrien und die Drusenausstände.
Die Ausieilnua 6er Türkei. 1 Das bcttüee Sarictt und seine Bewohner. I Kamps mit «eanvie». I Erste Besetz««» durch die Fra», rose« iw Jahre 1860/61. / Carte» im »eit- krieg. / Die französische»^ Oberbefehlshaber. Der neue B«re»a«tfta»d. Lchlavve der Franrosen.
Durch den Friedensvertrag von Sevres würde der Türkei ein großer Teil ihres Gebotes in Asien entrissen, vor allem verlor sie alle Länder mit nichttürkischer Bevölkerung. Wohl gelang eS dem Führer der Nationalisten, Mustapha Kemal Pascha, die harten Friedensbe- stimmungen in Lausanne etwas abzuschwächen, in Bezug aus die Gebietsabtretung blieb die Entente jedoch fest. England behielt daS Mandat über Mesopotamien und Paläst)na, die Franzosen hatten sich bereits in Syrien festgesetzt, für das sie von jeher großes Interesse gezeigt haben. Unter Syrien versteht man heute den Teil Vorderasiens, der sich zwischen dem Taurusgebirge im Norden bis nckch Palästina im Süden, vom Mittelländischen Meere bis zur arabischen Wüste und dem Euphrat erstreckt. Die Hauptgebirge sind der Libanon, der sich biS über dreitausend Meter erhebt und der Antilibanon, der etwa- niedriger ist. Da die inneren Hochebenen des Landes sehr wenig Niederschläge haben und die Wälder im Laufe der Jahrhunderte abgeschlagen wurden, fo ist daS Land nicht allzu fruchtbar. Der Ackerbau wird nur wenig betrieben, die meisten Bewohner nähren sich von Viehzucht u. Handel.
Die ursprünglichen Bewohner deS Landes waren A f f y r i e r, die sich aber wegen fortgesetzter Uneinigkeit untereinander nicht lange gegen die starken Anwohner behaupten konnten. Nacheinander waren die Babylonier, Perser und Mazedonier die Herren des Landes und haben aus den damals noch fruchtbaren Tälern herauSgeholt, was zu holen war. Lange Zeit war dann Syrien eine römische Provinz, später brachen die Araber ein und bekehrten den größten Teil der Einwohner zum Islam. Seit dieser Zeit haben die Religionskämpfe in dem armen Land nicht aufgehört, vor allen Dingen standen sich die D r u s e n und die Maronit - ten gegenüber, erstere sind «ine am Libanon ansässige Sekte, bereit Religionslehre vielerlei von Christentum» Islam u. persischem Magismus
entlehnt hat. Bei ihnen ist die Blutrache noch heilig. Im übrigen sind sie im Gegensatz zu den Arabern reinlich und fleißig, aber auch gewalttätig und vor allem gegen die Türken von großer Treulosigkeit. Die Maronitten dagegen sind eine christliche Sekte, die eine besondere Verfassung und auch einen eigenen Patriarchen haben. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nahmen di» Kämpfe zwischen den Drusen und Maronitten eine Grausamkeit an, wie sie bisher nie beobachtet worden war. Im Jahre 1858 wurden in der Nähe v. Damaskus
Tausende von Christen niedergemctzelt, unter ihnen auch die Besitzer einiger französischer Firmen. Daraufhin sah sich Frankreich veranlaßt, ein Expeditionskorps nach Syrien zu schicken, das etwa zwei Jahre die Häfen und die Hauptstädte des Landes besetzte. Aber in dem gebirgigen Gelände hatten die französischen Truppen nur wenig Erfolge aufzuweisen, zahlreiche Streitabteilungen wurden in den Hinterhalt gelockt und niedergemetzelt, mehr als eine Patrouille verschwand spurlos. Immerhin hatte die Besetzung des Landes ihren Eindruck aus die Bevölkerung nicht verfehlt und die Christenverfolgungen hörten aus. Im Weltkriege wurde auch in Syrien heftig gestritten. Im Dezember 1916 marschierte, unterstützt von einem starken Ge- schwader, eine englische Abteilung In da» Land ein und baute, um ihre rückwärligen Verbindungen zu sichern, die Eisenbahn von El Kantara bis nach Gaza. Zweimal kam e» bei dieser Stadt zum Kampfe, in dem die englischen Truppen von den Türken abgewiesen wurden. Erst als General Allenby mit einem neuen Expcditiotkskorps von 200 000 Mann aus dem syrischen Kriegsschauplatz erschien, neigte sich der Sieg auf die Seite der (Entente, die türkisch« Front wurde durchbrochen.
Syrien fiel in die Hände der Entente.
Äald daraus landeten die Franzosen in Syrien imd besetzten von Beirut aus die größeren Städte und die Eisenbahnen. Ihre Stärke betrug zunächst eine Division mit zahlreichen Etappentruppen, wurde jedoch später auf ein Armeekorps verstärkt. Von Anfang an waren die Franzosen in Syrien nicht aus Rosen flehet* tet. Die Truppen mußten mehrfach zu größ^ ren Expeditionen herangezogen werden, dank